Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 17 (27.2.1934)
- Date
- 1934-02-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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m ן p u R I M - BEILAGE Esihcr und Mordacliai Von Ma reelle Blank (),Irr (km Titel ״Gehl, Ihiif’el Euch uml Opfert!" heil ft K1 ־>'׳'>»״'/׳’"״־' ״'״''"״/״‘tinm-Lencnde g<schrieben, am kr m ״;״׳׳'> '״״ Abschnitt zur VeröfjenlHchnnv. zur Ver- Lime *י'•״״, •׳;•» -׳«•»׳ Gespräch zwischen [silier Will Muruuehm enthält. j(et( Eine kalte Naehtluft umsohhig ihre Stirn, und gierig, ,!di dein modrigen Duft des Oclteimgangs, sog gjt• sj(• c.j|ז_ •ie druckte sich gegcn_ die Mauer, wie I latliach,' der Lumich, ■,f gewiesen. ... An dieser Stelle kein Wächter, kein Mensch. ״ Von ferne erblickt sie die goldenen Kuppeln des Palastes f!1(1 die I hieb er der Frmienliiüiser. Bildbatt und fluchtig '■urrhstreifte sie die Erinnerung an den Tag, der sic j׳nr Königin erhöhen. Da tlk* Gebnude von Menschenhand ihr ״•ir die Krone aller Schöpfung erschienen, da Macht und jjßjt/ ihr als das größte Glück ntif Erden winkten. Heilte erschien es ihr nnders. Die ganze Erde trug rin!,Öles (h vv.'iiuI. Die Kuppeln des goldenen Daches verschlossen ,Id! Hliek in die Sterne. Wunderbar ruhig und kühl wnr ,ijr Weite des I llinmelreichs über ihrem Haupte. Und der i'jlin eigener Grolle versank unter der Erkenntnis des Staubffhnn'iieii im WcKcnrainu. Und der Weltenrauui umfing die f1.111l'!;ehnrene mit einem milden, göttlichen Eicht. Erst heikler Berührung einer ll.uiil an ilirer Schulter j mvachte in ihr wieder das Bewußtsein der Grausamkeit des rtücmvartigeii Augenblicks. *״ ־Mordacliai!!!״ Kindlich hilflose Hände umklammerten die Schultern des üterliclieu Freundes, und erlösende Tränen stiir/ten auf dessen Brust. - Ucrucli von Fell und Asche erweckten in ihr Uebel- ,(11. Furchtbar war Mordacliai an/uschauen in seinem Trauer-? jewand. I r sagte, indem er an seinem Kleide niedcrschaütc, ן r;!t selbst« cnichtlichcm Zucken um seine Uppen: I' ״Ich hin /um Tode bereit. Zu Staub und Kot und Er• r.icdrigunpr, Esther.“ § lind I silier zog den Mantel fester um ihre Schultern. || Drn!1 sie schämte sich ihres glitzernden Saumes und der klirreni«n Kitten ans (iold und Edclgcsteiii. 1־ Und sie wagte nicht mehr von Flucht zu sprechen. Sie wußte, «lall Mordacliai niemals folgen würde. 1 ״Vielleicht ist diese Stunde ein hoher Gewinn״, sagte er. | .Ich bilde /uniek zu den Meinen und trage das Erbe meiner si 'ater “ ״ ןWelcher Art ist dieses Er In׳?“ Esther fragte cs bitter.!״Glaubst du an eine Auscrwiihhmg, Mordacliai?" I Fr prellte die Lippen aufeinander. Abgewandt sagte er; | ״Die daran glauben, werden verdammt sein.“ In einer nlüt/lichen Aufwallung gräßlicher Furcht und j. <Areck ha fl er Vorstellungen umklammerte Esther die Schul- T lern des Freundes, wie eine flüchtende Katze den sicheren fi riumdamm. ״Ich will nicht sterben, Mordacliai... Ich fürchte t-sdi, furchte mich! Sie sollen nicht kommen, mit ihren Säbeln, ״!! ־;eil Fackeln!!“ Sie grub ihre Zähne in sein Gewand, in ihre fiH.imlc: ״Ich fürchte mich vor dem Tode, Mordacliai!!!“ {;> Mordacliai löste sanft und bestimmt Esthers I1iiiulc von!!!:inen Schultern. Ruhig und sicher sah er sie an, dann führte j er sie einige Schritte der Mauer entlang. j ״Was ist der Tod", sprach er, ,,was!st das l eben? Wie 1 Emen wir ermessen, ob Lehen oder Tod das Wirklichere;>t f" f.r wies mit stummen Blichen durch einen Mauerspalt. : I Weite Fehler Ingen vor ihren Augen und die Kühe der . 1 Stenicmuulit. Sodann ergriff er ihre beiden Arme, fast 80, : : s!s wolle er durch harten Druck sie aus Jahrhundert altem I . Schlaf erwecken:!; ״Du!“ sprach er, seine Stimme klang hart. ״Wir müssen; ז,ן» Tmlc bereit sein. Zur Erniedrigung vor Menschen, zur i ',;penrculosesteii Aufgabe unseres Selbst.“ 1;! Esthers Augen standen voll Tränen. ״Die Kraft gebricht; I mir“, sprach sic, ״diese verzweifelte Kraft.“ i . ,,Am h die Väter fanden Gott in der Bedrückung und s; «r Tiefe, Das ist unser einziges Erbe, Hadnssa.“ Aber iiadassn grub ihre traurigen Augen in den Sand zu : Ören Fußen. Voll Bitterkeil sprach sie: f ״Warum werden wir zum Lehen erweckt, um das Zelj eben des Todes auf der Stirn zu tragen? Warum werden wir i •-!11 Königen erhoben, 11111 so tief fallen zu müssen?“ Leiden-!;haftüeh rief sic: ״Warum, wenn es einen Gott gibt, Ist 'er w graus,״!ו, unsere Augen zu öffnen, auf daß wir Dinge "/')lauen, um deretwillen wir sie lieber mif . immerdar "iiliellcn möchten! Warum, wenn es einen Gott gibt, erhebt " uns über «las Tier, das in stumpfer Ergebenheit, ohne «’■«•iilllscin uml Auflehnung sich zur Opforbnnk leiten läßt!“ her heiße Atem Mordaebais berührte l-sthers Mund;;•B Kiht einen Gott. Ihm zu dienen, erweckt Fr uns zum "bin, Iäir Ihn zu sterilen, gibt Fr uns den Tod. Ihn zu wliaucn, erhebt Er uns Ether das Tier.“ bin bittres Fächeln um der Esther Lippen: ״Es ist ein kötner Gott, von dem du mir erzählst. Walirlich, ein grauscr Gott.“ Schweigend ging Mordacliai neben ihr an der Mauer ent• Ung. ״Nicht jener Gott, von dem die Väter »nracheii, Ist der, von dem du sprichst, Du bist ein wunderlicher Weher, Mordachail“ ״Es ist der Gleiche, Esther. Doch verstehen Ihn die Menschen nicht zu deuten. Es ist von allem zwei, da* Gott, der Herr, auf dieser Erde schuf: Tod und Leben. Tag und Nacht. Himmel mul Erde. Krieg und Frieden. Kraft der Verliiclitung und die Gnade der l iehe.“ ... Per Naehtwiml erfaßte eisig und scharf den Mantel der köiiigin. ״Gnade der 1 iche?“ wiederholte sie unter Tränen. ״Wie soll ich daran glauben?“ Mordacliai wandte sich um, weil Halhach ein Zeichen gegeben hatte, daß die Zeit der Unterredung bald zu Ende sein müsse. Also sprach er: 1״ ladassa, meine Tochter, Du weißt, warum ich hier vor dir stehe und was ich von dir fordere. Ich bitte dich, erschwere es mir nicht. — Was Ich von dir verlange, dein (״mg zimi König, das Wagnis deines Leben», c» Ist für mich «lern Opfcrniute gleich, mit dem Abraham den Isaak dem Altäre darg c boten. Aber hier gilt Größere» als inner Selbst zu retten. Ein jeder von uni lebt um der Gemeinschaft willen, Ein Purim ״Scherz Neues Palästina •Wörterbuch (Nachtrag 1034) Von M. Y. Ben-guvriül, Jerusalem fevins Kim: y.MJG.־ die Schiffe, die zur Levanten»«»« fall wen. *tlrht um der Gemeinschaft willen. Unsere Sünde war, das Sclbsfgc. .ihl voran/uset/cri und der Gemeinschaft, der wir »״gehörten, zu vergessen. Geh, Esther, laß uns Sühne bringen," Esther stand hilflos, wie eine Verirrte auf weiter Flur allein. Nicht fällig, jetzt im Augenblicke zu entscheiden, *prach sie: ״Gib mir Bedenk/eit. Weißt du doch, wer ungerufen »Ich dem König nähert, der muß sterben.“ Gegen die Mauer gewandt, ohne Esther aimiichauen, flüsterte er in höchst er Erregung: ״So gehe uns mit deinem Tod voran, Königin! Was bleibt un» denn, als unser letzter Versuch, die Pflicht für das Gemeinwohl zu erfüllen und unser einziger Adel, in Würde zu sterben wissen." Esther hob beide Ikirnle krampfhaft zu ihren Uppen. Ais wollten *le In höchster Angst den Mund verschließen. Mordacliai stand unbewegt, den Rücken halb ihr zugewandt, «ein dumpfer Blick zur Mauer und zur Erde. Da plötzlich ging ein Zucken durch der Esther Körper. Und durch die aiigntvoll vorgekrampften Finger entkam in atemlosen Stößen: ״Faste, betei Und sage meinen Volksgenossen, daß sic um meinetwillen fasten mögen...,“ ASTI SED MÜSSE! April 1034, Tcl-Awiw. [JEf,ST//VH/>/«/,;/f,. oicy gcrimmiah. ‘^SlKASEIt: Die Leute, die nllc» schlecht finden. (E» mag heinvr.) WIAVIMI I)AU.ES! Jerusalemer Vorort Schaare hessed, zwisiheii Budmv iuli ulef und 11. beth. fjmsTADT, ERSTE MODERNE: Afule im Emck. 1)1■ ( .( PAYES: Hauptstraße des orthodoxen Viertel® Meid, sclieurim. ץM'OMTinoum: Einwanderer mit kurzen Lederhosen. ^1‘AlllllVlEIITEN, DIE! Tci-Awiwer Einwanderer, die sich «ereil0 Ungeordnet hüben. ׳״.■■AVIVEl׳HE, DIE! Solche, die noch «pa*iercngel1en. aJ/<)0I.()C;1sc1IEII GÄRTEN! Frauenversammlung. W0,lSl!hGSWi:CIISElJ;lEßEll: Einmal jährlich •uftretenuo ,*״׳*heil, auch Muharrnm genannt, ^TSKHATZEIl! einziger, in I’alttetina noch nicht be* von deutschen Einwandern hereingebracht« Rß POEOGNE: Jerusalemer Viertel der polnischen üftYAEKEfli deutsch« Chaluzin*• J־׳. * plj iw r» '*’־׳־'׳ 1־'■ ' ■i 1H T. i; Til t::J & tj m E>ie Welt war aus den Fugen, mul wir befanden ms in einem steckengchlicbeiieu, ungeheizten Eisenbahnlast w a g e n irgendwo in den Karpathen. Zwischen diesen zwei Gegebenheiten drehte sich, wie Nietzsche sagt, «las Rad des Grundes. Das heißt, wäre die Welt nicht aus den Fugen gewesen, so hätten wir un» weder in den Karpathen, noch iti einem Lastwagen und schon gar nicht in einem Zustande der Erstarrung, de» Verlmugertseins unil restloser Apathie befumhit. Aber Politik Ist Schicksal; diesen Ausspruch Napoleons lernten wir in jenen Tagen recht he* greifen und überließen uns einem Dösen, das gerade In der Milte /wischen Totscin uml Lehen lag. Wie aber waren wir in diese Lage gekommen? Der Weltkrieg war längst zu Ende' gegangen. Vier Jahre mul drei Monate hatten wir, bald im Osten, bald 1m Süden, unseren Kriegsdienst geleistet. Eines Tages war alles aus: der Krieg war heeiulet und jeder tat, was ihm paßte. Nach manchen Fährnissen gelang es uns aus der Ukraine, westwärts strchcnil, bis nach Ecmlierg zu kommen. Dort aber gerieten wir vom Regen in die Traufe. Die Sache verhielt sich so: Nach dem Großbeben des Weltkrieges gab es noch kleinere Nachbeben. An vielen Stellen Europas loderten noch kleine Brände. In Ostgalizieu setzten Polen mul Ukrainer den Krieg der Großen fort. Lemberg war der Hauptpunkt der erbitterten Kämpfe. Die Stadt war zweigeteilt. Die Front lief mitten durch. Wir gelangten in den ukrainischen Stadtteil, in den» auch «ins Judenviertel lag. Die Juden beobachteten In dein polnisch-ukrainischen Streit Neutralität. Immerhin erwies es sielt als notwendig, das tndenvierte! vor Angriffen zu scliiit/cu. Es bildete sieh also aus jüdischen Soldaten eine S «־ I b s t w c 11 r, «Ile, allerdings vergeblich, die verängstigte jüdische Bevölkerung vor Pogromgefnlir zu behüten vorsucht»‘. Die Bildung «!er Selhstwinir erfolgte im Einvernehmen mit dem ukrainischen Kommando. Da» war auch nicht nnders möglich, «leim sie vollzog sich «loch innerhalb des von «len Ukrainern besetzten Kampfgebietes, Um ihren cigc- 11en 1.outen Mut oin/tiflößen, meldete der ukrainische Heeresbericht: ״Die Juden gehen mit uns". Das war objektiv unwahr, «leim die jüdische Selhstwchr schützte das ludenviertel gegen Angriffe polnischer Legionäre und ukrainlscher Soldaten. Aber die Polen erblickten in der jüdischen Selhstwchr eine 11k!;ai11iscl1e Fillfstruppe und all sie die Stadt erobert hatten, veranstalteten 81c einen Juden• p o g r o 111. Dies war unsere, die jüdische Kriegsbilanz. Vier Jahre Weltkrieg uml als Abschluß ein Jutlengcmctzel. Acht Tage lang nach «lein schrecklichen Pogrom blichen wir noch in Lemberg. Dann gelang uns die Flucht. In Verkleidung, mit falschen Ausweisen, In mehreren Etappen aber schließlich gelang es uns, außerhalb der polnischen Grenzen zu gelangen. Wir hielten es nicht lange Im Westen aus. Fs zog uns wieder ostwürls. Nach dem Fall Lembergs hatten sieh die Ukrainer in Siidostgalizien verschanzt und dort die W e s t u k r a i 11 i s c 11 c Volksrepublik organisiert. Freunde luden uns ein liinzukommen, um bei der Regelung der ukrainisch-jüdischen Beziehungen mitzuwirken. Wir folgteil der Aufforderung und fuhren über Ungarn, die Karpathen »1111■■düpierend, nach Stanislau, das damals Hauptstadt der ukrainischen Volksrepublik war. Wir passierten Ungarn zur Zeit, als Graf Karol.vi Ministerpräsident war. In Stanislau hielten wir uns einige Wochen auf und beschlossen dann, nach Wien /nnick/ukehrcu. Mittlerweile aber war in Ungarn ein Umsturz erfolgt. Auf Karolvi folgte die H.ätercpierung Bela Kun. Das aber wußten wir in Stanislau nicht. Bis zur Grenze zwischen der Westukraiiie und dem ungarischen Gebiete ging Verhältnismäßig alles platt. Zwar wurde die Lokomotive anstatt mit Kohlen mit Holz geheizt und blieb oft auf der Strecke liegen, aber immerhin — man kam, wenn auch Im Schneckentenipo, vorwärts. Au der Grenze hörte die Herrlichkeit auf. Wir verließen an einer Stelle, von <U*r behauptet wurde, «las sei die EiuUlaSion, «len ukrainisrlieii Ziij׳ und hielten Umschau. Außer einer Soklateiipatrouille, di«' in alten Asterreiehiselieii Uniforme״ steckte und nicht wußte, wem sic eigentlich botmäßig war, kein Hahiibeamter, kein Zug, in nicht einmal eine Ahnung, ob einer aus «lern Südwesten jemals kommen würde. Das war besonders beunruhigend, denn wir hatten die Erfalirtmg gemacht, daß nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie in die verschiedenen Tcilstuaten nur noch ein Merkmal «1er gewesenen Einheit geblieben war, nämlich der Eiscnhalinfahrplnii des ehemaligen Reiches. [>e11n ein Fahrplan eines großen geschlossenen Eisenbahnnetzes ist eine sehr komplizierte Sache. Seine Zusamiuenstelhmg ist außerordentlich schwer und seine Acnderimg auch keine einfache Angelegenheit. Nach einer sonderliehen Art von Trägheitsgesetz funktionierten viele Monate nach der Zertrümmerung Oesterreich-Ungarns die llahnvcrbindtmgcii genau so wie bis zum November 1918 und die Schnellzüge fuhren von Lemberg über polnische* und tschechoslowakisches Gebiet mit dein Endziel Wien, als ob sieh inzwischen nichts ereignet hätte. Da« gleiche spielte sich auch in der Richtung Budapest—Ostgalizlcn ab. und als wir mm auf «ler Hinreise nach Stanislau befanden, fuhren wir ohne 1״״/usteige״ bi* an die gall/hche Grenze, Jetzt aber schien auch die letzte Spur der ehemaligen Gcmeimam« keit ausgemer/t zu sein, unu wir standen mit un*eretn ütpäck in der Gcbirgskältc — die Grenze verlief läng« dei Karpathenkammes — und icor.cn,! ןי5 ״Von wem bekommt Ihr Eure Befehle? Uml habt Ihr Nach richten Verbindung mit den benachbarten f isenbahnstatloncti?" fragten wir die Patrouille. Wir erhielten den Be- *clicid, daß schon »eit zehn Tagen die Bdehlsgebmig ausgeblieben find «laß die telephonische und telegraphische Verbindung auf der Strecke unterbrochen sei. Wir taten «len Soldaten leid uml sic trösteten uns. Vielleicht werde doch ein Zug kommen, und wem! er erst eingetroffeii ist und sieh genügend Reisende ein finden, dann könne man ja versuchen, mit dein Lokomotivführer zu reden. Mittlerweile aber hieß es warten. Wir warteten. Der Hunger (peilte uns, die Kälte fraß sieh in «Ile Knochen ein. Auf einem Nebcngclcise stand ein sclinil* haftcr Lastwaggon, «len wir zmn (ienäcksdepot ernannten. Wir wußten damals noch nicht, daß er auch für Tage unser Hotel sein würde. Wenn mau, sagte uns die Patrouille, einige Kilometer durch den Schnee stapfen. wolle, »Imin könne man bis zu einer Schenke kommen. Dort gibt cs Brot, Milch und vielleicht auch Schnaps. Wir inacliten uns auf «len Weg. Es dauerte sehr lange, bis wir halb erfroren und ganz erschöpft bis zur Schenke kamen. Ein rotbärtiger Jude hauste dort inIt seiner Familie und seiner Kuh. Wir waren während der langen Kriegsjnlire an der Ostfront an «len Anblick von Armseligkeit gewöhnt, aber die einsame jüdische Schenke an der Grenze zwischen Galizien und Ungarn übertraf an Armut und Bedürfnislosigkeit alles, was wir auf unseren Kriegsniiirschen kenuciigclcnit hatten. Der Wirt war der Typus des ostjüdischen ״Areiidars" das heißt ein einfacher, ungelehrter, grobschlächtiger Jude, dessen Sprache «׳in krausc» Gemisch von jiddischen, ungarischen und ukrainischen Brocken war. Zuerst die obligaten Fragen: woher wir kämen, wohin wir führen, was wir wären und wer uns zu ihm geschickt hätte. Wir gaben die gewünschte Auskunft. Er schüttelte den Kopf und dann sagte er, wir müßten ״ns vor den ״Kabinen“ in acht nehmen. Schon mancher Reisende sei spurlos ver* schwanden. ״Kabinen?“ was ist «las? Es stellte sich heran», daß der Schenker tlie Soldaten meinte, denn ״Kanton,1“ ist das ungarische Wort für Soldat, ״Was sollen wir .also tun?“, baten wir um Rat. Der Jude w,!ekelte bedächtig mit dem Kopf, «ler in einer riesigen Schnffellmüt/c bis zu den Augen versteckt war. ״Beizeiten Geld geben!“, war das Ergebnis der langen Ueberlegung. Daß wir in seiner Schenke dje weitere Entwicklung der Dinge abwarten, «las kam nicht in Frage, Wir waren sechs Personen und hätten unmöglich Platz gefunden. Also blich nichts übrig als den Lastwaggon, unser Gepäckdepot, mit Hilfe■ von Stroh und lleu in einen Schlafraum zu verwandeln. Nachdem wir klebriges Brot und Weißkäse gegessen hatten, gingen wir strohuml henhepaekt zur ״Station“ zurück. Wir erkauften 1111s mit Hilfe einiger Geldscheine das Wohlwollen der Patrouille, versprachen ein noch größeres Geschenk, wenn, wie wir logen, unsere Freunde aus Stanislau am nächsten Tage nachgekomincn sein und uns Geld gebracht haben werden, uml richteten uns Im l.astwaggon ein. Drei Tage und drei Nächte hausten 'wir im Stroh. Aus Galizien waren noch einige Reisende gekommen, denen wir in uniercm ״Hotel" Unterkunft gewährten. Unsere ״ervvur* teten“ Ereuiulc waren aber nicht dabei. Dafür aber richteten wir einen regelrechten Wnihblicnst ein, genau wie im Kriege au der Front. Am vierten 'läge ließ sieh «las Fauchen und Rollen einer Lokomotive vernehme». ״Ein Zug aus Ungarn!“ frohlockten wir. Es dauerte Stunden, bis der ״Zug“ einlief, Eine armselige l.astziigslokmnotive mit drei Lastwagen hielt fauchend. NX 1c sicli’s lierausstellte, war es ein ״l’rlvatzug“ eines Lokomotivführers und eines EisciihaliMseliaffners, die darauf spekulierten, daß an «ler Gren/sbile Reisende warten und sieh ein Stück Geld kosten lassen würden, um weiter zu kommen. Die Berechnung stimmte. Wir handelten timl feilschten lange, bis wir mit den ״Zugsmiternchmcrn" einig wurden. Vorher mußten wir fleißig mitiieileu, Holz für die Feuerung lu'rbci/iisehlepnen. ״Wenn es nicht reichen sollte“, meinte «ler Lokomotivführer treuherzig, ״so können wir unterwegs Halt machen und uns Im Wahle mit neuem Holz versorgen.“ Das waren keine hesonders verlockenden Aussichten, aber doch eine Chance, weiter/ukomnien. Man stelle sieh eine Eisenbahnfahrt auf einer unbewaehten und ungesicherten Strecke, mit «lauerndem Halten vor, man ziehe überdies in Betracht, daß plöi/lich Scluieeselimelze eintrat, man beachte, daß wir seit Tagen nicht aus imsereii Kleidern gekommen waren und nichts zu essen und zu trinken hatten, «laß es In unseren Wagen stock«lunkel war und daß der Zug im Scliildkrötentempo durch die Gebirge kroch — dann kann man ungefähr eine Atmung davon haben» wie es uns zumute war. Dazu kam, «laß wir nicht einmal genau wußten, welches Datum wir hatten. Wir rechneten und rechneten und. waren uns weder über «len Wochentag noch über »las Datum einig. Außerdem und überdies war es 1111s nicht klar, von wem eigentlich die Gegend, die wir durch fuhren, beherrscht war: von den Ungarn, den Tschechen, »len Kai pathorussen «Hier Rumänen? Auf den verlassenen Stationen trugen die wenigen Balmangcatclltcn noch die ungarischen Kappen — aber sie wußten nicht, wa» drei Kilometer weiter vor sich ging, ge- *ehweige denn, in wessen Auftrag sie ihren Dienst versahen. So reisten wir denn, immer wieder haltend und im Walde holzend, ins Ungewisse, Zweimal kamen uns Gegcnziigc in den Weg; wir fuhren dann bis zu einer Station nach rückwärts. wartettBj bi« der Gegenzug; entlief! stellten Welchen und