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Jüdische Rundschau · 1934-02-16 · Heft 14 (16.2.1934) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 14 (16.2.1934)
Date
1934-02-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jf J4 / Jahrgang 39 וד^ווווךץ! ,|} 0■* י» M. M t OG A e,nei‘*Mr.lO «nrrtn ׳"׳'״,״M.u. •»«■r, \ ,h. 1.1.9S. \ Preis RM -.25 II."1*J ff1־־״ f '111 1 «^•*a ^t» V t 1 *' V־: / An««lB»av,״rw«n«ng, RerUn wts, M«|n*k«1tr. 10 u IW.rck 3181,82.7165,70.7240/«. - B״״״P1״, pro M«,.t ״0 י״י!.- ,2 .|״«'»> WM. 5.75■ - P0»t*ch*ck-Kont*n der Akonn*tn*M•• Ahtullunn p,,I,׳״1) 573 71 ״ Groß ״Berlin), Berlin 17 392 (lür d.. Uhrl*, RB1ch), Au.l.nd.- ״״, i» l«'*"1'*״ L.ndr.w.hrunR. - Ernchelnt J«d«n Dlan.t.g und Fr«ltag. BERLIN א׳ אדי תרצ״ד FREITAG, 16. FEBRUAR 1934 Zionismus erstrebt IQr da» jOdliche Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten t.—1 &.J1 AalalganUrHi Di« nie.pilun. Milllm.1«r-Zell• RM. —,20, für SldlnntMuth• RM. —JO, lür FamUlmnarhrich(•» RM. —45. Eir״al.n7Mt׳m nur!•!n Vor•»- tahlung •ul Poincheck-Konio Berlin 71618 oder In dir Anrrlgrn-Annahm• Mont•! bl• Frilia* 9—15 Uhr. Ann>11mr»thl11» lür dl* Di<.p«t«*-Au»g»b* Moni•!!0 Uhr lür dl» Fr*lt**.Au«*«h* Mittwoch 13 Uhr (F«rnlli*n*n1*lg«n bla Donnaratag 10 Uhr) Holmstntto in Pal&stlna. ״Bastler Programm** I 7 I. ' "• Kr״),, 1 l’m. 'יי •a tl» rail« )0 , »AR »utiht ul, I1 ״,*״ kllrinri, ,!״’ "f.Prrnenj. ף di« An,,. dn.l1>,(,. lj mf.-Vn irrn.iiibsr. *rhrhaSlr.l Oll»• 5501) /! Safes »EE mds Inas 1*0■ Berlin i״r irt 1d«• *71011 fcmlo Iler uge S S i [)ic Ereignisse der letzten Wochen und Tage haben 5 ws mit »311er Eindringlichkeit die Krise des europäischen Abendlandes vor Augen geführt. Wir Juden waren sonst [«wohnt, an dein geschichtlichen Geschehen um uns I jjcnim leidenschaftlichen inneren Anteil zu nehmen. Im! jcuten Jahre wurde uns deutschen Juden mit unüberhör- ■ |,,1rcr Deutlichkeit gesagt, daß wir erst unser eigenes i Hans in Ordnung zu bringen haben, bevor wir den | rechten Zugang zu dem Leben und Treiben der Völker linden können. Die jüdische Gemeinschaft als solche!;(,nid im Cialnth ja stets, obwohl sic von jeder Erschiittcj nmg mithefroffen war, außerhalb der Reihen der han« J ddiulcn oder maßgebenden Faktoren. Aber wir Juden, | wir einzelnen Juden, lebten mit lind in der Welt wie | nur irgendein lebendiger Mensch, und wir fühlten uns j erfüllt uml getroffen von den Spannungen und von dem Zulcrn des Weltgeschehens. Und gestehen wir cs gleich: jauch heute ist es so. Wir empfinden zutiefst die Sorgen und die Leiden der Menschen um uns, wir leben mit, wir stehen in der.Dynamik der miteinander ringenden Kräfte. Gerade als bewußte Juden, denen ihr Judentum und ihr Menschentum eins geworden ist, fühlen wir .unsere Zugehörigkeit; aber wir verhehlen uns nicht, daß wir in einer eigentümlichen Doppelstcllung sind, einer Doppelstellung von Zugehörigkcii und Nichtzugehörigkeit, denn wir tragen unablöslidi unser Judentum, wir können und dürfen nicht vergossen, daß wir Juden sind. Wir haben erfahren, daß unser verhülltes, nicht in festen Ordnungen wahrnchmbares Judentum ein Mißtrauen uns gegenüber erzeugt, und wir haben uns zu der Erkenntnis durchgerungen, daß wir nicht mir als Gemeinschaft, sondern auch als Einzelne unseren Anteil am Lehen der Welt unbefangen erst dann haben werden, wenn unser judesein etwas Sclbstvcrständliebes geworden ist. Und trotzdem dürfen wir in unserem eigenen Kreise anssprcchcn, daß wir mit tiefer Anteilnahme die Opfer der politischen Zuckungen der letzten Tage beklagen, Üir scheu in ganz Europa ein Ringen um die künftige politische Form. Die parlamentarische Formaldemokratie ist überall in Mißkredit geraten und auch dort, wo Parlamente bestellen, ist deren Bedeutung stark vermindm. Es ist charakteristisch, daß der konservative eng- '׳sehe Publizist Garvin in seinem letzten Leitartikel im •Ohscrver“ andeutet, auch in England würde sich die Parlament.־irische Demokratie nicht halten können, falls sic sich in Frankreich als unbrauchbar erweist. Auch i!l diesen Ländern machen die inneren Verhältnisse und die Schwierigkeit der Außenpolitik inmer mehr den Wunsch nach einer starken Zentralgewalt volkstümlich. bicVcrliällnissc im Donauratun sind noch ganz ungeklärt, seiner ganzen Breite wird er überhallt von den Müssen auf den Ministerpräsidenten Duca und jetzt von *n Schüssen in Wien. Es sind Alarmzcichcn einer tiefen Därung, und wir können nicht abschen, welche Ver- Änderungen unser Jahrhundert bringen wird. Wenn wir nun zu unseren eigenen jüdischen Sorgen übergehen, so drängt sich der Gedanke an das Schicksal der österreichischen Juden N• Zwar ist gegenwärtig ihre Rechtsstellung unan- Mistet, und es ist bemerkenswert, daß in der gegen* "Migcn scharfen Zuspitzung des Konfliktes die anti- Nische Parole keine Rolle spielt. Dennoch können wir die Augen nicht davor verschließen, daß in Oesterreich Cl״e Jmlenfragc besteht; auch hier sind Symptome der 5"»riiialen Lage, in die durch den Gang der Geschichte “lc Juden gedrängt wurden, die anormale Bcrufsschich- Ullff und die Zusainmenpfercliung in bestimmten so- Mlen Gruppen bilden ein auch für uns Juden ernstes 1 fohlet״. Hoffentlich wird es in Oesterreich zu keinen futkartigen Erschütterungen in bezug auf die Juden komj?cn* Aber wenn sich erweisen sollte, daß auch •dort öcn Juden der Zugang zu einer Reihe von Berufen und!'.'rtschaftlichcn Betätigungen erschwert wird, wenn die Ngcre Generation keine Zukunft für sich im Lande . dann wird die jüdische Wanderungswelle e'"e neue Verschärfung erfahren. Noch aber ist das f°blcm der im Laufe des letzten Jahres aus Deutscha״<l ausgewanderten Juden ungelöst. Es ist anschei- "'״d nicht gelungen, Einreise-Erlaubnisse von den m ״*f Völkerbunds-Kommission vertretenen Staaten zu erhalten, und wenn der Völkerbund meint, den Notstand einfach durch die Ueberwiil/ung auf die — von den Juden zu finanzierende — MacI)onaki-Kommission aus der Welt schaffen zu können, so ist das eine sehr unzureichende und unwirksame Hilfe. Den relativ größten Teil der Emigranten konnte bisher Palästina aufnehmen, aber ein großer Teil ist für Palästina in keiner Weise geeignet oder vorbereitet. Was soll mit ihnen geschehen? Es ist. charakteristisch, daß so manche, die zuerst alles Heil in der Auswanderung sahen, jetzt eindringlich von Auswanderung abraten. Gerade die in jüdischen Dingen unerfahrenen Menschen hingen ja damals, als sic zum ersten Male ihr Judenschicksal erlebten, allerhand Illu* sionen nach. Der Zionismus hat schon vor dreißig Jahren erkannt, daß ein Land, das im Notfall Juden auf- 'nehmen soll, rechtzeitig für diesen Zweck vorbereitet werden muß, daß ganze Generationen von Juden ihre Kraft und Arbeit hineinstecken müssen; das kann nur ein Land sein, das auch in ruhigen Zeiten eine Anziehungskraft auf jüdische Menschen ausUbt. Nun ist es möglich, daß das jüdische Auswandcrungsbedürfnis in verschiedenen Ländern zunimmt. Wer übersieht denn heute die Lage? Es kann schnell kommen, es kann aber auch allmählich kommen. Wir alle haben die Verpflichtung, rechtzeitig vorzuarbeiten. Wir müssen auf der einen Seite das Land aufnahmefähig machen, auf der anderen Seite müssen wir die neue Generation vorbcrcitcn. Unsere Jugend wird ein anderes Leben haben als ihre Väter, ein hartes Leben auf neuen Grundlagen. Im letzten Jahrhundert ging das Ziel aller Eltern dahin, ihren Kindern 'möglichst viel lind allgemeine Bildung zu gehen. Heute erleben wir überhaupt eine Krise der ״Bildung“, die das Ideal eines Jahrhun« derts war. Wir Juden können niemals auf geistige Bildüng verzichten, aber sie wird anders sein müssen als die des vergangenen Jahrhunderts. Und darüber hinaus wird unsere Jugend arbeitsgewöhnt und bediirfnislos sein müssen, um sich in dein harten Ringen um ihre Existenz in der künftigen Welt durchzusetzen. Wir erlebten bereits in diesen Jahren nach dem Kriege, wie jüdische junge Menschen um des Ideals der jüdischen Wiedergeburt willen, nicht ans Zwang, sondern aus freier Wahl, auf diesen Weg gegangen sind. Wir Juden stellen heute mitten im Sturm der Erschüttcrungen, wir haben alle Krisen und Probleme doppelt zu durchleben, denn in jeder einzelnen Phase gilt cs, sich auch des Judcnproblems bewußt zu sein. Wir sind in diesem Jahre erwacht, und wir reiben uns die Augen, um zu uns zu kommen. Das Hilfsmittel, das sich uns bietet, ist der Blick in die Geschichte. So wie ein Mensch, der in eine Enge geraten ist, sich die Frage vorlcgt: wie ist das gekommen? Wir Juden hatten unscre Geschichte vergessen. Jetzt greifen wir wieder zu ihr, bis zurück in die Zeiten der Bibel. Wir glauben, — und wir haben dies im Laufe des vorigen Jahres oft ausgesprochen —, daß viele Juden jetzt wieder die Bibel lesen, sie lesen sic ganz anders als früher. Denn sie ist nicht mehr bloß das große ״literarische“ Werk, das auch Goethe und Herder geschätzt haben, sic ist heute für uns mehr. Wir finden darin Gedanken und Situationen, die wie für heute sind. Und von da beginnt die lange Kette der Geschlechter bis auf uns, alle mit ihren Leiden und ihren Irrtümern, aber auch mit ihrer Menschlichkcit und ihrem Glauben. Die letzten hundert Jahre, die die letzte Phase unseres Schicksals erklären, ersehe!* nen uns demgegenüber als eine kurze Spanne. Wir Juden beginnen wieder Geschichte zu verstehen; aber wir vermögen noch nicht, Geschichte zu machen. Jahrhunderte waren wir nur Objekte des Geschehens. Als uns dann die Tore des Ghettos geöffnet wurden, nahmen wir leidenschaftlichen Anteil, alle Ideen der Zeit ergriffen uns, aber wir verloren dabei das Gefühl der Distanz, weil die assimilatorische Fiktion uns die Basis unseres Seins entzog. In der Zeit des Liberalismus wähnten sich die Juden ihren Mitbürgern völlig gleich und der Gedanke an die Möglichkeit eines Rückschlags schien ab* surd. Ein Leser sandte uns dieser Tage einen Aus- Spruch Fontanes, der gewiß kein Antisemit war; er schrieb in einem Brief vom 17. Juni 1888: ״Die Juden sind und bleiben einem politisch unverstimmen; sonst so praktisch, verfallen sie politisch sofort . der Phrase; sie sind Phantom-Anbeter, Anbeter eines Gottfs, den sie sich erst machen. Wie in ältester Zeit immer Rückfälle in den Götzendienst. Aber es hilft ihnen nicht; sic schreiben Zeitungen, aber nicht-Geschichte“ Inzwischen sind fast 50 Jahre vergangen und auch der Jude hat sieh gewandelt. Stark und verlockend aber Die In der Presse vorliegenden Nachrichten über den Bürgerkrieg ln Oesterreich enthalten fast gar keine Andeutnngen Uber die Haltung der einzelnen kämpfenden Grupnen in bezug auf die Juden. Die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“ hat sich telephonisch mit Repräsentanten des Wiener Judentums in Verbindung gesetzt und erhielt die Auskunft, daß die jüdische Bevölkerung als solche von den Kämpfen nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Es ist während der Unruhen zu keiner judenfeindlichen Agitation gekommen, was um so bemerkenswerter Ist, als ln früheren Jahren bei Unruhen fn Wien stets die von Juden bewohnten Bezirke (Insbesondere Lcopoldstadt und Brigittenau) besonders bedroht wurden. Die österreichische Judenschaft, so wurde uns versichert, ist der Ucberzeugnng, daß die gegenwärtige Regierung nichts unternehmen wird, was die Rechtsstellung der Juden beeinträchtigen würde. Abgesehen von allem anderen wird auch darauf hingewiesen, daß die Rechte der Juden als Minderheit und damit ihre Gleichberechtigung durch den Vertrag von St. Germain garantiert werden. (Ausführliche Nachrichten im Innern des Blattes.) ist noch ln uns der Hang zur Politik des ״Zcitungs- Schreibens“. Die neue Zeit muß für uns darin bestehet», daß wir wieder ״Geschichte schreiben“. Wir Juden sind in einer eigentümlichen Lage. Wir sind keine Nation mit Waffen und Heer, wir haben keine jüdische Zwangsgcwalt über die Angehörigen unserer Gemeinschaft, Und dennoch fühlen wir, daß auch wir wieder Geschichte haben werden. Wir haben nur die Mittel des Geistes, aber von uns hängt es ab, welchen Gebrauch wir davon machen. Eine starke mora* lische Einheit, ein klar bewußter Wille sind gleichfalls geschichtsbildcndc Kräfte,. Das Schicksal kann uns for* men, wenn wir uns ernst nehmen. Das hat ein Teil der Juden schon seit Jahrzehnten begriffen, auch ohne daß die Krise so deutlich zum Ausdruck kam. Das Jahr 1933 konnte ein Wendepunkt des jüdlsehen Denkens sein, es konnte zu einer Aufrüttelung und Erm,Innung des ganzen.jüdischen Volkes führen. Kann man heute schon sagen, daß dieses Ergebnis erreicht wurde? Wir wagen cs nicht. Wir sehen um uns wieder deutlich Zeidien der Erschlaffung. All die spontanen Bckundüngen des Gemeinschaftsgefühls, die wir überall, wo Juden zusammentrafen, vor einem Jahr erlebten, sind schwächer geworden oder ganz geschwunden. Vielfach wagt sich wieder der Egoismus hervor, manche meinen wieder auf individuellem Wege weiterzukommen. Und wir bemerken hier und da wieder eine Art Nonchalance, die wir im Sommer 1933 für immer überwunden wähnten. Die ״Jüdische Rundschau“ bekommt in letzter Zeit öfter Zuschriften, in denen Leser über das Ueberhandnehmen einer gewissen Art von Vergnügungen und Kabaretts Klage führen; die alte Art der jüdischen Selbst- Verspottung und billigen Witzcmachcrei scheint wie* der um sich zu greifen. Manche Juden lassen erkennen, daß sich auch durch das, was geschehen ist, innerlich bei ihnen wenig geändert hat. Wir wissen, daß für die gewaltige Mehrheit der Juden dies nicht zutrifft, aber auch hei denen, die wirklich tief erregt neue Wege suchten, finden wir nicht immer die klare Erkenntnis, daß Gefühlsbcwegungen allein noch keinen neuen Menschen und kein neues Volk schaffen, daß es vielmehr darauf ankommt, das Leben zu ge« stalten, geistige Kräfte zu formen, kurz Geschichte als jüdische Geschichte zu erleben und zu machen. Wir glauben, daß wir noch lange nicht am Ende des großen Sturmes stehen, der Europa und längst auch t

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