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Jüdische Rundschau · 1934-05-29 · Heft 43 (29.5.1934) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 43 (29.5.1934)
Date
1934-05-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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34 1. ß, 1U3i I: r ur ii •1 k!: 1A ׳; ,; Ii!: A‘: 1 ~Ui ״|r, 43 ׳׳׳ Jahrgang 39 ^-ך־״י-יי ך׳ 11 V J (י1 1 f *■"">Y \ \ 1 I \ 1 ( I 1!) 1 \ r\ ''. ) L... y ׳׳ IL״ J |— ~J ן-ן .. ' } ' 'vJ.X L. \ j ן ■יין ן* ■״—g ץוי־~״׳~-׳ן ך tfc'.w.s.J ^Wä«j Sw»«11n■).... Preis EM-.25 1 fr j r~~ | \זי■׳ f \ts4 X f .״-י»■—*ן ןן- •———־■״*-* '\1 f!! —f ך*-, נ! j V X i! 1 - i h \ ־ j / / ן ^*"■ן V '־ ■ ' ת / \; ־Pi. .• . v ..y 1..... 21.1 . ]^Ifll^HanfftVsrlctir w. An:ec4^e1>verwalt«mg 1 Berlin W15, Melnck*«tr, 10 f(.mrt*י :S*״mrl־Nr.) 1 HlnmtnW 34BI/B2,716500,7240/41 - BeniRnpreU pro Mon*v pM 2,־־. Vf0 Q5.75!*1׳״׳״. ~ P01!־«chfHk * Konten der Abonnement•״ Abirlhing: p^rlin 71 573 (f'kr CroR *!)erlitt), liorlin 17 392 (lür das übrige FUirh). AtisUndstx-rug in |ew@ilig«r Landeswahrtmg. — Cr«ch«lnt jeden Dlonstng and Freitag. S ERLIN. י״ד סיון חו־צ״ר DIENSTAG, 29. MAI 1934 An1«ij[«Btarif 1 Dl* 12 **■pulten* M1tllm*t*r״’7־*H* RM -20,״, lür StflUngwtwciMi BM 10,־־־־, für Fsmili#rm»chfirh«en HM —45■ FinteUnrelRen nur |*ß*n Voraturtahlimg auf Po«urh*tk־Kon!o Berlin 71618 oder in dar AnreiRen-Annihme Montag bl■ Fraifag <)—|8 Uhr AnnshmeschluR für di* Dien»f*g-Au«1*»h• Montag lö Uhr für di* Freitag Ausgah* Mittwoch 13 Uhr (Famillenanreigen bis Donnerstag 10 Uhr) por Zionismus erstrebt fQr das JQdlsche Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten HolmstStte In Palästina. ״Baseler Programm*• n p'־■^ Dir ״N. S, Schlesische T a g c s 7. c i t u n g“, Breslau, vom 2'3. M.ii beschäftigt sich in einem Leitartikel von E. Mali• tius mit «lern in der ״Jüdische n Rundschau“ vom ]3. Mai veroffeutlichtcu Leitartikel ״Wir deutschen Juden“. Die Zeitung stellt bei dieser Gelegenheit Vergleiche /wischen deutschem und jüdischem Charakter an und ist der Meinung, daß die Juden zu der Einsicht kommen mühten, sic seien ״keine vollwertige Rasse, sondern Bastarde“. Der Verfasser des Artikels wird aber verstehen können, daß Juden sich dieser Auffassung nicht anschlicßcn können. Nach weiteren gegen uns gerichteten Ausführungen fährt dann der Artikel fort; ״Wenn aber der Silireiber in der ״Jüdischen Rundschau" von «einem Slot?. auf sein Judentum schreibt, so scheint er diesen Stelz, wohl erst nach dein 30. Januar 1033 empfangen zu haben! <l<nn in (irr v1־r(l«>".t'111׳n Judciuepnhlik ließ der Jude jeden Nazi kf.ti.ifrn, der zu einem seiner I.etile ״Jude‘‘ sagte. Für uns ist es allemal eine lehre gewesen, wenn ein Fremder sagte: ״Du Den!•« her.“ Zu dieser Bemerkung ist zu sagen, daß der Artikel- Schreiber irrt. Nicht erst seit dem 30. Januar 1933 haben die 1«f ר—״״r JpL,j 11 11 j 11; ן ח ׳1144;׳! f .ג Vlr3 ii w Ü 41J X. wl iß*»! itmU0 ~ץ1י jr—. Juden ihren judenstolz entdeckt. Sogar unter den Assi• tuiiationsjtttlcn des vergangenen Jahrhunderts, deren An• scliauungen wir fiir irrig halten, gab es stol/c und aufrechte Juden. Der dann auftretendc Zionismus war ein Sieh-Findcn ries jüdischen Volkes im beglückenden Bewußtsein seines Jude- Seins, beruhend auf dem offenen Bekenntnis zum Namen Jude. Die entscheidenden Schriften des Begründers des Zionisums, Theodor Her/.ls, der ״aus Judenjungen junge Juden“ machen wollte, erschienen 18%. Wenn manche Juden sich gegen den Zuruf ״Jude“ zur Wehr setzten, so geschah es doch wohl darum, weil der Rufende damit einen schmähenden Sinn verband. Leider haben sich manche Juden dieser Absicht angepaßt und nicht mehr den Worlsinn, sondern nur die Schmähung hcrausge-!hört. Die Judenschaft jedoch, für die ״der Schreiber in der Jüdischen Rundschau“ spricht und deren Auffassung in den 39 Jahrgängen der ״Jüdischen Rundschau“ zum Ausdruck kommt, hat die Bezeichnung ״Jude“ immer als eine Ehre empfunden. Außenhandel und Boykott Die ״Deutsche Zukunft“ beschäftigt sich tu ihrer Ausgabe vom Sonntag, 27. Mai, in ihrem I landeisteil mit dein l’rohlcm des deutschen Ausfuhrhandels, das jetzt im Mittelpunkt des Interesses der deutschen Wirtschaftspolilik stellt, weil es für die Devisenlage und damit fur die Aufieclderiiallimg des Zahlungsverkehrs mit anderen Ländem (Rohstoffcinfuhr usw.) von der größten Bedeutung ist. Der Verfasser des Artikels, Egon Baudmann, analysiert eingehend an der Hand der Daten die Wirtschaftstatsachen und stellt fest, daß der Ausfuhrhandel heute vor ganz «neu!,roblemen steht, weil auf der einen Seite der Sturz, der Plumi- und Dollar-Devise eine neue Lage geschaffen hat auf der anderen Seite eine große Anzahl von Ländern eine Devisenzwangswirtschaft cingeführt haben, die der Einfuhr in diese Länder künstliche Schranken setzt. Der Verfasser des Artikels schreibt: ״Heilte liegt cs, da an Slrlle der internationalen Zahlung1:• {;nnein •cliafi die Vielheit «ler I )i'vkciionliiuiigcii getreten ist, etwa# anilti«. In «len cr-lrn drei Monaten 1033 trat einer aktiven Hanilill.iianz uni den etiropa öelit’n Ländern (ohne Ruliland) in Halle von 205 Mill. KM. eine passive Handelsbilanz mit «len überseeischen Ländern in Höhe von 298 MdI. KM. gegenüber geslanilen. Sehen wir zunächst von dem Sunde! lall Rußland ab, so ergibt sieh vor allem ein ungedeckter Urdorf in l’lündcn und Dollars, den für die exotischen!,ändern liüirrntlcu Währungen. Ks ist aber auf der anderen Seile, nach ttmlerein-clv.iltung des rns-daben Faktors, fe-tiustcUen, daß von «1™ 05 Mill. KM. Ausfuhrrürkg.« n£ im cMon Qt1;1rtal 1934 (j^e^rn- \ 1933) nicht wern^rr ttK OB Mill. KM. auf R u ft I a n <1 rnt• ׳ iallrn. Auf den a11!jt׳m1"Xt׳lH'n Teil «iw Wclihnmlrls entfallen '■ Rur 27 Mill. KM,, mir 2 l’ro/ent dos Gosamnunschl.^cs.“ ■ lui weiteren Verlauf des Artikels heißt cs dann: ״Wir köiuK'ii in t’.ueiilbe-e bemerken, daß unsere. Detail- , (lailrgungen /eigen, «hilf aui'li der Faklor ,Antideutscher!1 IHivkott* 1)i«־ht iibei'ebälzt wer«len sollte. Die — geringliigigc 1 — \ crselilccliterung bei cin/elnen Somlerartikelii in der Hr11p|pe; .Arrbimieli-güier“ (Leder, Konieklion) ist sicher Ixiykoldiedingl, 1 <k'1 aber der außemi-isrlie Au'fnhrriirkgang nur 2 Prozent des ׳* ־t-aiiiltmiselil.iges beträgt, da die ungezogenen Somlerriickgängc;; fair einen itnn bteii «lieses Hruelib'ils ausmaelien, so liegt es auf ■; •kr Hand, dali iin-cre AuljcnhamlebkrKe von weltv.i!Iscbaltliilicn 1 kliiiklürwandhingi'n, nicht von gelt gellt liehen St liiimiing'.iU'briiehen tx' limml wird. Hit-e wcllwirlst liafllielien Slruktur■wamlltingen ktm- «a aut zwei Hauptnenner gebr.wlü werrlen: es sind die Hestre- "«"gen der europäischen Länder, tlurrli Koiitiiigenle usw. ifirer-; ״l1' mit Deulseiiland zu einer ausgeglichenen 1 landelsliilanz zu koininrn, uns also unseren AuduhrübcrschulS streitig 7,11 niaehen, ~ «ad es ist weiter die mangelnde Auliialiincwiiligkeit unserer dttr.t t tn!,,-ן! l.ielerltindt r, die ilu erer-eits im h l?len Jahr nit lü die loiiu lest c Konipensalion für die deutschen Mehrkäufe gegeben haben.“ Biese Ausführungen sind — ganz, abgesehen von ihrem ®1»klärenden wirtschaftspolitischcn Inhalt — auch für uns Juden von einem speziellen Interesse, weit der Rückgang!Jk ileujscthen Außenhandels und im Zusammenhang damit die .clnvierigkeiteii der Transferfrage häufig in öffentlichen Er- ('r,Cf1tnge1t ausschließlich auf den ״n n t i d e u t s c 11 c n B o y * "°H“ zurüc.kgefülirt werden, der als eine spezifisch jüdische ׳־icne iiiiigestdlt wird, ohwoid nicht nur Juden, sondern auch ’frschicdciH’ christliche Kreise des Auslands sich an der liier Meinten Propaganda beteiligen. Ganz abgesehen davon, daß «'c deutschen Juden mit dieser Propaganda nichts zu .Un naben, ergibt die instruktive Darstellung der Wirtscliafts- .ak'e, daß viel’ größere wirtschaftspolitische Zusammenhänge «r die bedauerliche Tatsache des Ausfuhrrückganges maß- ««״na sind. Levante-Messe bis 4. Juni verlängert n e,l ־ A w i w, 27. Mai. (J. T. A.) Die Leitung der Levante- ״SSc Tel-Awiw hat angesichts des starken Erfolges der X110 . ״schlossen, die Ausstellung, die ursprünglich _ am יי׳ hätte geschlossen werden sollen, bis zum 4. Juni zu '״langem. i»<lüHSr 'c״ländisct1c Kriegsminister Balodis erklärte einer tisi״'Cn Abordnung, die neue Regierung werde Antisemi-, "1״s nicht dulden, ' ן' ו ־«ן קן;1רךן?*ן ^4 |f י־* 1*יי rvn ך* י י ן bringt die heutige Nummer der ״Jüd. Rundschau" Beitrüge von Leo Baeck, Friedrich Brodnitz, Martin Bubcr, Erich Cohn, SalU Hirsch, Georg Landauer, Siegfried Moses, Felix Rosenbiüth, Arthur Ruppln, Saltuann Schocken, Oscar V/assermann, Chajim Wcizmann, Oslsar Wolfsberg. Eii110Imordl>csct121cll5«nö vor Gcridit Wien, 27. Mai. (j.T. A.) Am 26. Mai fand in Wien die erste Verhandlung in einem Prozeß statt, in dem nicht Juden, sondern zwei Katholiken, der verantwortliche Redakieur vier ״Gerechtigkeit“, Franz. Weniger, und Frau Irene llarund <1011 Nachweis erbringen wollen, י daß die Ritual mord• b e s c h u I d i g u n g c i n e L ii g e ist und die zu ihrer Begriinduiig herangezogenen gefälschten Talmudzitate eine Voriingliiiipfimg des Talmud darstellen. Gleichzeitig sollen die ״Protokolle der Weisen von Zion“ als Fälschung dargetan werden. Frau Irene Harand, die Führerin der gegen den Antisemitismus gerichteten von Nichtjuden getragenen ״Harand- Bewegung“ halte auf wiederholte schwere Verleumdungen und Beschimpfungen des Judentums durch ein in Oesterreich erscheinendes antisemitisches Blatt mit einem Artikel gennt* wertet, in dem sic die betreffende Zeitung wegen Wieder* liohmg der Ritunlmordbcsrholdigung, Berufung auf die angeb• liehen Protokolle «ler Weisen von Zion und Verunglimpfung des Talmud der Lüge und Verleumdung geziehen hatte. Das angegriffene Blatt erhob eine Prcssc-Ehrcnbelcidigungsklage gegen die Verfasserin des Artikels und den verantwortlichen Redakteur Franz Weniger. In der Verhandlung erklärte der Vertreter der Angcklagten, daß diese den Wahrheitsbeweis für die in dem Artikel erhobenen Beschuldigungen nntreten. Sie beantragen die Einholung eines Gutachtens des erzbischöflichen Orclinariais, der theologischen Fakultät der Wiener Universität und anderer Autoritäten darüber, daß die Ritualrnordbcscliuldiguug eine Verleumdung ist, die Protokolle der Weisen von Zion gefälscht sind, und daß cs eine schwere Verunglimpfung des Talmuds bedeute, wenn behauptet werde, der Talmud schreibe den Juden Ausbeutung tind Bewucherung der Nichtjuden vor. Der Richter gab dem Antrag der Verteidigung auf Zulassung des Wahrheitsbeweises statt. Gefängnis für Fälschung von Talmud ZUaten K a 11 o w i t z, 25. Mai. (J. T. A.) Nach zweitägiger Verhandlung hat «las Kattowitzer Kreisgericht das Urteil in einem V c r I e um d 11 n g s- P ro z e ß gefällt, den die J ü dן i s c h e G e m e i n d e gegen den Schriftleiter der antisemitischen Zeitung ״Blyskavvica“, Eduard Chowanski, angestrengt hatte. Chowanski hatte auf Grund gefälschter T almud* Zitate behauptet, die Juden bereiteten die Vernichtung der christlichen Weit vor. Chowanski wurde zu 9 Monaten Ocfängnis und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf 3 Jahre verurteilt. Neben den Kosten des Verfahrens wurde ihm die Zahlung von 200 Zloty an die Jüdische Gemeinde als Buße aufcrlcgt. Ruhe in Tel *׳ Awiw Jerusalem, 24. Mai. (J.T.A.) Wie offiziell mitgeteilt wird, wurden bei dem gestrigen Zusammenstoß zwischen Delnonstranten und Polizei in Tel-Awiw insgesamt 52 Per» sonen verletzt und ins Krankenhaus zur Behandlung gebracht. 37 konnten nach erster Hilfeleistung entlassen werden, die übrigen 15 mußten ■zu weiterer Pflege im Krankenhaus verbleiben. In Tel-Awiw herrscht nunmehr vollk o in in cnc R u h e. (Einen Originalbcricht über den Verlauf der Unruhen, über die auch in mehreren deutschen Zeitungen Nachrichten ver- 0״entlieht waren, bringen wir ln der «liebsten Nummer. Red.) Siriiju;׳..“‘ oder Zerfall Konklusionen einer Palüsiinarehe Von Adolf Böhm, Wien Die Entwicklung des Jahres 1913 hat eine fundamentale Armierung in der Situation des Zionismus hcrbdgcliihrt. Er ist «las geworden, was Hcrzl vorschwebte: eine politische 1Vu«;־en. bewegung, «Sie mittels Liquidation und Ucbcrsiedlung der Ju* den nach Palästina dort ein starkes jüdische« Volkszcntrum aufbaut. Das Gefälle, das die potentielle (jüdische) Energie der Juden in kinetische verwandeln sollte, mit der Stromrichtung nach Ercz.-lsrad, ist hergestellt. Ein Besuch im Lande macht das «augenfällig. Man hat überall das Gefühl: Palästina ״farä <la sc“. Eine robuste Energie ist am Werke, die Häuser und Fabriken aus dem Botlen stampft, die Preise, namentlich von Gruiulstiickcn, hinauftreibt, und durch alle Hindernisse, deren es genug gibt, Lcbcnsraum schafft. Die bange Frage, die bis vor nicht allzu langer Zeit noch quälend war: ״Wird die Judenschaft die Kraft haben, sich ein bedeutendes Zentrum in Erez- Israel aufzubauen״, sic wird beim Anblick «lieses Werdens . völlig vergessen und von einer anderen verdrängt: ״Wird der Zionismus die Kraft haben, im Sinne seines hohen Ideals aut dieses jüdische Zentrum gestaltend und regulierend einzuwirken?" Es fällt schwer, nach der heutigen Lage der Dinge diese Frage positiv zu beantworten. Der Ernst der Situation ist damit gekennzeichnet. Es scheint, daß man sich über ihn nicht genügend Rechenschaft gibt. Die Zionistische Weltorganisation lebt in ihren veralteten Formen, die immer brüchiger geworden sind, weiter, der Streit der Parteien führt zu unüberbrückbaren Gegensätzen, spitzt sich in Palästina am schärfsten zu, die öden, fruchtlosen und förmlich zum Selbstzweck gewordenen zionistischen Rede- und Schreibcfluten ergießen sich nach wie vor in Hunderten von Partciversammhmgen und Zeitungen, indes die einfache klare Linie des integralen Zionismus nicht mehr sichtbar ist. In dem Zustand, in dein sie sich heute befindet, kann die Zionistische Organisation Volksprobleme nicht mehr meistern. Es sieht ganz so aus, als ob Palästina in der Folge rasch von privaten Kräften regellos aufgebaut werden würde, die Parteikämpfe sich im dortigen realen Leben natur* gemäß zu Klnsscnkämpfcn wandeln würden, und einer immer mehr geschlossenen arabischen Front, wie einer meisterhaft klugen englischen Politik, ein wirtschaftlich zwar starkes (wenn auch von Rückschlägen bedrohtes), aber politisch kläglich zer* rissenes, uneiniges Judentum gegenüber stehen, indes der Zionisrnus, ideologisch überaltert, einen mir sehr beschränkten Einfluß auf die Entwicklung haben werde. Man wird diese Situation nicht meistern, wenn man in den ausgefahrenen Geleisen der zionistischen Partcicnprogramma« tik verbleiben und diesen Machtkampf im Wasserglasc, den die Führer der Gruppen täglich und stündlich miteinander austragen, als etwas antlcres anschcn wird, als — um ein Bild aus der Bcrgsonschcn Philosophie abzuwandeln — ein durch Nachlassen (Abspannen) der Lebensschwungkraft (hier der schöpferischen Idee des Zionismus) verschuldetes Versinken in die Welt ungeistiger Formen. Jedenfalls ist soviel klar, daß die neue Situation uns vor grundlegend neue Fragen stellt. Der Herausgeber dieses Blattes hat in seinen Reiseartikeln schon angedcutct, daß zunächst organisatorisch eine andere Arbeitsteilung eintreten müsse, als sic bisher bestand. Der Jischuw bedarf einer kräftigen eigenen Organisation, in der, anders als im heutigen Vertretungskörper, auch die Machtgruppen, die bei demokratischen Wahlen nicht in Erscheinung treten können, aber dennoch im realen Leben eine mitbestimmendc Rolle spielen — z. B. Farmerbund und imiustricllcnorganisation — mitzusprechen hätten. Der Zionistischen Organisafion wird ihrerseits die Verbindung der Judenheit Palästinas und der Galuth, die Vertretung des Gesamtvolkes gegenüber den Mächten, die Wahrung der diesem zustchendcn Rechte, die Führung der Galutharbcit usw. verbleiben. Diese Vorschläge, sowie solche, die eine Reform des Kongresses verlangen — und die schon durch Jahre immer wieder gemacht worden, aber unbeachtet geblieben sind — werden die vom A.-C, eingesetzte Kommission beschäftigen, die den nächsten Kongreß vorzubo reiten hat. Organisatorische Reformen allein werden aber natürlich die Lösung unserer Schwierigkeiten nicht bringen; ja nicht einmal all derjenigen, die sich in ihrem Funktionsbcrcich finden. Dies will ich mir an einem Beispiel erhärten, das wichtig ist zur Ucbcrlcitung der Untersuchung auf die ideelle Seite: Wenn auch eine den jeweils herrschenden Kräfteverhältnissen gut angepaßte Verfassung cs ermöglichen kann, daß die miteinander kämpfenden Energien frei ausschwingen können, so fehlt in unserer Demokratie heute noch mehr als in anderen die Autorität, deren Dasein cs verhindert, daß sich die Gruppen, Parteien, Klassen, als Selbstzweck ansdien, den ״Total!- tätsanspruch“ erheben und damit den gegnerischen Gebilden die ״Wert- und Willcnsgemcinsdiaft“ nicht zubilligcn, die nach dem Wort des so früh verstorbenen Staatsrech“ers Heinrieh Heller die Voraussetzung der Möglichkeit jc״er Dcm> kratie ist. Diese Macht könnte m unserem Falle nur eine geistig« sein — die zionistische Idee. Wenn wir fragen, warum diese ihre einigende Kraft verloren hat, so ist unter vielen bekannten Gründen ein bisher wenig oder nicht beachteter wahrscheinlich der ausschlaggebendste: Da der Zionismus heute Realitäten in Palästina gegcnüberstcht, so könnte er nur eine Macht sein, wenn er, als rein nationale Idee ohne nähere Inhaltsbestimmung, formbildende Kraft hätte. In den Jugendtagen des Zionismus nahm, man ohne weiteres

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