Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 56 (13.7.1934)
- Date
- 1934-07-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr, 36, 13. JULI 1934 LITERATUR - BLATT ״Kommt Krieg In Europa?״ Das neue Bucli von H. R. Knickerbocker Das neueste Buch des bekam,(״, amerikanische״ Jour- ״,listen (Imst Rowohlt-Verlag) stellt die /״!träte Franc die p״/ Europa bewert: Kommt Krieg? Knickerbocker interviewt König1', j *ktatoren, Generalstäbler, Anliemninister, Offiziere umi PoUtiKcr tu alloit r ekest latrop;*s -- mit wissendem Blick leg« ״ alle Spanmmgsmomente, alle nur ״״,glichen Explosionshcri'e des Kontinents bloß, enthüllt die 'Brüchigkeit und ZciÜH'dinjztncit der mcii kreu/enden liiindntsrid/c: das inlernationale diplomatische Spiel 10JI. Fs wurde im letzten Jahr kaum ein Buch von solcher Instinktivität mul solchem — oftmals erstaunlichen - ■ Freimut geschrieben. ״Im Dan/iger I lauptbalmhof״, schreibt der Verfasser über cm W erk von l l.O. Wells ״Letzter Kriegs/ykbn 1040-1950“, ״findet (!er £10f>e en^Üseiie׳ Seher einen unglückseligen pol- ״isch-jiidischen Geschäftsreisenden, der, von einem Oraiigenkern in seinem falschen OcbilS geplagt, den Kopf /uni lenster hinausstreckt, einem Dan/iger SA-Mann eine Grimasse schneidet und damit eine Prügelei veranlagt, die mit »km europäischen Krieg und dom Zusammenbruch der Zivilisation endet.“ Die Dan/iger Frage ist nach Knickerbocker inzwischen durch die Dan/ig-polnisclieii und deutsch-polnischen Abkoinmen beruhigt worden; eine zehnjährige Beruhigung hat auch der Streit um den polnischen Korridor erfahren. Latent, doch bereit, heim kleinsten Funken zu einem Wettbrand auszubrechen,sind die rumänisch-russischen, tlic fr.ui/ösisch-italicnisehen, die italienisch-jugoslawischen, die jugoslawisch-bulgarisehen Differenzen, drohend in den Vordergrund getreten ist die Saarfrage und ״der kranke Mann Furopas“; Oesterreich, das von Italien, _ Frankreich, der Tschechoslowakei, van Ungarn, Jugoslawien und Deutschland gleichermaßen interessiert beobachtet wird. An dieser Stelle widmet Knickerbocker ein Wort den österreichischen Juden. ״Der Religion nach werden in Oesterreich 220 IKK) Juden gezahlt, der Abstammung nach gibt es wahrscheinlich 400000. |)ic meisten von ihnen leben in Wien. Sic werden heute, gequält von Pogroinalimingen. Ihre einzige Hoffnung ist, daß das nationalsozialistische Oesterreich so etwas sein könnte wie das nationalsozialistische Danzig.,.. Die Wiener Juden hoffen das, aber, sie glauben cs nicht.“ In Rumänien ist das Schicksal der Juden mit der außenpolitischen Entwicklung verknüpft — die ״Eiserne Garde" Codreanus, die schärfsten antisemitischen Tendenzen huldigt, will sich aus dem französischen Schlepptau befreien. Uchcrall aber trifft die Drohung des Krieges die Juden als leidende Masse, die mit dem Geschick der Völker, in deren Mitte sic lebt, auf Verderb und Gedeih verbunden ist. Herbert Fried cnthal. Sclbsthüfj und Sicherheit Valcriu Marcu: ״Die Vertreibung der Juden aus Spanien“, Qucrido Verlag, Amsterdam. Das kleine enge Lehen vieler sogenannter moderner Juden hatte es mit sich gebracht, daß sie ahgewandt waren von den grollen Schicksalen und Erschütterungen ihres Valkcs. Sic lebten behaglich in einer Zeit, die ihnen freundlich war, und da ihnen auch die Religion eines Tages zur obenhin befolgten Formel erstarrte, wehte kein Schauerlüftchen van Schicksal, Gott und Ewigkeit in ihre bürgerlichen, mit allem bequemen Komfort ausgestatteten Zimmer. Darum fuhr der Blitzschlag, der sie in Deutschland im vorigen Jahr traf, auch so tief hinunter bis in die Wurzel ihres Seins. Und wahrend Völker bei Niederlagen oft einen Trost finden in der Gemeinsamkeit des Unglücks, erlitt der deutsche Jude meist das Los, das ihn traf, als höchst individuell. Die Widerstandskraft aus eigener Stärke war gering. Wer gelernt hat, aus dem, was geschah, und wer nicht gelernt hat, ist bekannt. Für die, die zu der letzten Gruppe gehöre», ist jetzt ein historisches Buch erschienen, das an einem größeren Beispiel zeigt, wohin es führt, wenn man die Zeichen nicht verstehen will. Wenn man sich von der Schicksalsgcmeinschaft seines Volkes trennt oder gar zum Selbsthaß kommt. Vale rin Marcu, der einmal über Scharnhorst gcschrieben hat, beschäftigt sich heute mit der ״Vcrtrei• ס u 11 g der Juden aus S p a n i c u“. Man liest und liesl atemlos und erschrickt von Seite 1ח Seile tiefer vor jener offenbar unentrinnbaren Wiedernolung im Leben des jüdischen Volkes. Wesentlicher aber sk die Ausbreitung des geschichtlichen Panoramas das das Spanien der Maureu-Kriege und Torquemadas zeigt, ist die Darstellung, wie siebenhundert Jahre jüdischen bürgerlichen Machtstrebens und Machthcsit/es verbunden mit einer den gesamten weltlichen und kirchlichen Adel durchdringenden Vermischung nicht davor geschützt haben, von einem Tag *Um anderen vor der Tatsache des Nichts zu stellen. Die Angriffe gegen die Juden damals, - - die im übrigen Wit der Forderung der Limpe/za, des reinen Blutes, und ״er Beschuldigung ökonomischer Schlüsselstellungen Fardcrungen und Beschuldigungen von heute ähneln, — verlaufen, uurcli die eiitwicklungsgeschichtfiehe Brille gesehen, wellen- 10rinig: sje!»■andcit auf, ebben ab, und zwischen Höhe- Punkt und Tiefstand liegen zwei jener Acußcrungen ji'ulischer Lebensform, die in ihrem assimilatorischen Charakter Vfm schauerlicher Verständnislosigkeit zeugen. Dazu gehört ״ln an sich höchst menschliches Nichtbegreifenköniien der ‘ öndscliaft, ein Nichfglanbcinvollcn der Gefahr, ein Vcr- 5Hellen, durch Paktieren mit einem an sich höchst ehrlichen und offenen Gegner das eigene Fell zu retten. Letzteres uihrt ein paar Schritte weiter zum S e I bs t h a II, der schlechte Ausnahinccrschcinungcn eines Volkskörpcrs mit dem Ganzen ,tlentifiziert, tun sieh selber dadurch außerhalb des Volkes zu stellen: Erscheinungen, wie wir sie in manchen Literaten m ,■Bhrhnmlertaiifangs hatten und wie sic damals in jenen •״schüfen sich manifestierten, die, selber getaufte Juden, zu den furchtbarsten Befürwortern judengegricrischcr Ak*;Ionen wurden. Wenn inan bedenkt, daß sogar der Grals« •nquisifor Tonpicmada einen jüdischen Oheim hat, ermißt •nan die phantastisch tragische Spannweite des damaligen J'eschehens. Man ermißt sie, wenn man von Erzbischöfen wst, die a״f die Friedhöfe schleichen des Nachts, um die Dcbeine ihrer Vorfahren heimlich auszugraben, .ermißt sic ju der spanischen Pfcffcrkorn-Figur, jenes Rabbi, der den ״״unlmordprozcß Garcia erst richtig in Schwung brachte. Marcu ist ein sehr kühler Geschichtsschreiber, tr verschweigt nichts und setzt auch nichts hinzu. Er schreibt mit *wem sehr bezähmten Herzen. Und gerade desha b er- "wekt er jene unbegreifliche Spannung für das. Schicksal *w« ganzen Volkes, das viele hundert Jahre zwischen der Freude des Wohlstands und der Drohung des Massakers *״t und eigentlich nichts mehr von sich und seinem bum ,w Ende weiß; das bettelarm plötzlich im Staub der Land- ‘,zäße steht, den Ozean vor sich, die geschlossenen Tare **'ז Städte iiinter sich, da» von aller Welt, nur nicht von Ml .«1 Zu Sclialom Äsch's: 0er Trost des Volkes Das deutsche Judentum hatte in den vergangenen Jahrzclmien j״ sein־״ übergroße״ Mehrheit eine sehr merkwürdige Ik'/H'hiing zu d1״ Juden Osteuropas, obwohl die Tatsache der engen Naehharkeit und der verhältnismäßig weitgehenden gesellschaftlichen und geistigen Gleichheit dieser beiden Gruppen des jüdischen Volkes, die noch bis in das 19. Jahrhundert hinein bestand, ein genügender Anlaß gewesen wären, um 1m Bereiche des Geistigen einen starken Konnex herbeizuluhren, Dies war aber bis zum Kriege mir in sehr geriiigem Umfange der .Fall. Der deutsche Jude kannte den Ostjuden in erster Linie als einen Zu- oder Durchwandcrcr, und sehr große Teile des deutschen Judentums wollten in ihm ment viel mehr als ein Objekt der Wohltätigkeit er- Mit ״', . s änderte sich zum ersten Male in größerem Maßslabe im Kriege, als zahlreiche deutsche Juden infolge der Kriegsereignisse Gelegenheit hatten, das Ostjiulentum aus eigener Anschauung kennenziileriicn, mul unter dem Limlruck dieses Erlebnisses eine positivere Bezrihimg gewannen,. Nur so kann wohl auch die Wirksamkeit des Kreises um Fritz. M o r d e c 11 a i Kaufmann erklärt werden, der das geistige Band zwischen Ostjudentum und deutschem Judentum fester zu knüpfen suchte. Ls wäre verständlich, wenn die deutschen Juden heute all das, was an literarischen Schilderungen über das Lehen des jüdischen Ostens zu!ms gelangt, mit besonderem Interesse aufnelniicii. Diese. Literatur, sei sie 111m hebräisch oder jiddisch, hat auch uns viel zu sagen, und in manchem, was von Menschen und Zuständen dort handelt, können wir zuweilen uns seihst oder unsere Vorfahren wiedererkennen. 111 diesem Sinne sind auch die epischen und dramatischen Werke Schalotn A s e h ’ s zu werten. Er hat das ostjüdische ״S t ä d t c 1“ in klassischer Weise geschildert und zahlreiche Figuren van einprägsamer Wirkung in seinen Erzählungen geschaffen. Es ist zu begrüßen, wenn Schalotn Asch zu diesem seinem eigentlichsten Gebiet heute zurückkehrt. Ocwiti sind seine Ausflüge in die jüdische Geschichte und in die Welt der Großstädte, die er mit seinen Erzählungen und Romanen in den vergangenen Jahren unternommen hat, nicht ohne Früchte für den Leser geblieben. Aber etwas Vollgültiges hat er doch stets in erster Linie dort zu sagen gehabt, wo das scheinbar so enge und in Wirklichkeit doch so vielfaltige Lehen des jüdischen Städtchens vor Augen geführt wird, das Asch aus seinen Kindertagen kennt, und das heute in seinen letzten Resten einen nur noch schwachen Lebenskampf führt. Diese Welt ist es, die sein letzter großer Roman, der jetzt in deutscher Uebersetzung von Siegfried Schmitz, vorliegt, schildert. ״D er Trost des Volkes“ (Bibliothek zeitgenössischcr Werke, Zürich 1034) scheint dem Dichter selbst besonders ans Herz, gewachsen zu sein. Wie könnte er sonst als Nachwort zu seinem Buche sagen: ״Der Verfasser dankt dem Herrn der Welf, daß LR ihn für würdig befunden hat, dieses Buch zu Ende zu bringen, in dem das Leben des ,Psalmenjudeii‘ beschrieben wird - Gott zur Lhrc, den bedrückten Mciiscliciiher/cn zum Tröste ...“ Dieser für einen Schriftsteller, dessen freigeistige Neiguttgen anderwärts zutage traten, vielleicht etwas paradox klingender Nachsatz, deutet so recht den Geist des Buches an, das ein gläubiges Buch im tiefsten Sinne des Wortes ist. Die Annen und Ungelehrten sind die Helden der Er« ziihlung; nicht allein Jcchiel, der ״Psnlntcnjmle", dem das Schicksal den Weg des I ernciis von höherem Wissen vei sperrt hat — nein, all die kleinen Leute im Städtchen und unter den Landjuden sind die eigentlichen Träger des Lebens in diesem. Buche. So entsteht in epischer Breite und mit 1111• zäbligrti Episoden ausgesehrnm kt ein I lohcslied auf ein Leben der Armut und Opferbereitschaft, das diese Menschen geführt haben, und wir erkennen zugleich, daß dieses Ostjudentum seine Kraft nicht allein aus den geistig hochstehenden Ein• Zeinen und denen, die als Führer des Volkes galten, gezogen fiat, sondern aus der 1111 g e b r o c h c 11 c 11 Vitalität der einfachen Menschen, die allerdings in einem tiefen Glauben wurzelte. So entsteht in diesem Roman, der so spannend geschrieben ist, wie nur irgendein Buch des Tages, und der den Leser so gefangen hält, als wurden die Probleme u 11 ■ scrcr Generation behandelt, ein buntes Bild vom Leben des östlichen Judentums im ersten Drittel und etwa bis zur Mitte des 19, Jahrhunderts, getragen von einer Unzahl von haudelnden Personen, die aus allen Schichten und von allen Richtungen des Judentums hergeholt sind und doch alle zusamincngchaltcn werden durch das Schicksal des Psalmen- Juden Jcchiel, der im Grunde wohl nichts anderes als den cinfarhcn J 11 <1 c 11 s c h I c e!11 h i n, den Mann aus dem Volke, ja das Volk seihst verkörpern soll. Daneben tritt die tiichtjüdisehe Umwelt in das Blickfeld ein, fremd und feindlieh, und sehr oft in Konflikte mit dem jüdischen Leben verwickelt, die teils harmlos ausgehen, teils auch einen tragischen Charakter an sieh tragen. Wir wollen nicht den Inhalt dieses reichen Buches schildem um! nicht die Personen und die Probleme, die behandelt werden, im einzelnen charakterisieren. Sehr vieles wird wohl historisches Material sein, vieles legendär hin/ugefügt; das Ganze aber ist glaubhaft im Sinne echter Epik umi geht datier dem Leser zwingend ein. Die Uebertragung ins Deutsche gibt das jiddische Original plastisch wieder. ״Der Trost des Volkes“ schildert eine Welt, die mehr oder weniger tintergogaiigen ist, wenn mau das Leben rein äußerlich betrachtet. Es gibt niemanden, der glaubt, daß das Rad der Geschichte zuruckgcdrcht werden kann, weder int Osten noch sonstwo. Trotzdem; in seiner jüdischen Be* dcutung und in seiner m e n s c 111 i e 11 e 11 Tiefe kann diese noch nicht fern zurückliegende Vergangenheit auch für uns ein Trost sein, wenn wir nämlich bedenken, daß die Lebenskraft jener Menschen auch in 1111s uachschwiiigt, und daß ein Judentum der Zukunft, sei es in Palästina oder in den Ländern der Diaspora, sich aus diesen Kraftquellen nähren kann. u. oe. den Stürmen, den Seuchen und Korsaren verlassen ist, und — das dennoch leben bleibt. Für manchen mag diese Tatsache des jüdischen Lehens• gesetzes schon einen Trost bedeuten. Und kein Zweifel: es ist erhaben wie das jüdische“ Schicksal überhaupt. Aber man braucht ein Schicksal nicht an/unchnten wie ein Vcr• urtciltcr das Urteil. Das Schicksal der Völker liegt in ihrer eigenen Hand. Das jüdische Volk hat .es lange versäumt, cs sich selbst zu formen. Heute ist cs keine öde Küste mehr, der die Juden zufahren, sondern ein besonntes Land, das auf sic wartet. Das erste Land seit — nun eben seit ״damals" — das auf Juden wartet. Manfred Georg. Die Schicksalsidee im Judentum In den ״Veröffentlichungen des orientalische» Seminars der Universität Tübingen“, Iicraiisgegcbcn von E. Litt• mann und J. W. (lauer, ist als 6. Heft (Verlag Kohlhammer, Stuttgart, 1933) eine Dissertation von Josef Wochen mark über das Thema ״Die Schicksalsidcc im Judentum‘‘ erschienen. Die Arbeit ist aus einer Seminargcineiiisehaft von Prof, Hauer entstanden. Der Verfasser setzt sieh als Aufgabe, ״Gedanken und Gestalten, die mit der Schicksalsidcc verwandt sind, im religiösen Schrifttum des Judentums atifzuweisen und zu zeigen, wie diese Gedanken und Gestalten dem ethischen Monotheismus des Judentums ein- :nid untergeordnet sind“. Als Schicksal definiert der Verfasser ״die Idee einer irrationalen Notwendigkeit, welche dem Seliieksalsglaubeu imma- ״ent ist“ — eine Definition, die nichts erklärt, sondern die Sache nur umschreibt. Der Autor verfolgt dann den Scliicksalsgedanken im jüdische״ Gottesglmiben durch Bibel mul Talmud. Ein größeres Kapitel ist dem ״bösen Trieb“ gewidmet. Ferner wird der Vor s c 11 u ״ gs g I a u b c hei den jüdischen Rcligiousphilosophcii in Verbindung mit dem Projileiii der Willensfreiheit betrachtet. In einem anderen Kapitel befaßt sich der Autor mit den Sc hicksalsgcst alten im |udeiitiiiii, mul zwar mit den astralen Schicksalsmäehten in Bibel, Talmud und Midrasch und bei den mittelalterliehen Philosophen sowie mit der Gestalt des Satan und dem Trauiiiorakcl. b!1 letzten Kapitel wird die U e b c r w i n d 1111 g der Schicksalsidcc im Judentum durch die Lehren von der göttlichen Gnade behandelt. In der Schlußbctrachtung meint der Verfasser, ״daß der theoretische Gegensatz zwischen Gottesglaube und Schicksalsglaube in der Praxis des religiösen Erlebens uhd Gcstaltens sich auflicbt, ״und daß sowohl die eine Vorstclhmgswclt wie die andere im Imleniuni lebendig waren“. ׳Die Arbeit ist wertvoll als eine gründliche Zusammenfassung aller wesentlichen auf die Schicksalsidcc Bezug italicndcn Stellen und als eine übersichtliche Darstellung über das, was in all den Jahrhunderten jüdischer Geschichte über diese Dinge gedacht worden ist. Das Ergebnis der Arbeit kann aber keineswegs überraschen, sondern cs bestätigt nur die allgemeine Erfahrung, daß es in keinem Volke und in keiner Religion durch alle Jahrhunderte hindurch eine einheitliche Weltauffassnng gibt, sondern daß die verschiedensten Tendenzen in jeder Epoche miteinander im Kampf liegen. Dieser historische Gesichtspunkt ist bei der vorliegenden Schrift leider nicht genügend berücksichtigt worden. א• Der Verlag Eschkol A.-G״ Berlln-Charlottenburg 2, Bismarckstr. 106, teilt mit: Der Band X (Kimchit bis Lyra) der ״Encyclopaedia Judaica“ ist erschienen und gelangt in den nächsten Tagen zum Versand an die Subskribenten. Um die Weltenangst Renö Fülöp•Miller: ״Führer, Schwärmer und Rebellen" (Urucktnann-Verlag, München) ״Wo Hisloric aus Visionen entstanden ist, wo Träume gestaltend auf das Leben der menschlichen Gesellschaft eingewirkt haben“, faßt Reue Fülöp-Millcr seine Geschichte von den ״großen Wunsch(!■,äiimcu der Menschheit“ zu einem Gebäude zusammen, das barock ist und sprunghaft wie die Träume seihst. Calvins ״Gotfcsstaat“ stellt neben der ״Vcrfassnngsfabrik“ des Jcrciny Beiifham, Hegels ״Fclsennielodie“ erklingt neben den hysterischen Schreien des ״weiblichen Christus“ Anna Lee. Langsam und schwerfällig nur folgen den Gesichtem Einzelner die realen Vorgänge des Lebens. Eigentlich ist es immer mir ein Traum, in verschiedensten Erscheinungen nhgewamlelt, der Urtrmim der Menschheit, allen Völkern gemein mul in geänderter Gestalt immer wicderkelircnd: der W c 11 e 11 a n g s 11 r a u 111. Die Angst ״vor der überwältigenden Größe des Weltenraumes und vor der grenzenlosen Einsamkeit des Menschen in ihm“, diese Urangst ist nach Fulöp-Millcr Motor allen geschichtlichen Werdens. Ans dieser Urangst flohen tlic Mensehen zur Dämoneiiaustreihuiig und zur französischen Revolution, 711m Messiasglauhen und zum Sozialismus — sie er* saunen Religionen und ökonomische Systeme, den Buddhisnms umi den Freihandel — immer im Kampf gegen das Schicksal, um eine Sicherung vor den geheimnisvollen, unberechenbaren Mächten der Natur zu schaffen, eine neue Ordnung, immer mit dem Blick auf das tausendjährige Reich, das einmal eine neue Gesellschaftsordnung, das andere Mal ein jenseitiger Gottesstaat war. Als ״Urquell höchster Angst“ sieht der Autor auch den Oott des Alten Testaments, aber er scheint ihn eher mit einer alten babylonischen Mythe zu verwechseln. Er, der um eines Gerechten willen hundert Ungerechten verzieh, ״gießt seine sinnlose Wut über die Menschen, scharenweise rottet er sie aus, er schlägt sie mit Hunger, Mißwachs, Krankheit und Krieg, quält und martert sie“. Der Traktat über das Judentum erfährt dadurch keine Vertiefung, daß lediglich ״Angst die Propheten aufstehen und zur Buße• rufen lallt“. Da aber Verbote und Vorschriften, Riten und Zeremonielle die Urangst nicht bannen, flüchtet sich die Menschheit aus der Erfahrungswelt in den ״Wuiischtraimi von der großen Glückseligkeit“. Der Prophet Jesaias malt ein Zeitalter der Gerechtigkeit, Arnos eins des Ucbcrfliisu's. -- Jahrhunderte• lang beherrschend für die jüdisch-christlichen I Icilscrwartungcn wurde der Prophet Daniel mit der Ankündigung der ״vier Reiche, so auf Erden kommen werden“; nach denen Oott im füniten Weltreich seine Herrschaft antreien soll. Zum erstenmal wurde hier das große, zur Vervollkommnung emporleitende Stufengesetz in gewaltige mythische Symbole gckleidet. Die Propheten überbieten sich in Schilderung der ״Messiaswehen" — Dürre, Drangsal, Unfruchtbarkeit und Verzwldhing —, die dem Erlösungszcitalter voraiisgchcn sollen. ״Und wenn die moderne Forschung auch nacligcwiesen hat, daß im Judentum der Mcssiasgedanke erst verhältnismäßig spät zum Durchbruch gelaugt ist, wenn sogar darauf liingcwnscn wurde, daß der, Ausdruck משיח kein ursprünglich hebrfisches, sondern ein spät aus Assyrien erborgtes Wort sei‘, so übersieht der Autor, daß die Frage des Primates in erster Linie von Interesse für Archäologen ist. Es gibt in der Oeschichte kein Beispiel, daß die Mcssiassehnsucht .imstande war, ein Volk in zweitausend jähriger Verbannung zu erhalten. Nach den Prophezeiungen von Jesaias und Echcziel ist «in Sproß de• Königshelden David dazu ausersehen, die Oröße