Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 12 (9.2.1934)
- Date
- 1934-02-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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FEBRUAR 1934 per Zlonlsntu» erstrebt fOr das JOdlsehe Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten m י^| grxvillB.jipJ נ־—י LmJ a.. -■ 3־ AaMlyMtarifi Dl• 12|.tp.l'.n• Mllllm.t.r-Z.ll• UM. -,20, kir S1.l1«n״tucb• ׳ UM. —JO, Hl, F.mlH.nn.cl.rlch1.n RM. -,15. EJ»>«l.»«lt,n nu, Var.ut•!! , •״' Koma B.rlin 71 618 0.1., In d.r An״l(.״.A״n.hra. Morn« ' ״• Uhr. Annahme!,hlub Kir <11. Dlrn.u,.A״.,.h. Morn,, 10 Uhr lüt dl• Frei!.,•Au«,eh• Mittwoch 13 Uhr (F.mlllen.ne«l,m1 hl. Donner•!., 10 Uhr) Heimstätte In PalBstlna• ״Baseler Programm׳* Dip großen politisclien und sozialen Veränderungen, die sich in diesen Tagen in manchen Ländern voll• liehen, In anderen erst ankündigen, überall aber ein Element der Unruhe deutlich fühlbar werden lassen, sind ein Ausdruck der geistigen Unruhe, die die ,Menschen unserer Zeit befallen hat, wobei es müßig bleibt, die frage zu erörtern, was Ursache und was Folge ist. Wir stehen mitten drin in einem Bewegtsein, dessen Ziel wir noch nicht sehen, und wie so oft in der Geschichte, sind wir Juden unmittelbar betroffen,!sicht nur in unserem äußeren Schicksal, das in manchen Ländern eine neue Wendung nimmt — wir in Deutsch- ]and erleben es unverwischbar — sondern auch in unserer geschichtlichen und geistigen Verbindung mit dem Abendland. Die Beziehung des jüdischen Volkes zum Abendland ist nun einmal einzigartig, weil aus dem jüdischen Volksleben die Lehre hervorgegangen ist, die fiir die geistige und kulturelle Entwicklung des Abendlandes entscheidend geworden ist. Das Christenturn wurde den Völkern der Welt gebracht, aber das jüdische Volk hat das Christentum nicht angenommen. Die christliche Theologie betrachtet das Christentum als die Vollendung und Ucberwindung des Judentums; im jüdischen Volk jedoch ist die Einheit von Religion und Volkstum so konstitutiv, daß das eine ohne das andere nicht existieren kann. Wir haben nicht die Aufgabe, an dieser Stelle in theologische Untersuchungen einzutreten, wir haben nur die Tatsache festzustellen, daß der jüdische Universalismus, der eine notwendige Folge der Lehre von Einem Oott ist, das jüdische Volk zum Träger und zur Voraussetzung hat; während seit Paulus eine andersgeartete, christliche Universallchre, vom jüdischenMutterboden losgelöst,die Völker ergriffen hat. In der unserer Zeit unmittelbar vorhergehenden Epoche schien es, als ob die Grundlagen der europäischen Zivilisation endgültig feststiinden. Heute erfahren wir, daß verschüttet geglaubte Seelcnmächte wieder hervorbrcchen, das lebendige Gefühl der Verbindung die Jahrhunderte überspringt, und vieles, \Vas vor kurzem noch als kühne Gedanken oder als ungefährliche Eigenhrötlerci gegolten hätte, erhält eine höchst aktuelle Bedeutung. ״In Zeiten des großen Umbruches“, so sagte Prof, Hauer, der Führer der deutschen Glaubensbewepmg, auf der kürzlich in Berlin ahgehaltenen Tagung der ״Gesellschaft für germanische Ur- und Vorgeschichte“, breche das Urseelentum hervor, und da sei auch die Besinnung auf die Bedeutung der rassischen Substanz für die Formung des Glaubens bestimmend. Die erwähnte Tagung geht uns Juden insofern an, als Wer die Grenzziehung gegenüber dem Judentum uichl im äußerlichen Leben, sondern in den Bezirken des innerlichsten Geschehens angestrebt wird. Es wäre ei״ Fehler, wollten wir diesen Dingen gegenüber nur das vulgäre Wort ״Antisemitismus“ anwenden, mit dem m3n so oft von jüdischer Seite alle das Judentum ablehnenden Bestrebungen gekennzeichnet hat. Viel wich- %r ist cs für uns, der Tiefe der Auseinandersetzung bewußt zu werden, die sich innerhalb des deutschen Vol- >״s vollzieht. Die Frage, wie w'cit das Christentum wirklich die europäischen Völker erfaßt hat, ist unter historischer Perspektive häufig aufgeworfen worden. Wir kennen in der Geschichte zahlreiche Beispiele, daß gcfatle in kritischen Zeiten auch Revolten gegen das Christentum in Erscheinung traten. Große Revolutionen "is die französische und die russische haben das Christentum abgeschafft. In Deutschland, dessen natio- 1,,!sozialistische Revolution sich ebenso wie der italieuische Faschismus zum Christentum bekannt hat, haben wir es mit anderen Erscheinungen zu tun; denn wähfind in jcr französischen und russischen Revolution dcr Rationalismus das Christentum verwarf, sehen wir | *|י Deutschland gerade das Umgekehrte, nämlich das mngen eines tiefen religiösen Bedürfnisses um seinen 'chlen Ausdruck und das bewußte Anknüpfen an romanmclies Fühlen. In der Geistesgeschichte der vergalt- ,, £e״en Epoche finden wir nicht nur solche, die das N Christentum ablehnen, weil es jüdischen Ursprungs ist, ' 5«tidern auch solche, die ihre Gegnerschaft gegen die }•den erst damit motivieren, daß aus dem Judentum das Christentum hervorgegangen ist; denn das Christentum habe die volkstümliche Tradition durch Hineintragen J wesensfremder Bestandteile durchbrochen und habe ן durch seine Lehre von der Erlösungsbedürftigkeit des i Raschen ein Ideal der Schwäche aufgestellt, das den; v°]kern ihre Kraft und Bewußtheit, ihre gesunde Vitalität!«öd (jen Wi״en ZUf ^acht raubte. Wer denkt hier nicht an Nietzsche; und cs war ein nichtdciitschcr Dichter, der einem Poem den Titel ״Gift aus Judäa“ gab. Wenn wir glauben, daß jene Bestrebung, die auf der Tagung der ״Gesellschaft für germanische Ur- und Vorgeschichte“ zum Ausdruck kam, sehr ernst genommen und auch vom jüdischen Standpunkt gewürdigt werden muß, so übersehen wir nicht, daß auf der andcreit Seite die Verbundenheit von Deutschtum und Christentum in der entschiedensten Weise zum Ausdruck gebracht wird. Dabei geht es um ein über den Einzelfall hinausreichcndes Problem, nämlich um die Abgrenzung der Begriffe Volk und Religion überhaupt. Das Christentum ist keine blutgebundene, sondern eine spirituelle Gemeinschaft. Kardinal Faulhaber sagte in seiner Silvester-Predigt: ״Bei keinem Volke wurden Blut und Rasse so stark betont wie bei den Israeliten des alten Bundes. In der Fülle der Zeiten aber wurde das Rasseitdogma durch das Olaubcnsdogina abgclöst.“ Es handelt sich also hier um zwei sich überschnei• dende Kreise. Wichtig aber ist die Frage vor allem für uns Juden. Denn \v i r sind der Fall, an dem die Frage praktisch wird. Freilich, uns geht es nichts an, ob innerhalb der Kirche der Jude gleichberechtigt ist, denn wir stellen nicht innerhalb der Kirche; die Frage ist eine intcrn-christlichc und keine jüdische. In der protestantischen Kirche werden darüber Diskussionen geführt und theologische Fakultäten haben Gutachten darüber abgegeben. Es ergeben sich hier ganz neue Situationen für die sog. ״Judenmission“, die Juden zum Christentum zu bekehren hat, und auch neue Organ!- sationsforinen der Judenchristen werden erWogcn, wobei die Judenchristen (d. h. getaufte Juden) meist leiden• schaftlich ihrer Absonderung von der deutsch-christlichen Gemeinde widersprechen.; Für uns Juden hat aber die Sache noch eine anderq Seite. Auch wir werden hier vor ganz neue Probleme gestellt. Denn wenn sich etwa das Resultat herausbildete, daß ein getaufter Jude in der christlichen Kirche vollberechtigt, im deutschen Volke aber rassisch;als Jude gekennzeichnet ist, dann stünden wir vor der Frage, ob ein solcher religiös beheimateter, völkisch aber heimatlos gewordener Mensch der jüdischen Volksgemein• schaft angehören kann. Es ist ein Paradox, das theorctisch in den letzten dreißig Jahren gelegentlich erörtert wurde, aber noch nie von der Wirklichkeit so konkret vor uns gestellt wurde wie jetzt. Darum ist es unerläßlieh, die Rolle zu kennen, die der Uebertritt zum Chri* stentum für die Juden gespielt hat. Wir sehen dabei zu* nächst von denen ab, die sich aus religiöser Ueberzeu• gung taufen ließen und alle Konsequenzen auf sich nehmen. Es gibt solche; wir haben auch aus dem letzten Jahrhundert eine ganze Konvertitenliteratur, angefangen von jenem Ratisbonne, dessen Namen das Kloster trägt, das auf einem exponierten Punkt Jerusalems, am Ein* gang der jüdischen Vorstadt Rechawia liegt, bis zu maneben Dokumenten unserer Tage. Zu diesen Fällen haben wir nichts zu sagen. In der weitaus überwiegenden Meho• zahl der Fälle aber dürfte der Uebertritt zum Christentum nicht einer tiefen persönlichen GlaubensentScheidung entsprungen sein, sondern für eine Generation, der die Religion im Grunde gleichgültig geworden war, bildete die Taufe die Möglichkeit der Verwischung der Unterschiede gegenüber der uicUtjirdischen Welt (das ״Entree• billett zur europäischen Kultur“). Zu Beginn des 19. Jahrhunderts schon machte der Jude Fricdiändcr seinen be* kannten Vorschlag, die Judenfrage durch Gesamtüberfritt der Juden zu einem etwas modifizierten Christentum zu lösen, und am Ende desselben Jahrhunderts hat. kein anderer als Theodor Herzl, wie wir aus seinen Tagebüchern wissen, in seiner Verzweiflung über die von Aus dem Inhalt: DJ« ne״* Phase^ der Arlosoroff-’ ־־ Mordaffäre — Die Religion der Gebildeten (zu Sdhleicrmachers 100. Todestag) — Palästinapolitik mit englischen Augen gesehen — Wanderungen in Palästina — Kulturbund-Premier• (mit Bildern) — Habimah Premiere. Beilagen: Berliner Rundschau — Sport — Palästina• ־'_ Wirtschaft — Hebräischer Fernunterricht Bilder von der Palästina Ausstellung ihm klarsichtig und illusionslos erkannte Judenfrage einen ähnlichen Plan der Gesamttaufe erwogen, freilieh um ihn sofort wieder fallen zu lassen. Die Taufe erschien auch am Ende des Jahrhunderts der Emanzipation als der einzige Weg, volle Gleichberechtigung zu erlan* gen und durch Assimilation die judenfrage zu lösen. Viele einzelne Juden sind diesen Weg gegangen (daher stehen wir heute in Deutschland vor dem Problem der Nicht« arier); jeder weiß, wie stark die Verlockungen von Kar• ricre, sozialer Geltung, Gleichheit gewesen sind. Heute, Wo im nationalsozialistischen Staat Blut und Rasse maß• gebend geworden sind, ist den deutschen Juden dieser Weg der Flucht versperrt. Wir haben kürzlich in der ״Jüdischen Rundschau“ gelegentlich eines Artikels von Dr. Grau im ״Völkischen Beobachter“ der Befürchtung Ausdruck gegeben, daß Graus Anschauung, wenn der neue Staat die getauften Juden als gleichberechtigt mit den christlichen Deutschen behandelt hätte, wäre ein Massenandrang zu den Taufbecken zu verzeichnen gewe* sen, richtig sein könnte. Es ist bezeichnend für das Fühlen der deutschen Juden dieser Zeit und es ist für uns erfreulich, daß wir eine Reihe von Zuschriften er• hielten, die sich gegen diese unsere Meinung wenden. Die deutschen Juden, so erklären die Einsender, hätten ihr Oefühl für Würde wiedergefunden und es bestehe keine Gefahr, daß eine Taufpsychose wieder um sich greifen könnte. Auch wir glauben, daß die deutschen Juden in ihrer großen Mehrheit zu sich selbst gefunden haben und heute zu ihrem Judentum stehen. Aber wir dürfen unsere Augen nicht vor der Tatsache verschlie« ßen, daß diese innere Entwicklung durch äußeren Zwang zustande kam. Sie ist gewiß gerade bei den besten Eie• menten des deutschen Judentums echt erlebt und zuverlässig. Aber die Treue zum Judentum erweist sich nicht in einer Zeit, wo der Austritt praktisch unmöglich Der Reichsmlnlstcf des Innern, Dr. Frlck, hat an die obersten Reichsbehörden,' die Rclchsstatthalter und die Lundcsrcglerungcn ein Schreiben gerichtet, worin er feststcllt, daß die deutsche Arier-Gesetzgebung aus völklsehen und staatspolitischen Gründen notwendig sei. Andererseits habe sich die Reichsregierung selbst gewisse Grenzen gesteckt, deren Einhaltung gleichfalls erforderlich sei. Die deutsche Arier-Gesetzgebung würde Im In- und Ausland richtiger beurteilt werden, wenn diese Grenzen überall beachtet würden. Insbesonderc sei es nicht angebracht, ja sogar bedenklich, wenn die Grundsätze des sogenannten Arier-Paragraphen Im Reichsgesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, der vielfach als Vorbild wirkte, auf Gebiete ausgedehnt würden, für die sie überhaupt nicht bestimmt seien. Dies gelte Insbesondere, wie die nationalsozialistische Regierung Immer wieder erklärt habe, von der freien Wirtschaft. Minister■ Frick bittet, Ueber-. griffen auf diesem Gebiete mit aller Entschiedenheit ent- Segenzutreten und die unterstellten Behörden nachdrücklich , arauf hinzuweisen, daß sie Ihren Maßnahmen und Ent-; Scheidungen nur die geltenden Gesetze zugrunde m legen, hätten. Ebenso wie die Behörden gegebenenfalls ohne Verzug! ihre Amtshandlungen durchzufiihren hätten, sei es andererseits geboten, daß durch Gesetz oder Verordnung nicht erlaubte Einwirkungen auf wirtschaftliche Unternehmungen, Verbände usw. unterlassen werden. Eine Aufhebung, Acndcrung oder Ausdehnung geltender Reichsgesetze stehe nach Maßgabe des Ermächtigungsgesetzes nur der Reichsregierung selbst zu, nicht aber den diese Gesetze ausführenden Organen, diese hätten vielmehr ״die Gesetze solange anzuwenden, als sie in Geltung sind und dürfen sich mit ihnen auch dann nicht in Widerspruch setzen, wenn sie vielleicht nationalsozialistischen Auflassungen nicht voll zu entsprechen scheinen.“ Der preußische Innenminister hat den nachgeordneten Behörden, den Gemeinden und Gemeindever* bänden diese Stellungnahme des Reichsinnenministers zur genauesten Beachtung empfohlen. Das Rundschreiben des Reichsministers des Innern bringt nun in Form einer Anweisung an die Behörden dieselben Anschauungen zur Geltung, die Minister Frick in einem Aufsatz in der ״Deutschen Juristenzeitung“ vom I. Januar 1934 geäußert hat und die wir in Nt. 1/2 de*!Jüdischen Rundschau“ wiedergegeben haben.