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Jüdische Rundschau · 1934-02-13 · Heft 13 (13.2.1934) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 13 (13.2.1934)
Date
1934-02-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Trotzdem ״ab es stets ein gesundes Verhältnis zwischen den apolo• ^tischen Bemühungen der Juden, die nach außen ge• richtet waren, und dem in sich beruhenden eigentlichen Leben des Judentums, das ohne Rücksichten auf das Urteil der Umwelt sich entfaltete. Erst im neuesten Ab• schnitt der jüdischen Geschichte hat unsere Apologetik einen anderen Charakter angenommen. Sie beschäftigt sich nunmehr nicht mehr oder nicht mehr ausschlicßlieh mit den geistigen Elementen des Judentums in ihrer Abgrenzung und Gegenüberstellung zur Umwelt, son* dern in erster Linie mit den Eigenschaften der Juden seihst, die von der Welt negativ beurteilt werden, und die man verteidigt, weil man mit dieser Welt eng verknüpft ziisammcnlcbt und sein Ideal in dem Aufgclien der Juden in der Umwelt sicht. So erhielt die jüdische Apologetik den Charakter einer Bemühung, die dazu bei• tragen sollte, die jüdische Eigenart zu verschleiern, wahrend sie in früheren Abschnitten der jüdischen Ge• schichte eines der Mittel war, um ein eigenst iindiges Judentum auszuprägen. Und mit dieser qualitativen Veränderung Hand in Hand ging ein Ueberwuchern der apologetischen Bestrebungen überhaupt, weil das Interesse vieler Juden von der Beurteilung durch die Umwelt ganz und gar gefangengenomr men wurde und man über der Auseinandersetzung mit dieser nicht mehr dazu kam, ci« Eigenleben zu führen. Der Z i 0 n! s m u s hat diese Haltung von Anfang an ahgclehnt. In den Auseinandersetzungen, die Herz 1 mit den radikal-assimilatorisch gerichteten Rabbinern seiner Zeit führte, kam diese Ablehnung besonders cindring• lieh zum Ausdruck. Dabei war und ist cs notwendig, Wert und Unwert einer jeden Apologetik ihr zu erkennen. Wir glauben nicht, daß in der Aus• (inandersetzung zwischen menschlichen Gruppen ver• schiedener Art, die letzten Endes durch Affekte geleitet wird und bei der auch die denkerischen Vorgänge 5kht in der nüchteren Sphäre der reinen Ratio sich abspielen, sondern affektgebunden, emotional bestimmt s^d, Diskussionen über nüchterne Tatsachenfragen mit wirklichem Erfolg geführt werden können. Trotzdem sind sie in gewissem Umfange nützlich, soweit es sich 1sinnlich uni die Sphäre der Diskussionen handelt, die sich von den direkten Interessen des Tages frei halten. Wert der Apologetik ist aber in erster Linie ein inuerer. Sie ist dann und nur dann sinnvoll, wenn die Erklärung des eigenen Wesens und Lcbensziistandes hr uns selbst eine innere Festigung bedeutet, wenn *nser Wissen um die Grundlagen des jüdischen Seins 'ermchrt und wenn unsere Gebundenheit an die jü• Ych-historischc Entwicklung damit vertieft wird. Es ist eine interessante Erscheinung der allerjüugstcn Jcrgangcnheit, doß auf dem Gebiete der Darstellung 5״Judentums nach außen sich die Fronten ''״igermaßen verschoben haben. In einer .CH! in der die Judenfrage für den oberflächlichen 'obachter gelöst schien, und in der jüdische Gruppen Npräsentativ waren, die an die Judenfrage nicht glaub• 1" u״d in der noch vorhandenen Problematik nur einen 411mählich zu überwindenden Restbestand aus einer ״C״'R positiv gewerteten Vergangenheit sahen, konnte!,aturgcmäB diejenige Auffassung vom Judentum, die I" Nationalen wurzelt, nur in sehr geringem Umfange as Gebiet der Apologetik betreten. Heute ist die Ku• gefallen; die Judenfrage liegt in ihrer Kraßheit 'ך" 'or aller Welt. Die Juden selbst beginnen sic mehr ק mehr zu erkennen. Nun ist es klar, daß diejenige lruppe, die von jeher ein natürliches, der Wirklichkeit "Rcpaßtcs Verhältnis zu dieser Problematik besaß, auch 16'״in der Lage ist, eine Seibstdarstellung des j ״"e n t u m s zu geben und damit in gewissem Um• zur Umwelt zu sprechen. |iiir 5ir Stuben, daß die Erkenntnis dieser Tatsachen I u dle deutschen Juden von Wert ist. Nur unter dieser I b|JtUs.sc,zu"K ist es nämlich möglich, in jedem Augeneinzuschätzen, welche Bedeutung das Dr* 1 11 ״er Umwelt für uns Juden hat und wie jüdi* sches Eigenleben und Eiubezogenscin in diese Umwelt miteinander abgewogen werden können. Man darf ja nicht leugnen, daß diese Eingliederung der Juden heute in einer ganz eigentümlichen Weise beurteilt wird. Sie wird von der Umwelt als eine ״Frage“ empfunden, wobei aber in gewissem Sinne eine Umkehrung des Begriffcs ״Judenfrage“ cingetreten ist. Wir waren gewohnt, die Judenfrage von den Juden her zu sehen und sie als die Problematik eines Volkes ohne Land, ohne sichere ökonomische Grundlage und ohne ausreichende kulturelle Gegenwart zu betrachten. Es war höchstens ein daneben nuftauchcndcr Gesichtspunkt, daß die Reibungen, die hierdurch mit der Umwelt entstehen, für diese schwer tragbar sind. Heute nun ist insbesondere in Deutschland die Betrachtungsart geradezu umgekehrt worden. Als ״Judenfrage“ bezeichnet man die T atsaclic, d aß man glaubt, das Leben der Völker sei durch die Existenz der Juden in ihrer Mitte in seiner Eigenart, ja in seinem Bestände gefährdet. Man macht sich nicht darüber Gedanken, wie man die Zukunft des jüdischcn Volkes sichern kann, sondern man bemüht sich, einen Weg zu finden, umdascigcncVolk vor dem schädigenden Einfluß der Juden zu schützen. Wollte also Theodor Hcrzl die Völker der Welt aufrufen, die Existenz der Juden zu sichern und ihnen ein Lebensrecht zu geben, das man ihnen durch Jahrhunderte vorent* halten hatte, so ist heute in der öffentlichen Diskussion gerade der Länder, die die Judenfrage aufwerfen, davon kaum die Rede. Wir müssen uns damit abfinden, daß die Judenfrage im Urteil der Oeffcntlichkcit diese Gestalt angenommen hat; es ist nicht zuletzt unsere, der Juden Schuld, daß cs hierzu gekommen ist. Hätten die Juden selbst die Judenfrage, wie sie sich ihnen darstclltc, mit Nachdruck in einer Welt, die anders aussah als die heutige curopäische Gesellschaft, erörtert und hätten sie mit der Energie, die ihnen möglich gewesen wäre, den Weg zu ihrer Lösung beschritten — wir stünden heute vor einer anderen Situation! Nunmehr aber gilt es, von dem Boden aus, auf den die Judcufragc seitens der Umwelt gestellt worden ist, einen Weg zu suchen, der die Interessen der Völker berücksichtigt und auch den Juden selbst einen Pfad in die Zukunft bahnt. Wir haben kürzlich in anderem Zusammenhang einen Aufsatz erwähnt, der im ״Völkischen Bcobach* tcr“ vom 21. Januar erschienen ist und Dr. Wilhelm Grau zum Verfasser hat. In diesem Artikel, der histo* risch-politische Betrachtungen zur Judcufragc enthält, sind eine ganze Anzahl interessanter Gedankcngiingc und historischer Erörterungen enthalten. Dr. ()rau bcscliäftigt sich zunächst mit dem Schicksal der Juden im Mittelalter und stellt die mittelalterliche Lebensform des Ghetto in einer durchaus positiven Weise dar. Wir stimmen darin weitgehend mit dem Verfasser überein; er scheint uns jedoch zu übersehen, daß die letzten Jahrhunderte des Ghettolcbens der Juden, im ausgehenden Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit einen Verfall dieser Lebensform von innen her mit sich brachten. Das Bild eines freien und reichen Lebens des Ghettojudentums trifft also nur sehr bedingt zu. Die Mehrzahl der Juden Mitteleuropas war vielmehr in tiefe Armut geraten־ und hatte in der Tat im Ghetto nur eine sehr k Li mm er* liehe Existenz, nicht zuletzt auch auf geistigem Gebiete, auf dem weitgehend eine Erstarrung der kulturellen s Öic ״Reichüvcrtrcliing der deutschen Juden“ hat mit Ihrem Beirat am 11. d. M. eine Sitzung abgehaltcn, al» deren Ergebnis ein an die deutschen Juden gerichteter Appell zur Solidarität und zur Mäßigung der Innerjüdischen Auseinandersetzung beschlossen wurde. Die Reichs- Vertretung erhält das Recht, Personen, die den Frieden und die Einheit der deutschen Judcnheit gefährden, der Jüdischen Oeffcntlichkcit bekanntzugeben. (Näheres im Innern des Blattes) Entwicklung cingetreten war. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle die allgemein-historischen Motive darzustellen, durch die ein derartiger innerer Auf- 1 ö su n g s p r o z c ß im damaligen Judentum cingetreten ist. Immerhin hatte er zur Folge, daß z. B. die preuflisehen Juden damals, als sic emanzipiert wurden, eine Bevölkerungsgruppe waren, die in einer uns Heutigen unvorstellbaren Armut lebte. Und damit ist überhaupt Aus dem Inhalt: Die Sitzung der Reichsvertretung " — Zur Lage in Frankreich — Deutscher Export nach Palästina — Betätigung von Juden in Kulturberufen — Die Juden im Kriege In der Fraucn-Rundschau u.a.! Martin Buber: Wa» kann die Frau zur Erneuerung des Judentums tun? — Elfriede Bergei! Auflösung und neue Bindung — Berufsaussichten in Palästina - Koche palästinensisch einer der wesentlichsten Punkte des ganzen Problems berührt: Die Judenfrage stellt sich für die Völker vielfach * als ein Problem des jüdischen Reichtums und der damit verbundenen äußeren Macht einzelner > Juden dar. Für uns ist die Judenfragc gerade umgekehrt eine Frage der jüdischen Armut Gewiß ist uns bekannt, daß ein erheblicher Teil des westeuropäischen Judentums aus der Gesamtentwicklung Europas im 19. Jahrhundert ökonomischen Nutzen zog und zu einer gewissen Wohlhabenheit gelaugte. Abe/ auch hierbei handelte es sich nur um eine Minder* heit, während die Mehrzahl der Juden immer nur eine bescheidene Existenz fand. Es geht natürlich nicht an,! dieses Problem rein territorial auf ein Land abgegrenzt zu beurteilen. Uebcrblickt man aber die ganze jüdische Welt, so ergibt sich, daß unter den Kulturvölkern Europas wohl nur wenige bestehen, deren ökonomische Basis so tief liegt, wie es beim Durchschnitt der Juden der Fall ist. Nun, die Judenfrage ist für uns natürlich nicht allein ein Problem des ökonomischen Standard s. Sie ist ebensosehr eine Frage des sozialen Aufbaus, und auch hier müssen wir wiederum erkennen, daß das Erbe des Mittelalters auf uns in negativer Weise lastet. Die Juden sind ins Ghetto gewiß vielerorts freiwillig gegangen — aber nachdem man ihnen die Möglichkeit des Bodenbesitzes und der Arbeit am Boden durch teils staatlich, teils kirchlich bedingte Maßnahmen genommen hatte. So stellt sich für uns die Judenfrage als ein Problem der U n g e w 1 fl 11 c 11 über unscrti nächsten Tag dar. Das jüdische Volk weiß nicht, ob cs materiell wird existieren können; sein sozialer Status ist ungesichert, seine kulturelle Lage aber ist dort am gefährdetsten, wo ihm das ״Entreebiilett zur europäischen Kultur“ gegeben worden ist. ln dem zitierten Aufsatz meint Dr. Grau, daß dieses Billett zerrissen und für wertlos erklärt werden muß. Uns scheint, daß eine derartige Formulierung historisch schwer haltbar ist. Dieses Entrcebillett stellt ja wie alle historischen Akte etwas in gewissem Sinne Irreparables dar, das mm einmal ans der Struktur der. europäischen Gesellschatt und aus dem Bewußtsein sowohl der Völker Europas wie der Juden nicht mehr gelöscht werden kann. Wohl ist cs möglich, der Geschichte auf diesem Gebiete eine neue Wendung zu geben; die in Deutschland cingeieitcte Stellung zur Judenfragc zeigt dies ganz deutlich, und auch der Zio-, nismus hat von Anbeginn an den Standpunkt vertreten, daß vor dem jüdischen Volk die Aufgabe steht, den' Weg der Selbstcmanzipation zu bcschrciten und einen grundsätzlich neuen Weg cinzuschlagen. Aber auch eine solche Wendung enthält in sich die Elemente der Ve r g a n g c n 11 e i t, und wir glauben, daß die Juden, wo immer sie leben werden und in weleher rechtlichen und sozialen Position sie sich befinden mögen, den Durchgang durch die europäische Welt nicht mehr verleugnen können. Darum ist es notwendig, diese Begriffe zu klären. Dann wird es auch deutlich werden, daß die Juden selbst nichts davon wissen, daß sie das Eiement einer Art von ״Weltherrschaft“ darstellen. Sie 1

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