Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 54 (6.7.1934)
- Date
- 1934-07-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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י (|#" 1 j JOPISCOT RUNDSCHAU VON JÜDISCHER MUSIK Na, 54. §. JUU 1934 Die Synagogenmusik des 19. Jahrhunderts Von Dr. Jakob Schön borg. Die Syiiagogeniiiusik des ld. Jahrhunderts zerfallt stfijstisch und ווז u s i k;i s t )1 c t i s c 11 in zwei I lauptbcstand* teile. Zwei Weltanschauungen und seelische Erlebnisse, die verschieden empfunden sind, sind die konträren Komponenten eines musikalischen Ausdrucks, der künstlich zu einer Einheit verschmolzen wird. Einerseits sind es aus naivem, gottgläubiean Empfinden liervorgegangene Ausdrueksformen, die selbst dann nicht an grundsätzlicher Eigenart einbiillcn, wenn spätere rinfliissc neuartiger Klanglorineu die selbständige Norm ihres (iriimlchnraktcrs teilweise zerstörten. Dabei ist es vollständig gleichgültig, welche Gefühle den Austoll zur Erfindung musi• Mischer Ausdrucksformen gegeben haben, ob sic einem schmerzvollen oder freudigen (ieftihl ihren Ursprung verdauken; in beiden Iallen hat sieh ein eiulicitliclier (irnndzug erii.iltm. Der (ihrige feil der Synagogengesängc, zu dein das 111 odern komponierte Repertoire der Svnagogenmttsik des neun- Klinten Jahrhumlerts gehört, zeigt uns die bekannte Linie und Struktur einer von Aufkliiningsgcist erfüllten Melodiejiiliruug; rationalistische Musik, die jede natürlich entwickelte, volkstümlich erfaßte Aiisdrticksform von vornherein tötet; Vcrnunltsmelodik und Schematisierung vier musikalischen Empfimlung nach bestimmten, theoretisch bereits fcstgestellten oder noch fest/iistcllemlen Normen, Die (iegensüt/.e dieser beiden Musik- oder besser gesagt Weltanschauungen können in fine!' einheitlichen Ausdruck erstrebenden Kunstrichtung niemals vollständig überwunden werden. Die Versuche, die das anstreben, werden zu keinem Ergebnis führen, wenn sic die zw et grundsätzlichen Gegensätze nicht zu beseitigen vermögen. Das ist also der wichtige Punkt, von dein jede weitere 1 ״iwicklmigsinüglielikeit neuerer Synagogcniiiusik abhängig ist. Versuche, die eine Aufpfropfung moderner Aufklärtmgsmclrxlik auf traditionelle Klange erstreben, werden dieses Ziel nie erreichen können. Die Einführung des mehrstimmigen Chors, die Verwendung von Orgel- und sonstiger Instrumcntaibegleitun{׳ ist nierbei durchaus unwesentlich. I:ine wichtige, besonders auffallende Erscheinung der traditimullcn Gesänge ist ihr einstimmiger Charakter, der, cm Hanpl/ug reiner Volksmusik, dem naiven und gottgläubigen Wesen der Cilicltojuden entspricht. Die Einführung der Mehrstimm« g k c i t, die sich aus einem höher cinzuschiitzenden Kiinsfstreben erklären lallt, wirkt innerhalb der traditioncllcn Melodik befremdend, in der modernen Ucbcrarbcitung manchmal geradezu schlecht. Ferner liegt es dem naiven musikalischen Empfinden, dem die traditionellen Gesänge ihre Eigenart verdanken, fern, glanz- und reizvolle Melodien hervnmibringen, in «lenen religiös crfaflte Kantilenen neben dramatisch oder lyrisch bewegten Tougebilden nach musikalischcm Ausdruck ringen. Dem Vorsänger ist cs vielmehr darum?11 tun, in den Gesängen g I c i c 11 in ä B i g e n S t i 1111111111 g s ■ Charakter zu wahren und mit einer sinnvollen Deklamation den Sinn- und Stinnnungsgehalt der Gebete zu fördern; also wieder ein Moment, das ans einer naiveren und vielleicht primitiveren Einstellung des Vorsängers gegenüber der Erfindung von Mcloilicbildungcri zu erklären wäre. Die moderne Komposition der Synagogeimnisik ist ihrem Wesen nach geradezu das Gegenteil; sie erstrebt für die Begleitung der Gebete keine simplen musikalischen Ausdrucksformen, sondern vor allem äulkrliche Formen! grandios gesteigerte Mehrstimmigkeit,; prunk- und effektvolle Erfindung der Komposition, Erweiterung J des Gesangsapparates durch instrumentales Beiwerk usvv. Ein! Versuch, der eine einheitliche Zusaimnenspännung und Vor- '• j Schmelzung dieser beiden konträren Ausdrucksformen erstrebt, | scheint uns aus diesen Gründen ein erfolgloses Unternehmen ן zu sein. Zu welchen trivialen Ergebnissen derartige Bestrebtm* : gen der modernen Synagogenkomponisten führen können,; zeigen die leichtfertig erfaßten Konventionalitäten der Synagogemnusik des 10. Jahrhinidcrts, die über jede kontrastierende Grundsätzlichkeit hinweg eine ״Modernisierung der traditionellen Gesänge“ erstreben. Eitlem derartigen Torso verfehlter Versuche zur Bildung rincr modern einheitlichen Synagogemnusik gegenüber muß־ die Frage gesfrll’ werden, ob von einer weiteren Entwicklung' 1 des Synagogeng-saitges überhaupt noch die Rede sein kamt, oh noch Möglichkeiten vorhanden sind, diese mit Erfolg an- } *!!streben. Für die Beantwortung dieser Frage läßt sich eine : durchaus positive l.nsung finden. Die Hauptforderung, die da-; tmt unlöslich verbunden ist, ist die Schaffung eines j "',Ileus, (las die regen und schöpferisch fätigen Geister : *löüiunicnfuhrt und sie zur gegenseitigen Ergänzung bringt. I Die Existenz dieses Milieus ist die Voraussetzung für eine ■ ",011״ne, ästhetisch berechtigte Entwicklung der Synagogen- ' m1ls|k. Die praktischen Voraussetzungen zur Schaffung eines solchen Milieus sind allerdings äußerlicher Art, aber sic sind ״icht allein ausschlaggehend. Die Voraussetzung ist vor allem auch die Zusammenfassung der geistig Schaffenden. Derartige Bestrebungen moderner jüdischer Musiker tan- : den wir zuerst in Rußland. Führer dieser Bewegung; die Bruder Krein, Gncssin, Wcyrik. (A. Krcin, moderne Stilisierung synagogaler Melodien; ״Kaddisch", Kantate-Requiem inr Chor und Orchester). Neuerdings zeigen sich besonders in ״ankreich, jetzt auch in Deutschland, positive Anzeichen zur Neugestaltung der Synagogcnnuisik. r ויי־וד־ז u Kleine Musiknadhrichien Joseph Schmidt hafte mit mehreren Konzerten Jerusalem. Tcl-Awiw und Haifa sowie in den Kolonien ouen Erfole. Ihm und seinem ausgezeichneten Begleiter I n. ויי TI ך■■״) ן *■יי^ ך-"! fe 1*J lu *8 Von Margarete Moses Das Nachstehende sind einige Bruehslüchc aus dem überaus anregenden Vortrag, den Frau Moses bet einem sehr gelungenen Konzert, das Von der Fraucnarbeitsgemeinschafl für Palästina veranstaltet u>ar, ge• Indien hat. Frau Moses zeigte sich hei diesem Konzert auch als ausführende Künstlerin. Sic und ihr Partner Josef Schwarz hielten die Hörerschaft in Dann,4 sin musizierten mR echter Beseeltheit und in vollendeter musikalischer Beherrschung der von ihnen vorge/rngrnen Werke, so daß der Abend, der noch durch den schönen und ergreifenden Gesang oou Haftel Kaufmann ergänzt wurde, für alle Teilnehmer eine Quelle reinen künstlerischen Genusses tvurdc. Der Vortrag eon Frau Moses, die auch zahlreiche (von ans hier tveggt■lassene) Beispiele anführte und verschiedene jüdische Musihergestaiten charakterisierte, ist hemrrlienstverl inshesontlere durch die unerschrochcno Behandlung des geistigen Gruudproblems. Wir haben so häufig das Postulat einer Pflege der modernen jüdischen Musik durch unsere jüdischen Kulturargani• sat tonen auf gestellt, daß «Dir nicht befürchten müssen, mißverstanden zu werden, wenn wir diese Aus* führungen veröffentlichen. Red, in großen Erfolg. Ihm und seinem ausgezeichneten Begleiter Michael Taube zu Ehren veranstaltete Frau Leo ״t״mantt im Palestine Conservatoire einen Empfang. Fs Kt durchaus verständlich, daß Menschen, die sich auf ihre Eigenart besinnen, manchmal die Grenzen übersehen, und Gebiete, die nicht 111 c 11 r i n nationale Grenzen e i 11 z u s p a 11 n c n sind, einbezielion in ihre Wünsche, Die Juden, die wissen, daß sie auf allen Gebieten des geistigen Lebens Wesentliches geleistet haben, erwarten mit naiver Selbstverständlichkeit, daß dies auch auf dem Gebiet der Musik so sein müsse. Da scheint cs notwendig, «laß die jüdischen Musiker und die musikalischen Zionisten sich einmal gemeinsam überlegen, warum liier die Dinge anders liegen. Die Musik nimmt im Lehen der Künste eine Ausnahme- Stellung ein. Schon Schopenhauer hat das erkannt, indem er sagte, ״die Musik stellt nicht wie die anderen Künste das Abbild einer Idee, sondern die Idee selbst dar“. Die Musik unterstellt einzig und allein ihren eigenen immanenten Gcsetzen, die strenger und geformter herrschen als in anderen Künsten. Diese Gesetze haben sich von einem Volk auf das andere iihcrtragcu, waren, bei stets wachsender Fülle immer nur der Jenseitigkeit der Musik Untertan. Kunst ist geformter Ausdruck geistig-seelischer Kräfte. Musik ist tönender, gefornttcr Ausdruck seelischer Bewegungen. Nachdruck auf das Wort ״Form“. Wenn ein Volk seine Form gefunden hat, so kann es diese Form auch in der Kunst zum Ausdruck bringen. Folgt daraus mm, daß «lies gleichzeitig auf allen Gebieten der Kunst möglich sein kann, daß cs auf allen Gebieten gleichzeitig geschehen kann? Aus dem Studium der Musikgeschichte geht leicht hervor, daß die großen Ideen der Kulturcntwicklung in der Musik immer zuletzt, oft viel später als bei den bildenden Künsten und in der Dichtung, zum Ausdruck gelangen. Dies hat seinen tiefsten Grund itn Wesen der Musik selber, da sie ja Kundgebung des Unaussprechlichen jeder Idee darstellt. Wir sehen immer wieder, daß die Aussprache über die Probleme und Ideen eines Volkes in seiner Musik erst nach völliger Abgeklärtheit oder Klarstellung dieser Idee erfolgt. Wenn wir nun die Situation betrachten, in der das Judentum sich befindet, so könnten wir weder erwarten noch wünschen, daß die scliw’cren Oeburtswchcn, die die Neugehurt unseres Volkes mit sich bringt, und die sich ringsum auswirken, einen Spiegel in der,Kunst fänden. Es kann uns somit nicht wumleriicliinen, daß wir abendländischen Juden noch keine eigene große I ii d i s c h c M u s i k haben. Dem immer wieder aiiftrctciKlcn Verlangen, nur jüdische Musik zur Aufführung zu bringen, muß einmal eine klare Antwort gegeben werden. Und da muß auch gesagt werden, «laß es den Musikern sowie auch dem musikerfiilltcn Mensehen durchaus widerstrebt, an die Musik mit anderen Maßstaben als den der Musik heranzutreten. Er setzt sich instink• tiv zur Wehr dagegen, daß man die vielleicht national gefärbten Uranfänge der Musik als ihr Wesentliches betrachtet. Die Musik ist und bleibt die überirdischste, weltumspannende Kunst, und man mißversteht sie in ihrem eigentlichsten Wesen, wenn man ihr partikularistischc Maßstäbe aufzwingen will. Gewiß, es weht über dem Heimatboden jahrhundertealte Voikskultur, der Hauch volkstümlicher Eigenart. Wird ein Künstler Rufer tuid Künder seines Volksgcistes, so wird er es dadurch, daß er das unbewußt und gestaltlos in ihm Ruhende durch seine Gestaltungskraft ordnet und formt. Der Künstler gestaltet ■wohl das national gebundene Motiv, aber er gestaltet es aus dein übernationalen Geist der Musik. So entsteht das übernationale Kunstwerk, das aber iii seinen Ursprüngen nationale Eigenart verraten kann. * Jn Tel-Awiw fand unter Leitung des Dirigenten Jacob- °°nn ein Orrliesterkonzert statt. Das Konzert war Men• ״.c| ss 011 n ■ fia r 111 01 d y gewidmet. Als erfolgreiche Pia- ״st'״ betätigte sieh Frau Burstein-Arbcr, während icnaselie Rabinovitz zu Beginn einige temperamentvolle ,, j Worte sprach. Das Orchester bewährte sich u"d das Bctii-Am war überfüllt. F)e.r jugoslawisch-jüdische Chor ״Lira“ (Leitung: BeluS Ut1g!ü) gab einige ausgezeichnete Konzerte mit synagoga* Cn u"d Volksliedern in sehr aparten Bearbeitungen. * ״ Die Sowjctregierung hat dem Komponisten Alexander und dem Direktor des Jüdischen Staatstheaters Moskau, L e i v P a 1 v e r, die höchsten Verdienstorden ver• Kowalski, 5 Lieder op. 14, Texte von Hermann Hesse; 6 Lieder op. IS, Texte von Ktahund (Zimmermann, Leipzig). .. während manches an der Grenze des geschulten Dilettan- ף!ך» liegt, gelingt doch ein 86 ergreifendes Lied wie rj* ״e kleine Schwester“ (op. 15 Nr. 3). Noch mehr Selbst- KdüK, Anwendung cks reinen Kunstverstandes wäre nötig. Der alte Israelit, ebenso der im Orient lebende Jude von heute sah und sicht die 1 lauptkunst in der Knappheit der Form, ihm kommt es darauf an, mit Wenigem viel zu sagen. Man sagt, er verabscheue .Variationen, Durchführung, Ausdchmmg. Vielleicht ist dieser Zug auf die geistige Richtung des Judentums zur konzentrischen Einheit in seiner Weltanschauung überhaupt zuriickzuführeii. (Bildende Kunst religiös bedingt?) Wenn wir uns das überlegen, so ist cs fraglieh, ob wir — falls wir einmal wieder ein geeintes Volk sein werden — eine Form finden können, die mit unserer europäischen Musikerfahrung, unserem europäischen Musikcrlcbnis noch etwas zu tun hat. Unsere europäischen Formen, Sonate, Symphonie usw. sind Formen der Vielgestaltigkeit. Viele gegensätzliche Themen liegen ihnen zugrunde und der Höhepunkt ihrer Gestaltung, die sogenannte ״DurchfiilmtiiR“, bringt einen Kampf dieser gegensätzlichen Motive und Themen zum Anstrag. In diesem Kampf spiegelt sich der Kampt der Seele, ich nenne nur Beethoven, 111 dessen Symphonien alles enthalten ist, was au weltanschaulichen Kämpfen, an seelischen Dramen erdacht werden kann. Wenn anerkannt werden muß, daß wir Juden Ursprung orientalischen Blutes sind, so müssen wir auch zugeben, daß die Formen europäischer Kultur auch unverlierbar in uns leben werden. Es bestände also von dieser Wandlung aus die Möglichkeit einer ganz neuartigen Gestaltung! Von liier aus gerade könnte eine große, neue Synthese möglich werden! Bloch ist vielleicht ein Anfang davon. Er verbindet Erlebnis und Ausblick. Aber wenn wir in die Uranfänge einer Volksmusik lüinmierstcißcii, so könne« wir mit gutem Gewissen sagen, daß die Grundlagen einer jüdischen Volkskunst bereits vorhanden sind, im Volkstanz. — unserer Horrah — und in einer Fiille von Volksliedern. Die ״Horrah“ begleitet durch Klatschen, und verschiedene Niggumin (Melodien) den Tanz unserer Chaluzim. Immer neue Melodien entstehen dazu — in Palästina. Und das verbürgt die normale Entwicklung. Aus unserem Lande müssen die Melodien kämmen, aus dem Leben drüben müssen sie aufsteigen. — Ein palästinensisches Hirtcnlicd, kürzlich zum ersten Male aufgcfiinrt (mit prachtvoller Begleitung eines Streichtrios) — vermittelte wirklich palästinensische Stimmung, Luft, Landschaft, Einsamkeit der Wüste wurden spürbar. Wer dieses Lied mit den seltsamen, versonnenen Rhythmen gehört hat, konnte plötzlich begreifen, welche Kraft der Sammlung die Einsamkeit der Wüste zu geben vermag, m Am stärksten ist das Volkslied in den ostjüdischen Ländem entwickelt. Diese Lieder, obwohl stark von slawischen Motiven durchsetzt, sind treuester Ausdruck des ostjüdischen Volkslebens geworden. Sic stellen den ersten Anfang einer neuen jüdischen Volksmusik dar. Das Problem ist, ob diese einfachen Volkslieder, diese aus der augenblicklichen häufig religiösen Stimmung hcraiisgcborcncn Lieder, eine kunstvolle Begleitung nach westlichem Muster vertragen. Die orientalische Musik ist so sehr eine horizontale, daß «lie akkordlichc Unterstützung ihr oft wesensfremd ist — andererseits ist sie so stark Meditation, Gespräch mit Gott, Ekstase, daß sie sich schlecht auf die feste Form einer rhythmischen Begleitung riufangcn läßt, wenn sie nicht ihr Eigentliches verlieren soll. Es ist ein eigentümliches Gebot schon im Anfang beim Vortragen der orientalischen Weisen, daß sic (nach Idelsolin) möglichst nicht in steife Formen cüigc/wängt, sondern frei, Herzens;indncht vor dem himmlischen Vater sein soll. (״Und derjenige, der sein Gebet nach starren Formein hersagt, kann kein Erbarmen erwecken‘1. Dieser Spruch aus dem ersten Jahrhundert wird im Talmud (Berahot 2S)J folgendermaßen erklärt: Was heißt ״starr“? Wenn der Betende >n seinem Gebete nichts erneuern kann. Daraufhin Raschi: ״Ein Mensch, der seinem Gebet kein eigenes Wort hüuufügcn kann, sondern sein Gebet starr, heute wie gestern und so auch morgen, hersagt“. — Dieser Ausspruch wirkte auch aut den Gesang, auf den improvisatorischen Vortrag der Weisen nach momentaner Gcmütsstiinmung. Infolgedessen haben die jüdischen Singwciscn ihre Lebenskraft und Geschmeidigkeit erhalten. Dies ist aber auch ein Hauptmerk• mal des orientalischen Gesanges im allgemeinen.“) * Wir waren also am Anfang einer eigenen jüdischen Volksmusik. Wir haben die uralten Kuitwciscn, wir haben den Tanz nach eigen orientalischem und geklatschtem Rhythmus, wir haben ostjiidischc und palästinensische Volkslieder. Und — ein erstes jüdisches Oratorium! Das ist nicht wenig. j Was von uns jetzt verlangt werden kann, ist — nicht chic große jüdische musikalische Schöpfung — nein — es ist etwas ganz, anderes: cs ist ein Besinnen auf die eigene Situation — und — daraus resultiert: demütige Geduld des echten langsamen Reifenlassens, denn mit Bewußtheit und Willen ist auf diesem Gebiet nichts zu erreichen oder 11ur Verzerrtes. Wenn die Aussprache über die Ideen und die Probleme eines Volkes in seiner Musik — zu allen Zeiten erst nach wirklicher Abklärung dieser Probleme erfolgen konnte, so muß uns die Antwort auf die Frage nach einer jüdischen Musik klar sein. Man weiB, der Motor zu aller Kunst, aber in besonderem und höchstem Ausmaß zur Musik sind zwei große Motore des Lebens: liehe und Religiosität. Wenn wir weiterhin erkennen, daß die Religiosität, diese ureigentliehe große Begabung oder Aufgabe des jüdischen Volkes (und Ist nicht jede Begabung zugleich Aufgabe?) in dieser* unserer Zeit, — wir hoffen es — nicht sichtbar, aber doch unterirdisch rauscht, so wissen wir, daß wir zu warten haben. Inzwischen sollen wir die Tore offcnhaltcn, sollen dankbar die großen Schöpfungen abendländischer Musik hören und erleben. Wir dürfen uns den Zugang zum Reich übernationaler Musik nicht verbauen durch falsche Re* aktionen oder engen Chauvinismus. Gerade der Mensch unserer Zeit kann die Musik nicht entbehren, denn sie ist der Schmclztiegel, in dem alle irdische Brüchigkeit und Halbheit überwunden wild, ist die Brücke ins Reich des Absoluten. Solange wir «len Zugang zu diesem Reich haben, siiut wir irgendwie gefeit vor der seelischen Erstarrung und Verödung, die uns durch das erschreckende Ucber• hatiilnehmcn der unhesccltcn Dinge ringsum droht. Unsere Situation ist von allen Seiten her gefährdet. Es gäbe ihr gegenüber eine Haltung, die uns vielleicht fähig machte zur tiefen, künstlerischen Gestaltung. Ich nenne sie eine Haltung der heroischen Verzweiflung. Buber sagt im Daniel: ״Die Verzweiflung ist einer der höchsten Sendliugc Gottes. Sic macht uns zu Geistern, die schaffen und entscheiden können." Dieser Verzweiflung dürfen wir nicht entfliehen, ihr müssen wir uns ausliefern — um ihr dann staiKlzuhatten. Auch über das deutsche Volk war einmal eine Zeit ge« kommen, in der Verzweiflung über ihm ausgeschüttet war. Es war die Zeit nach dem 3üjäl!rigen Krieg, als das Volk ausgesogen, verarmt und vernichtet am Boden lag. Es war eine lethargische Verzweiflung damals. Und damals erstand ihm ein Retter in der Gestalt eines Genies, vor dessen Größe man den Atem anhält: Johann Sebastian Rach. Aber genau 100 Jahre zuvor hat Heinrich Schütz gelebt, sein Vorläufer. Und Schütz hat den Boden bereitet, auf dem ilcr ungeheure Dom: das Werk des Johann Sebastian Bach, erstellen konnte. Man sicht, welche Zeiträume, welche Ent* Wicklungen die Musik als Ausdruck eines Volkes braucht. ’ Die Quelle, aus der der Strom echter Musik gespeist wird, \ war echte Religiosität zu allen Zeiten.! Dieser Strom jüdischer Religiosität, der, 80 glaube Ich, tief unter der Oberfläche ver• halten rauscht, wird eines Tages mit gesam» melter Kraft hcrvarbrcchcn. Dann wird er alles verdorrte Land, alle verödeten Bezirke unseres Lebens, unserer Seele, unserer Kunst, in nicht zu ermessender Weise speisen und befruchten. Bis dahin wer* den wir warten müssen. Aber es ist uns anheimgegeben, uns in dieser Zeit zu sammeln und zu vertiefen. Dann aber, wenn das jüdische Volk seine ureigene Form im Heimatland gefunden haben wird, wird cs diese Form auch in seiner Musik zum Ausdruck bringen.