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Jüdische Rundschau · 1934-06-01 · Heft 44 (1.6.1934) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 44 (1.6.1934)
Date
1934-06-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JUNI 1934 per Zionismus erstrebt IQr das JQdlsche Volk die Schäftung einer Öffentlich * rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm'* A1**«tg׳ant#*if 1 Ol• £21**ep*lt#ne Milllm*t*p7>lU HM •20,־־־, Hlr ßfilUnurwithi RM —40, ktr Ka1rtill#ttn*clnichirn RM —,15« l'-inraUrtrafgen nttr gegen Voran•• Zahlung aut Bost* 1 }!«dk-Konto Berlin 7l6i5׳ oder in dar Anrefgerk-Annahm• Montsg hl• hreitag 91“״H Ghr Amtfthmesr|11u| für die Dien^tag-AusRah• Montag 10 UHf lüf di• Freitag-Anagah• Mittwoch 1} Uhr (Familivneniaigen hi• Donnerstag 10 Uhr) 1®r das ׳runs®n latri®, חסו irken bti. 1~׳־r סי־ד׳) \?Cr r7״ r J ts ן״—f rvll.?(זי 1 II. 9. -1275 crtrUU •« (nient rit.if i\«n'h t er K.ncrrfl ־•'״A״»S33 InrkfUt. 10• WOB nrn sbole) die s!r;:03 i 7" "«חס: ‘״«*gurr». *iraMPSü j 8»cn irien **מוז* L~Ji r‘__ r 1 "ץ C. ■--״■•. J!!1A33 ]11 diesen Tagen richtet sieh unser Interesse auf einen Ort, der voll von historischen Erinnerungen für das deutsche f |11dent1m1 ist, auf die Gemeinde in Worms, in deren Mitte 1 seit nunmehr 000 Jahren ununterbrochen an der gleichen Stelle eine Synagoge bestellt. Mag an diesem Platte heute auch nur 1 jjnc kleine Zahl von Juden leben, so ist dort jedenfalls ein 1 inhaltsschweres Kapitel jüdischer Geschichte abgerollt, reich | an Leiden und Verfolgungen, wie auch bedeutsam durch i Perioden der Blütezeit mit geistigen Leistungen, die eine Per• | fiinlichU'it vom Range Raschis bewogen, hier einen Teil der Studienzeit zu verbringen, und die ihn mit Persönlichkeiten der Wormser Gemeinde stets in Verbindung bleiben ließen. Lin solches Jubiläum, in dieser Zeit begangen, zeigt die ganze Problematik, in die das deutsche Judentum hineingestellt ist. Wer gewohnt ist, das Lebcnsrccht der deutschen Juden mit dem Argument ihrer I leimatvcrbiiiidcnhcit zu bekräftigen und zu verteidigen, wird aus diesem Anlaß gewill manches zu sagen haben. Wir glauben unsererseits, dal! die Verknüpfung der deutschen Juden mit dem Lande keiner Beweisführung oder Betonung bedarf, in dem sie seit vielen Jahrhunderten heimisch sind, und mit dessen Kultur sie bereits im Mittelalter so stark verknüpft waren, daß die Nachkommen derer, die unter dem Druck der Verfolgungen damals aus Deutsch- 15ml nach den Ländern Osteuropas auswanderten, bis auf den heutigen Tag im Jiddischen die Elemente des mitteljitcriichen deutschen Sprachgutes bewahrt haben. Wenn heute festgestellt wird, dal! die Juden inmitten des deutjfhen Volkes als p äste leben und daher die Pflichten, die Gästen obliegen/ zu beachten haben, so meinen wir, dal! , die Verknüpfung des deutschen Judentums mit dem deutschen (Und und der deutschen Kultur zumindest ein eigenarti« res Verhältnis dieser Art begründet hat, das nicht mit der Itoidutng eines irgendwo vorübergehend eingetroffenen Gastes zu seiner Umgebung zu vergleichen ist. Und in der Tat hat schon das Deutschland des Mittelalters, das sich gewili von den Juden distanzierte und ihnen nur einen abgegrenzten Bezirk des Wirkens und der Einflußnahme gewährte, niemals daran gedacht, den Juden die Position eines mit den Dingen des allgemeinen Lebens in keiner Weise verbundenen Gastes ntzuweisen, sondern es hat ihnen eine Rechtsposition gegeben, die ihren Minoritätscbaraktcr anerkannte und damit ihre Sonderstellung begründete, aber sie an der Verantwortung für das Schicksal der Gesamtheit - mag es sich mm um die Angelegenheiten der einzelnen I Stadt oder größerer Territorien gebandelt haben — teil• | Baben ließ. 1 Ls scheint uns, daß cs wichtig ist, hierauf einmal hinzu- M *eisen, da gerade wir nicht erst seit der Neuordnung der Dinge in Deutschland im Jahre BBS, sondern von jeher be- || tont haben, daß es bei der Eigenart der Verhältnisse, unter fl tonen das deutsche Judentum lebt, Grundvoraussetzung für 3 Me mit geringeren Reibungen belastete Zukunft ist, daß 3 ®tcr den deutschen Juden die Erkenntnis von der ä§ Notwendigkeit der Distanzwahrung im Zusammen- 3 leben mit dem deutschen Volke suh durchsetzt. Die Juden haben in ihrer Geschichte seit Jahrst tausenden den Grundsatz des S ic 11 c i 11 f ii g c n s in Vcrk. fcllnisse, die von anderen geschaffen und bestimmt wurden, gewährt. Ls war eine ihrer 1 lanpflugenden, daß sie die Hingj|! *dt der Eingliederung ausgebildet haben, und daß sie damit j: Ji״ wichtiges Mittel in die ilaml bekamen, tun sich seihst zu J ■1',hupten. Während aber in früheren Perioden ihrer Ge- |, schichte diese Eingliederung n i c h t A 11 f g a b c d c s Eigen- 5 *ütes und radikale Assimilation bedeutete, sondern stets r: ht einer gewissen Zurückhaltung in der eigenen Po-;• verbunden war, ist im Judentum des 10. Jahrhunderts die ן Erkenntnis von dieser Notwendigkeit weitgehend erloschen, Um* c<! ist zu all den Erscheinungen gekommen, die von 1ms as Symptome des Verfalls jüdischer Art und als Elemente, die Clnc verschärfte Spannung zwischen Juden und Umwelt er* *h"״. bekämpft wurden. Wenn wir!ms heute mit dem deutschen Judentum des 1 ,'Malters beschäftigen, so tun wir dies in erster Linie, um ',c l-cistiingeii vergangener Geschlechter auf jüdischem ^״ie z״ fcit.r11. . Nicht* wäre an Erinnerung von den Juden des mittel- *Hcrlichcn Worms übrig, wenn sic nicht durch (Jene- Dtioncn hindurch das Zentrum ihres Lebens ins Jüdische hinein verlegt hätten, Jjn<* WCn״ sie nicht den Stürmen der Geschichte zum Trotz, .3 iibcr sie hinweggingen, all das erhalten hätten, was an 1״״ereil Dokumenten, wie sie auch Bauwerke darstcllen, für ' Lebe״ wichtig war. Und wenn die Zahl derer, die zur ' dcs ersten Kreuzzuges in Worms den Tod fanden, geir w׳r‘i, dann zählt die Chronik eine lange Liste bcdcu- Mio ä״liisc!'« Geister auf, deren Ruf als Lehrer durch ihren ‘vrertod noch erhöht wurde. Uns erscheint die Geschichte des mittelalterlichen Judentums so in einem anderen Lichte als manchem, der heute über diese Epoche unserer Geschichte schreibt. Die Legende hat sich des mittelalterlichen Juden bemächtigt; gewiß lebte er vom Handel und teilweise von Geldgeschäften — aber nicht, weil er es wollte oder weil ein innerer Trieb ihn zu diesen Erwcrbs/.weigcn hin/.og, sollden! weil in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters das Recht des Staates und der Kirche ihm die Ausübung schaffender Berufe weitgehend mnnöglich gemacht hatte. Es ist nicht wahr, daß dieses miltelalterliche Judentum als eine Gruppe von Aiisheuleni auf dem deutschen Volke 11ml den Völkern überhaupt lastete. Wahrheit ist vielmehr, daß die Juden mit dem Willen der inalSgchemlen weltlichen und geistlichen Instanzen eine bestimmte Funktion in Wirtschaft und Gesellschaft ihrer Zeit erfüllten, und daß diese Funktion, wäre sic nicht den Juden /«gefallen, durch andere hätte ausgefüllt werden müssen. Es ist auch nicht wahr, dal! das mittelalterliche Judentum Räuber und Verbrecher aus seiner Mitte entsandte, die die Menschen dort brandschatzten, wo man nicht mit den Mitteln der wirtschaftlichen Ausbeutung allein zu Ramie kam. Wohl gab cs auch unter den Juden des Mittelalters solche Verbrecher, mul es mag sein, daß in den Jahrhunderten des ausgehenden Mittelalters, als Sicherheit und Wohlstand in• Mitteleuropa ahiialuncn und damit das Verbrechen überhaupt au Raum gewann, auch das wirtschaftlieh verelendende Judentum eine größere Zahl solcher Elemente in seiner Mitte hatte. Man kann gewiß durch geschickte Zusammen- Stellung aus den historischen Quellen all dies »ummiereii und dann ein Bild über unsere Vorfahren auf deutschem Boden entrollen, das die Juden als ein Schreckgespenst hinstcllt. Es Ist aber eine Vcrzerrung der geschichtlichen Wirklichkeit, die so erfolgt. Das 7. e 11 f r 11 m des jüdischen Lebens in all jenen Jahrhunderten war nicht nach außen gerichtet und beschäftigte sich nicht mit den!׳'ragen des Zusammenlebens mit der Umweit oder mit den Problemen des Erwerbs und der materiellen Existeuz.erhalluug. Das persönliche Streben des einzelnen Juden mul die Werke der jüdischen Gemeinschaft, insbesondere der Gemeinden, richteten sich auf die Stärkung des ji'idischeu Lebens, der jüdischen Bildung und damit auf die Vertiefung der m c n s c h 1 i ch cn W e rt e, da man niemals einen Zwiespalt zwischen dem Judentum und den absoluten Zielen des menschlichen Lebens empfand. Von dieser Lebenshaltung allerdings sind weite Teile des heutigen deutschen Judentums entfernt. Nicht die Harmonic dos Menschentums und des Judentums als einem eigentümlichen Gefäß menschlicher Kultur ist es, die das Leben der deutschen Juden seit hundert Jahren beherrscht, sondern ein Zwi-es palt der Gefühle treibt die Juden vorwärts und läßt sic niemals innere Ruhe finden. So kommt man z. B. heute dazu, *laß man in der Jüdischen Gemeinde Einrichtungen schafft, die dazu dienen sollen, die Werte der deut« sehen Kultur in den deutschen Juden zu befestigen. Als ob es dazu der Arbeit der Gemeinde bedürftet Ausführlicher Bericht über die ZusammenstüSe in Tel Awiv (mit Bildern) Das 900 Jahr-Jubiläum der Wormser Synagoge (mit Bildern) Mag die Position der Juden in Deutschland auch ganz anders sein als bisher, so leben sie doch in diesem Lande und iitmitlcn seines Volkes und sind dem gesamten Einiluß deutscher Kultur unterworfen, so daß in keinem Augenblick auch nur daran gedacht werden kann, dal! die in Deutschland lebenden Juden dieser Kultur entfremdet werden könnten. In solchen Maßnahmen zeigt sich mir die Unsicherheit über den eigenen jüdischen Weg. Wir wissen alle, daß das deutsche Judentum tiefgreifenden Veränderungen ausgesetzt ist; Es muß durch Auswanderung und Vergreisung zwangsläufig zusammen« schrumpfen; seine soziale Struktur Ist grundlegen« den Wandlungen ausgesetzt; sein ökonomischer Auf« bau ändert sich von Jahr zu Jahr, und es ist klar, daß der Standard des deutschen Judentums in dieser Beziehung in kurzer Zeit überhaupt nicht mehr mit dem zu vergleichen sein wird, der eWa vor dem Kriege bestanden hat. Daß die Konsequenzen dieser Entwicklung auch in kultureller Be« Ziehung nicht aushleibcn können, ist klar. Ein kleiner go wordenes,;inneres und sozial neu gegliedertes deutsches Judentum muß in dieser Hinsicht ein Gesicht bekommen, das anders ist als in der Vergangenheit. Es muß aber nicht kulturell Mrmer werden, wenn cs versteht, Im engeren Rahmen eine eigene Leistung zu schaffen. Hier könnte eine große Aufgabe der jüdischen Gemeinden lind überhaupt aller jüdischen Institutionen liegen. Es gilt nicht | 1׳ r-yrn £■;7.ü £ in feit Li k»«Ü ImUmI ךך־י^ k 0kti LrifJ Die Zeitung ״Der Deutsche“ vom 29. Mai veröffentlicht einen Leitartikel ״Mussolini und die europäische Krise“ von Karl Busch. In diesem Artikel wird an die Rede von Mussolini angeknüpft, an der das Imponierende sei, ״daß er mit schonungsloser Offenheit Situationen zeichnet und auch den unangenehmsten Dingen mutig ins Gesicht sieht“. Mussolini habe die italienische Handels« bilanz als trostlos hinstcllt. Im Anschluß daran erklärt der Verfasser, es sei ״für uns Deutsche sehr angenehm, von einem hervorragenden europäischen Staatsmann eine rücksiehtsluse Kennzeichnung der irrsinnigen Weltwirtschaftspolitik zu hören“, denn auch für Deutschland sei heute die Sorge um Rohstoff- und Devisenbeschaffung eine der wichtigsten.!Der Verfasser glaubt aber, daß in Deutschland im Gegensatz zu Italien keine Senkung des Lebensstandards notwendig sein wird. Der Artikel fährt dann fort: >A\ *r 1•chi'ii nur eine Möglichkeit, ditß dieses Lehensniveau auf die D.imi5 ־inkon könnte, wenn niünlich «Sie Judcnheit in idlir Well es lerliglN'kiimnirn würde, ihren jetzt in den letzten Vi'ilirn wlrdrr mir uo gl u n!tl jeher Energie begonnenen Boykott- und \\ ul:., gegen ,Pvul .cldiind dim'lirulmltcn. Dieses linei li.iile llemiiheH, ,!;1s dculsche A1׳l)eiK!1esrhaf!ung'.j)!trgratn1n zu saliolicmi und mit Vorcnth.duing der nötigen Kolistoflc wieder ztmarlisl. ein paar hundert Uti-end deutsche Arlieiter auf di« btralie zu werten, tritt ja von Tag zu Tug mehr in Krsehcinung. Aller diese internationalen WcItbcscliwUidlcr täuschen sich gründlich, wenn sie glauben, daß diese unerhörten Methoden auch noch den Kifolg haben könnten, daß der deutsche Arbeiter oder das deutsche Volk sich in einem derartigen Kalle gegen die bisher durch Erfolge in so reichem Maße ausgezeichnete deutsche Regie!ting wenden würde, C.cnau das Gegenteil wird ein treten! Schon heute hat der größere Teil unsere» Volke» diese Machenschaften in ihrer ganzen jüdischen Gemeinheit erkannt, K» durfte nicht schwer sein, an Hand von Beweisen, die sielt auch aut die letzten Jahrzehnte erstrecken, nun einmal das ganze Jtirlctiproblcm in seiner verderblichen Auswirkung für die ausgepowerten Gaslvölkcr und vor allen Dingen auch für da« deutsche •Volk in aller Breite za zeigen,“ 1 Lm\m ■*J Wir haben schon kürzlich Gelegenheit genommen, uns gegen die hier zum Ausdruck kommende Auflassung zu wenden. Aus der von uns in Nr. 43 zitierten Darstellung der Zeitschritt ״Deutsche Zukunft“ geht hervor, daß der antideutsche Boykott, der ja nicht mir von Juden des Auslandes, sondern auch von Nichtjuden betrieben wird, nur einen ganz geringen Einfluß auf die Veränderungen der Handelsbilanz hat, wäh* rettd andere Faktoren, z. B. der von Juden ganz unabhängige Rückgang des Außenhandels mit Rußland, viel citisehneitlender wirken. Inzwischen zeigt schon der Zusammenhang, in welchem das oben angeführte Zitat enthalten ist, daß cs sich hier tun viel größere Probleme handelt als die antideutsche 'Boykott-Propaganda. Denn der Verfasser weist ja darauf hin, daß Mussolini die ״irrsinnige Welt- Wirtschaftspolitik“ gebrandmarkt hat. Man hat noch nicht davon gehört, daß gegen Italien eine ״jüdische Boykott-Propaganda“ geführt wird. Im Gegenteil genießt Italicn bei einer großen Zahl jüdischer Gemeinden, z. B. im Orient, grolle Sympathien, da auch orientalische Juden und Ostjuden itt großer Zahl an seinen Universitäten studieren. Trotzdem ist auch die italienische Handelsbilanz trostlos. Es handelt sich also darum, dieser irrsinnigen W c 11 w i rt s c 11 a f t s p o 1 i t i k auf den Leib zu rücken, die׳ vor allem durch das übertriebene Autarkicstrcbcn der meisten Staaten und durch den sich wirtschaftlich auswirkenden Nationalismus entstanden ist. Dieses Problem ist allgemein fühlbar. Und wenn wir einen jüdischen Standpunkt b״rcinbringen sollen, so wäre zu sagen, daß gerade die Juden, die aus historischen Gründen in vielen Ländern im Handel stark vertreten sind, durch diese Verhältnisse in der Welt- Wirtschaft besonders getroffen werden. Es wäre notwendig, daß alle Energie der besten und wirtschaftlich geschultesten Köpfe darauf verwendet wird, den toten Punkt, auf den die Weltwirtschaft geraten ist, zu überwinden. Wir glauben, soweit Juden in Betracht kommen, sagen zu können, daß die Juden sicherlich zu einer positiven, konstruktiven und selbstlosen Mitarbeit an der Lösung dieses die ganze Welt bedrückenden Problems bereit wären.

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