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Jüdische Rundschau · 1934-03-16 · Heft 22 (16.3.1934) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 22 (16.3.1934)
Date
1934-03-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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jOPISCHE י Nr. 22, 1«. MARZ 1934 >v: I $0S? II! ■11 «1111 l'lilp »CI <y* \י** hf lief Geh V, rr. 'n'4K 8ת״)9,,ז,ן itdPott 11t,' •יי* rfn״!-' nn 1w •״! ח1 toöitinj "»MUr.l'j n «1,2,50 «l> 9,9S 84״!״! ( t.8l. וו brlk 191,1 >lm« MV Mi1,1 .״ *Irr» 1>..1 \\m l.frrthk’ l»! liMntim' W-kanm« |!n«Unv> ׳jiwowiu ז«1ס1ו <?f Horliii n N 54 itmti B011 11 KTlufftr VtlH ppo 1׳mi« 811.18 ff. 1905 In, rn5׳fl. chrei!’״». &ö. Salomone Rosst II Ebreo Ein Kapitel Jüdischer Musikgeschichte Italien um die Wende des 16. Jahrhunderts. Höhepunkt Reriaissnncc. Schauplatz: Mantua, Sitz der Her/ögc von Lraga, Schirmherren der Künste und Wissenschaften. Mittelpunkt einer Litte von Künstlern, Gelehrten, Staats- *"״״״״ und schonen Frauen. Hier ist cs, wo der Jude Salomone Rossi das licht der Wclt erblickt, Sprotl einer alten Rahbi״crf:uniüe. Pf״ der alten Tradition soll auch der kleine Snlnmonc Rabbiner werden. Aber des Knaben Anlagen weisen in (;״e andere Richtung. Fr will nichts wissen von Thora und hlmml. Rahhi A/arlua Rossi, sein Großvater und hedeuttndstcr Kopl jener Zeit, hat keinen F.influlS auf ihn. Den zieht es zur Musik, für die er frühzeitig alitier- (,filontlirhe Begabung zeigt. Der Widerstand im Fltcriinaus ist stark, doch stärkci noch des Knaben l atent. Fr geht nach Cfcninna, wo der herulunte I 11 g e g n c r i lehrt, trifft dort im fast gleichaltrigen Monte Verdi und schließt eine Itbcnslmipe Tmmdschaft mit diesem genialen Musiker, der 4<r Begründer des abendländischen Opernstils werden sollte, fahre des Studiums und innerer Kampfe. Dann plötzlich jcrufuiiff 311 den Hof von Mantua, I וrullimp: ehrgeiziger Träume. Vin/cn/o I., ein Freund Torquato Tassos, macht den kaum zwanzigjährigen Rossi zu seinem H ofmusikc r. Pie erste Stufe ist erklommen. Der Name Rossi beginnt ״her Mantuas (imi/en zu dringen, und bald gilt sein Träger als einer der fahipsten und interessantesten Komponisten jener Zeit. Jedes Jahr bringt neue Bände von Kan/onettcn, Madrifilcn und lii.strmneutahverkeii, in denen er 7.11111 erstenmal neue Wege betritt, die grundlegend für die Wcitercutwick- Innfj der perade damals entstebencleii Instrumentalmusik wer- Jen sollen. Der llof überhäuft ihn mit F.hrcn, und der Herzog entledigt ihn der Verpflichtung, den Reihen Fleck, das Kennzeichen jüdischer Abstammung, 7.11 tragen. Rossi widmet dem hohen Gönner eine Anzahl von Werken als Zeichen tiefer Dankbarkeit. Aber sein Judentum hlciht unberührt. Die Widmimp der Kompositionen an den T!erzog unterschreibt er vielsagend: Salomone Rossi Ebreo. Rahhi Leon di Modena, erfüllt vom Geist der Renaissance, verlangt von ihm Tempclmusik im Stil jener Zeit. Rossi kommt der Bitte nach und veröffentlicht 1622 seine ״llaschirim asoher Uschlomoh‘' (Die Lieder Salomos), eine Sammlung von mehrstimmigen Gesängen zu hebräischen OtheUcxtcn, Hymnen und Psalmen, wobei als Kuriosum der (ttbräischc Text von rechts nach links läuft, die Noten aber von links nach rechts zu lesen sind. Die ״I laschirim‘' sollen die traditionellen Weisen im Gottesdienst ersetzen. Die Qpp> sitlon in der Gemeinde ist groß. Mail will sich van den jahrhundertealten gewohnten Melodien nicht trennen. ״Seit der Zcisfoimig des Tempels ist das Lied verstummt‘‘ ist ei» wichtiges Argument gegen diese, neue Musik. Aber!chlidßklt siegt Leon di Modena über die Starr köpfe, und dimit .mihI die ״I laschirim‘‘ offiziell in den Gottesdienst fuigelulirt. Rosst sicht auf dem 1 lölicpunkt seiner künstlerischen liufhalm. Mantua feiert ilm als seinen bedeutendsten Kompomten, Venedig, Florenz, Rom, Wien fuhren seine Werke ruf, und in ilc.i Synagogen Norditaiicns ertönen zum Gattesdienst die ״llascliirim". Da stirbt der Herzog, kinderlos lind ohne rechtmäßige Erben._ Der niaiiUtaiiisehc Lrhfolgekrieg bricht aus und wie eine Fata Morgan:! verschwindet Mantuas stolze Herrlich- Mt. Mit der Erstürmung der Stadt durch habsburgiselic Truppen am 18. August 1610 verliert sich jede Spur der reichen und angesehenen Judciigeincindc. Mantuas Blütezeit unter den Gonzagas ist gleichzeitig (in Stuck jüdischer Kulturgeschichte. Renaissance und huma- "״tische Ideen waren nicht ohne Einfluß auf die dortige Gemeinde und hatten den geistigen Horizont nach 111,melier Richtung hin vergrößert. Hinzu kommt, daß die Herzoge von Gmi/aga in großzügiger Weise jüdische Künstler für-!!erteil und in ihren Diensten beschäftigten. Leone So.in in כ, 'fiter einer jüdischen Sclmuspicltruppc, gab um die Mitte 16. Jahrhunderts regcdiuallig Vorstellungen am Hufe. dci riieim •tr.!<י *««;«*«fl ln , Kul'»■?* Zohnr'• fit. ׳'"יי rstf. i° ו en l ntn. *'• >!!«!»*• . kutr« 19 דתן Ii:j trilr-n nn«*3׳« (hl• •tr-n• U K> Knm* *;1 km1' 8'־(״ 11. Af C;י" tmstr. 1° phr«״־" . Au«* ־ 155; «0• 1®; Dichter, Schauspieler und Dramaturg in einer Person, schrieb fr mit seinen ״Dialoghi sull’ arte rappresciitafivo“ das eiste »frk in seiner Art über Theaterdranuturgic und wurde später geadelt und Mitglied der Akademie zu l’adua. Die Musil«! Abramo mul Abramino dall' Arpa, die Kotnpoi! Ist vii David da C i v i t a und Allegro Porta *pulten im damaligen Musikleben Mantuas eine führende ™ilc, Madame Europa, eine Schwester Rossis, war eine ״cüilnntc Sängerin und halte in Montevcrdis zweiter Oper!An,imia“ die i lauptrolie kreiert. Auch ihr Sollt! A 11 s c 1 m 0 »ar als Komponist bekannt. Doch die überragende Person- »clikeit war Salomone Rossi. Die Epoche, in der er lebt, ist in der Musikgeschichte Jon einschneidender Bedeutung. Es ist die Krise der vokalen b'lyplmiiie ,Das Zeitalter der mehrstimmigen Vokatkomiio-!l 1,111 findet mit l’aiestrina Krönung und endgültigen Ab- GilulS. Doch ein neuer Stil keimt bereits auf, musikalischer Ausdruck des neuen l.chonsgefühls, «las der Renaissance ™f'nimle liegt. Der glühende Subjektivismus jener Zeit, die ü'hlcckung des modernen Individuums und seines persön- 511'n, einmaligen Wertes in geistiger Beziehung, findet ihr Kiinstlcriscii-iiuisikalisehes Ae 1ו1ןtvalent in der neuen Monodie, ״״■ Ausgangspunkt der gesamten modernen Musik. Die 1'!lodie im modernen Sinn, das nnisikalisclie Individuum, ist ™׳deckt und reißt die Führung an sich, die übrigen Stimmen, 'l״s< gleichberechtigt im musikalischen Geschehen, sinken zu Weitenden Trabanten herab. Die Geburt der modernen ״Us1k hat sich vollzogen. . Aber noch ist alles in Gärung. Das Alte 7,11 stark, um «di sofort g;mz verdrängen zu lassen, das Neue noch zu!111T, lim die Alleinherrschaft anzutreteii. Aus dieser krisen- ™hen Zeit, dem Kampf zweier musikalischer Welten, hebt ,1ch nun die interessante Küitstlerpersönliehkeit eines Rossi ״eratis, Exponent einer Uehtrpanpspcriode, im Alten durch e und Tradition verwurzelt, sieht sein Blick in die ,Hui Jur tmd JMJ י״יין Die ״Jüdische llundschau" hat in dm letzten Jahren das Ihema ״Jüdische Musik" besonders gepflegt, und die unermüdliche Vorkümpferin der jüdischen Musik, brau Alice J acah-T.oewenson, hat, solange sie in Berlin war, in der von ihr redigierten Beilage ״Von jüdischer Mnsilt" die prinzipielle Klärung des Begrifjrs wesentlich gefördert und vieles Material hierzu hei gebracht. Die alten Leser der ״Jüdischen Bundschau" iverdvn, soweit sie inuxf/io/iscfi interessiert sind, sich gewiß dieser Veröffentlichungen erinnern. Sia iverden es, ebenso wie unsere zahlreichen neuen Leser, begrüßen, wenn ivir jetzt nochmals durch einen unserer Mitarbeiter eine zusanunenfassende Darstellung dieses Gebietes gehen. (Lied.) ... '־y a s s * jüdische Musik? Gibt cs tt h e r h a u p t J u d i s c h c Musik? Kan n man eine j ü d i s c h c Mn• * * .c *’■ '1. 11 »»nd wie? Inwiefern können wir M 11 s i k j ii di sch er Komponisten der Vergangenheit als jüdische Musik an sehen? Dies sind die Fragen, die den jüdischen Musiker und Musikwissenschaftler heute interessieren. Und nicht nur für ihn ist ihre Beantwortung von größter VC ich >kcit, sondern auch für das jüdische Publikum, das jüdische Kunst kennenlernen will und soll. Mannigfache Vorarbeiten auf dem Gebiete dieser Fragen und ihrer Beantwortung liegen schon vor. Das umfassendste Werk über jüdische Musik ist das Buch von A. 7,. Ul c I solin: ״Jewish Music in its histnrieal development‘‘ (New York, Henry Holt Comp. 111c., 1626) und desselben Vcrfassers ,,Hebräisch-Orientalischer Mclodio1nch־>tz“, 16 Bände, 1011— Inn, in hebräischer, deutscher und englischer Ausgabe, mit ausführlichen. Vorreden und Erläuterungen. Das erwähnte Buch, (las alle seine Erfahrungen und Sammlungen verwertet, gibt eine ausgezeichnete Geschichte der jüdischen Synagogen- und Volksmusik mit vielen Beispielen, geht aber nur kurz. »״f. die ״Allgemeine Musikgeschichte“ ein, bei deren großen jüdischen Vertretern der Verfasser allerdings nichts Jüdisches zu sehen vermag. Das über 500 Seiten starke Werk behandelt diese Erscheinungen nur auf 6 Seiten. — Ein anderes, intcrcssanies Werk ist das Buch des Nichtjudcn Heinrich Berl: ״Das Judentum in der Musik“. Es kommt — in der Klarlcgimg jüdischen Geistes — zu ähnlichen Ergebnissen wie die Forschungen Idclsolms, betrachtet aber die jüdische Musikgeschiehie nicht historisch und kommt so 711 einigen (der Tcmlciu zuliebe) allzu konstruierten Feststellungen, d:e historisch nicht in allem stichhaltig sind (Stuttgart 1626). Das sonstige Schrift! um — abgesehen von den Monographien über jüdische Musiker — beschränkt sich im allgemeinen auf Auseinandersetzungen mit Wjguers Polemik ״Das Judentum in der Musik“ oder versucht aufznzeigcn, durch Aufzählung von Männern und Werken, was die Juden geleistet haben. So l)r. S. Lev y: ״Das Judentum in der Musik‘‘ (Erfurt IO'!()); Koliuts ״Berühmte isr. Männer und Frauen“, Bd. I, usw. Andere Untersuchungen existieren über das Volkslied, den Svnagogengesang, die Spielleutc und fahrenden Musiker und über einzelne Musiker oder Musikergruppen, sowie über die jüdische Mudi< in Rußland (Ss.ihancjcw, Wien 102?). Demgegenüber brauchen wir eine Basis, die dem Kiinstler Ausgangspunkt eines neuen, bewußt jüdischen Schaffens sein kann, eine Volkskunst-Basis, die den Künstler ähnlich befruchten wird, wie z. B. im 10. Jahrhundert die große russische Musik von Volksmelodik befruchtet wurde. Ferner ist eine historische Grundlegung nötig, die es uns ermögbeht, die großen Komponisten einer jüdischen Musikgeschiehie vom jüdischen Standpunkt aus 7.11 sehen, zu hören mul zu beurteilen. Wenn wir diese Basis schaffen können, so werden wir auch die Fragen nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer jüdischen Musik beantworten. Sie wird auch die Grundläge für eine künstlerische Aufbauarbeit und die M 11 s i k e r / i e 11 u 11 g kommender Generationen In Palästina sein. Daß Musikalität und Freude an der Musik eine bezeichnende Charaktereigenschaft der Juden ist, braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden. Musik gehörte zu den sichen Künsten der biblischen Zeit, lind aus den mannigfachsten Stellen der Bibel können w׳ir ihre Bedeutung hcrauslescn. Daß diese Musikalität aber eine eigene Art hat, die der anderer Völker nicht gleicht, daß jüdisch-orientalische Musik sich von der übrigen orientalischen Musik wesentlich abhebt, daß die Musik der deutschen, französischen, russischen und anderer europäischer Juden Züge zeigt, die sic von der Musik der ,anderen Völker unterscheidet, ist weder allgemein erkamit und anerkannt worden, noch ist cs ohne weiteres über/engend. Für unser europäisch-klassisch geschultes Ohr klingt arabische, persische, oriciitalisch-jiidisclie Musik zunächst eben einfach fremdartig, orientalisch — die Musik des italienischen Renaissance-Musikers Rossi klingt uns wie die andere Musik־ dieser Zeit. Die Romantik Mendelssohns erscheint uns deutsch, die ״Carmen‘‘-Musik Bizcts französischspanisch, Mahlers Volkslieder sind uns Beispiele deutscher Empfindung usw. Um beurteilen zu können, ob in den nheiulländischcii jüdischen Komponisten nicht vielleicht docli ein Stück morgenländischer Musikalität steckt, müssen wir uns zuerst mit der Aiidersartigkeit dieser m 0 r g c 111 ä n d i 8 c h c n Musik?י rra ך Ii לז!ס■ Jy *in ׳s^, ״ **"ןיי*ף^ ך^יייין ן I 1 *.:! WjP & F9?ui'imft, Wold schreibt er noch Kanzoiicttcn und Madrigale l’alestrinas Stil, auch seine ״llaschirim“ gehören dazu.;י."* mit seiner Triosonate ״Detla ia Modcrna“ legt er 1613 Jl* erster die Grundlagen zur Kirchensonate und damit auch vertraut machen. Die Ucbrrcinstimmung svnagogaler Ticsänge 111 Gemeinden, die nie miteinander in Berührung gekommen sind oder einem fremden Einfluß ausgesetzt waren, lassen darauf schließen, daß sie auf eine gemein״,ime Wurzel zurückgehcii. In Europa sind die Gesänge, die in mündlieber Ucbcrlicferuiig lebten, stark von europäischem Gesänge beeinflußt worden: im Orient aber linden wir sie noch in ziemlich unverfälschter Eorm. Aus ihnen muß man die Eigenarten des jüdbeheu Mnsikcmidinilens hcrauslescn, da uns keine Theorie, kein System erhalten geblichen sind. In der biblischen Zeit war hüihstes und schönstes musikalisches Ausdrucksmittel die menschliche Stimme; die Instrumente waren nur B1׳;;leit1111g, Vernernng. Die t.cvitcn sorgten . für eine hochstehende Gesangdudtur und durften keinerlei Instrumente spielen. Die Stimme war Ausdruck aller Gedanken und Empfindungen. Die Weisen, die im Tempel gesungen wurden, kamen aus Volksmelodien, denen religiöse Texte unterlegt wurden. Die w c 111 i c 11 e Musik unterschied sich nicht wesentlich von der der Naelibarvölkcr; in ihr spielte der Rhythmus eine wichtige Rolle, hier wurde das Instrument zum Diener der Stimme und des tanzenden Körpers. Die alten Weisen der Juden zeigen viele kleine Motive, die in einer bestimmten Tonskala augeordnet sind: die Zu* sammensetzung mehrerer solcher Motive ergibt eine Weise — so wie für den Orientalen komponieren überhaupt ״zusammensetzen“ bedeutet. Die jüdische Musik ist abo eine improvisierte, aus kunstvoller Anordnung bekannter Motive und Skalen zu einem stimmungsvollen Ganzen bestehend. Die Musik ist im großen ganzen unrhythmisch, re/itativisch; die rhythmische Musik gehört ins Bereich des Weltlichen, des Tanzes, und wird geringer geachtet. Die starke Empfindsamkeit, das lebendige Gefühl des Orientalen bedingt eine lebendige musikalische Melodie, voller Ornamente, Tremolos, Bewegtheit. In der Schönheit der melodischen Linie sicht der Orientale die vollendete Musik; daraus ergibt sich, daß ihrem Wesen die Harmonik, Akkardik fremd ist. Diese musikalische Schönheit ist allen verstandlieh — im Gegensatz, zu der europäischen Kunst musik ist sic eine wahre Volksmusik. Die jüdische Musik kennt fünf Haiipt-Tonskaleit, die aus Trtrachordcn zusammengesetzt sind. Sie teilt diese Skalen mit den übrigen morgcnländischcn Völkern, aber in ihrer Anordnung ist sie eigen: durch die Konstruktion ihrer Weisen, durch die Bewegung, die in diese Motive kommt, durch die Art des Vortrags drückt sie ihre eigensten Stirnmunpen aus. Mit unserem europäischen Dur-Moll•(icfülil können wir die Charakteristik in diesen Melodien nicht vcr* stellen; denn Tonrcihen, die für 1ms einen Mollcharaktcr halwn (obwohl man mit diesen Begriffen gar nicht au diese Melodik Herangehen sollt!׳), brauchen keinen traurigen Untergruml zu haben, sondern charakterisieren oft UoSftuuigsfreudipkeit, frohe Bewegtheit und T()ureigen, die man nach am ehesten mit unserem Dur vergleichen konnte, und werden für getragenere Melodien benutzt. Die fünfte Reihe aber, ilie sogenannte Ahavoh-Rahlmh-Reihc, hat das Charakteristikum, das heute den meisten Musikern so typisch-jüdisch erscheint: die ü Ir c r 111 ä ß i g c S 1k u 11 d c. Aber gerade von d i e s c r Reihe hat Idelsohn nachgcwiesen, daß sie in den biblischen Weisen ursprünglich nicht vorkommt und erst später aus der Musik anderer Völker übernommen wurde. Dann aber wurde sie sehr belicht, weil in ihr etwas Romantisches, ein starkes Gcfühlsmomcnt liegt, das zum Ausfluliventil aller Gefühle geworden ist. Die auf mannigfachste Art zusammengesetzte Melodie ist das Kennzeichen der Musik des alten Judentums. Instrument und Rhythmus sind untergeordnete Diener, die begleitend, präludierend oder 7wi«chettspiclcn1l verwendet werden. Die Form dient der Melodie, entstellt aus der Aneinanderreihung der Motive und Melodien. Die Harmonie ist unbekannt. Das Instrument aber wird aus der Landschaft ge Wonnen, seien cs die verschiedenartigen Saiteuinstrumcnre oder Pfeifen- und Blasinstrumente, von denen die Bibel un# berichtet. Nur so können wir diese Musik verstellen. Heim unsere Musik kommt n i e 111 m e I! r von Körper, Seele und Landschaft, sondern von Instrument und Harmonie, die Körper und Seele beherrschen und nicht ihnen dienen. Harmonie, Tonalität im heutigen Sinne stellen der jüdischen Seele fern; und wir können sehen, daß auch die in aller Welt assimilierten Juden etwas von ihrer mnrgcnlämliscncn Seele behalten und durch die Jahrtausende der Geschichte bewahrt haben. Noch ein letztes Charakteristikum soll hier kurz angedeutet werden: so, wie sich der Jude den Völkern, zu denen er kam, assimilierte, so assimilierten sieh auch stets seine Lebenshaltung, seine Kunst, seine Musik. Der starke geistige Traditionsziisaiumcnhang der Juden aber hat auch auf diesem Gebiet Grenzen gezogen; schon in ältester Zeit durften die Vorsänger nur daun fremdes Melodicngut in die alten Weisen einfügen, wenn aus der Verschmelzung noch immer das Eigene Itcratiszuhörcn war. Und so wird sich zeigen, daß auch bei den assimiliertesten abendländischen jüdischen Komponisten immer etwas Andersartiges, gegenüber ihren Zeitgenossen auffällt. Mau wird gewiß nichts Einheitliches finden, was die Komponisten von Rossi bis Schönberg vcrbindet, aber man wird beweisen könni'ii, daß sie sich stets in irgendeiner individuellen Weise von ihren Zeitgenossen abheben, Peter Gradcnwitz, Freiburg i. Br. •— Grundlagen zur -- . .. sP׳iteren klassischen Soiiatcnforiu. in seinen ״Sinfonie. ״Varic sonatc" ist er der Pionier dieses neuen rnelxli- Stils und erobert auf dem Gebiet der musikalischen °nncn Neuland, das keiner vor ihm betreten hatte. Doch üdt er teilt das Schicksal aller Vorkämpfer und Weg- «fütcr einer neuen Idee oder eines neuen Kunststils. Die 'a9t. die er streut, braucht Zeit, um heranzureifen. Als der!;0l?e Bau der klassischen Symphonie fertigstand, war Rosst« “»"ic l.mgst der Vergessenheit anheimgcfallcn. ־'*hört ״un auch Rossi der allgemeinen europäischen Musikan, so hat er doch mit einem Werk sein tpithet ״“ Ebreo“ auch künstlerisch zu bekräftigen versucht. Seme ״Hasch iri 111" sind der erste Versuch eines jüdischen Komponisten im Galutli, Musik auch für sein eigenes Volk zu schreiben, der erste Versuch, den traditionellen Gesang beim Gottesdienst zu reformieren und durch neue Kunstmittel zu modernisieren. ״Die Lieder Davids nach Regeln der Musik zu verherrlichen und verschönern", wie er in dem hebräischen Vorwort sagt. Rossi begeht dabei den Fehler, den ganz anderen Klanggesetzen unterworfenen hebräischen Text in der Art der italienischen Sprache zu behandeln. Er läßt die fundamentalen Unterschiede in d׳r Prosodie der beiden Sprachen unbeachtet. Er hält sich nicht an die Liturgie, wiederholt Phrasen willkürlich und verstößt damit gegen ein strenges Gebot. Er verwendet nicht ein einziges traditionelles Molix- oder eine alte Gebctsmclodic, die die Gemeinde an ihre langgewohnten Weisen erinnern sollten. Das einzig Jüdische an seinen ״Haschirim" ist der hebräische Text, die Musik jedoch kommt nicht aus dem Geist des Dibclworlcs. Sic konnte im־ Gottesdienst x i urzcl fassen und blich der Gemeinde innerlich fremd. Man kehrte später zu den alten Weisen zurück und Verbannung aus der Gemeinde drohte jedem, der irgendwie dk traditionellen Melodien zu ändern wagte. Trotzdem ist Rossis Versuch nicht ohne Einfluß auf die spätere gottesdienstliche Musik geblieben. Er zeigte Mftg- , lichkcitcn einer Reform, die später auch durchgeführt wurden, Die Einführung mehrstimmiger Chöre in den Gottesdienst der Synagogen Mitteleuropas, lange vor Saloinon Sulzers Reformwerk, ist in der Hauptsache auf Rossi zurüek ״ I Tuen. Dr. M. C a r n e r. ״Erinnerungen und Begegnungen". Von einem 85jährigen Violinvirtuosen (Verleger und Autor: J. Kornfeld, Swinemünde). Dieses Schriftchen ist als ein liebenswerter Rück* blick eines hochbejahrte» Musikers auf sein Lehen zu werten. Der Verfasser ist als Geiger mit den berühmtesten Kunstlern seiner Zeit bekamitgcworden. Seine Erinnerungen bereichern allerdings nicht sehr stark unsere Kenntnisse von jüdischen Musikern wie Joseph Joachim, Ferdinand Da - vid (Kornfelds Lehrer), Ignaz. Mosch c I es, Julius He* ncdictund den anderen wie Liszt, Au her, Nikisch, Sarasate, Caruso. Das Wesentliche aller dieser kurzen Artikel bleibt der ehrfurchtsvolle Ton, in dem von den Meistern erzählt wird. — Die Behauptung, daß Julius Benedict (Dirigent und Komponist, in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts gestorben) ״aus einer alten Adcisfamilie‘‘ stamme, ist natiirlieh irrig. Benedict war vielmehr der Sohn des Bankiers Moses 13. lind erhielt erst später seinen Adeistitel. Er war auch nicht nur der Freund Carl Maria von Webers, sondern — was wichtiger ist — sein Schüler. Hans Nathan. ■;rr;P!; 6 1 03

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