Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 34 (27.4.1934)
- Date
- 1934-04-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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39 34 / Jaürganfrין, ייזגוד—ן f ****"*^l \ i [ f V N4 £״_.J L. :!n ׳XJs I iArl[il«l»1in*.V»׳l«f יי■ AnMlB.nww.11t»,,*, B.rlln W15, Mclnaha.tr. 10 p 1 ״,«f:S*1«m|T^r' 11 Bi*m»rck 3181/827165670,7240/42. - Ba,uc,prei1. pro Monat f pro Quart«' RM 5.75• — Poalacheck - Konten dar Abonnemenl»- Abteilung Li»71573 (lür Groll• Barlin), Berlin 17 392 (Itir da» Übrig» IWi.h), Aualanda. ln l»״*11'*״ L«״'l«"w*hn'n«• ־־ Er.thalnt jadan Dlan.tag and Fraltag. a t.. •^4 TI***]—•“*«■ין 2*••״*•״-־־״ £ 1 N!,\!| ' \ : ii M j \ \ 3a t\.? ( ^Htaanw^ -i s—a Preis UM -.25 ״ ■סןlaw»■ןך-»»י>ן ^״■■׳ ׳ ' j I *,,»*4k י״ב אייר תרצ״ד FREITAG, 27. APRIL 1934 j p«r Zlonrtimi» erstrebt für das jQdlsche Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. An.algantartf 1 Dia 12(aapal1ana Milllmatar-Zalla BM —.20, Hlr Stallangrrucha RM —JO, lilr Famlllannachrlchtan BM —45• Etat»l«n1»i(»n nur!.,«0 Voraua• *ahlttn* atil!,orurliack-Konto Berlin 71618 odar in dar Anral.an Ann.hmt Montag bl» Fraltag 9—IS Uhr. AnnahmaachluS Itir dl« Dlanatag-Auriaha Montag 10 Uhr Wir dia Fraltag-Auagaba Mittwoch 13 Uhr (Fatnlllananialgan bla Donnania, 10 Uhr) .,Baseler Programm•• 3 L.J L -11 .׳ «ai La! na ■»»ויי J Pic jmlcnfrntre in Deutschland timt in ttcr Welt Iüberhaupt ist keine Frage partieller Natur, d. h.!etwa ein religiöses Problem oder eine Angelegenheit I wirtschaftlicher Spannungen, die zwischen Juden und JSichtjmlen bestellen, sondern sie umfaßt das Ranze |Verhältnis zwischen den Juden und ihrer Umwelt. Der!einzelne Jude und die Judenbeit eines jeden Landes j»ird in ihrer Totalität von den Auswirkungen der Juden-!frage erfaßt, wie auch andererseits die Völker selbst «die Judenfrage als etwas empfinden, was all ihre In- I(dessen und ihre Gesamtheit berührt. Die Ursache hierzu liegt darin, daß die Judciifragc eine nationale Frage lieg entstanden aus der Tatsache des Zusammenlebens von Juden und Nichtjuden als national differenzierten! Gruppen, wobei gewiß die Juden eine nationale Gruppe besonderer Prägung darstellen, aber doch deutlich als | solche empfunden werden. Dieser nationale Charakter der Judenfragc i fuhrt konsequent dazu, daß sic auf alle Lebensbeziehun- . ״cn übergreift, da die Nation dasjenige Formelenicnt {st, das als einziges in der realen Welt die Gesamtheit j der Lcbeiisäiißcruiigen eines Menschen umschließt. So ist die Judciifragc ein Problem der Symbiose, | und in den Mittelpunkt rückt damit die Frage, unter!«eichen Voraussetzungen dieses Zusammenleben i erfolgen soll. Seit über hundert Jahren stand als Ueberl schritt über den Bedingungen, die die Umwelt den Juden l:1r ein Zusammenleben gegeben hatte, und die auch die Juden von sich aus zuinnerst akzeptierten, das Motto runder Assimilation der Juden. Man empfand die Chance, die den Juden durch die Emanzipation und die Möglichkeit der Eingliederung in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft gegeben worden war, als eng mit der Tendenz verbunden, daß der nationale Charakter des Judentums, den man zur Zeit der Emanzipation deutlich ausgeprägt vorfand, abgescliliffcn werde, damit die Juden 11s isolierte Einzelne in das Gesellschaftsgebäude eintretcu könnten — wobei man überhaupt Staat und Gesellschaft als eine Summierung Einzelner empfand. Dieser Prozeß ist in dem vergangenen Jahrhundert Hs zu einem erheblichen Grade fortgeschritten, allerdings nicht bis zu dem Punkte, daß die Juden und die Völker nicht mehr voneinander unterscheidbar wären, sondern höchstens bis dahin, daß das Bewußtsein der Juden von ihrer Eigenart geschwächt und ihre jüdische Substanz zerkrochen wurde, aber ihre Andersartigkeit trotzdem noch ״kennbar blieb. Das E 11 d e des Assimilations- Prozesses als eine den Gesetzen der Umwelt entsprechende Erscheinung mußte in dem Augenblick kommen, in dem die Vorstellungen der Welt über die Struktur der Gesellschaft sieb grundlegend wandelten. An hie Stelle der Auffassung von ihrem Aufbau durch Einreine trat der Gedanke von der Einordnung des Einzelnen ™ die Gcmcinschnfl, ja der Satz, daß der Einzelne seine eigentliche Ausprägung überhaupt nur durch seine Zufehörigkeit zur Gemeinschaft erhalte. Staat und Gesell- Kluft erscheinen dadurch nicht mehr als Erzeugnisse einer Summierung der Kräfte Einzelner, sondern s'e sind Kraftquellen, die eine autonome Entstehung besitzen und dem Individuum erst die Möglichkeit des Schaffens geben. Damit war die Lösung der Judenfrage jn dem althergebrachten Sinne überholt. }" den Kräften, die Staat und Gesellschaft in sich bergen, «3t der einzelne Jude und das Judentum als Gruppe «inen Anteil. Er steht außerhalb eines in sich geschlosst- «n Lebcnskrciscs und muß ihm gegenüber eine neue des Zusammenlebens finden. Wenn heute ins- Deutschland — aber wir dürfen nicht ver- For. ״״״ besondere in .,״,״o״..״..,״ «"neu, daß auch für zahlreiche andere Länder Europas }1«e Fragestellung Geltung besitzt - - das Problem der Anordnung der Juden so aktuell ist, dann in Erst« Linie aus dem Gefühl heraus, daß über die Maß- ״ahmen, die etwa die Ariergesetzgebung ent- "יל hinaus für die deutschen Juden ein neues Lebens- P'mzip gefunden werden muß. Es ist in den letzten Monaten mehrfach darauf hmf"iesen worden, daß der jetzt cingelcitcte neue Ab- Scnn1tt in der Geschichte der deutsch-jüdischen Bezichun- "ntcr der Ucbersclirift der ״Dissimilation“ zu s'ch'״ habe. Man versteht darunter den Gegenbegriff f Assimilation, d. h. nicht Angleichung einer Gruppe י di־׳ sie umgebende Mehrheit, sondern Auspra« gung i 11 rer Ligenart, Schwächung der vorhandenen Lebensbezichungcii zwischen den Gruppen und damit eine reinliche Grenzziehung, damit in einer Ord- 111mg der Dinge, bei der aus dem Wesen der großen Gemeinschaften heraus auch das Acußerlielic gestaltet ist, ein nach Möglichkeit entspanntes Zusammenleben ermöglicht wird. Wir kommen heute aus einem aktuellen Anlaß auf die Behandlung dieser für die Zukunft des deutschen Judentums grundlegenden Fragestellung zurück, weil in einem Artikel des ״Völkischen Beobachters“ vom 25. April die Frage der Dissimilation der deutschen Juden erneut aufgeworfen worden ist. Der Verfasser des Aufsatzes, Lutz Lenders, geht davon aus, daß es falsch sei, mit der nun mehr abgeschlossenen Ariergesetzgcbuiig die Judciifragc, d. h. die Frage nach den riehtigen Beziehungen zwischen den beiden Gruppen als endgültig beantwortet zu betrachten. Er fordert dann, daß das Wort von der Dissimilation, das in die Diskussion hineingeworfen worden ist, einer genauen und klaren Vorstellung entsprechen müsse. Lenders beschäftigt sich hierauf zunächst mit dem Wesen der Assimilation und schildert die Haltung des Liberalismus, ־. der den Juden die Emanzipation um den Preis der Aufgäbe des Judentums gab. Er behandelt dann den Zion i s 11111 s, der gegen die jüdische Assimilation auftrat, und kritisiert au ihm, daß er glaubte, durch ein bloßes Bekenntnis oder durch die Einwanderung nach Palästina diese überwunden zu können. Der politische Zionismus seit Herzl sei als System selbst an die europäischen Nationalismen assimiliert. Er weist hn Gegensatz, hierzu auf Achad Hä am Und A. D. Gördon hin, die beide die Assimilation in einen! tieferen Sinne überwunden haben und zur Dissimilation vorstlcßcn. Im Anschluß hieran sagt er folgendes: ״l>K>in״lation als Gegensatz zur Assimilation kann — ebenso wie tlie•(■ — mir von »len Juden selbst ausgehen. Wenn der Arici p.tngr.iph den Juden von einer Betätigung in der ,deutschen Politik und Kultur aussehaltet, so ist das —• wie manche meinen —■ keine Dissimilation, da er nur einen äußeren Zustand regelt, aber aut das Innere des Juden zuniirhst keinen Einfluß hat. Wir können die Juden nicht anders, nicht jüdisch machen. Das ist ihre Aufgabe. Wir können nur darauf achten, daß nicht wieder jene* deutsch-jüdische Durcheinander entsteht, in dem der Jude sich als l’i.iei■ejitor Germania!' attsgrltrn und als Repräsentanten deutselur Kultur (iililen konnte. Dafür ist die Ariergesetzgebung da. Vom 11.11 innalsozialistisehen Standpunkt aus,, konsequent zu Ende gedacht, wäre es nur zu begrüßen, wenn nun die Juden ihrerseits die äußere Grenzziehung des Arirrparagraphrn« mit der inneren Grenzziehung der Dissimilation beantworten würden. Dissimilation — das ist. die große Chance der deutschen Juden, durch den Aufbau einer eigenen Gefühls- und Vorstelhingswelt von sich aus einer unfreiwilligen Situation einen Sinn zu g״b'n, sie zu einer freiwilligen 1111m1g<->1,illen und ihr so den Diktalcharnkter zu nehmen." Damit berührt der Verfasser des Aufsatzes einen Punkt, der, wie wir glauben, für die zukünftige Gcstaltuiig der deutsch-jüdischen Beziehungen von Bedeutung sein muß. In der Tat ist die Situation der deutschen Juden dann außerordentlich schwierig, wenn sie sich nur als Objekt der Ariergesetzgebung empfinden, ohne daß es ihnen gelingt, wieder selbst aktiv schöpferisch tätig zu werden. Wir selbst haben zu dieser Frage in einem Aufsatz. ״Assimilation und Dissimilat i o»“ am 20. 0. 1933 Stellung genommen und dazu u. a. folgendes gesagt: ״Aus diesem Gründe muß zu dem Willen des Staates, die Juden von sich weg zu dissimilieren, e. i n konformer Wille der Juilen treten, der darauf hinausliiuft, sich zu dissimilieren, d. 11. die Eigenart der jüdischen Gruppe auszttpriigen ... Damit ist die E n t s c h r i d u n g über d i t Zukunft der deutsclien Juilen zum wesentlichen Teile in die Hand der Juden seihst gelegt. Es zeigt, sieh auch hier, daß über das Schicksal einer Menseheng1up|>e in letzter Linie ihre Angehörigen selbst bestimmen. Die Dissimilation der deut sehen Juden, zunächst ein weitgehend formaler Akt seitens des Staates und der Gesellschaft, muß ihr Substrat hei den Juden selbst finden. Wenn wir ,schon vor Jahrzehnten von einer ״jüdischen Remiss a n c c“ gesprochen haben, so berührt dieser Begriff sehr nahe »las, was vor den deutschen Juden heute als Aufgabe steht. Die Renaissance ist, so könnte man es etwa ausdriieken, ein ״aktivistischer“ Dissimilationsbcgiiff. Die Dissimilation einer Gruppe ist ihr Bestreben, aus sich heraus neue Fruchtbarkeit zu entwickeln.“ 111 der Tat ist ein Kriterium der Bewährung für die deutschen Juden die Frage, ob sie es verstehen, die Zeichen der Zeit zu deuten und die in ihnen liegenden Kräfte zu entfalten. Auch hiermit beschäftigt sich der von uns erwähnte Aufsatz im ״Völkischen Be* obachtcr“. Er sagt hierzu folgendes: ״Pas Dritte Reich gibt ihnen hierfür in Gestalt des ״Kulturbiimles deutscher Juden" ein Mittel in die Kami. .Wenn freilich der sogenannte jüdische Kulturbund glaubt, lieh dtych die unermüdlirhe Aulliihmng von mi'grm linct, ״N’mhin der Wehe“ einführen zu niii-seu, so ist das emc 11111lose Geschmacklosigkeit, die zeigt, daß man dort den Wink iim hl verstanden hat. Der Kulturbund, »Irr unter l.cilung von so eul-.1 lilosseiien Asslmil,inten wie Dr. Singer und Bab steht, hat überhaupt eine bemerkenswerte Scheu, spezitiseli jüdische Motive in seine Arbeit hiiiciiuiilragcn, obwohl die jüdische Literatur, besonders auch die hebräische und jiddisrhe, genügend Slot) lüeten konnte. So freilich ist Dissimilation nicht gut möglich. Aber vielleicht wird einmal eine Umgestaltung der jüdischen Schule das nachholcn, was der Kulturbund versäumt.“ Juden brechen Neuland — Zum 25j״hrißcn Jubiläum von Tcl-Awiw (von Dr. Arthur Ruppin, mit Bildern) — Da» Recht jüdischer Arbeitnehmer — Die Juden in Obcrsclilcslen — Zur Lage In der Berliner Gemeinde. Beilagen: Jußend-Rundschau (u. a.: Briefe au» der Hachscharah) — Palästina-Wirtschaft — Sport-Rundschau (mH Bildern) — Berliner Rundschau. Wir haben unsererseits niemals geleugnet, daß wir all das, was heute von weiten Teilen des deutsehen Judentums an ״Kulturbetrieb“ gemacht wird, nicht als eine echte Renaissance jüdischer Werte bezeichnen können. Auf der anderen Seite darf man nicht verkennen, welche besonderen Schwierigkeiten gerade das deutsche Ju* dentum bei den Bemühungen zu überwinden hat, selbst wieder ״jüdischer“ zu werden, da es weitgehend assi* miliert ist und ein Prozeß, der ein Jahrhundert dauerte, nicht in wenigen Monaten auch nur zu einem geringen Teile rückgängig gemacht werden kann. Wir glauben, daß die starke Beziehung, die das deutsche Judentum heute zu Palästina besitzt, eines der wesentlichsten Mittel sein wird, um eine echte Renaissance des deut• sehen Judentums herbei/tifiihren. Palästina Ist ja für uns nicht nur ein Ort neuer Sammlung der Juden und nicht nur eine Chance ihrer gesellschaftlichen Gesundung, sondern der Punkt, an dem der Inbegriff der jüdischen Leistung aus unserer Vergangenheit in eine lebenskräftige Form der Gegenwart transformiert wird. Wir meinen, daß die Wirkung Palästinas in dieser Beziehung auch im deutschen Judentum sichtbar wer* den muß. Hierfür allerdings ist entscheidend wichtig die Gestaltung des Erzichungswerkes der deutsehen Juden. Wenn Lenders in seinem Aufsatz in diesein Zusammenhang auf die jüdische Schule hinweist, so liegt hierin gewiß eine richtige Erkenntnis. Aushau und innere Ausgestaltung der jüdischen Schule sind der wichtigste Garant dafür, daß das deutsche Ju* dentum nicht als eine Gruppe, deren frühere Lebens- Stellung umgeformt wurde, in Deutschland lebt, die aber im übrigen Iliiisionenen nachgeht, sondern daß cs in seine m Kreise und unter Respektierung der im Zusammenleben verschiedener Gruppen gegebenen Grenzen ein eigenes Leben aufbaut, das gerade unter den Gesichtspunkten als ein Wert betrachtet werden kann, die im neuen Deutschland maßgebend sind. Wir nehmen an, daß diese Bedeutung der jüdischen Schule immer stärker erkannt werden wird. Das gilt nicht zuletzt von der Vermittlung höherer jüdischer Bildüng an unsere Jugend, die nicht etwa auf die Erlangung von Berechtigungen entscheidend abzielt, sondern den Versuch macht, einem Teil der jungen jüdischen Generation vertieftes jüdisches Wissen und damit die Möglichkeit zu schöpferischer jüdischer Ar* beit zu geben. Wir Zionisten, die wir den Weg der Assimilation des deutschen Judentums niemals akzeptiert haben und den Versuch, aus einem natürlichen Vorgang eine Ideologie zu machen, stets mit aller Entschiedenheit bekämpften, kennen auf der anderen Seite die Schwierig* keiten, die für das deutsche Judentum in seiner Gesamtheit der Weg zu sich selbst mit sich bringt. Wir glauben aber, daß dieser Weg der einzige ist, der den deutsehen Juden eine Zukunft bietet, und wir meinen, daß unser Anteil an der Gestaltung dieser Zukunft, die Leistung Ercz Israels für die deutschen Juden und die Diasporajudcnheit überhaupt eine zentrale Bedeutung haben muß. . K. L