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Jüdische Rundschau · 1934-02-23 · Heft 16 (23.2.1934) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 16 (23.2.1934)
Date
1934-02-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Aud.nd.- HWI Mi!•״112'•״ Landaawihrtmg, - Eradtalnt jeden DIanatag and Freitag. P«r Zlonlgfflu^orstrobt «ar dsm JOdlschs Volk dl« Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten ח׳ אדר תרצ״ר יו*״״’ '־־■•' ־”־' ־־ ־ י'• nimiij, /-iminnati- 1”״'"י^L״,H״wlhnmי״׳יי־•״ ״־‘*י׳•1״יי״,־*' ‘״‘•״*״5י ־ ■״‘•*. FREITAG, 23. FEBRUAR 1934 Aa1*!g«ntarlf t Di• L2ft*«ptlten• MiUtm«11»r2״^li« RM. —-,20, tür 5t<*HeneemieiH« RM. —,10, für F»mili<mruchrich1en HM. —,IS. EimeUm-eigon nur g*R*n Voraua• yahlung auf Po!M»<hpck-K.onto Berlin 7161*1 011er In der AnrHß eri-Annihm« Montag 1)1• Freitag 9—15 Uhr. AnnshmeschluS für dl« Dienstag-Aufgabe Montag 10 Uhr filr di• I’feMag.Auagalta Mittwoch 13 Uhr {FamitiensnteiRfln hl• Donnern■* 10 Uhr) Heimstatt« ln Palästina. ״Baseler Program m** ' i (“r*/ y^/ _ e יי / ן } * 77 ן i 0 71 9 cm mem In schier berühmten großen Reife auf dem ersten Zi0nistc״k<mgrcß in Base! 1897 hat Max Nord au einen Ucbi'rblick über die Lage der Juden in der Welt i jachen. Hs war von jüdischer Seite die erste vor aller ' Veit vmi einer öffentlichen Tribüne aus gegebene Darsicllimg der Juden frage und zugleich ein Appell an die Teil «ml חג die Juden, dem gewaltigen Versuch ihrer |.ö?nng ilire Unterstützung zu gewähren. Als Nord au 111 dieser Rede die Schilderung des jüdischen Elends 11;1d des ״Luftmenschentums“ in den Juclenbezirken des nnstischen Rußlands, wo Millionen Juden kaum das Notigste zu essen hatten, beendet hatte, kam er auf die! Vcstjudin zu sprechen und begann folgendermaßen: ״Der Jude des Westens hat Brot, aber der Mensch kbt nicht von Brot allein.“ In jener Zeit der Konsolidierung des mittel- und rcstciiropäischcn Bürgertums schien cs unwahrscheinlieh, daß in den Kulturländern diesseits der russischen tirnize die Jiidenfragc einmal auch eine Frage des ״Brotes“ sein könnte. Inzwischen hat sich die Lage geiiidcrt. Die nach dem Kriege einset/ende Wirtschaftsirisc hat die gesamte soziale Struktur der Gesellschaft erschüttert, durch die Inflation wurde in vielen Ländern der MiffcUfnnd vernichtet, viele Berufszweige, in denen < Juden tätig׳ waren, wurden von der Entwicklung ausgc-!!clialtd, und schließlich wurde in einem so wichtigen Lande wie Deutschland auf gesetzlichem Wege der Anfeil von Juden in wichtigen Berufen, in denen sie vorwiegend zusamincngedrängt waren, eingeschränkt. In Amerika wurden nach dem Ende der Prosperity breite Schichten pauperisiert, darunter natürlich auch zahlreiche Juden. Wir haben es hier teilweise mit allgemeinen Entwicklungen zu tun, von denen die Juden ebenso bctroffen werden, wie die nichtjüdischen Angehörigen derselben sozialen Schicht, teilweise mit spezifisch jiidisclicn Belastungen, die auch das Wirtschaftsleben tangieren. Der Satz, ״Der Jude des Westens hat Brot“, k1lt heute gewiß nicht mehr so allgemein wie 1897, als « gesprochen wurde. Damals hatte der Jude des Westens Brot, aber dennoch gab cs auch im Westen eine Juden frage. Denn 1itr Mensch lebt nicht von Brot allein. Er braucht, um rten m gönnen, aucli ideelle Güter, die seinem Leben und Ziel geben. Man nennt uns Juden häufig •!Materialisten“, aber niemals in der jüdischen Geschichte sich das jüdische Volk mit materiellen Gütern zufrieden gegeben, immer hat cs im Geistigen Erhebung wd Trost gesucht und auch gewußt, daß es selbst ״rn dieses Geistigen willen da ist. Erst die letzten M Jahre vor dem Weltkriege haben eine jüdische Ge- Seilschaft heranwachsen lassen, die durch eine falsch Erstandene Assimilationssucht so weit von ihrem Mutterixxlen entfeint worden war, daß sie — einem ai gemeineu?״ff der Zeit folgend — im Geschäft aufziigchen schien, i'ie Haltung dieser Generation von Juden, die wir heute Eiion unter entwicklungsgeschichtlieiiem Aspekt sehen 1 Hirnen, war gewiß auch nicht durchaus einheitlich, aber f vielen fehlte das Gefühl der Verpflichtung gegenüber ltr Gemeinschaft. Das materielle Leben, in das man die i?milic mit einbezog, ersetzte häufig andere Ideale; Theodor Herz! bat die Gesinnung solcher Menschen seinerzeit einmal in der Formel zusammengefaßt: ״Wenn ״^Geschäfte gehen und man gesund ist, läßt sich das ,'"״ge ertragen,“ Nun entstand die neue Erkenntnis, d3ß auch ״das Uebrige“ sich nicht ertragen *ßt. Der Mensch braucht gewiß Brot, aber er braucht ״icht nur Brot, er kann nicht leben ohne ein gewisses , Ma« von Selbstgefühl und Sclbstbcj a hu״ g, er kann r'cl,t froh werden ohne das Gefühl von Eigenwert und ktisclicnwürde. Die Juden waren Jahrhunderte hin- .11Eh, während sie verfolgt wurden und von Land zu 1 3״d zogen, gewohnt, sich zu ducken und ihr eigenes "Jc״ innen gewandtes Leben zu führen. Das Jahrhundert Emanzipation bedeutet hier einen historischen Ein* lch״‘tt Der Jude ist in diesem Jahrhundert auch von üi Ideen erfüllt worden, die seit der Renaissance ,.״?Pa beherrschen. Stets hat der echte Jude Empfinden!"ז innere Freiheit, für Größe und Adel, für Persönlich- «5• Vnd w«rde besessen. Aber in der modernen euro- | f'sche״ form waren diese Ideen ein Geschenk der 1 Ass1milation, die den Juden erst befähigte, sich nicht Wcizmann bei Mussolini Rom, 19. Februar. (J. T. A.) Dr. Chalm Wcizmann, 11er sieh auf einer IfeDe nach l*nl!IMina befindet. Ist In Rom cingclroffen, wo er mit Führern der Zionistischen Fü• deration Italiens Besprechungen über Fragen betrclfcnd den Anteil der italienischen Juden am palästinensischen Aufbauwerk .־!!)gehalten hat. Ministerpräsident Mussolini wird Dr. Wcizmann, der am 2h Februar an Bord des ״Conto dl Savoia" von Neapel nach Palästina wclterrelst, ln Audienz empfangen. mit dem inneren Ghetto-Dasein abzufinden, sondern neue Lebensformen für sein Volk zu erstreben und als handclnder, geschiehtsbiklendcr Mensch aufzutreten. Theodor Hcrzl war die erste repräsentative Gestalt dieses naehassimilatorisclien, zu sich selbst zurückgekehrten Juden. In ruhigen Zeiten lebt man ohne viele Reflexionen, und so haben auch viele deutsche Juden die Judenfrage nicht erkannt, solange sic nicht mit der Nase dar* auf gestoßen wurden. Es ist nun ungefähr ein Jahr her, daß eine innere Unruhe die deutschen Juden ergriff; wir erlebten eine einzigartige Manifestation eines Zustandes, der schon vorher latent vorhanden war, wenn er auch in anderer, minder bitterer Form hätte in Erscheinung treten können. Eines war klar: Die Zeit des früheren gedankenlosen Jtideseins war vorüber. Wir mußten uns cntschciden, wie unser Leben in Zukunft ausschauc'n soll. Da geschah ein Mißverständnis. Viele — bei weitem nicht alle — Juden hielten die Judenfragc für eine Frage des ״Brotes“, Man befürchtete, der materiellen Existenz verlustig zu gehen; und wer hätte nicht Verständnis für solche Besorgnisse! Aber bei allen Einschränkungen, die geschehen sind, und bei aller Senkung des Gesamtniveans der jüdischen Wirtscliaftskapnzität in Deutsch- ]and empfinden manche, daß ihre Befürchtungen, ohne Brot dazustehen, sich nicht erfüllt haben. Und häufig macht nion die Erfahrung, daß solche Juden, die m essen haben, der Ansicht sind, die Judenfrage sei ,,gar nicht so schlimm“. Wenn man gesund ist und die Geschäfte gehen.... Aber der Mensch lebt nicht von Brot allein. Wir dürfen unsere wahre Situation nicht beschönigen. Die Juden in Deutschland müssen selbstverständlich die geschaffene Sachlage hinnchmcn; denn wir verstehen, daß unsere Umwelt ihr Leben nach ihren eigenen Prin- E118 nlsiiielle Gesomtimlfiilie Von Dr. Oskar Wolfsbcrg, Jerusalem. Die Häufung jüdischer Not in der Welt und die sich steigernden Schwierigkeiten, ihrer Herr zu werden, lenken den Blick von der Erörterung grundsätzlicher Fragen ah. Die Not ist ungeheuerlich, die Dringlichkeit der Hilfe augenfällig. Aber die Welt verschließt sich uns, und׳ wir haben uns bereits fatalistisch den strengen Bcgrcnznngen angepaßi, die uns von außen auferlegt werden. . Was kann von uns aus geschehen? Gibt cs eine Möglichkeit, unser Los zu wenden? Es ist allmählich zum Gemeingut aller Unverblendeten geworden, daß die zionistische Bewertung der' Judenfrage in der jüngsten Vergangenheit und in der Gegenwart eine Bestätigung erfahren hat, wie sic nur selten historischen Prognosen zuteil wurde. Der Ruhm der zutreffenden Prognose und der Leistungen, die auf ihr fußen, ist nicht Gegenstand der heutigen Bctrach- ' tung, so sehr auch diese Taten der stets erneuten lind vertieften Würdigung bedürfen. Heute aber steht anderes zur Debatte. Unter dem Eindruck der eingetroffenen Voraussage: des Abschlusses des Zeitalters der Emanzipation sowie des nun in unseren Tagen aufrecht erhaltencu seelischen Gleichgewichts der Zionisten wuchs die Zahl der Zionisten rapid und wurde Ercz-Israel für eine nennenswerte Zahl von Juden ersehntes oder er* ■ reichtcs Ziel. Der Vormarsch und die Expansion des Zionismus in Deutschland mag im Tempo sich verrin* gert haben, und Erez-IsracI nicht in dem Maße wie im Sommer und Herbst Immigranten Eingang gewähren. Zwischen beiden Prozessen bestehen Beziehungen, beide haben ihre gesonderten Abhängigkeiten. Es war zipieii und nicht um unsercfvvillcn In neue Formen bringt. Der neue deutsche Staat kennt keine Parteien, und wir Juden sind im Staate weder eine politische Gruppe noch eine Opposition. Aber als Menschen von Charakter und aufrechtem Rücken können wir niemals die brennende Sehnsucht nach einem Leben der Ehre und Freiheit aufgehen. Wir wollen unser eigenes jiidi« sches Lehen gestalten, und wir haben hierbei mehr nach« zuholcn als in wenigen Jahren zu schaffen ist: den Verlust an jüdischer Substanz und jüdischem Wissen, an Aus dem Inhalt: Zur Lage in Oesterreich — Der —.... Firmenzusatz ״Deutsch" — Zau* berformel ״Umschichtung“ — Nach una die Sintflut (Theilhaber) — Hartes Arbeiterleben — Erinnerungen einer deutschen Jüdin — Judendebatte in Frankreich v In ״Jüdische Kunst"; Kunst und Abstammung — ״Dantons Tod" in Jerusalem — Palastina-Muilkbrief — Daa jüd. Museum in Berlin Sport * Rundschau (mit Bildern) — Palästina - Bilder — Gemeinde-Rundschau selbstverständlichem jüdischem Fühlen und geistiger Ver* bundenheit können wir nur durch harte Arbeit an uns selbst auffüllcn. Aber wenn manche jüdischen Gruppen heute meinen, daß nur durch jüdisches historisches Wissen ein neues jüdisches Geschlecht erstehen könne, so irren sic. Jahrhundertelang haben die Juden sich in Bücher versenkt, aber sie führten eine Ghetto-Existenz, in die wir nicht zurückkehren können. Das ״Lernen“ allein genügt nicht. Hinz »treten muß der Gestal* tungswillc für die jüdische Zukunft. Ein jüdischer Rasse» stolz ohne Fundierung im jüdischen Wissen und Fühlen wäre ein Wahn; nicht minder unzulänglich aber bliebe in unserer Zeit ein jüdisches Lernen, das nicht begleitet ist von der aufwühlenden Bewußtheit derjenigen Juden« frage, die nicht eine Frage des Brotes ist. Wir wissen, daß die große Mehrheit der deutschen Juden dies heute begriffen hat. Aber um derentwillen, die auch heute nur die materielle Seite des Lebens zu sehen scheinen, muß auch von uns immer wieder an diese Wunde gerührt werden. nicht anzunelimen, daß die Assimilation für die Dauer abdanken würde, der Zionismus mancher Ncophyten —1 beileibe nicht aller — war eine Konjunkturerscheinung. Andere mögen in überschwenglichen Hoffnungen mit Bezug auf Palästina enttäuscht worden sein. Palästina wiederum regelt die Immigration nach dem Ermessen der Mandatarregierung, die auf die Stimmung der Araber Rücksicht nimmt und ihre Entschließungen wenig oder dunkel motiviert. Die vielen Einsprüche der Juden und ihr Hinweis mehr auf die Aufnahmefähigkeit des Landes als auf den Druck von außen haben mir sehr wenig gefruchtet. So sehen wir bereits, daß selbst ein Mann wie Wcizmann, der mit ganz anderen Erwartungen an seine besondere Aufgabe herangegangen ist, unter dem Druck der Verhältnisse und der Haltung des Flucht« lingskommissars sowie maßgebender Kreise im Völker« bund und in England zwar seine ganze Kraft einsetzt, um die große Rolle Ercz-Isracls in der gegenwärtigen gcsamtjüdisclien Katastrophe zu akzentuieren und seinen konkreten Anteil zu sichern, aber doch von relativ beschcidcncn Zahlen spricht. Ich glaube, wir müssen eine Lehre aus dieser Lage ziehen, die zwar schmerzlich genug ist, aber nicht so überraschend sich hcrausgebildct hat. Wir sind ein Volk von unverbesserlichen Illusionisten. Wir vereinfachen gerne die Problcmlagc, und wenn uns dann die weitere Entwicklung unsanft aus Träumen der Hoffnung weckt, so weinen wir der «unerfüllten Erwartungen allzu lange nach. Zu spät hab1'{ wir im vergangenen Jahre begriffen, daß das Schicks “ 'der deutschen Juden eine andere Richtung nimmt Zu spät hat die Judcnhcit der Welt den Sinn dieses Wendepunktes begriffen und auch dem Probien, der Wanderung kein volles Verständnis entgegengebracht Zu spät, fürchte ich, werden wir die

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