Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 17 (27.2.1934)
- Date
- 1934-02-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Annahmea<hluft liir die DirnstaR-AusKshe Montag ID Uhr für di« Frehat-Auagahe Mittwoch 13 Uhr (l'amilienartreiten hi» Donnerstag 10 Uhr) 77' TT w״> U hj* •ז' \ידךן "?«ד־ץ־׳י TI *n // | 27 |_י! TI T׳^.״ ♦■1• •iwJvaf o fincii ״Am,ilck“ nennt die Judeiihcif seit!!״vorji-nklichcr Zeit jeden Juiknfeiml grölten und kleinen Formals. Aber d;1s Gebul, an Am nick, das Urbild aller II.Nicr Israels, zu (kmken, hat einen merkwürdigen Heje11lt111gsu',1:\׳del erfahmi. Der Hall hat seine Bitterkeit verloren, er hat sich nicht eingefressen, ist nicht zum 1!clbstzcrfleiselicmleii Selbst hall und Ressentiment verunclclt, sondern hat durch einen einzigartigen nur bei •j-s anziitreffcnclcn melancholischen Witz eine cigentiimliehe Verklärung erfalirc״, Bachen und Weinen, jedes zur ■ Hchtipcn Zeit mul am rechten Ort, ist zum Gesetz, zur Jniah“ erhoben, wurde säuberlich kodifiziert und riroprapliiert, in den Schulchan-Arucli aiifgenommen. Ilm ״lernt“, wie man sieh wegen der Errettung am (Purim /וי freuen hat. ״Der Mensch ist verpflichtet, sich 4« Piirimfest zu berauschen, bis er nicht mehr unter- ,״■killen kann zwischen llaman und Mordeclnti.“ Das ist der Humor des Juden: Er schüttelt sich vor Wen, aber die Tränen sind nicht weit davon aus ab-;randtiefer Verlassenheit und Einsamkeit. Er versackt m wegelose Depression und befreit sich durch einen 117, der mit einem Male die trostlose Vcrknotung des ,Teins wieder lost. Ridendo diccrc vertun, lachend die Hirlieit, die bitterste, namenlos traurige Wahrheit sägen, UHterwühlendc, Neigung und Gemeinschaft ^engende Wahrheitslust, Wahrheitslüsternheit durch l!c'!cn, durch einen heilenden Witz zu entgiften, das :alit man am häufigsten unter uns. Man ist dem Wesen des Witzes, des jüdischen Humors, in Lachen aufs ernsteste psychologisch und phätiotnc* Tgwh zu Leibe gegangen. 1014 schrieb Henri Berg-, 'finden klassischen Traktat ״Ec Ri re“ — ״Das Lachen“, «mit, wenn es künftig verloren gehe, es hier endgültig H-chm'bcn sei. Mit dein Lachen ist ein Entspanmuigspoef) verbunden, lehrt Bcrgson. Wir denken an den Ndmvcrs: ..waren wir wie Träumende.“ Bergsou T: ״Die komische Person, die automatisch ihrer Lieb- ';'idee nachgeht, denkt, spricht, bandelt schließlich Mau so, als ob sic träume. Der Traum aber ist eine fepanmmg,“ Im jüdischen Humor steckt vor allem Rc-;nation und Melancholie: In dieser Art von Humor, M Komischen liegt häufig die Tendenz, sich einen Giften Abhang, meistens den der Gewohnheit, hinab- Äitcn zu lassen. Wir können hier keine Witze erzählen, auch nicht ‘יי Schulbeispiele. Denn der Witz hat es in der Tat an ״*.nur als Rohkost gut zu sein; er muß gesprochen "mlcit, d;l jst cr 0ft ausgezeichnet, aber geschrieben, *»gekocht, verliert er alle Patina. Er läßt sich gcschrie- : T nicht gut anftiselien, nicht gut zubereiten, oder nur "11, frcimlartig scharfen Zutaten und Umschreibungen J''ficl1s,am nur ä la tartare); darin ist Ernst Bloch, der ■Wddbcrger Ernst Bloch, der Verfasser des ״Geistes; f Wopie" und der ״Spuren“, Meister. Wie hört sich 4 i!|,l)ikl des grameidstcllten jüdischen Witzes, der be- '«mite Spruch von Ibn Esra, des Bibelkommcntators W2~U(,7) auf dem Papier so schal an: ״Triebe ich * ^frz»n Handel, dann ginge wahrscheinlich die Sonne 1 ״Umler, handelte ich mit Leichengcwänclern, so stellte; 4, der Todcscngel seine Tätigkeit ein.“ Ibn Esra j ״״,Men amerikanischen Humoristen Charlie Chaplin " besten verstanden. Die Deutung des Daseins in 1'Mer der Großstadt“ oder in ,,Goldrausch“ ist von ״tscr Art: Der Jude hat wie zu Doii Quichote (auf iü ich gleich komme) zu der Sorte von Schicmiel, der ' ':<n,a's ** 1 * *'!den Fuß fallt, nie zu einer endgültigen Siehe- I ‘T kommt, eine ganz, echte ursprüngliche Beziehung. ,ץ Ordnung, keine Stetigkeit menschlicher Möglich- DA keine geschlossene Personganzheit, mir die ze!|;.4״!,c Weit in Situationen wirkender Mächte, ein taubewegtes Feld menschlicher Verwicklung und Xff'ieit, schlcchthiniges Ausgcsctztscin und hilfl IU|'hewehrtheit! Das ist der Jude der Diaspora, dem # י|0י^ג ״ nicht vergangen ist. weil cs oft seine einzige bildete. k J'‘1' das alte Israel der klassischen Zeit war das fc? n0«h nicht Befreiung und Entspannung, zum M ״ des souveränen Geistes ist es erst später ge- 5ץ״י• Unsere Alten wissen sehr fein zwischen dem |r0L IScuen, ungläubigen Lächeln oder Lachen und dein 1, ■ache" aus reiner Herzensfreude zu Unterseite!- ' Ueb« die biblisch-hebräische ,Vokabel ״zachaq ״ - צחקlachen“ verbreiten sich unsere klassischen Koinmenfaforen der Bibel oft des Langen und Breiten. Zu der Stelle I. Buch Mose 17, 17: ״Abraham warf sich nieder vor Gott und lachte“, bemerkt Raschi, der große mittelalterliche Erklärer, daß dieses Lachen ein gläubiges Siehfieuen über die Verheißung der Nachkoinincnschnft war, während Sarahs Lachen über die gleiche Verheißung, zwar mit dem gleichen hebräischen Wort bezeichnet (ebenda 18, 12), ein ungläubiges Lächeln bedeutete. Die Haltung Abrahams (Genesis 15, b: sein Glaube) und Sarahs (Genesis 18, 12 ff. ihr Lächeln) bilden für den aufs feinste fühlenden Er- Zähler einen scharfen Kontrast. Die Rabbinen später sprechen selten vom Lachen; cs wird meist als ״unwürdiges Verhalten“ erklärt. Sowohl das ״Z’clioq“ in Genesis 21, (> als auch das ״l’zaclicq“ Ex 32, 6 wird auf Götzendienst, Uebcrtrctung der Eheverbote und Blutvergießen gedeutet. ״Sacliaq“ חק^ dient in dem Schrifttum des Midrasch und Talmud zur Beschreibung einer Haltung, die das genaue Gegenteil der Haltung des Thorahcflissciicn ist. In der tannaitischcn Tradition (etwa b. Talmud Bcraehoth 31a) wird vor einem Beten ״tnithoch s’clmq“ als einer unwürdigen Haltung gewarnt; diese Formel erscheint in einer Art Lastcrkatalog. Frommes, um die menschliche Abhängigkeit wissendes Verhalten ist den alten Lehrern ein Gegensatz zutn befreienden Lachen, also zur Bejahung des Menschen als autonomen und souveränen Wesens. Auch der Puritaner, der dialektische Theologe lacht nicht. Dein Juden des Mittelalters ist das Lachen vergangen, aber er hat es nicht vcrUrnt. Auch uns will das l achen auf den Lippen ersterben, aber cs ist uns Entspannung und Befreiung. Der A11sw׳cg ist uns gc* blieben. Der schon erwähnte Ernst Bloch hat für das Phänomen des ״witzigen Auswegs“ eine wahrhaft einfühlende Beschreibung gegeben: Er erzählt zur lllustricruiig folgende ״Auswcgsgeschiclite“, die hier abgekürzt wiedergegeben sei. Es ist die Geschichte von dem Rabbi, der Gottes Werke gepriesen batte, und wie vollkommen doch alles eingerichtet sei, wie schön und klug. Da tritt ein Buckliger nach Schluß der Predigt auf ihn zu und sagt: ״Rabbi, ihr habt so wunderbar gesprochen von Gottes Werken und wie schön doch alles sei, wie sinnvoll und klug. Aber seht mich an: bin ich so schön und sinnvoll und klug!“ Der Rabbi sah den Mann an lind sagte: ״Für einen Buckligen bist du schön, sinnvoll und klug genug.“ Hier ist in Wirklichkeit ein Schulbeispiel für den witzigen und wahrhaft weisen, gottergebenen Ausweg. Der Rabbi nimmt nichts zurück, der Bucklige ist die von Gott geschaffene Form, gut, in ihrer Art vollkommen, wie sic ist. —־ ״Lachen müßt’ Ich“, sagte der arme, sein ganzc^, Lehen schwer geplagte Zaddik auf seinem Sterbelager, ״Indien müßt’ ich, wenn es jetzt auch mit dem Vorsprechen vom Gau-Eden (vom Paradies im künftigen Leben) nichts wäre.“ Hier ist die lächelnde Resignation und Ergebung ins Unvermeidliche auf die Spitze getricben. Von der Art sind die ältesten jüdischen Witze, Sic werfen ein Schlaglicht auf die bis zum Rand mit Illusionen erfüllte und gleichzeitig vollkommen klar über sich selbst gewordene jüdische Existenz, ״Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf“: ״Wenn mir noch das Allergeringste vor■kommt“, herrscht der zoriiigc Prinzipal seinen Buchhalter an, nachdem er ihm seine alten Missetaten gegenüber der Geschäftskassc, gegen Frau und Tochter des ״Unversöhnlichen“ vorgehalten hat, ״wenn mir noch das Allergeringste vorkommt, sind Sie entlassen.“ Jeder deutsche aufgeklärte Jude kennt den Mensehen, den Zeichner, den Humoristen Wilhelm Busch. Hier ist der diametrale Gegensatz zum jüdischen Humor, auf den durch diese Folie das hellste Licht fällt. Hofmiller, der eben verstorbene große süddeutsche Essayist, hat uns schon vor 25 Jahren den Star gestochen: ״Hat man schon bemerkt, daß Busch eigentlich der Regisscur und Kommentator der Bosheit ist? Jener tiefen, Schopenhauerischen Bosheit, die nichts anderes , ist als uneigennützige Freude an fremden Leiden und sich bis zur Grausamkeit steigert? Die Bosheit ist, genau betrachtet, die eigentliche Heldin dieser fröhlichen Bilderfolgen“ (Hofmillcr, Zeitgenossen, München 1910; S. 159). i . , ' ־ K f Schopenhauer In lapidarburlcskcn Reimen! ״Aus der Nacht der Bewußtlosigkeit zum Leben erwacht, findet der Wille sich als Individuum, unter zahllosen Individucn, alle sterbend, leidend, irrend; mul wie durch einen Aus dem Inhalt: Die Lage der Palästina-Einwan- " derer aus Deutschland — Zum ersten Todestag von David Koigen — Reichivertretung und R.J.F. — Der jüdische Anwalt. In ״Purim-Beilage“ u. a.: PurimbaU in Niemandsland — ״Esther und Mordechai" von Marcclle Blank — Eine, alte Megillah. In ״Kinder-Rundschau“ u. a.! Purim in Erez Israel» mit Bildern — Purim im Osten. ״Berliner Rundschau" bangen Traum eilt er zurück zur alten Bewußtlosigkeit.“ So Schopenhauer; Busch drückt das auf seine Weise aus: ״Eli’ man auf diese Welt gekommen Und noch so still vorlirh genommen, Da hat man noch bei nichts was bei, Man schwebt herum, ist schuldenfrei, Hat keine Uhr und ki-iiic Eile, Und iiiißcrst selten I angcwcilc. Allein man nimmt sich nicht in acht. Und schlupp! ist man zur Welt gebracht.“ Diesen bedauernswerten Melancholiker, der früh erschöpft im Ncgativeii-Subjektivcn versank und der auch vor dem Religiösen und Heiligen nicht Halt machte, hat man bis 1910 für einen Lamilienliumoristen gehalten lind den Kindern in die Hand gegeben. ״Das Leben ist ein fortgesetzter Betrug“, heißt es bei Schopenhauer; ״hat es versprochen, so hält cs nicht; cs sei denn, um zu zeigen, wie wenig wünschenswert das Gewünschte war: so täuscht uns also bald die Hoffnung, bald das Gehoffte.“ 1111״ Durchschnitt ist. man kummervoll“, sagt Busch, ״und weiß nicht, was man machen soll.“ Busch glaubt wie Schopenhauer nicht an die angeborene, erst durch die Kultur verdorbene Güte cles Menschen: ״Denn der Mensch als Kreatur I lat von Rücksicht keine Spur.“ Obwohl uns für diese Beobachtung die untrüglichsten Beweise erbracht wurden, ist die Art des Humors dem Juden von der Wurzel her fremd. Die Psalmstelle 126,5: ״D i c unter Tränen säen, werden unter Lachen ernten“, war von jeher die populärste Bibcistclle bei den Juden; seine graue Hoffmingslosig* keit, die auf ihn! lastende schwere Gramschaft wird immer wieder gebrochen und löst sich in einem befreienden niemanden verletzenden Lachen; er lacht unter Tränen. Er hat von jeher Don Quichote, von dem er selbst unverkennbare Züge trägt, mehr geliebt als Busch. Der Gleichmut, der Humor, die phantastische Spielfreudigkeit dem Diesseitigen gegenüber bat ihn bei dein spanischen Ritter, dem närrischen illtisionsbcladcncn Schwärmer, der mit Windmühlen kämpft, mehr angczogen als die gallige trockene Art des niederdeutschen Melancholikers. Der ״jüdische Ausweg“ ist, wie wir gesehen haben, ein anderer. Ein Beispiel dieses ״witzigen Auswegs“ sei liier zum Schluß als Purim ־ Kurzweil, aber auch zur Erhärtung unserer These vom Wesen des jüdischen Humors Ernst Bloch frei nacher/ählt: Die zweite, ganz junge Frau eines Rabbi, der mit hoben Jahren noch einmal geheiratet hatte, sollte eines Tages ihre Liebe und Opferwilligkeit auf eine harte Probe gestellt finden. Nach mehreren Jahren glücklicher Ehe wurde nämlich der alte Rabbi krank und sagte zu seiner jungen Frau: ״Von diesem Bette werde ich mich nicht mehr erheben; ich spüre, der tnalach-harnowcs (der Todesengel) holt mich zu meinen Vätern.“ Hannali, die junge Frau, weinte und beteuerte: ״Sprich nicht so frevelhafte Worte! Sollte, was Gott verhüte, der Todesengel wirklich die Schwelle überschreiten, so werde ich mich ihm anbieten und sagen: Engel des Todes, lasse meinen Rabbi leben und nimm mich an seiner Statt.“ Der weise Rabbi mißtraute indes seiner schönen Alkcstis; aber als diese in ihren >i . i