Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 25-26 (28.3.1934)
- Date
- 1934-03-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2653452-2653476--25004-2682116- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Preis RM —.45 39 25/26 / Jahrgang )׳ןן 1~־p—r ק־זווד־י־ן C’ ILifc. / f j ׳י\ X \ r ר־־־־ו נ—r I. ״J L W1r)r11el»01t*.Verl«g ■. A111t.lff<n>v«rwalt*nx 1 BerMn WIS, Malnakaatr. 1« j;pmrl1j!Samm»'l־Nr. J l Bi*m»rci 31SI/B2,7165Z70,7240/42. - I3atugRpr*i« סזין Monat ml, 2,-, pto ייזיייס^ HM. 5.75• Poatachack• Konten der Ahonn.jwent*-Abteilttn|p P״lln7l573 0"׳ Gto*- Berlin), Berlin 17 3«« (lur den nhri*« Reich). Aud.ndi- ן»,,!« ln jeweiliper Undriwühnin*. — Erachelnt Jeden Dienet■( ■n,i Freit«(. -.״ ךrtn ^.-.1 ~..3 י״ב ניסו תרצ״ד MITTWOCH, 28. MAERZ 1934 U cw 1—r ו r~1׳ m ן t 1:1 1 1 \ ׳ fX, ,3 EL«3 J 0er Zionismus erstrebt tör das JQdlsehe Volk dl« Schaffung einer öttontllch - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. •—ffimfBliiiH '11— sag—J ■J VMÄtP-.'Ä'L‘־ WU' ■ ־ - ■wMmituiinim י ----—■ - ■ AnitlftaUrif 1 Di*!2g«N*ps1t*n* Mitllno»t<*r*Z«Hl• RM. —,20» Mir Srnltmgmwlm RM. —,10, hir F*mHirnnacltrkhh«n RM —,15* ESn?«Untfft«n aur gegca Vorsu•- ZftWluni •ttl P«»1 •check•Konto Berlin 7161B «hIm in der Anreisen■ Annthm• Montag bl• Frelisg 9—15 Uhr. AnnuhmeschUjS lür dl« Dienstag -Aua|*b• Monts! 10 Uhr lüi di* Frelt»t-A\)»Kab• Mittwoch 13 Uhr (FamiUenameigett hia PonncnU! 10 Uhr)!.Basitir Programm•• ןך*-־״״ ״£) ^m׳m, RW, Jerusalem, 20. Mürz. 5ר.ון Pessach fest, das Juden in der Ranzen Welt feiern. I'ier, in diesem Laude, ist es ein besonderer Einschnitt des Jahres. Nirgends ist Pessach so lebendig vic hier. Aeulicrlich schon ist es ein Datum, von dem a11c man rechnet; der Winter ist vorbei, das ganze Land sieht in seiner bezaubernden Blütenpracht, die erwachte Natur scheint stets von neuem ein Symbol der Auf■ crslclnmg, des Aufschwungs der Seelen, und dazu kommt das Ziisammcnströmen von jüdischen Besuchern aus allen Teilen des Erdkreises, diese neuartige Wall• fahrt, die mm schon zum feststehenden Brauch geworden ist. Innerlich aber ist es noch anders; wenn man hier in diesem lande die kultischen Worte spricht; ״der 1)11 uns licrausgctührt hast aus dem Hause der Knecht* schaft“ dann haben sie einen anderen Klang als überall sonst. Wir Juden, wo immer wir leben, werden in diesen Tagen eingedenk der eigentümlichen Dialektik unserer ficsrhirhtc, die mit einem Auszug ״aus Knechtschaft zur t'rcihcil“ beginnt. Denn dieser Auszug ist kein einmaliger Vorgang, er ist ein immer wiederkehrender, im Volksleben ebenso wie im Lehen des einzelnen Mensehen. So wie die Jahreszeiten der Natur und die Phasen des Mondes sieh abwechseln, so scheint es auch im Menschenleben zu sein. Auch ״Freiheit“ scheint — auf Erde« — kein endgültiger Zustand, sondern sie droht steh von neuem zur Knechtschaft zu werden, auf die wieder Freiheit folgen muB. Und• nicht äußerlich ist dies gemeint, sondern jeder Mensch, der Freiheit teil* luftig, neigt dazu, sich der Knechtschaft der Materie anhciin/ii(rohen. Denn cs gibt ja verschiedene Arten der Knechtschaft, und oft ist das, was manche Freiheit nennen, in Wahrheit weit davon entfernt. Wir werden dies und noch viel mehr in unser GcmcinscliaftsbcwulJtscin erheben müssen, wenn wir daran gehen, die künftige Epoche jüdischer Existenz zu gestalten. Fenn eines ist unbestreitbar: In dem kommenden Zeitabschnitt wird Palästina im jüdischen Lehen die zentrale Rolle spielen. Ob wir cs wollen oder nicht, es ist bereits ganz, unabhängig von unserem Wollen gcworden; es geschieht, cs ist eine Tatsache, und von ihr aus wird das Judentum in Zukunft beurteilt werden. H er jemals in Palästina gewesen und die Atmosphäre des jüdischen Werdens hier in sich aul'genommeii hat, Fuin daran nicht zweifeln. Das alles hat mit inncrjiidisdii'n Ideologien nur noch wenig zu tun. Nur völlig weltfremde Eigcnbrödlcr können es leugnen. Aber gerade Ul's, die wir stets um die Bedeutung Palästinas wallten U|1d die in unserer Geschichte herrschende Beziehung ',on Palästina und öaluth bejahen, war haben heute die Aufgabe, zu verstehen, daß der Auszug in die ״Frei- 'סי" ein den Menschen in allen seinen Beziehungen '!״!fassendes Geschehen ist. Darum geht cs alle Juden an. Was sich »c'he in Palästina ereignet, ist nicht ein partikularer ™ffpiig, an dem man feilhaben kann (Hier nicht, sondern cs betrifft die Essenz des Judentums. Gerade wer ^as Judentum als geistiges Phänomen auffaßt, kann 5ich hier nicht unbeteiligt dünken. Palästina ist keines- ^■'fN etwa eine Sache für diejenigen Juden, die dort Ofki investiert halsen oder durch persönliche Bande mit Pähstincnsischcn Menschen verbunden sind; cs Ist vielmehr eine große Probe für das Juden- •uni als solches, für die ethischen und vitalen Kräfte, die in diesem Volk noch aufbewahrt sind. hiervon aber kann kein Jude sich ausschlicßen, auch |VCi1,1 er hundertmal beteuert, damit nichts zu tun zu!üben. Die strenge Trennung, die manche ־zwischen ,,lastina und Galuth machen wollen, besteht nicht. Auch i« Palästina kann ״Knechtschaft“ sein. Wir er- ״offen eine Wandlung des Volkes und des Menschen, *״tr mit einem Sprung ist das nicht getan. Manche '0" uns haben bestimmte Vorstellungen von jüdischem heben, strenge Forderungen an ein jüdisches Palästina, x ץ Ir haben uns zu sagen, daß die heutige Wirk- •dikcit dem nicht entsprechen kann. Wir stehen vor dem ״Wirtschaftswunder“ eines blühenden und rapid wachsenden Gemeinwesens, aber das ״Pfingstwimdcr“ des heiligen (leistes ist noch nicht geschehen. Die Menschen reden mit verschiedenen Zungen. Es wäre ungerecht, anderes zu erwarten, denn so gewaltige LJm• Wandlung bedarf Zeit, und nichts ist unfruchtbarer als Ungeduld und vorschnelles Handeln. ״Dränget nicht das Ende!“ ־- Das war eine weise Warnung Acliad Haarns. Das neue Judentum kann nur organisch wachsen. Aber die Liebe und die Sehnsucht aller Juden muß schöpfe* risch daran mithaucn, wenn nicht andere Kräfte übermächtig werden sollen. Wir können uns nicht mit der Antwort zufrieden geben, die manches — ganz richtig — erklärt, wir sind ja für alles verantwortlich. Das ganze jüdische Volk steht heute vor großen Problcmen, die die Welt erfüllen, aber in Palästina stehen wir vor ihnen in einer besonderen Art.. Hier ist alles, was im Galuth durch die Situation verschleiert war, ganz greifbar und sichtbar. Darum hat hier mehr als irgendwo jüdischer Geist und jüdisches Wesen sich zu 1) c w ä 11 r c n. Dies gilt auch in den Fragen, die gegenwärtig be• sonders akut sind; Wesen und Form des National!»* tmis, Bewältigung der Spannung zwischen nationaler Aufgabe und allmcnschlichcr Intention. Denn unser jüdischer Nationalismus In seiner modernen Form war immer erfüllt von der Ucherz«ußung, daß ein Volk zwar Träger der Geschichte uiD ׳Dr Kultur ist, aber seinen echten Wert nur i.a ־־Rahmen der Menschheit erfüllen kann; darum ist auch die Nation nicht Selbstzweck, sondern darüber stehen die Gesetze der Menschlichkeit, die für alle gelten, die ״im Ebcnhildc Gottes“ geschaffen worden sind. Wir stehen jetzt zum erstenmal vor dem Zwang, unsere oft theoretisch und predigerhaft verkündeten Grundsätze praktisch im eigenen Leben zu realisieren. Nicht alle Juden sind sich der prinzipiellen Bedeutung dieser Situation bewußt. Es werden noch viele Pessach vergehen, bevor diese innere Freiheit errungen ist. Pessach ist ein Fest des Gedenkens. Des Gedenkens an den Auszug aus Aegypten, aber auch an das, was in jedem Zeit alter geschah. Wb• deutsche Juden haben diesmal einen besonderen Erinncrungstng. War es erst vor einem Jahre? Ls scheint uns wie eine Unendlichkeit, seil die neue Epoche unseres Lebens begonnen hat. Vor einem Jahre war cs, daß wir den Namen ״Jude“ zu tragen hatten, mit all seinem Schrecken und seiner Schönheit. Wir haben uns zu fragen, oh das Jahr seit diesem Erlebnis ein fruchtbares Jahr war. Viele wurden zum erstenmal ihres Judcscins und ihres jüdischen Schicksals innc. Manche von diesen trifft man heute hier i!1 Palästina. Es ist ein eigentümliches Element innerhalb des Jischuw: die Juden ohne Vergangenheit. Ihr Judentum beginnt am 1. April 1033, feiert also jetzt seinen ersten Geburtstag. Sic sind aber nicht die Schlechtesten (obwohl sie sich auch nicht einbildcn mögen, die Besten zu sein); oft ist Vergangenheit eine Belastung. Die Mensehen mit der zionistischen Kinderstube sind in allen jüdisch-politischen Dingen hier versierter, aber das muß kein Vorzug sein. In Palästina besteht die Gefahr, daß man Vertrautheit mit zeitbedingten Dingen der letzten Entwicklung verwechselt mit jüdischem Wert. Der wahre Wert hängt davon ab, ob das jüdi* sehe Erlebnis jenes Tages ein echtes war. Oft scheint es, als ob in unseren Tagen eine neue ״Hngadah“ beginnt, die wir nicht lesen, sondern leben. Und obwohl man hier im Lande oft das Gefühl hat (es ist mehr Fühlen als Denken), daß all diese Anfänge jüdischer Besinnung schließlich hier münden müssen, wissen wir doch, daß cs auch andere Formen des Lebens geben wird. Und ebenso wie wir im Ga'uth unser jüdisches Sein an Palästina kontrollieren werden, hat Palästina sein jüdisches Wesen an der Tat* sache des Galuth zu kontrollieren. Die Problematik des Galuth speist auch Erez Israel, nicht in dem äußerliehen Sinn, daß die Judennot Menschen nach Palästina treibt, sondern viel tiefer durch die ständige Erfahrung, die wir dort machen. Das ist heute noch nicht klar erkannt, Das Leben Ist ״kolonial“, jeden Tag entsteht etwas Neues, kommen neue Menschen, in ständigem Wirbel, der zur Ordnung strebt. Viele Einzelne gehen ihrer Arbeit nach, die Mensehen ringen um eine Existenz, viele haben Erfolg, manche haben auch Fehlschlüße. Im allgemeinen empfindet man die Wirkungen der Hochkonjunktur und man findet viele zufriedene Menschen, die nicht klagen. Aber *}rtk*cdtt* PaliUtinn 10:14, der erste Reisebericht unseres Schriftleiter« l)r. Robert Wcllsch PnlSstincnsischc WwhcnscWi (von unserem palästiivenai• sehen gl-Kom**|>onßcn(cn) Eröffnung der AC-Sit/ung in Jerusalem Bilder mis der llerufsuniscTtkhtung (Bauarbeiter werden vor* bereitet) Zum 70. (iehurlHtiiR von Fron* Oppenheimer (mit Beitragen von Gottfried Snlomon, Ernst Simon, Ludwig Feucht« \s«ngcr, Otto Verborg und Frone Oppenheimer) Recht sirngen bei der Ausbürgerung י י Mn* Buer im Film Pcßnrh-Belhigr! U, «. Hugo Bergmann: Jede Generation hat ihren I’cltnch — Bemerkungen zur Pcßncli-Hngnrinh — Scder-Abcndc in der Geschichte (von Bertha Badt-Strouß) ■— Alexander Adler: Wir sind nu» Aegypten gezogen — Aus einem Roman von S. J. Agnon — Orientalische Hngndahmelodien (von Abc• J»cob*Loewcn»on) —( Holz• schnitte zu Chnd Gadja von Hermann Fcchcribaci, Klnder-Runri.rhsu «. ' Litcnitur-Rlnttt U. r. Thomas Monns ״Junger Joseph“ (von Herbert Friedenth01; — Börnes von Münchhausen —- Hofmnnnsthnls nnrbgchissene Gcdkhto Berliner Rundschau (11. n. Bilder von der Kinder-Aufführung im ״Kulturbund“) — ,Hport-Rundschnu (mit Bericht über die Kmnpfspiclc in Indien) - Hebräischer Fernunterricht. dieser aufreibende Kampf um wirtschaftliche Fundierung raubt die Kraft und Muße zur Besinnung auf gewisse Zustände des öffentlichen Lebens. Viele wollen es nicht hören, aber cs muß gesagt sein: Das Uebcrwuchcrn von Parteipolitik und Partei* streit gibt zu schweren Sorgen Anlaß. Dr. Wcizmann hat bei seinem bisher einzigen Auftreten (vor den deutschen Juden) in Palästina in einigen Sätzen darauf hingewiesen. Die Prügeleien sind fast alltägliche Erscheinungen geworden und die Skrupellosigkeit der Revisionisten ist erstaunlich. Sollte das nicht bald ein Ende nehmen (und wer soll ihm ein Ende setzen?), daun stehen wir vor einer ernsten Gefahr. Wir meinen nicht so sehr äußere Gefahren, aber die i n n c r e Gefahr einer sittlichen und geistigen Verwilderung. Manche Dinge, die sich rings um den Arlosomff-Mordprozeß abspielcn, gehen Anlaß zu argen Befürchtungen. Das alles sind Dinge, die nicht nur ״palästinensisch" gesehen werden können. Es sind j ii d i s c he Fragen erster Ordnung, Fragen von einem Tiefgang und einer Konkretheit, wie sie das Diasporajudentum nicht kannte. Auch das D i a s p 0 r a j u d c n tu!11 hat seine Existenz-Sorgen. Jeder einzelne Jude hat natürlich an seine wirtschaftliche Zukunft zu denken, auch wenn er nicht Materialist ist. Vor einem Jahr schien die ganze materielle Basis der Juden in Deutschland erschüttert; viele einzelne Juden und Berufskategorien haben inzwischen ein hartes Los zu tragen gehabt, auf der andern Seite ist durch die eindeutigen Richtlinien der Regierung die Uebertragung des Arierprinzips auf die Wirtschaft ausgeschlossen worden. Aber neben diesen wirtschaftlichen Fragen, die teilweise noch im Fluß sind, gibt cs andere Fragen. Alles hängt von der jüdischen Haltung ab. Wer außer Landes kommt, sieht, welchen gewaltigen Ein* druck bei allen Juden die Haltung der deutschen Juden macht. Erst dieser Tage erinnerten die palästinensischen Zeitungen an die Parole der ״Jüdischen Rundschau“ zum 1. April 1933, ״Tragt ihn mit Stolz, den gelben Fleck!“ Eine entschlossene, stolze jüdische Haltung fin* dpt überall Resonanz, selbst dort, wo man — wie wir häufig feststellen können — die Lage in Deutschland nicht versteht. Wir wollen aber nicht nur jüdisches Schicksal stolz tragen, sondern auch jüdisches Leben