Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 58 (20.7.1934)
- Date
- 1934-07-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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20 ,58 ,זא Vif. 1934 JOD ISCHE Rt’f' ־*AU Seite 9 I.., r! K.J r־״| r־'/ ך״״ •־־ V״ 1-״: w wit.. j L 1»• ־׳.& i 13; Gedanken zum Tisch'üh be״ aw 5694 Von l)r. Erich Rose 11 b I n 111 Zunächst nimmt cs einen wunder, welchen Sinn denn die frlnncruntf ווה die /wum.ili^e Zmtönm^ des Tempels und j.'f li.1npisi.uh in einer /eit der Hliite und des Aidbaus haben <011, in zitier /ed, da immer mehr Strecken Landes, die jalir- Ititiulcrh'lang wüst "'1’,!11׳b 1,1 schnellem Fi'inpo wieder (ruclit* |!jr werden. Ihc Zerstörungen des Tempels werden aber wemrer als biege eines I lindes unbesehen, somlern auf innere UrskIh’11 /uriiikgilulirt. Wir selber, so bctoiiten cs die l>ro- ״licten dauernd, schon lange vor dem wirklichen fiinlrclfon des Ereignisses. sind s c h u l d an der Zerstörung, du durch das Verhalten der Menschen die innere (irntidlagc des Staates, sein Recht auf Existenz, zerstört wurde. ״Wopeil unserer Sin den sind wir ,ms iinsereir• l.amlc verbannt worden“. Partim trat der (iroll gegen den äußeren beim), der mehr Werk/eil(׳ einer höhere״ Vorsehung betrachtet wurde, jn den Ilintcrgnmd. Die Klageliedo.״ des Tischall beaw sind pur 711 einem geringen I eil von einem Gefühl der Rache er* füllt, Hamit wurde der Stachel des Ressentiments, des passiven rhmn.ichtieen Zornes gegen den I roherer genommen und die hier friigewordeiien Em'igie״ sehöpferiseher Aufbautätigkeit;.1״nv11mlt, Demi waren wir selber schuld, so hangt auch die Wird e r g 111111 a e 111111g“ vom unserem eigenen Verhalten ab. Halter war gerade die Trauer als die immer neue Vcr• Sicherung unserer engen persönlichen Beziehung /um Lande ein Ansporn /um Wiederaufbau, wenn es nur irgend möglich war. Her Antrieb, den wir durch diese Besinnung für die innere Rückkehr (vor der Rückkehr in das Judciiland) erfahten, erklärt den freudigen Unterteil im Tisclia beaw-Nigguu, erklärt zugleich, warum der diesem Trauerlage folgende Schahbatli der Schabhath der Tröstung genannt wird. Halter braucht auch die Hrkenntiiis unserer freutigcii Situation, der Gefahr, der der I’alastina-Aufbau von innen her au'Resct/t ist. nicltt zu einer Resignation zu führen, sondern zur Ucltcrwindung der den werdenden Staat bedrohenden zerstörenden Tendenzen. Hie Agada gibt an, daß um drei Ursachen willen der erste Tempel zerstört worden ist; wegen Götzendienst, Blut* schände und Mord, durch welche Vergelten die Rechtsbasis dem Staate entzogen wurde. Symbolisch dafür ist die Agada des Betiteltes Ncwusarndaus am Grabe des schon lange vor die- Fckl/ttg vom eigenen Volke ermordeten Propheten Sccharja, der diese Blutschuld am ganzen Volk sühnen will Besonder« lehrreich erscheint aber ein Rückblick auf die Zeit des jüdischen Krieges und auf die Ursachen, die zur Zerstörung des zweiten Tempels führten. Der Krieg mit den Römern und der innere Hader brachten den Untergang. Bereits im Anfang der Mnkkabiicr/cit, als man gerade begann, um die Unabhängigkeit des jüdischen Staates zu bekämpfen, beging man eine folgenschwere Handlung, indem man, entgegen den Warnungen der Propheten, überhaupt nicht in die Weltpolitik einzugreilen, eine Gesandtschaft nach Rom schickte und um ein Bündnis hat. Die zweite Berührung mit der römischen Macht geschah int Jahre 6T v., als die um den Königsthron sirfilrmlen Makkahäcrcpigoncn Pompejus um Entscheidung anriefen, der durch diesen Akt Judäa dem römischen Reich «invcrlcihte. Durch einen inneieu Zwist also, lierheigcführt allerdings durch Antipater, jenem Sprößling eines mit (icwalt 'oit jüdischen Königen unterjochten Volkes, verlor das Volk seine Unabhängigkeit. Obwohl die Römer mich nach einer direkten Unterstellung Judäas unter die römische Verwaltung dieser Provinz eine gewisse Selbstverwaltung ließen, die vor allem darin zum Ausdruck kam, daß das Synhedrioit, die oberste Gerichtsbehörde, nach wie vor entscheidende politische Macht im Staate blieb und sogar Kriminalprozesse führen durfte, mul obwohl die Römer sogar eine gewisse Rücksicht »f die eigentümliche, allem Bilderkultus feindliche Religion der Juden nahmen, verschärften sich die Spannungen zwischen Juden und Römern immer mehr. Ls kam dauernd zu lieber* griffen seitens der römischen Armee und der IVokuratoren, die /iilet/t mit ganz besonderer Willkür und Grausamkeit ihres Amtes walteten. Der Gegensatz wurde verschärft und kompliwd durch die Auseinandersetzungen mit der griechisch^ römischen Bevölkerung in Palästina und in der Diaspora, bei dewn die römische Regierung zugunsten der nichtjiidischcn Berolkcriing entschied. Alle diese Faktoren wie auch die ''irtsch,ältliche■ Verelendung mul Ausbeutung durch die Steuer* ״camten bewirkten das Lmporkoninu’i! der radikalen Par• 'vien, die den Terror als das Kampfesmittel nach außen 111111 innen ansnhen Es entstanden auch messianisrhe Bewegim* Reu.die' - wie das Christentum — «ich ganz von dem politischen Kampfe znriiek/ogen und das Interesse am Staate verloren oder aber gerade den Kampf gegen Rom als den großen Wesviaiijscheii Kampf gegen die Verkörperung des Bosen an* 5•dien. So bildete sich aus den früheren großen Parteigruppe״ ״,Sadduzäer und Pharisäer eine neue Gruppierung bei wr Frage des Krieges gegen die Römer heraus. Die Saddu*?31’יז als dir Vertreter der Pricstcrsch;*ft mul der voruchimu 'flächten im Staate, haften unter den späteren Makkahäerköm* J1״• die ihnen geneigt waren, die Gesichtspunkte des Stna* Ifs und der Maeiitnusdelmmig betont; durch ihre soziale und Politische Stellung waren aber gerade sie nach dem, Verlust '״ staatlichen Unabhängigkeit zu Wortführern einer die ofirsehaft der Römer anerkennenden und nach Verbindung nnt "״ ״'mische״ Kultur strebenden Politik geworden._ Uie I ha* י.ז sii er, als diejenigen, die besonders die religiösen Oe- S|chlspu״kte auch in der Politik betonten und die sich vor 1"ן''» um die innere Ausgestaltung des jüdischen Staates 'fmiilitcn. verhielten stell nicht einheitlich zu dieser J rage. 1״feil dieser Partei, die dann mit den staatsbewußten »addu* '«״' die Partei der Zeloten bildete, entschied sich für •len Krieg durch die völlige, vorschnelle Identifizierung der Politischen und religiösen Fragen, indem sie den a u g c ־ יי 11י* c k liehe n Staat eng verbunden mit dem Tempel befraentei,,n und daher den Kampf für seine Unabhängigkeit als üne« heiligen, religiösen Krieg gegen die Verkörperung der Gewaltherrschaft «״sahen. Die anderen Pharisäer vertraten fine bewußte Friedenspolitik, indem gerade ihre rU|p(Jyc Grundhaltung eine gemäßigte Politik nach außen {online,!0.,״"ge nicht der Bestand der eigenen Lehre tun die Lr* uillung des Gesetzes in einer autonomen Geincnisclrm Duirrmi ''3ff״■ Sie konzentrierten sich vor allem auf die umere Ge• bsHtmg der jüdischen Gemeinschaft und identifizierten den ',1fälligen, bestehenden jüdischen Staat an dessen «ci er* ״Haltung sie gegenüber einem Teile der Essacr י1'״"**״ jr°fwlcm interessiert waren, keineswegs mit ihrem 11'״1״'ץ" jn(l sahen daher in ihm keine verwirklichte religiöse Lebens |°ח״■ So erblicken wir kurz vor dem Ende des Jüdischen Staa*?י eine Mannigfaltigkeit von Gruppierungen, bei der pon* *,sehe, religiöse und wirtschaftliche Faktoren eng verschlungen ״" einander waren. Es ist klar, je größer die Spannungen, je geladener die Atmosphäre, um so mehr wuchs die £ug «aft der radikalen Parolen, besonders bei der Jugend. ״ Besonders charakteristisch hierfür ist das Ereignis, das ®?י akuten Anlaß für den Ausbruch des Krieges bcdeutHe. ktmlich die .Unruhen in .Cäsarea, der damaligen ßojitischen «04 t militärischen . ll.umtstadt Palästinas, deren Bcvft'kerung zum gi(illeren Tril nielit jüdisch war. Die dortige Synagoge staml auf einem griechischen (irundstiick; die Juden wollten es von dem Bcsit/er kaufen, der cs aber auf keinen Fall trotz der Summen, die ihm geboten wurden, verkaufen wollte. Fr be* haute den freien Platz vor der Synagoge mit Gebäuden und Werkstätten, so daß nur ein enger I)nrchgaiig blieb. Jüdische Jugendliche wollten den Bau verhindern, doch der römische Piokurator verbot jede Selbsthilfe, Air einem Schabhath wurde nun vor der Synagoge ein Vogelopfcr von einem Niehljuden dargehr,■ ulit, mit damit provokatorisch die Juden als Aussätzige hin/iistellen in Anspielung auf die damalige judenfcindliehc Propaganda (rgl, Josepfuis, gegen Apton I, 2fr f, und III, B. Mosche. II, *|). Trotz der Bedenken der besonnenen Eie* mente begannen nun die jüngeren Elemente den Kampf, der auch bald nach Jerusalem Übergriff, zum Kampfe gegen die römische Besatzung der Stadt, die Regierung mul bald gegeit das ganze Weltreich führte, und schließlich eine ungeheure bintige Reaktion der gesamten heidnischen Welt gegen die Juden zur Folge halte (vgl. nun Ganzen Joseplms Jüd. Krieg II H.. c. 11). Agrippa II., der Führer der zu Rom aus politischen umi sozialen Gründen hiimcigemlen Gruppe, versuchte vergeblich, dem Volke die Unmöglichkeit klarzuinaelien, daß ein kleines Volk wie die Juden den Kampf gegen die römische Weltherr• Schaft aiifiieiunen könnten. Da cs sieh ja immer nur um die Vergehen ein/eluer Römer handelt, nicht aber um eine Schuld der Kaiser oder Roms, dürfte der Kampf auch nicht gegen das Reich als solches geführt werden. Vielmehr müsse man die Abhängigkeit geduldig ertragen, ela ja fast alle, auch die früher stolzesten Völker der Erde, heute von den Römern abhängig sind. ״Wo ist denn das Heer, wo sind die Waffen, die euch dieses Selbstvertrauen einflößen?... Bedenkt ihr denn nicht, was es heißt: das römische Reich? Habt ihr keinen Maßstab für eure eigene Schwäche? ... Seid ihr denn reicher als die Gallier, tapferer als die Germanen, klüger als die Griechen und zahlreicher als alle Völker des Erdkreises?.,. Wo wollt ihr also, da auf der Erde alles römisch ist, eure Bundesgenossen zum Kri ege gegen die Römer heruclimcn?“ So wäre nur die Mög* lichkcit, auf Gottes Hilfe zu vertrauen, der — und das ist nun bezeichnend für die Argumente dieser Gruppe -- auch auf seiten der Römer steht, denn ohne Gott wäre es unmög- , lieh gewesen, ein solches Reich auf/.iirichtcn. Außerdem werden nicht nur die Juden Palästinas von der Gefahr getroffen, da ״cs doch kein Volk auf Erden gibt, unter dem nicht eine Anzahl eurer Stammesgenossen lebte“. Er bat daher zum Schluß, den Tempel, die Heiligtümer und die Hauptstadt zu sehonen mul nicht gegen die Römer die Waffen zu ergreifen. Die Macht der Ereignisse war stärker als dieser Versuch, den Kampf aufzuli,־Uten. Als Vertreter der Pharisäer betrachten wir R. Jocbanan ben Sakkai, der als Schüler llillels das Erbe der Vergangenbeit übern,׳dun und indem es ihm gelang, ein neues Zentrum aufzuriehlen, das die Katastrophe der Hauptstadt überdauerte, zum Vater der kommenden Generation wurde. Als Schiller llillels übernahm er natürlich die Friedensliebe seines Lehrers und die gemäßigte Politik gegenüber den Nichtjmlcn. Obwohl Ahha-Sikara das Haupt der ״Barjonim“, der Terro- risten in Jerusalem, war, war er ein Gegner der Kriegspolitik. Nach dem Fall Galiläas wütete in Jerusalem ein heftiger Bürgerkrieg, die Gemäßigten wurden von den radikalen ״Sikariern“ (nach den kleinen Dolchen, siene, die sie .führten, genannt) terrorisiert und iiire Führer meuchlings .oder durch ein Rc\oiutionstrilnmal ' e r m o rd c t. Sie ermordeten auch die gemäßigten Hohepriester, Ananus und Josua, die 711m Flieden mit den Römern rieten, da den Juden sonst Untergang drohen würde. ״Mit dem Tode des Anamis bereits nahm der Untergang der Stadt seinen Anfang, und von dem Tage an, da die Juden ihren Hohepriester, den Mann, der ihnen den Weg zur Rettung ge* wiesen, mitten in der Stadt hinschlachten sahen, war schon ihre Mauer zerstört, ihre Sache verloren.“ (Joseplms IV, 5.) Die zweijährige Frist, die ihnen durch die Ermordung Neros und den darauf einset/enden römischen Bürgerkrieg gegeben wurde, wurde von ihnen nur zum blutigsten Bürgerkrieg benutzt, indem nach Unterwerfung der Gemäßigten die ein* ’/einen radikalen Parteien wie die Anhänger Jocbanan v. Gischalas, Simon bar Clioras und die Edomiteit einander zer* fleischten. Noch im Frühjahr 70, als Titus mit einem riesigen Heere Jerusalem belagert, tobt blutigster Bürgerkrieg in der Stadt, Frst als er zu stürmen an fängt, und als von drei Stellen 11er ein furchtbares Krachen in der Stadt ertönt, die Bewohner vor Schrecken aufschreicii, und auch der Empörer sich eine gewaltige Augst bemächtigt, da, von gemeinsamer Gefahr bedroht, dachten sie au gemeinsame Verteidigung. (V. B., c. (>.) Aehniich erzählt auch der Talmud, wie drei reiche Leute die Stadt mit Vorräten für 21 Jahre versorgtem Die Weisen baten nun die Barjonim, Frieden zu machen, woraut die Barjonim die Vorratshäuser verbrannten uiui die Stadt durch I hmgersnot bezwungen wurde. Auch R. Jocbanan h. Sakkai forderte seine Mitbürger, als die Römer noch einmal Friedeiisvorsdibige machten, auf, diese anzimchmcu, da der römische Kaiser ja nur Bogen und Pfeil als Zeichen der Unterwerfung fordere. Sic lehnten es ab in ihrem Siegesrausch, da sic die lokalen Kräfte der Römer besiegt batten und mm in ihrer Verblendung glaubten, auch den Kampf mit der Weltmacht anfuelimeu zu können. R. Jocliatian erkannte die Unmöglichkeit eines günstigen Ausgangs, er sah zugleich die Zerstörung der inneren Ord* nung umi Gemeinschaft und beschloß, in tiefer Sorge um den weiteren Bestand des Judentums, rechtzeitig ein neues Altasver Ich bin der Dunkle, der Vermahle, Dem nie ein Du aus liebem Munde ward. Ich hin der Einsame, der Weitgereiste, Ich bin der Suchende auf düstrer Fahrt. Und immer wieder blicken mich die Iläuser Und Mensckcntnigcn wie ein Fremdes an: : Dann werden meine stolzen Worte leis■'■ Und meine stillen Freuden abgetan. Dann kann es sein, daß ich die Stadl durchquere, Mein Glück zu suchen auf den lauten Straßen Und wenn ich auch das Klagen mir verwehre: . Ihr müßt mich doch ein wenig weinen lassen Denn immer bin ich noch der Unbrzognc, Den nie ein Zuruf meint, ein leiser Pfiff. Und Scham im Antlitz geh ich die verbogt!. Verlassno Fährte zu dem düslern Riff. ־־' ' j Rmeathal CRm-Chatiak <״**» r 4; ,! j יי t ** ||Wm,d Zentrum für Volk und Dcsefz zu erri Ittcn. Da die Sikaricr, die die Stadt beherrschten, keinem das Entweichen aus der Stadt gestatteten, griff Rabbi Jo.ii,111:111׳ zu einer List. I r ließ sich in einem Sarge von seinen Schülern liiumistragen, und, ru (len Römern gekommen, bat er um Ucberlassung der kleinen Stadt Jahne, um dort eine Schule zu gründen. Den Zeloten bedeutete der Staat alles, sie sahen in ihm etwas f!eiliges Und mit dem Judentum untrennbar Verbundenes. Daher waren sie bereit, den Kampf mit den Römern a11f/1111ehmeu. Mit realpolitisrhcn Argumenten war ihnen nicht bei/״kommen. War ihre Sache aussichtslos, so waren sie in iluer Ver/wcif* hing nicht weniger bereit, zu kämpfen und dabei unter* zügelte״. Denn ohne de״ Staat war das Judentum fnr sie sinnlos, sic waren daher bereit, alle«, d. h. die Zukunft des Judentum« und des Volkes, auf das Snicl 7.11 setzen. Rabbi Jocbanan ben Sakkai und tiic Pharisäer, die er vertrat, waren im Gegensatz tiazn, als sic das Judentum als Ganzes gefährdet sahen, bereit, auf den Staat zu verzichten und die nationale Gemeinschaft von einem Punkte au«, wo sie mit der Weltmacht nicht mehr /״«ainmeiizustoßen brauchten, neu aufzubaucii. Sie sahen in dem Staate und selbst im Tempel nicht einen jüdischen Wert, den cs um jeden Preis, selbst bei Gefährdung des ganzen Volkes, zu erhalten gelte. Nicht daß Rabbi Jocbanan nun überhaupt auf die nationalen Formen der Gcmciuseliaft verzichtet und eine Schule gründet, vielmehr hat das Zentrum in Jahne ein durchaus nationales Gepräge, das Synhetlrion tritt wieder zu* s,mimen und hat nach wie vor weitgehende Befugnisse. Die Gesetze, die Rabbi Joehanan nach der Tempel Zerstörung erläßt (z. B. Rösch hasehana, Perek I), haben durchaus den Charakter, die Gemeinschaft als Nation neu zu ordnen und die gcmciuscbaftsbindcndcn Werte der Vergangenheit möglichst zu erhalten. Durch diesen recht/eisigen Verzieht auf eine nicht mehr zu verwirklichende Politik, aut die äußeren Formen des Staates, ist es ihm gelungen, daß das Jahr 70 nicht zu einer Katastrophe für das Volk geworden ist und daß man den Uchergang in die neue Situation verhältnismäßig schnell gefunden hat. Die Zeloten und die Reste der Sadduzäer dagegen sind mit der Zerstörung des Staates und des Tempels untergegangen, weil für sic das Judentum dadurch sinnlos geworden war. Audi für Rabbi Joehanan war die Erhaltung Jerusalems nicht gleichgültig; solange er eine Möglichkeit für einen günstigen Ausgang sali, unabhängig davon, wie er selber von Anfang an den Krieg bewertete, blieb er in der Stadt. Erst als jede Aussicht geschwunden war, trennt« er sieh von den andern. Als er die Nacliricht von der Zer- Störung Jerusalems erhielt, zerrissen er und seine Schulet die Kleider und weinten und klagten. Er war im Gegensatz zu Joseplms genau so tief wie die Zeloten von dem Sturz dci Hauptstadt erschüttert, er vermochte ihn aber zu überleben und darum u n s das Judentum zu erhalten, weil er andere Werte als den Staat kannte und nötigenfalls auf ihn verzichten konnte. Seine Schüler, die den Schlag nicht überwinden konnten, tröstete er damit, daß die Vergeltung von l.ichcstatcn denselben Wert wie die früher dargebrachten Opfer hätte. Durch die Zerrissenheit der Gemeinschaft und durch die Bc/iclmngslosigkeit der Menschen zueinander hatte der Staat seinen Sinn verloren*). (Vgl. die Geschichte von Kam/a und Bar kam/a: ״Wegen des grundlosen Hasses ist der zweite Tempel zerstört worden“.) Nun kam cs aber darauf an, durch die Wiederherstellung echter mcnscli* .lieber Beziehungen, durch den Aufbau einer das Gesetz mit innerer Liebe verw irkli liendcu Gemeinschaft die Grundlage fiir einen Staat zu errichten, der jeden Tag wieder erstehen konnte. Rabbi Joehanan wandte sich gegen einen falschen Messianismus, gegen eine falsche Idcnti* fi/icrung von Politik und Religion, nach der die bestehenden nationalen Formen einen Heiligkcitscharakter an sich hätten. Aber der Gedanke des Wiederaufbaues Jerusalems, der war für ihn keine blasse Theorie, gerade und allein durch sein von unten anhebendes Werk, mit der bisher nicht verwirk* lichten Forderung, nun auch ohne den Staat Ernst zu machen, meinte er, den Weg von Jahne nach Jerusalem wiederzu* finden. I - Das Problem der hrbräischen Jugend ״ Erzieher Im Tcl-Awiwer ״Haare/" veröffentlicht Jcchcskiel Kaufmann, Schriftsteller und Lehrer an der Haifaer Realschule, einen erwähnenswerten Aufsatz über die hebräische Jugend- ' Erziehung. Er stellt die großen Schwierigkeiten dar, welche die neue hebräische Schule in Palästina, die hier an kein Vorbild anknüpfen könne, zu überwinden hat, wenn sic ihren Zöglingen das hebräische Sehrifituiii nälicrhringen wolle, Dieses Schrifttum ist seinem Wesen nach fast ganz religiös, die heutige Jugend aber, zum großen Teil in imreligiösen Häusern aiifwachsciid, entferne sicli immer mehr von der religiösen Vorstcllungswelt. Dazu komme, daß die neueste, hebräische Literatur, die in Osteuropa um die Jahrhundert•' wende geschallen wurde, der palästinensischen Jugend ebenfalls fremd ist, weil ihr das Milieu des osteuropäischen jiidischeu Städtchens unbekannt ist. Auch hat das gesprochene Hebräisch Palästinas sieh von dem geschriebenen Hebräisch der vergangenen Generation entfernt und die Jugend Paiästinas greift schon aus diesen sprachlichen Gründen lieber nach den Uebersct/ungen, die in den letzten Jahren in Palästina geschaffen worden sind, während ihr das originale hebräische Buch ״schrecklich langweilig“ vorkommt. Das Bestreben der Lehrer, ihren Schülern den Talmud oder die Poesie des Mittelalters, die zum großen Teil wiederum religiös ist, näher/11bringen, ist zum Scheitern verurteilt. Der Unterricht in der modernen hebräischen I iferatur ,aber verwandelt sieh, da die Kinder die Quellen nicht lesen wollen, zu einem Auswendiglernen von Namen und Daten. Kaufmann schlägt - Bialiks Anregungen folgend — eine Aeiiderimg des Lehrplans in der Weise vor, daß in den unteren Klassen dem judaistischen Unterricht eine größere Stundenzahl auf Kosten des allgemeinen Unterrichts eiligeräumt werde, damit die Kinder besser vorbereitet in die oberen Klassen aufsteigen. Neben der Bibel müsse die Agada 11 eine zentrale Stellung im Unterricht einnelimen und den Kindem die Kenntnis der Kultur des Judentums vermitteln tmd den Weg zum Verständnis der talmmlischen Literatur crleichtern. Was aber die Halachah anlangt, so schlägt Kaufmann vor, nach dein Beispiel des Bialikscheii ״Buches der Agadalt“ ein ״Ruch der Halachah“ zu schaffen, das ausgewählte Abschnitte aus der hafachUeheit Literatur mit einer Einleitung und kulturhistorischen Würdigung der Halachah enthalten würde. *) Es wird daher erzählt (Josua 3<)b), daß er bereits 40 Jahre vor der Zerstörung, als die Tore des Tempels von selber aufsprangen, den Untergang des Tempels prophezeit hat und aus demselben Grunde R. Zadok 40 Jahre fastete —• bis zum Untergang, um das Unheil abzuwenden. Auch nachi her sahen sie in der Schuld des Volkes, nicht in der Stärk«* des Eroberer», da» Motiv Süc die Katastrophe* JMechiltiu jittofl u,, v ■r 1 * י n * \ *' - O ■« 11 *»