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Jüdische Rundschau · 1934-05-18 · Heft 40 (18.5.1934) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 40 (18.5.1934)
Date
1934-05-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Orfl• , ״« 1. 4״#Pi ihn«*•0 I r^\ I \\ /^ץ^׳־־י״ו \י סל,/ ][!!!/Vi ׳ Ovil Lj Li LI Am Vorabend des Schawuoth-Fcstes sieben wir erfchüttert vor der Kunde über das große Unglück, das einen Teil Palästinas betroffen hat. Jeder Besucher Palästinas kennt das bezaubernde Bild des lieblich cinge־ betteten tiefblauen Sees, überragt von dem Schneerjtjfcl des Hormon, da; unvergleicbliclic Farbenspicl des abciulliehcn Himmels, die üppigen Pflanzungen und Gärich am Fier. Fiuc besondere Bedeutung bat dieses (je- [.Sl׳t fiir die moderne jüdische Kolonisation. Die älteste Arbeiter siedln ng Daganiali, die Stätte des Wirkens von A, D. < iokIoi», liegt an südlichen Ende, wo der Jordan den See verläßt. Und aus der Leidensgeschichte der;udischen Siedlung wissen wir, daß dieser liebliche See juch ein tückischer See sein kann; immer wieder hat er Menschenopfer gefordert, auch der Gründer Dngar.iahs, Josef Bussei, fand in seinen Wellen den Tod. lud wenige Kilometer nördlich. von Dagnniah liegt die Stadt Tiberias, eine der vier ״heiligen Städte“, ein Ort ton eigentümlicher orientalischer Romantik, mit dem Uhvrinth seiner engen (bißchen und schmalen Höfe und der Buntheit seiner Szenerie. Nach den vorlicgcn- An Meldungen ist ein großer Teil der Stadt von der Naliiikalastropiie verwüstet, und eine große Zahl von Menschenleben ist zu beklagen. Unser schmerzliches Mit- ,־efiiiil wendet sich den Opfern der Katastrophe zu. Man darf annehmen, daß alle erdenkliche Hilfe geleistet werden wiid, und die'in den höheren Teilen der Stadt, irsbcsoiuk've in dem Viertel Kirjath Schmucl lebende jüdische Bevölkerung, sowie die Bewohner der nabefliege 11 cn jüdischen Siedlungen werden sicherlich ihr ״!!erstes zur Linderung der unmittelbaren Not beitragen. Lit dem Erdbeben von 1026 scheint dies die größte Naturkatastrophe zu sein, die Palästina betroffen hat. Wie immer in solchen Momenten, wo die Elemente sich entladen und alle menschlichen Berechnungen zunichte werden, wird auch diesmal das Gefühl der unmittelbaren lebcnsiiot für einen Augenblick in Palästina alles andere, alle aktuellen ,,Fragen“ und allen menschlichen Streit in den Hintergrund drängen. Nackt und bloß steht die Frgegehcnlicit vor uns, WV) alle Menschen gleich sind, in ihrer Kreatüriichkeit, ihrer Not und ihrer Hoffnung. In diesem Zeichen wird diesmal das Fest in Pa- Rstina gefeiert werden. Und aus aller Not und Trauer nngt sich wieder der Ruf des Lebens empor. Die Ro-?antik der alten Stadt ist dabin, aber man wird die .'׳adt auf festeren Grundlagen wieder aufbauen. Ob «irth die Naturkatastrophe auch ein Teil der Ernte verachtet wurde, ist noch nicht bekannt. Zu Schawuoth!10'י) ja die Erstlinge dargebracht worden, das junge udisclie Geschlecht in Palästina hat diesen Brauch in •ncr festlichen Form erneuert. Fs ist sonst ein Zug ')״ heiide und des Dankes. Der zentrale Ort dieses F«tcs ist Haifa, die Stadt am Mittclmecr, von der aus «di die große Einbriielisstelle des Emek Jcsrccl bis!1וי״ Jonlantal und weiter bis Tiberias hinzicht, jenes «olle Gebiet, das heute bedeckt ist von einem Kranz Füllender jüdischer Dörfer. Die Straße von Tiberias räch Haifa wird diesmal nicht nur die freudige Prozession Fs Erntefestes zu tragen haben, sondern auch gezeichj:tt sein von dem Trauerzug. Und doch werden unzäh- % Münde und Gemüter sich wieder erheben in Eloffl״Jllß, und das Leben wird weitergehen mit all seinen j Anforderungen und Erwartungen. * Es bedurfte nicht solcher Katastrophe, um unser 107־ schwer zu machen und uns auch in den Tagen des A-Fs nicht in Jubclstimmung zu versetzen. Wir er- 1"tu in diesen Zeiten genug, was uns nachdenklich ßinimt. Unser ganzes Dasein als Juden ist in Bewegung geraten. Acußere Schicksale haben ins erschüttert, aber sind nicht äußere Schicksale allein. Die deutschen J'ulcn sind heute der am meisten betroffene Teil des N'sclicn Volkes, aber was in jedem Lande geschieht, F symptomatisch für die Lage der Juden überhaupt. 11gleich mit dem äußeren Geschehen geht ein innc- Suchen, eine Sehnsucht nach Neuaufbau, ein Hin fl r r r־־• ־>, kl Li _ jpm ץןייי*״1/^ ו—״ן ץזי״יי יי־״ייין ך־יין ך״ ’’ r יי־י״־־^ ן■’*' 1""■p 1 j 1 / r./[ן ן.!/ 1!: ׳ n נ 1!1 r י 1! ן; ן! 1 1 j! : ä ן ן *j. . ן i ־ ן | ן i! i! וי ן 3 Ü C1,J Lj *«!!!*־״״״ l.ämiern) es für vornehm hielten, nicht die jüdischen, sondern die christlichen Feste mitzufeiern. Die Voraussetztmg für ein echtes Fest ist das lebendige Gefühl der Gemeinschaft. Unsere Feste sind heute nicht nur in Palästina, sondern überall, wo Juden sind, lebe ns- 11 a h e geworden. Kein Fest weiß so wie Schawuoth um die Spannung zwischen!.eben und Geist. Das Fest berichtet von der Aufgabe Israels, das l eben durch den Geist zu meistern. Das von Trieben beherrschte Leben widerstrebt immer dem Geist und die! a1׳/e Geschichte der Kulturmenschheit führt hart am Rande des Abgrunds, in welchem das Chaos gähnt. Immer wieder erleben wir das Ringen dieser Grimdinäclite gegeneinander. Es ist uns Juden vorgezciclinet in der Darstellung unserer ersten Volkswerdung. Das Volk widerstrebt der formenden Gewalt, es widerstrebt auch dem Willen des Führers; cs ist ein langer schwerer Kampf, bis das Volk durch das Donnerwort a׳n Sinai bezwungen wird. Hier wird das Leben unter ein Gesetz des Geistes gestellt. Seit jener Zeit ist ״Israel“ vorhanden bis auf unseren heutigen Tag. Die religiöse Bewertung des Festes der Thora wird an anderer Stelle von berufener Seite gegeben. Ganz allgcmein gesagt, ist Schawuoth das Fest des Ringens um eine L c b c 11 s f o r m des Volkes, die das Chaos, die Macht der nuseinaiidcrstrcbenden Triebe bannen soll. Darum haben wir heute für dieses Fest besonderes Verständnis, cs ist uns vielleicht noch näher als Pcßach, das Fest des Auszuges aus der Knechtschaft Aegyptens. Denn wir alle fühlen, daß wir an einem Uchergang stehen. Die alte Lebensform des Judentums ist zerbrochen; das Ghetto kann und soll nicht wieder hergestellt werden. Nach der klassischen Periode unserer Volksgeschichte, die durch Palästina bestimmt Ist und nach der großen europäischen Epoche, die wir Galuth nennen, erhebt sich heute eine neue Zeit, von der wir noch nicht wissen, welches Gesicht sic dem Judentum geben wird, aber wir sind Zeugen dessen, daß neue Kriiftc in neuer Form das jüdische Leben bestimmen. Zum ersten Male seit zweitausend Jahren lebt ein Teil der Juden wieder in der Form eines ״norma’en“ Volkslebens auf eigenem Boden, mit allen äußeren Attributen einer jüdischen Existenz, mit hebräischer Umgangsspräche, mit einer bewußten, nicht nur gedanklichen, sondern lebensvollen Anknüpfung an die Stätte der großen Zeit der jüdischen Geschichte. Und zugleich sehen wir, daß der Auflösungsprozeß, der die jüdische Gemeinschaft im Galuth nach der Oeffnung des Ghetto befallen hatte, zum Stillstand gekommen ist. Die Entwicklung eines Jahrhunderts ist zu Ende und hat einer Gegenentwicklung Platz, gemacht. Wie eigenartig sich dieser Prozeß im Bewußtsein der Juden selbst vollzog, das festzustcllen wird einmal Gegenstand einer lehrreichen Untersuchung sein. Es ist nicht mehr so, daß Galuth Abkehr vom Judentum und Förderung der Auflösung ist, wie cs in den weichen Zeiten des Liberalismus der Pali war. Die harten Zeiten der Gegen• wart machen auch das jüdische Volk wie• der hart. Die Juden haben den Willen gefaßt, wieder Juden zu sein. Wir glauben, daß, selbst wenn heute die Verlockungen zur Auflösung sich wieder öffnen würden, die meisten Juden stark genug wären, zu widerstehen. Und in dieser seltsamen Zeit eines Neuwerdens suchen wir nach einer jüdischen Lebens• form. Nicht in allen jüdischen Menschen ist noch das Wissen vorhanden, worum es geht. Viele ergeben sich noch den Ereignissen des Tages und begnügen sich mit dem Besprechen äußerer Dinge. Aber in vielen Seelen gärt es, die Besten der Generation sind nachdenklich geworden, das Judentum, um dessentwiilen wir verfeint werden, wird plötzlich mit leidenschaftlicher Liebe ergriffen. Wir sind, wie Theodor Hcrzl einmal sagte, nach Hause gegangen. Und wir sciicn nun, verwirrt von der langen Wanderschaft, was es in unsere,'! Hause zu tun gibt. In dem Kulturkreis, in dem wir deutschen Juden lebten, ist uns plötzlich der Boden entzogen und der Anteil versagt. Wir stehen in einer Leere. Wir haben jahrhundertelang als Juden mit den Völkern zusammengelebt. Dieses Leben war nicht reibungslos, aber wir haben zu allen Zeiten auch das Beste, was wir hatten, in dieser Gemeinsamkeit eingesetzt. Wenn es auch vieles gibt, was nicht so wurde, wie wir wünschten, so darf man wohl sagen, daß auch andere Völker nicht immer und zu allen Zeiten nur höchste Werte produziert haben. , Wir stehen voll Trauer vor der Tntsa.!.«., daß ein Teil des deutschen Volkes heute meint, die Gemeinschaft mit den deutschen Juden auch in den Bezirken des persönlichen Lebens verurteilen und unterbinden zu müssen. Aber wir dürfen uns von dieser Erfahrung nicht anfechtcn lassen. Wir müssen eine neue Basis für unser Leben finden. Den inneren Halt kann uns nur unser Judentum geben. Wenn wir das aussprechen, so bedeutet es durchaus nicht ein Verkennen der Tatsache unserer kulturellen Mischung, auch nicht einen Verzicht auf das, was wir erworben haben. Ein Mensch (und eine Menschengruppe) in einem höheren Lebensalter ist das Produkt nicht mir seines Blutes und seiner Geschichte, sondern auch der Erziehung, Bildung und Sprache, und wir Juden werden von dem Bildungsgut, das uns zuteil wurde und uns mitgeformt hat, nichts aufgeben. Wenn sich in der letzten Zeit im Anschluß an einen Artikel des ״Völkischen Beobachters“ eine Diskussion darüber entwickelt hat, ob wir uns ״dissimilieren“ SQllcn oder nicht, so scheint dabei lie S die von einer Wctterkataatrophe schwer helmgcsucht wurde* ר b*»־, r ri,«*‘ %ben m verschütteten Quellen. Im letzten Jahre hat S|cl1 der gesamte Aspekt der Judenfrage von Grund auf ^wandelt. Alte Begriffe, die wir in den letzten 30 oder ,, •Iallfen geprägt hatten und uns als feststehend ant׳Cc'finet hatten, haben ihren Sinn verloren. Eine stärkere I 1 *> *ds es unsere UcberrcUungskunst war, hat die;“lcn gezwungen, sich auf ihr Judentum zu besinnen, ’ü S0 haben auch die jüdischen Feste heute einen »»deren Platz im jüdischen Leben als noch vor ln18Cn Jahren, da die meisten Juden (in westlichen Bis dicht ans Wasser des Sees erstreckt sich die Altstadt. Linkt; Panorama der Stadt zwischen See Und Bergen.

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