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Jüdische Rundschau · 1934-05-04 · Heft 36 (4.5.1934) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 36 (4.5.1934)
Date
1934-05-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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1ןח! JÜDISCHE RUNDSCHAU RELIGION UND LEBEN NR. 36, 4, MAI 193♦ :1 ■!־« ,11<״ ־’■» df. 7 0 וי* ״ י ה״ •* ' <U ",ז.,. Vl 1em icr» *" * : tm, X' x> »Mlw: “ ■'■ irrt, 1. •'>'״« 'H'. .״ ׳'S. Hl rüar! ,. *>j Ml. .»וויי * 1 «n bp. Cf־*ucHt4 f'Mr IOt Hnrr n,. ^cr Unße ans» »ח• ichs'iunj l •v Atu,־. f* r*■ f% *irh1'־ *am©, ulen. tr. 9 (in als Vfrirsüf, iprAfben, I. I’uniii, Hp•!• 8 nn di« kattlr. 10 SlIlMII• m I Imi«, rftbrin. >o 2m iing ichluA jnwats« |sst־־!n, Sir. 37• * S׳W. ,ftsjng י״ ־־'*׳) L. i ■eg §1j ull'frl״ c£rnH, 4620. 111! •׳/״11, 1.01:1 Ir. <59 ■״•htcl rmt 33« .::111 hmeö• iftihr.. iruM•* diatia. Sl 5117־ 11 •»׳u ('יוון AV-S s HS *O.U* ליא4 P r :irKcl beb 5» 1 (.512 IfS’tf 1 I Zur religiösen Lage ׳ Von Rabb. Dr. Max O r ü n c w a I tl, Mannheim In Palästina * stärker tiic Verführung zu einem formalen Nationalisn/isl, um so kräftiger muH die Abwehr dagegen sein. 1,״• Ziortisiiins, der uns in die moderne nationale Bewegung |t;״ci11l11l1rte, m 1115 uns auch wieder aus ihr heraiisfiihreu, cj1111.111 ׳״ die neu gewonnenen Elemente und Erkenntnisse ״rinrcu1:elu11׳. Mit dem Widerstand gegen den formalen Sjti11׳talisuu1s sind wir den Kräften verhiiiulct, aus denen /iniiisiiius liervorgiug. lir wählte nicht ein geschiclitsfreies Tfrriloriiun. Er war und ist eine erzieherische Bewegung, (jK׳ sich mit einem bloßen Zusamimmgchuriglu'Hs- und 7.11joliörigkeilsbcwuHtscin nicht be^uüs>t. Er schafft nicht neues Lehen und Freiheit um i h r e r selbst willen, sondern ,jj sie eine Kultur herauffiihmi helfen, in der sieh die dcli.iffemleii und schöpferischen Kräfte entfalten. Die Oejjhr des Abgleitcns in das Formale taucht aber fast־ bei ,c,k׳!n I innent der Aufbaus von neuem auf. Dafür genügt jer Hinweis auf die Behandlung der hebräischen Sprache. Mau möchte meinen, daß ein starker religiöser Impuls 'mul eine von ihm her bestimmte Lebensform am ehesten 1״״V״ct wären, eine solche Gefahr /u b,1111k 11. Der Zionisnms ist alu־!• keineswegs als eine religiöse r.rnenemngsbw1:uf1g entstanden. Waren auch an seiner Schaffung rC|j!.1(1M• Menschen heieiligt, knüpfte er auch an die reli- .j,1w Sehnsucht nach Palasiina an, ging er mich freund-!diafllieh um mit all den Eonncii und Vorstellungen, in denen sich das religiöse Leben zumal der gebundenen Volksmnssi'H im Osten alliierte, *so wurden doch antireligiöse initi areligiüse Menschen und Strömungen ebenso von ihm äufg-iiomiiicn wie religiöse. Die Entstehung einer religiöskonservativen Bewegung innerhalb der zionistischen Parteiliikliing bedeutet keineswegs eine religiöse Durchdringung des Zionismus; die Abneigung gegen den religiösen Libcralisnms war die Erwiderung auf die Tendenz seiner politischen Vertreter; die oftmals beobachtete Hinwendung zum konservativen Judentum ging nicht so sehr aus religiösen Motiven hervor, sondern aus einem wiedermvaehten Gefühl itir I'iiIcim lieidmigen, aus dem Instinkt dafür, wo eine arrivirile (־״tippe und wo die Masse des Volkes steht. Auf viele Ziüiibfeii wirkte das, was ihnen als Religion in Westeurnpa gegeniihertraf, als eine bloße Veranstaltung, als k'iiiisli'iodukt, bei dem sie nicht warm wurden, Solche läteile bedeuten aber nicht die tiefste Schicht, in der sieh dir Auseinandersetzung mit dem Religiösen abspieUe: der ZioiiM erblickte in einem sieh selbst überlassenen und selbstffinigsamen (iolus auch keine Chance mehr für die reli- ן lösen Kräfte. Ihm erscheint altes unter dem Bilde des Sachsens. Nur die Wiedcrcinpflan/img des Stammes in die ihm verheißene Erde vermag den Stamm wieder zur Blüte 1ת bringen. Darum gilt es, die Bedingungen zu schaffen, durch die alle jüdischen, auch die religiösen Kräfte sich entwickeln. Die Wahrheit wächst aus dem Boden und mit ihr auch die Wirklichkeit, und in ihr,‘nicht neben ihr, die Religion. Es gilt darum auch, das Religiöse in eine natürliche Beziehung zu dem tatsächlich gelebten Leben zu setzen. ׳ ־ •־ ' ' .'־ ׳ Die Unterscheidung zwischen heilig und gewöhnlich ist doch mir da angängig, wo eine Beziehung zwischen beiden hin mul her geht. Sind sie aber beziehungslos, so ist die Religion wie ein stehendes (iewässer, das von einer Eint her unvermittelt in der Landschaft stellt. Es kommt also darauf an, das, was einst mit dem lebendigen Volksleben riiMmmcnhiiig, in ihm eingebettet war und aus ihm hervorging, wieder zu dienern Leben zurückzufültren. Biese Auffassung verträgt sich■ schlecht mit der Anerkcnmmg des Individuums, dessen Suchen und Erleben nicht »1 iK’diugimgen geknüpft zu sein scheint und das ailerorten flott suchen und finden kann. Aber mit diesem frei schweben* den, von seinem Volkstum losgelösten Individuum hatte her Zionismus ja schon lange gebrochen. Der Zionismus . konnte sich darauf berufen, daß im Judentum auch die in- : hiviilm'llen Erlebnisse nach einem gemciiischaftsvcrbindemlcn! Ausdruck suchten, nach einer Anlehnung an .geschichtliche I triom-ruiigen. Individuum, Geschichte und religiöse Tradition i Md ihm untereinander verbunden. < Aut dieser Stufe der Betrachtung stclienzubleiben, ist Ehrtn seit geraumer Zeit nicht mehr möglich. Es kann so Mnig ein sieh selbst überlassenes Palästina geben wie ein י sich selbst überlassenes öolus; nicht mir weil die Scheinj werter der ganzen jüdischen Welt auf diesen schmalen Land• : strich gerichtet sind, nicht nur, weil es bereits einen regen \ Austausch /.wischen Palästina und der Diaspora gibt. Auch 5 die Vorstellung des stetigen, aus Eigenem wachsenden Lehens 1 icicht nicht mehr aus. Daneben tritt gleichberechtigt die!Vorstellung von Ordnung und Plan. Die Frage der rechten Erziehung verbietet cs, «B es in Mer Stellung zum Religiösen heim Gehen- und ״*'ächseniassen bleibe. Demi anders als die anderen Völker, sind, was sie werden, werden die Juden das, was sic S|nd; und in dein, was sie sind, ist auch ihre Vergangenheit Uifcnw,artig. Das ist eine Sache, für die man mit Franz Hosenzweig schon die semitischen Tempora zu Hilfe nehmen , die aiisdrürkcn, daß sich unsere Geschichte forterzahlt Jom Anbeginn bis zum unberechenbaren Ende. Gestalt kann ,cr nur werden, was sciion Gestalt ist. Nun wird kein Z10fast leugnen, daß das Judentum seine Gedanken hat, die über Ms Volk hinausgehen, mögen sic auch inmitten des Volkes 'j’oimcn, und es kann nicht geleugnet werden, daß diese Gcdanken vom Verhältnis Gottes zu seiner Schöpfung und dem ',° k seiner Wahl religiöse Gedanken sind. Es kann also wohl!»dit anders sein als so, daß in den Begriff des Volkes der cgrifl der Religion aiif/tnichmen ist, und daß zu der wirkdtkvit des Volkes die religiöse Wirklichkeit stoßen muß. vif ^'1‘1Icrherstelhmg dieser Verbindung mag Zeit brauchen. Aber hat es nicht lange gedauert, bis die westlichen Juden («den Begriff des Religiösen auch den des. Volkes aufä Wnnmincn haben? Nur mit dem Unterschied, daß das, was jGdästina religiös erkannt und erfahren wird, nun auch in , ",c kleine Münze der Tageswirklichkeit umgesetzt werden; Ka|U1, die ganze Wirklichkeit streitbar ergreifen kann. £s muß noch etwas über den religiösen Lehrer ו• ' *lästina gesagt werden. Wir verlassen damit nicht; 15״ Linie des bereits Geäußerten. Es wäre unstatthaft und ־ peinlich, wenn Menschen dorthin aufbrächen, um das חוח• ‘ di״m״lhrcr Pädagogischen und religiösen Erkenntnisse über c ,Menschen in der Arbeit aiiszugicßcii. Sie kamen als ‘״«ätelliaftc Beglücker und würden nicht angenommen wer- (,1;L kann niemand zu ihnen reden, der nicht mit ihnen " 'י Mit ihnen leben, das heißt (anders als hier) an ihrem " "/c" Lehen teilhaben, mit ihnen arbeiten, Sorgen haben “11 S|A freuen. Es wird dort nichts Ernsthaftes entstehen, rctS* im »»״de steht mit dem. Elementaren des gemein- :!(1 1״י1]'?,,״-cbens. Es kann dortmur das.!lauernde Wir-■; unK haben, was einem echten Bedürfen antwortet. Wec Religionen Religion Ist sicherlich dos Konservativste; denn In Ihr spricht dos, was beständig Ist Im Wandel der Geschlechter. Und sic ist ebenso dos Revolutionäre; denn In Ihr widerspricht dos, wns stetig gcblcfct, stetig In allem Wechsel der Möchte und Erfolge. Dorum Ist ln Ihr, wenn sie lebendig ist, die starke Kraft der Geschichte, die flörende wie die wahrende. Und wenn sie erschlafft, well sic zu sprechen, und zu widersprechen verlernt hot, dann wird sie zu Krankheit und SdiwBchc in der Gcschkhte, trotz glänzendem Schein. Wo Unruhe und Unrost in den Völkern sind, zutiefst kommt es aus einer Krisis des Religiösen hervor. Gesundheit bedeutet, auch für die Religion, Selbständigkeit; die beiden bedingen clnonder. ln einem büßt die Religion diese Unversehrtheit, diese Freiheit ein, darin, daß sic politisch wird, sei cs, dofv sic cs werden will, sei cs, daß sie dazu sich führen lüfvt. In dem Politischen, auch wenn sie es erwählt und sich nicht nur Ihm ergibt, hört die Religion aul, selbständig zu sein; denn sic wird darin Immer und allzu bald biofies Werkzeug der Politik, Werkzeug des Staates, der die Politik handhabt. Sic darf und sie kann nicht mehr aus Eigenem sprechen und wklcrsprcdien; sie verliert dos eigene Wort, dos Wort von Gott, diese Kraft, zu wahren und zu bewegen. Vom Judentum aus können wir es hüben und drüben deutlich sehen. Wir hoben es am Judentum selbst Im vergangenen Jahrhundert erkannt. Es war ein entscheidender Mangel der sogenannten Reform im Judentum, dafi sie für einen polftischen Zweck dos Religiöse gestalten wollte. Um stoatsgctälllg und staolswohlfjcfßllifi zu sein, hat sie Formen und auch Gehalt des Glaubens umzubildcn gesucht, und bisweilen hoben dann Im Kampf gegen sic auch die Gegner das ähnliche unternommen, ein fremdes Ziel bestimmend sein lassen. Die Religion wurde politisiert; ihre Freiheit, Ihre Gesundheit wurde beengt. Ganz so hoben wir es an anderen Religionen erfahren, ln dem zumal, was uns von Ihnen zuteil geworden Ist. Wie oft schienen die Kirchen uns zugewandt zu sein nicht zu religlöser, sondern zu staatlicher, machtgcmäficr Absicht. Wie oft stellten sie vor dem Juden nicht sowohl ein Tor zum Glauben dar als vielmehr eine Tür, durch welche allein oder am ehesten der Zugang zu staatsbürgerlichen Plötzen bereitet wurde. Das Zeichen, dos als Sinnbild eines erlösenden Helles aufgcrlchtet sein sollte, war zum kaudinlschcn Joche geworden, unter dem hlndurchschrclfcn mufitc, wer zu Bezirken staatlicher Geltung gelangen wollte. Ein politisches Instrument war die Religion, und wer will ermessen, wieviel in der kirchlichen Krisis der Gegenwart von da her her aufgclängt Ist. Leid und Not der einen Religion röhren Innerlich auch an die andere, sind Ihr oudi eine Not und ein Leid. Zu Ihnen allen ist das Wort des Propheten Jesaja gesprochen: »Glaubt Ihr nicht, so bleibt ihr nicht.״ Im Eigenen nur, In der Kraft, fest zu sein und entgegen zu sein, zu sprechen und zu wider* sprechen, Ist ihnen der Bestand gegeben. Leo Baeck hcl ilmcn etwas nnsncliten will, der muß standhaft sein und w.'ii icn können. Warum sollte er Weniger Geduld mit den Menschen haben als die Menschen mit dem Boden? Und sdilielilich wird er die Erfahrung machen, daß er lange Zeit empfangen muß, bevor er auch nur anfängt zu geben. Weil doch der Lehrer von niemandem fuchr erfährt als von seinem Schüler — und sei cs auch nur die Frage, warum der Schüler in so vielem ohne den Lehrer auskommt und viele Arbeiter ohne die Religion, ohne das Gesetz und manche sogar ohne Gott. Bei alledem denken wir zunächst nur an die Ar• beiter, die das Land aufbnucn. Liberales Judentum Es liegt auf der Hand, daß die bereits geschehene und noch geschehende Säkularisierung heftige Gegnerschaft erweckt. Alier auch die Konzeption eines R üfionsvolkes, d. h. einer Religion, deren Träger — das Volk — noch einen anderen als einen geistlichen Wert hat, wird auf das Schärfste bekämpft. Ein Teil des liberalen Judentums in Deutschland ist der Wortführer in diesem .(.impfe. Es ist nicht ginz leicht an/iigchen, wer dazu gehört. Schon früher war es so, und es ist heute nicht anders, daß man unterscheiden muß zwischen denjenigen, die sagen, daß das Judentum ״nur“ eine Reli׳>.inn ist, und religiös-liberalen Juden. Aber auch unter den zukT/t genannten gibt es nicht wenige, die nicht mehr dort stellen, wo ihre ühcrnlen Väter um die Jahrhundertwende standen. Die sozialen Aktionen der Nachkriegszeit, die niäclilig nufkommende Jugend, die pädagogische Belebiin!; hätten einem Liberalen alten Schlages gar nicht in das Bild der Gemeinde gepaßt. Aber all dies allein hätte d״eh_ nicht das zuwege gebracht, was die zionistische Renaissance auf der einen Seite und die gesellschaftlichwirtschaftliche Aushöhlung des jüdischen Bürgertums auf der anderen Seite erzielten: einen G c s t a 11 w a n d c 1 d e s j ud e 111 u in s. Er mußte auch den liberalen Juden crgreiicii, obgleich sein Organ fiir die Veränderungen in der ' jüdischen weit noch unempfindlicher ist als für die der nichtjtiuiseheu Umwelt. Dieser Gcsialtwaudcl ist noch im Gauge. 111 seinem Zuge wird eine Revision der Auffassung sowohl über das Volk wie über das Gesetz Platz greifen müssen, wenn das liberale Judentum nicht de'r lsoucrung vcrfaik'11 soll, und wenn es sich weiterhin eine geschiehtliehe Aufgabe ztierkennt. . Ein Teil des liberalen Judentums fn Deutschland ist nun 111 diesen Wandel nicht hiueingezogen. Wir bedienen uns, um es zu erkennen, einer Fragestellung, die von der gewöhnten ahweicht. Mau pflegt cs nämlich abzufragen, welcher Art sein Judentum ist. Wir fragen — und diese Art zu tragen ist wohl ergiebiger und zweckmäßiger —, welche Art. Religion es darstellt. Denn der ihm übergeordnete Begriff ist doch nicht das Judentum als eigenständige und letzten Endes in sich selber ruhende Gruße, sondern die Religion, richtiger eine Rdigirmsvorstellung, die darüber zu bestimmen hat, was denn an Jüdischem gellen soll, und die unter Mit• Wirkung der Umwelt sich gebildet hat. Es ist deswegen nicht damit getan, die jüdischen Elemente dieser Religion a11l/11/eigen, etwa den Gottcsbegriff und den hihlisth-pro• phetisehen So/ialgedaiikcn, sondern es ist die Art der; Religiosität so zu kennzeichnen, Man würde nun dieses liberale Judentum falsch ver• stehen, wenn man nicht auch ihm den Hang Mir Lebensnahe zucrkeiincu würde. Denn aus dem Protest gegen eine lehens• fremde Orthodoxie ist cs miterwachscm. Aber dieses Leben ist nicht wie in der Orthodoxie zu einer wenn auch fiktiven Identität mit der Religion gebracht, cs ist auch nicht das ״naive“ Lehen, das in Palästina von vorne beginnen will, sondern lebensnahe sein heißt hier, der Umwelt nahe sein. Das Zentrum dieses Lebens ist also nicht das Gesetz, es ruht auch nicht in einem sich erneuernden jüdischen Lebenswillen und Lebensgefühl, sondern es liegt — man lasse diese Ausdruckswei.se zu — außerhalb des jüdischen Bezirks. Und daraus entsteht etwas, was wir wohl mit Recht als entscheidend arischen dürfen: Einem Univcrsalismus des Religiösen, der kaum noch zu uberbiefen ist, antwortet ein bedenklicher Mangel au religiöser Konzentration, an gesämtlicher Darstellung des Religiösen im gesamten Lehensraum. Wenn wir recht sehen, konnte sieb das Judentum als religiöse Minderheit, als partikularer Träger universaler Gchalte nur dadurch behaupten, daß es in sich die Lulle des Religiös,en gesammelt zur Erscheinung brachte. Wir erkennen diesen Mangel bereits im Bereich des Gottesdienstliehen. Es ist dem I eben nicht verbunden, cs ist nicht eingespannt in den Rhythmus des Lebens. Es ist der Eorm uml dem Inhalt nach Erlebnis, in dessen Dienst auch das Aesthctisehe tritt. Nun ist es aber die Eigenart von Erlebnissen, unverbunden, .beziehungslos zu sein. Es ist die Gefahr aller Erlcbnisrcligion, daß sie nur Höhepunkte haben will, und daß sich die Berge ihrer Verehrung allzu unvermittelt aus der Ebene erheben. Wie begegnete der liberale Jude dieser Gefahr, wie stellte er die Verbindung her zwischen den religiösen Wahrheiten und seinem Leben? Auf mannigfache Weise. Indem er diese religiösen Wahrheiten vornehmlieh als ethhehe Wahrheiten erfaßte und das ganze Leben unter das ethische Prinzip stellte, glaubte er den Zwiespalt zwischen beiden aufbeben zu können. Indem er das Religiösc als eine Anleitung zur Bewahrung auch im Weltlichen ans,111׳, wurde der Beruf selbst zu einer Erfüllung des Religiösen und das Berufsethos zu einer Religion. Hier bereits wird die Verwandtschaft zum Verhalten des Protestanten deutlich; auch für ihn wurde der Beruf zu einem betrachtliehen Stück Religion. Es gibt ein Gebiet, auf dem die oben skizzierte Verbindtmg von religiösen Wahrheiten und Leben sich als nicht ausreichend erweist: die Erzieh ti'n g. Alle Erziehung lind innerhalb ihrer aller Unterricht muß sinnfällig sein. Sie muß die Lehre wirklich vom Himmel hcrimterholen und so anschaulich machen, daß sie ergriffen wird. Das geschieht nicht mit beliebigen Symbolen, sondern mir mit solchen, die dem Gegenstand adäquat sind. Die Aneignung der Lehre, die beim ersten Male unter Donner uml Blitz erfolgte, gelingt nicht in der dünnen Luft der Abstraktion, sie ist stets ein Akt der Erleuchtung, der Sichtbarmachung und Anwendung. Das geschieht niöht durch Wunder, aber durch Zeichen,' durch all die Zeichen, in denen der wachsende Mensch das Verborgene ergreift. Das ganze Judentum ist, wenn inan so will, eine solche Zcicheiüchre. Die Bedingungen, unler denen das pädagogische Tun steht, und der Aufbau des Judentums entsprechen einander. Die fortschreitende, unter Zwang fortschreitende Enteignung der I lalacha ist nicht allein verantwörtlich für die Substanzlosigkeit, die wir zu beklagen hatten. / Die ganze gegenständliche Welt des Judentums hat einen Prozeß der Verdünnung durchgemacht, deren Ergebnis der Verfall der religiösen Anschauung ist. Fassen wir zusammen: Was in Palästina nottut, das ist die Alijah nach der Alijah. Die Aiijah im Lande selbst, die der lebendigen Mannigfaltigkeit, der Kulturfreudigkeit und der fröhlichen Erziehung die letzte Bestimmung erobert. Das, was hier fehlt, das ist die Jcrida vor der Alijah, ein Hinabsteigen zu der ganzen gegenständlichen Welt des Judentum״., ein Ergreifen und Darstclfcn des ganzen jüdischen Bereichs — soweit die gebrochene Welt des jüdischen Menschen in der Diaspora das zuläßt. Das Jüdische Erlebnis im deutschen Kulturbereich Man wird uns cntgcgcnhaltcn: Wir wollen gar nicht das jüdische Leben in seiner Ganzheit wicdcrhcrstellcn; wir leben und wollen leben in dem deutsch-jüdischen Kulturbereich; von ihm 11er, in der imatifhebbarcn Verbindung von Deutschtum und Judentum, empfangen wir unseren Dascinssinn und unsere Aufgabe. Es kann uns nicht verwehrt sein, 1ms der Elemente der deutschen Kultur, deren wir zur 1 )ascinsdnitnng und -gcstaltmig bedürfen, ztt bedienen. Auch die religiöse Erziehung muß dieser Verbindung, die geschichtlich erwachsen ist, Rechnung tragen. Was wir an nicht mehr zurück/ugewiitnenden Jüdischem einlütßen, gewinnen wir aus deutschem Sprach- und Kulturgut. Abermals wird eine Verwandtschaff mit dem Protestantismus sichtbar. Denn auch er trägt an die Lehre die Kundgebungen deutschen Geistes heran. In der Theologie, im Religionsunterricht der oberen Klassen unterstützt er das religiöse Erlebnis durch die Heranziehung deutscher Dichtung, deutschen Denkens. — Aber die Verwandtschaft reicht nicht weit. Nicht allein ist das Verhältnis des Protestantismus zuin Staat ein anderes, nicht ein episodisches; sondern auch das Verhältnis zwischen der deutschen Gcistcsgeächichte und dem Protestantismus ist ein viel tiefer begründetes. Mm kann sagen, daß der Protestnntismus in der idealistischen Philosophie nicht nur seine Internrctntion, sondern seine Selhstdarstelhing erfährt. Anders verliält es sich mit dem Judentum. Es kann sehr fruchtbar sein, die Berührungspunkte zwischen Kant und dem jüdischen Denken aufzu/eigen. Man kann das ganze Judentum'in ein idealistisches System schlagen, man kann die jüdische Geschichte nach Ncgclschcr Manier betrachten, aber immer bleibt uns dabei gegenwärtig, daß der P’schat des Judentums davon nicht berührt wird. Wir erkennen also durchaus den Einfluß der deutschen Methode auf die Entstehung einer Wissenschaft vom Judentum, wir verkennen nicht die Be- ׳ Tcichcrung durch die wechselseitigen Beziehungen. Aber das Judentum entwindet sich jeder Umklammerung und bleibt bei sich. Es kann also gar nicht so sein, daß das religiöse Erlebnis der Verbindung von Deutschfjim und Judentum seine letzte Erfüllung im Erzieherischen findet. Das jedenfalls ist klar geworden; wenn das jüdische Leben hier nicht in seiner Ganzheit gelebt wird, so ist der ׳Anteil am deutschen Leben nicht minder gebrochen. Aber gerade dieses Leben im Bruch, dies ״indcrmitteblciben“ (Ignaz Maybaum), soll nun den Juden in Deutschland so wertvoll machen. Und in dieser Mitte stehend, erfährt der Jude sein Judentum in höchster Bewußtheit, macht er es ״sagbar“, ohne daß cs ihm zerrinnt. Es mag einer späteren Betrachtung vorbehalten bleiben, die Gedanken von Maybaum weiter zu ver-

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