Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 10 (2.2.1934)
- Date
- 1934-02-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Elrci.Unr.fgpn nur *«!•a Vor.ui• tahlun, ■ul Po»t.cl1»ck Kontf> B«rlln 71618 ml•» In d•» An;rlg«n-AnnaKm• Moni•* 1יי• F׳»I1■* ^—15 Uhr. AnnahmaachluS für dl• Dlona'ig-Attaiabt Monn* 10 Uhi Ihr dl• Fr«l1»1-Aua|«h■ Mmwoch 13 Uhr (F«nlil«n1n**l*w1 blaDenn•»«•* 10 Uhr) Heimstätte. In Palästina. ,, Baseler Programm" ririp ־ in Hu!, I—Mi J * זר־/, »l*..*«! v ר י, j י^ ן*"**ן»""j-m, 1' י :j] | | IL> 1 mi erei 1H., ן?. Pohngn i fnoö! hieute. UB;19 tate, ta für alle Zeit vom Judenschicksal verschont bleiben müsse, wurde eines besseren belehrt. Viele Juden, die “"bekümmert um jüdische Dinge gelebt hatten, wurden Saran erinnert, daß das Judesein unentrinnbar ist und S1e 'verden wohl nicht umhin können, ihr eigenes Daicin im Zusammenhang■ mit allem jüdischen Dasmn zu 5^en, und nicht nur unter einem sozusagen ״egoistijclien״ Gesichtspunkt. Nur dann wird auch ihnen frucht* bare Hilfe zuteil werden können. Denn es kommt nicht 50sehr auf die dem einzelnen geleistete materielle Hilfe ä" — so wichtig diese auch im Einzelfall ist als ',drnehr darauf, eine Neuordnung des jüdi* schen Lebens herbeizuführen. Darum ist es auch pl״e Illusion, wenn jetzt, unmittelbar nach der schweren ״*hüttcrung des Jahres 1933, manche Juden wieder ״CzcPfe für das deutsch-jüdische Verhalten zu geben '«suchen, die auf eine isolierte Betrachtung nseres Problems hinauslaufen und die gleichmäßige «etzüchkeit übersehen, die das jüdische Leben allent־ *"6י) beherrscht. Diese Ueberlegungen sind nicht etwa nur rein theo* 6״scher Natur, sondern sie haben praktische Konscquen* c"• Der deutsche Jude, der sich mit der Judenfrage or 1 J | 1 |SP pM■ #"“*־ 11111 ).•.׳■ r ,,,, 311 3 «■»ך J י ן' ® 1 '; : i - 1 1 1 i! i י * | ' | V«. «. i L .. - J t£* %. .,״V V. ״ . ךייי־ח p-»j | | ג׳ I L...J J V*־ Die Fülle der aus dem eigentümlichen Zusammen• leben der Juden mit den anderen Völkern sich ergebenden Besonderheiten, die wir kurz als ״Judenfrage“ zu be- ,eidmen pflegen, ist eine Begleiterscheinung des Lebens der Juden in der Zerstreuung und tritt in verschiedenen [andern und zu verschiedenen Zeiten in wechselnder form auf. Wahrend in Perioden der Stabilität und des Wohlstandes die Schwierigkeiten latent bleiben, tritt in Zeiten der Unruhe und der Völkernot eine kritische Verschärfung ein. Das 60 Jahre alte Wort Jakob Burcklurdts ״Mit der Sicherheit ist es zu Ende, seitdem die Politik von den inneren Gärungen der Völker bestimmt wird“, gilt in besonders hohem Maße von der Stellung der Juden. Dementsprechend wird auch in kritischen Momenten die Notwendigkeit der Abhilfe besonders deutlich empfunden. Wenn wir nur die letzten 50 Jahre überblicken, so sehen wir, daß in verschiedenen Ländern die Judenfrage mit aller Schärfe hervorgetreten ist, sei er in den Pogromen des zaristischen Rußlands oder in der Drevfus-Affärc in Frankreich, in dem Wirtschaft-!!dien Zusammenbruch des polnischen Judentums nach dem Kriege oder schließlich in den Formen des Antismitismus der letzten Jahre in mehreren Ländern, l'ebcrall hat die entstehende Not zu neuen Plänen für die Gestaltung der jüdischen Zukunft Anlaß gegeben, seitdem im Jahre 1882 der russischjüdische Arzt Leon Pinsker seine Broschüre ״Auto* emanzipation“ erscheinen ließ. Zugleich hat der jeweils unter glücklicheren Bedingungen lebende Teil der Judenbeit großzügige Hilfsaktionen eingeleitet, um den bedrängten Brüdern beizuspringen. Um die Jahrhundert- "ende haben die deutschen Juden bei solchen Hilfsaktionen eine Hauptrolle gespielt, ja zuweilen konnte rrn von einer Führerstcliung der deutschen Juden sprechen. Nach dem Weltkriege war die Hauptträgerin,, der Hilfsarbeit die amerikanische Judenheit. Heute ist die deutsche Judenheit selbst hilfsbedürftig, und «ich die amerikanische ist infolge der Wirtschaftsfalastrophe nicht mehr auf der Höhe ihrer Leistungsfahigkeit. So hat es sich ergeben, daß die englischen Juden in der letzten Zeit in der Organisierung jüdischer Hilfsaktionen führend geworden sind. Für die Gesamtjudcnheit ist heute «ine Fülle von Aufgaben zu bewältigen. Man kann manchmal die Beebachtung machen, daß manche deutsche Juden meinen, <l« Judenfrage und Judennot bestehe erst seit dein Jahre 1933, weil sie selbst erst in diesem Jahre diese hinge kennengelernt haben. Aus diesem Irrtum folgt dann der andere Irrtum, daß mir die deutsche Judenfrage existiere und alle auf Hilfe gerichteten Instanzen bd! daher mit ihr beschäftigen müßten. So begreiflich te auch ist, daß für die deutschen Juden ihre eigenen Erlebnisse, zumal sie so unerwartet kamen, im Vorder- CTnd stehen, so wäre es doch bedauerlich, wenn sie *Ijs Problem, um das es sich handelt, nur unter ihrem tigenen Blickpunkt betrachten. Die Erlebnisse des Jah- 1933 müßten vielmehr dazu geführt haben, daß die tatschen Juden die Judenfrage als Gesamtpro* “lern zu würdigen verstehen, von dem ihre eigenen tagen nur ein Tcilproblcm darstellen. Wer geglaubt daß die Judenheit irgendeines Landes grundsätzden aktuellen Ereignissen gehört. Im verflossenen Jahr beschäftigte sich die öffentliche jüdische Meinung auf der ganzen Welt vorzugsweise mit den deutschen Juden, was schon daraus zu erklären ist, daß in Deutschland die Fragen in einer besonders grundsätzlichen Zuspitzung akut geworden sind. Geht cs ja hier nicht nur um den R a s s e g e d a 11 k c n, der natürlich für alle Angehörigen der jüdischen Rasse, wo immer sie wohnen, seine Bedeutung hat, sondern auch um das Prinzip der Emanzipation, das gerade von den deutschen Juden besonders theoretisch fundiert worden und von den Juden der anderen Länder als oberste These übernommen worden war. Alle Bewegungen und Aktionen konnten daher auf das Schicksal der deutschen Juden exemplifizieren. Besonders naheliegend war dies innerhalb des Zionismus, dem hier eine höchst unerwünschte, aber doch nun einmal vorhandene Bestätigung der These von der Labilität der jüdischen Lage im Galuth geboten worden war. Dem zionistischen Oedankcugnng liegt cs fern, bei Ereignissen dieser Art einen Rachefddzug gegen die Judengegner zu predigen, vielmehr geht er darauf aus, die Juden zu überzeugen, daß sie selbst eine große konstruktive Tat zur grundsätzlichen Veränderung ihrer Lage unternchinen müssen. Aber diese Tat geht weit über den Rahmen einer Hilfsaktion für deutsche Juden hinaus. Deutsche Juden, die jetzt z. B. auch Palästina und den Zionismus ernster nehmen als zuvor, sollten nie ver* gessen, daß der Zionismus, der in ihren Gesichtskreis erst jetzt trat, nicht erst 1033 geboren wurde und keineswegs auf die letzten Ereignisse in Deutschland zugeschnitten ist; er bestand schon früher und würde heute mit gleich großen Aufgaben existieren, wenn diese für die deutschen Juden schicksalsschweren Ereignisse; nicht eingetreten wären. Angesichts der beherrschenden Rolle, die die Diskussion der deutsch-jüdischen Lage auch in zionistisciicn Gre« mien spielte — hat doch der letzte Zionistenkongreß ein eigenes Dezernat zur Ansiedlung deutscher Juden in Palästina eingerichtet — war es eine an sich, dan- kenswerte Korrektur, wenn Harry Sacher bei der Konferenz der englischen Zionisten das Augenmerk darauf lenkte, daß die deutsche Judenfrage nur einen Teil der zu bewältigenden Probleme darstellt und daß auch Juden anderer Länder nach Palästina drängen. Harry Sacher ist eine eigenwillig denkende Persönlichkeit, deren Anschauungen im Zionismus häufig umkämpft waren und sind. Wir erinnern nur an seine Forderung einer durch Abbau zu erzielenden strengen Oekonotnie in Palästina, die auf dem Zionistenkongreß von 1927 heftige Gegnerschaft fand. Es wird niemand wundern, daß auch heute Sacher als ein Mann nüchfernen Denkens mit dem Bestreben, keine Illusionen zu erwecken, hervortritt. Dennoch ist seine Ansicht keineswegs als die geltende zionistische Anschauung zu bewerten, sondern fand in Einzelheiten Widerspruch auf der englischen Zionistenkonferenz von so maßgebender Seite wie Dr, Weizmnnn und Dr. ßrodetsky. Sachers Rede ist auf Grund von unzulänglichen Berichten auch in einem Teile der deutsch-jüdischen Presse kritisiert worden, wobei eine deutsch-jüdische Zeitung sich dazu verstieg, Sachers Stellungnahme ״Zionismus als Egoismus“ zu nennen, was völlig unverständlich ist, da von egoistischen Motiven auch auf Grund jenes unzulänglichen Berichtes nicht gesprochen werden kann. Da uns jedoch die Rede Sachers jetzt im Wortlaut vorliegt, lohnt es sich, nochmals auf die Angelegenheit zurückzukommen, weil hier Dinge berührt werden, die für die deutschen Juden überaus wichtig sind. wie dies t. B. unser Pariser Korrespondent berichtet hat. Bezüglich der direkten Unterstützung jüdischer Einrichtungen in Deutschland haben sich die von maneben gehegten Erwartungen nicht erfüllt. Dazu kommt die Ucbcrlegung, was in Zukunft geschehen soll, wenn das deutsche Judentum weiter verarmt. Auf diese Fragen kam Sacher in seiner Rede zu sprechen. Er sagte; ״Wir sollten weder die deutschen Juden ermutigen, sich unnötigerweise von ausländischer Hilfe abhängig zu machen, noch sollten wir in anderen Ländern den Glauben aufkommen lassen, daß die Weltjudcnheit alle Lasten, die aus den Folgen antisemitischer Maßnahmen entstehen, tragen könne. Es handelt sich hier für uns nicht nur um die Schaffung einer Reserve für Erfordernisse, die durchaus im Bereich der Möglichkeit liegen, sondern es handelt sich auch darum, uns zu keinen aut lange Zeiträume fest* gelegten Ausgaben zu verpflichten. In einem ge* j46> Sofinfaty Ut 3pdm, iücisUUa fc 1fr wissen Zeitpunkt bestand die Ansicht, daß wahrscheinlich öffentliche Sammlungen für die deutschen Juden Jahr für Jahr durch einen langen Zeitraum hindurch gemacht werden müssen. Ich teilte diese Ansicht, habe aber jetzt meine Anschauung geändert und glaube, wir sollten die deutschjüdische Angelegenheit so bald wie möglich zum Abschluß bringen, damit wir unsere Hände frei haben, wenn ein anderer Notstand sich zeigt. ... Wie die Dinge liegen, wird die ökonomische Lage der deutschen Juden zweifellos schlechter sein ata früher, aber sie dürfte noch Immer besser sein als die der Judenheit in Boten, Rumänien und anderen Ländern. Die deutschen Juden haben im Laufe von 150 Jahren eine wunderbare Organisation des geistigen Lebens,, der jüdischen Verwaltung und Wohlfahrt aufgebaut, aber dieser Apparat übersteigt die Notwendigkeiten und Möglichkeiten einer verarmten deutschen Judenheit. Es wäre daher nicht gerechtfertigt für die Juden außerhalb Deutschlands, wenn sic die deutschen Juden darin bestärken würden, eine ihre eigenen Leistungsfähigkeiten übersteigende Or* ganisation ihres Gemeinschaftslebens aufrechtzuerhalten.“ Man muß dieser Abbau-Politik gewiß nicht bei* pflichten, aber es ist auch wichtig, sich keinen Illu• sionen über die zu erwartende Auslands* hilfe hinzugeben. Die deutschen Juden werden ihre Institutionen in der Hauptsache aus eigener Kraft zü erhalten haben, und wir hoffen, daß trotz der ver* schlechteren finanziellen Lage der deutschen Juden das kulturelle und soziale inner-jüdische Leben nicht leiden wird. Nun zur Frage Palästinas. Wenn Sacher der Mel*, nung Ausdruck gab, daß in Zukunft nur etwa 2000 deutsche Juden jährlich nach Palästina einwandern werden, so scheint uns diese Zahl gänzlich aus der Luft gegriffen, zumal Dr. Wcizmann in derselben Sitzung die Ziffer um das Zehnfache höhersetzte. Obwohl wir also mit Sacher in diesem Punkte nicht übereinstim* men, können wir doch keine ״feindliche Haltung“ ge* genüber den deutschen Juden darin erblicken, wenn er sagte: ״Vom palästinensischen Gesichtspunkt ist die Qu all• tat der Einwanderung wichtiger als die Quantität, und eg wäre daher ein Irrtum, eine Massenein Wanderung deutscher. Juden nach Palästina ohne .Berücksichtigung ihrer speziehen Qualifikationen zu ermutigen. Dies wäre auch ein Unrecht gegenüber den Juden anderer Länder, deren Bedürfnisse und Qualifikationen in bezug auf Palästina in gleicher Weise berücksichtigt werden 'ertraut macht, wird Verständnis dafür gewinnen, daß deiner fruchtbaren Aufbauaktion ein Standpunkt über Zu Beginn der deutsch-jüdischen Krise hatte es den Anschein, als ob ausländische Jude:, große Summen für die Unterstützung deutscher Juden sammeln würden.; Naive Personen haben dies so verstanden,’ als ob den-’ jenigen deutschen Juden, die ihre Existenz verloren haben, privat eine dauernde Hilfe gewährt werden könne. Bei näherer Uebciicgung muß man clnschcn, daß durch direkte Wohltätigkeit nur in geringem Um* fang und in einem bestimmten Zeitraum geholfen wer* den kann, während im übrigen produktive Unterstützung nur an Institutionen gewährt werden könnte. Die Hilfskomitees der einzelnen Länder haben bekanntlich eine Zeitlang die mittellosen Emigranten über Wasser gehalten, aber angesichts der Unmöglichkeit, diese Emigranten in das Wirtschaftsleben einzuordnen, ergaben sich bald aus Geldmangel große Schwierigkeiten, müssen. Es ist ein schwerer Irrtum der ״C.-V.-Zeitung'V wenn sie hier, den ״Heroismus einer Idee auf Kosten• der Betroffenen“ zu finden meint. Denn abgesehen da*, von, daß ja die Juden anderer Länder auch von der Judenfrage ״Betroffene“ sind, wäre niemandem genützt,׳ wenn man unqualifizierte Elemente nach Palästina brächte. Warum man aber eine Ansicht, die den Egois* mus eines Einzelnen oder einer Oruppe als Ausgangs* punkt verwirft und unter dein Gesichtspunkt des Wohles der Volksgesamtheit ihre — richtigen oder falschen — Betrachtungen anstellt, ״Zionismus als Egoismus“ nennen kann, ist nicht zu verstehen. Wir sind überzeugt, daß ein als jüdisches Gesamtproblem begriffenes Palästina auch den deutschen Juden die größte Hilfe bietet — die einzige, die ihnen bisher eröffnet wurde. J