Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 20 (9.3.1934)
- Date
- 1934-03-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Eln״l.t1״|f,יי,ז ״,״ ״|> V״״״». »•hlung ,״I rv.t.ch*ck.K״mo U,,lln 1ל MS «1,,!״ J״ Anrcle.n.An״,hm. Mo״״* h cl'r.li.e•»-» Uhr. Ann.hmc. hl״S Wr di. Dlm-i.n-A״«*•b. Mom.g 10 Wir "״ dl.hrcl1.c.A״,g.h״ Mmwnch 13 Uhr (l׳'.mlll»n,nrrleen bi. Dornirr•!.* 10 Uhr) ״Baseler Programm•* nie , besonders י*" , 'S* u« Menfrag Hie J ז ״ ■•11' ״ r a g e stell! in allen Famlcm,!11 «lenen Inden ׳) |)ןroDercr Z.1I1I leben, auf der Tagesordnung der «ffent'lichen pj!kus5ion. Die großen geistigen Ausein,imlcrsetzunpen, die , den meiden Völkern geführt werden und nach politischen Aiwinickslormen suchen, können nicht an der Tatsache voriKjpdirit, dal! inmitten einer anders,artipen Umgebung Juden Icbcii. D.'im knimnt, «lall die schwere wirtschaftliche Krise, die die meisten i ,ander noch immer hcinisncht, die Juden- |r3״f hrcmieml macht, weil insbesondere weite Kreise der nichijmlischen Intelligenz auf eine Einengung ihres Lebensbcfciclies durch die Juden zu stoßen glauben, Am heileutsnmsten sind im Augenblick diejenigen Ent- *icUunpeii, die in Oesterreich vor sich gehen. Wir lishcn die Versicherungen «ler leitenden Staatsmänner Oesterrrichs veröffentlicht, <lie dahin gelicn, «lall an der rechtlichen Stelltinj» der österreichischen Juden sich nichts ,ändern solle. Andererseits vernehmen wir immer wieder Stimmen, die eine Sondcrbi'handlmip der österreichischen Juden in erster Linie K1I wirtschaftlichem Gebiete verlangen. Ls ist nicht zu IniCiu'ii, daß eine starke Ströumng iin österreichischen Volke Mclit, die in irgendeiner Form eine Ausnahmestellung der ,!crrcieliHclicn Juden anstreht. l»1nl seihst wenn diese Ten- 1i,nrrn vorerst nicht zu Erfolgen kommen sollten, muß doch <U Stellung der Juden in dein auf christlicher Grund- :>;c errichteten österreichischen Ständestaat eine sehr scliwic- 1igc weiden. Kaum weniger kompliziert ist die Situation, in der sich dis polnisch c Judentum befindet. Auch wenn cs sich n diesem Lande nicht so sehr um rechtliche und verfassungsiltige Probleme handelt — obwohl auch diese im Hinblick »ti die polnische Vcrfassuugsrcform für die Jmfeii nicht ln•- drutungslos simf —, ist die Diskussion «ler Juden frage in Polen in vollem Gange. Mehrfache Debatten im polnischen Sejm und im Senat zeigen, «laß die antisemitische Oppositon in Polen eine Lösung der Jtidcufragc anstreht, die für m polnische Judentum verhängnisvoll sein müßte. Es wird j׳;MH weniger gefordert als eine Befreiung Polens von einem (roßen Ttilc seiner jüdischen Bewohner. Die Regicnmg setzt den Wünschen «ler antisemitischen Nation;ildcmokratcn zwar starken Widerstand entgegen, aber trotzdem verschlechtert sich die tatsächliche Lage des polnischen Judentums »11 Monat zu Monat, Zum Teil wird cs von allgemeinen ge- Müfdiiiisclieii Maßnahmen infolge seiner besonderen sozia- Im und \virlsch,ältlichen Schichtung mehr betroffen als andere Teile der polnischen Bevölkerung, zum Teil sind die Juden immer wieder Exzessen misgesetzt, sowohl in verschiedenen Süillcn iles Landes wie auch Besonders an «len Universi- Wen, deren Studentenschaft ein Hart des radikalen Antiseinitetnus ist. Acliniich wie in Polen ist die Situation in Rumänien, teh dort ist die Regierung gegen eine Entrechtung der Juden und bekämpft die oppositionellen antisemitischen ötuppen; trotzdem ist die Lage der Juden außerordentlich «ul und insbesondere brechen immer wieder die Unruheherde *י den Universitäten aus. Auch in den kleineren Staaten des Ostens ist die Lage der j«dcn wirtschaftlich lind politisch nicht einfach. In Litauen Stellt eine heftige antisemitische Hetze, in Lettland ist d* Stellung der Juden im Hinblick auf die Vcrfassungsfdorm schwierig. , ers kompliziert scheint im Augenblick' die Situation Griechenland zu sein, wo in dem Juden Zentrum ■ donihis eine äußerst scharfe antisemitische Agitation ge- Weben wird, und wo zugleich auch die wirtschaftliche Lage d'f jüdischen Bevölkerung aufs äußerste gefährdet ist. Wir wollen hier davon abseh en, «lic wesentlichen Ziigc ®f Judenfrage in den überseeischen Ländern dar- 1®feilen. Nur der Hinweis ist erforderlich, daß auch dort, *׳)hin die Juden Europas unter dein Druck der Jiidcmiot ge- *ändert sind, diese Frage nicht zur Ruhe kommt. Selbst in Südamerika wird, wie wir unlängst berichten konnten, autc über die Behandlung d« jüdischen Bevölkerungstcilcs ״ der Oeffcntlichkeit diskutier». So stellt sich die Gesamt- ■SW des jüdischen Volkes in den meisten Ländern als äußerst *יי dar, den Wechsclfällcn des politischen Lebens imterwor- und besonders heftig den Schwankungen der Wirtschaft- K'fn Konjunktur ausgesetzt; meist ist man nur darum be- ™"'t, die Existenz tlre nächsten Tages zu sichern. Für uns tlrtschc Juden, die wir seit einem Jahre die Judenfrage an besonders eindringlich keniieiigelerivt haben, ist es ^1,tiR, zu wissen, daß auch*^jenseits der״Grcnzc11 die Sorgen . jüdischen Volkes nicht aufltörcn und «Hfl unser c״icksaI nicht ein Sonderfall, sondern ein aufltörcn und .. aller- ״•...vi. einprägsames —• Beispiel für die umfassende c ist, die alle Teile des jüdischen Volkes angcht. «Kongreß der Jfudcnkcnncr" dsR^ ״Völkische Beobachter“ vom 7. 3. meldet, . der diesjährige F r ü h j a h rs k o n g r e ß der Judenp!"״,er «Iler Länder am 14.-17. März nicht, wie gestsMi'״ ^arscille, sondern in der Südschweiz bei Bellinzona «tbndet. Die Zusagen sind zahlreicher als In den früheren ״hre״ ״gangen. . es IConzcssionsffcscfz in Polen angenommen W a r s c 11 a u, 5. März.. (J. T. A.) Die Hnmfchkommisslon des polnischen S e j in hat nach längerer Debatte das Gesetz über die Einführung des Konz.esslons- und Innungszwangcs für. alle (Schiele wirtscbaftlicfier Betätigung und des Befali'gungsnacliwelscs für Handwerker und Kauflcutc, in dein 111 jüdischen Kreisen eine schwere Bedrohung der jiiclisehen Wirtscliailspositioncn In Polen erblickt wird, ln zweiter und driller Lesung angenommen. Allerdings wurden besond ereil arten des ursprünglichen Entwurfs beseitigt. So wurde bestimmt, daß der Befähigung*- naclnvcis erst nach drei Jahren cingcführt werden und sich auf diejenigen, die heule schon in den behelfenden Wirtschaftszweigen tätig sind, nicht erstrecken soll. Im Namen des Jüdischen Klubs bekämpfte Ahgcordneter R o 111• n s t r c i c 11 in längerer Rede die Vorlage. f:r wies «larauf hin, daß durch den Konzcssionszwaiig und insbesondere ilurcli den Immngszwang eine Klasse von Pri* vilcgicrten gcsdialfcu werden würde, die sich leicht unliebsanier Konkurrenten werde entledigen keimten. Er stellte eine Reihe von Abäiitleniiigsniiträgcn, in denen Ausnahmebes1im11um״e11, resp. Dehergringsbestimimiiigen für gewisse Berutskategorien, in «lenen Juden stark vertreten sind, wie Inhaber von Autoluishetricben, Lastträger usw., sowie «lic Befreiung vom Knnzcssinns/.wang fitr neu entstehende Beruls/weige in 1 lamlel und Industrie gefordert wurden. Auch verlangte er die Befreiung der heute schon wirtschaftlich tätigen Personen vom Befähigungsnachweis, Auch von iiatioiialdeinokratischcr Seite wurden Einwämte « gegen den (iesctzcsvorschlag erhoben. Es sprachen die Abgeordneten Zclinskv und Gurtschak, die sich dagegen wandten, daß Juden und Polen in denselben W i r i s c h a f t s k o r p o r a t i o n c n zusammengefaßt werden sollen. In «ler Abstimmung wurde der Forderung des Abgeordneten Rottenstreich, den Befähigungsnachweis auf die schon heute beruflich Tätigen nicht niis/udclmen, dem Vorschlag des Referenten gemäß Rechnung getragen. Dagegen wurden alle übrigen Ahändcrungsmitriigc abgclrhnt und insbesondere «lie Eininliriiug des Befähigungsnachweises 1111«! Konzessionszvvanges ausdrücklich a u c 11 liir neu ent• stehen d e B e r 11 f s z w e i g c beschlossen. Die Judcndcbaüe im polnischen Senat Warschau, h. März. (J, T. A;) In der Sitzung des polnischen Senats kam cs wieder, wie wir bereits mel- «leien, zu einer J11 d e 11 «I e b a 11 c. Der Referent für das sanitäre Budget, Senator Sobolicvvskl, kritisierte die jüdischen Parlaincntnricr, «lic sich bei der Abstimmung über das Budget «ler Stimme enthielten. Die polnische Regierung, sagte er weiter, mische sich nicht in «lie inneren jüdischen Streitigkeiten ein, unterstütze die Palästina-Bestrebungen des jiidisehen Volkes, auch bekämpfe sic Terrorakte gegen Juden. An ■diese Worte des Referenten knüpfte «ler national• demokratische Senator Koszycki an, der erklärte, die polnische Intelligenz lebe in tiefer Armut, und wo cs gelte, zwischen einem Polen und einem Juden zu wählen, dürfe die Wahl nicht zweifelhaft sein. Das jüdische Volk ist um 301)0 Jahre älter als «las polnische, hat mehr KnUurerfahning und stärkere Nerven. Wolfen wir, daß die Zukunft dem polnischen Volke gehören solle, so müssen w i r die jüdischen Rechte beschränken 11 n d immer mehr Juden von der polnischen Erde entfernen. Die jetzige Regierung aber hat kein Gefühl für die Tragik der I nge. Warum fürchten wir die Juden? Wir haben es erlebt, daß parallel mit dem Niedergang des internationalen Handels auch die Bedeutung des intcr• nationalen Judentums und der Freimaurer gesunken ist. Die polnische Regierung hätte die von «len Juden kontrollierte internationale Presse nicht zu befürchten. V i z cm i 11 i st er Korssak wies die Aeußerung Kos/vekis zurück, daß die polnische Kultur auf einer niedrigern! Stufe als die jüdische stehe. Der Referent Sobolicwski erklärte, die Regierungsmehrheit werde nie das I u d e 11 p r o g r a m 111 der Nationaldemokratcn ak z c p t i c r c 11. Antisemitische Kundgebungen an der Warschauer Universität Warschau, S. März. (J.T. A.) In einem Hörsanf der Warschauer Universität veranstalteten nationaldcmokratischc Studenten eine lärmende Kundgebung gegen die von den U 11 i v e r s i t ii t s b c 11 ö r d c n verfügte S t r c I - chunp des Arier Paragraphen aus den Statuten def Studentischen Organisation für gegenseitige Hilfe ״Bralnla Pomoc" und verhinderten dadurch den rechtzeitigen Beginn der Vorlesung. Als der herbcigcrulcne Rektor der Universilät Im HiSrsaal erschien, war dieser von den Dcmonstranlen bereits' geräumt worden. Am Abend fand abermals eine Kundgebung der nationaldemokratischen Studenten statt, in der antisemitische Losun« gen ausgegehen wurden. Infolge der gespannten Lage herrschte unter der jüdischen Studentenschaft während des ganzen Tages außerordentliche Besorgnis und Nervosität. Nach einer Meldung der ״Frankfurter Zeitung“ aus Warschau vom 6. März wurden jüdische Studenten von den nationalistischen Studenten aus tien Hörsälen geworfen und verprügelt. Die Lage wurde schließlich so bedrohlich, daß der Rektor die Polizei zu. Hilfe Tief und die Ruhe im Gebäude «vicdcrherstelleii ließ. 32 nationalistische Stu-, deuten wurden dabei von der Polizei verhaftet; 18 Stu« deuten sind im Verlaufe der Unruhen mehr oder min« der schwer verletzt worden. (Weitere Meldungen S. 2.) Das Leben der deutschen Juden ist in allen Be- Ziehungen, die es mit der deutschen Umwelt verknüpfen, auf eine neue erkenntnismäßige Basis ge* stellt worden. Wir meinen damit das Wissen tun die A n d c r s a r t i g k e i t der Juden gegenüber der Mehrheit des deutschen Volkes. Dieser Grund satz muü zwangsläufig zu Konsequenzen führen, die den Lebensrntim der deutschen Juden völlig umgestaltcn. Nicht mir die wirtschaftliche Betätigung, sondern auch die geistige Lage der deutschen Juden basierte bis vor einem Jahre auf der Annahme, daß Juden und Nichtjuden im wesentlichen gleichartig seien, so daß sie an. allen Funktionen des gesellschaftlichen Lebens in gleichem Maße Anteil haben könnten, wobei man zwar stillschweigend gewisse Differenzierungen im Wesender beiden Gruppen anerkannte, diese aber nicht als besonders schwerwiegend ansah. Ganz besonders überzeugt wurde diese Haltung seitens der deutschen Juden selbst vertreten. Heute nun steht vor uns die Aufgabe, uns in einem 'Lebensmut! cin/uriclitcn, der nicht mehr von der Annähme der Gleichartigkeit von Juden und Nichljuden ausgeht, sondern der zur Voraussetzung hat, daß tiefe Wescnsverschicdcnheiten eine differenzierte Behandlung im gesellschaftlichen Leben erfordern. Es ist notwendig, daß wir Juden selbst, wenn wir an der Umgestaltung unseres Lcbcnsratimcs arbeiten wollen, zunächst einmal die Bewertung der Leistungen von Juden, die bisher bei uns üblich war, etwas revidicrai. Wohl wissen wir, daß eine erhebliche Zahl deutscher Juden, wie überhaupt der Juden Europas in der Zeit seit der Niederreißung der Ghettoschranken große Leistungen auf den verschiedensten Lebensgebieten vollbracht haben, die in den Kulturbesitz der Völker unauslöschlich tihergcg,äugen sind. Der bercch•• tigte Stolz auf die geistigen Anlagen des Judentums, jlic sich in diesen Persönlichkeiten offenbaren, darf uns aber nicht dazu verführen, nun ohne weiteres all das als eine besonders hochzuschät/cudc jüdische Leistung auzuerkennen, was von Juden im allgemeinen Lehen ausgefiihrt wird. Zwar sehen wir, daß auf den ver* scliiedcnslcn Gebieten Talente in großer Zahl aus den jüdischen Reihen hervorgegaugen sind, und daß sie sichtbare Leistungen vollbracht haben, aber wir müssen erkennen, daß es sich hierbei vielfach nur um eine Tätigkeit an der Oberfläche handelt, die mit den wah - ren Kräften und den echten geistigen Gütern des deutschen Volkes und auch der anderen europäischen Völker oft nur lose verknüpft ist —zu schweigen davon, daß viele von denen, die im Kulturbetricb der Umwelt stehen und heute mit dem Stigma ״Jude“ bezeichnet werden, gar keine Beziehung zum Judentum haben und sich weder als seine Vertreter fühlen, noch auch von uns als solche anerkannt werden können. Wenn gerade auf kulturellem Gebiete die Tätigkeit von Juden heute so stark abgclchnt wird, so besteht für «ns die Aufgabe, den davon betroffenen Menschen wirtschaftlich zu hclfeil, um ihnen die Möglichkeit einer Existenz auf neuen Grundlagen zu geben. Nicht dagegen können wir diesen Kreis deshalb für das Judentum als besonders wertvoll betrachten, weil er eine Zcitlang im öffentlichen Leben geschätzt war und von der U 111 weit als ein Vertreter des Judentums angesehen wurde. Wir wissen, daß eine besonders starke Empfindlichkeit bei allen Völkern dort besteht, wo es um di# Wahrung der kulturellen Güter im engeren Sinne geht. Hier ist ja ein Gebiet einer sozusagen verdünnteren Luft, eine Atmosphäre, in der die Leistung des Einzelnen besonders sichtbar wird, und wo im Ge* gensatz zu den Feldern der schaffenden Arbeit, auf denen die Wertschaffung nur durch den Einsatz von Tausenden und Hunderttausenden möglich ist, durch das Wirken Einzelner bereits das Gesicht einer Zeit bestimmt werden kann. Es ist nicht nur der Wunsch, die kulturelle Zukunft eines Volkes zu sichern, der das Interesse der öffentlichen Meinung ctw׳a so stark aul Kunst und Wissenschaft hinweist, sondern es ist auch der in jedem Kulturvolk lebendige Sinn für die Anmut des Lebens, die letzten Endes der Lohn einer jeden Generation für ihr Tagewerk ist. Auch wi* deutschen Juden empfinden dies heute in einem beson* deren Maße. Es war eine der ersten Reaktionen det Erlebnisse des vergangenen Jahres, daß unter den dcut• sehen Juden eine starke Bewegung zur Schaffung eigener künstlerischer Institutionen ent• stand. Daraus sehen wir, daß wir diesen Lebensbezirk selbst unter äußerlich schwierigen Umständen nicht ent• f