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Jüdische Rundschau · 1934-01-30 · Heft 9 (30.1.1934) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 9 (30.1.1934)
Date
1934-01-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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AnnahmaachhiA für di« Dianstag-Auaiab• Montag 10 Uhr Ittr dl• Freitag-Ausgabe Mittwoch 13 Uhr (FemlHenanselgen bis Donnerstag 10 Uhr) ,Baseler Programm" v 11 ׳ f ׳ יי—-% | I ■ן .־ ümmJ lü-al Ibtfi ,71 'J it ז״י׳ו , Ti e, Wilrta, »» 0,1S Karo UN יע"• Tee eisen Mali I Dnrch- 1• von 0127 ICHO rMul y / ץ־ \ \ L4 Am heutigen Tage ist ein Jahr verflossen, seitdem der Reichspräsident von Hindcnburg den Führer der NSDAP. Adolf Hitler zum Chef der Deutschen Regierung ernannt hat. Auf Wunsch der Regierung werden laute Feiern unterbleiben; aber rückschauende Würdigungen werden zweifellos diesen Tag erfüllen. Man wird ermessen, welche gewaltige Umwälzung dieses Jahr im Leben des deutschen Volkes bedeutet. Ganz abgesehen von den einschneidenden Veränderungen in allen Organisationsformen des staatlichen, sozialen, Wirtschaftliehen und geistigen Lehens, die der äußere Ausdruck der neuen Situation sind, darf man wohl als das Wesentliehe dieses Jahres das neue innere Erlebnis bczeichnen; und so gesehen ist dieses Jahr kein plötzlicher gewaltsamer Einbruch, sondern die Frucht und Krönung eines geistigen Prozesses, der schon Jahre, vielleicht Jahrzehnte vorher begonnen hat und der — so darf man wohl sogen — auch heute noch nicht ganz abgeschlossen ist. l'nd gerade darum, weil es sich hier um Größeres als bloß politische Machtverschiebungen handelt, hat auch derjenige das Recht und die Pflicht der betrachtenden Ruckschau, der sich nicht anmaßt, in die Angelegenheiten des deutschen Volkes und seiner Gestaltwerdung hinein- Zureden. Der Zufall will cs, daß ein jüdischer Denker es ist, der unserer Generation ■ein gigantisches geistesgeschichtlichcs Werk vorlcgt, das den Titel führt ״Wand• lungen der Weltanschauung“. Von diesem Werk Karl Joels, das seit etwa sechs Jahren in Liefeningen (im Verlag J, C. B. Mohr, Tübingen) erscheint, wurde diese Woche die 13. Lieferung ausgegeben, die dis 19. Jahrhundert, unmittelbare Vorgeschichte unserer Ucgcnwart, behandelt Es ist, über alle ,,Rückzüge des Geistes" hinweg, das Jahrhundert vor! der Romantik bis zu Friedrich Nietzsche, dem ״Erwccker", der gegen die Entwertung durch Uniformität sich aufbäumt. Die Jahrtausende überblickend, erkennen wir die Wandlungen der Weltanschauung, die nach jeder Verflachung immer wieder aus schöpferischem Geist ein neues Fundament schafft. Und obwohl uns bei allem trockenen Historismus das lebendige Gefühl für die unser Leben unterströmenden und tragenden geschichtlichen Kräfte abhanden gekomnen war, wußten doch auch wir schon zu Beginn dieses Jahrhunderts, daß uns Erschütterungen bevorstehen und daß die Sekurität des bürgerlichen Zeitalters nicht von Dauer sein kann. Etwas hilflos sprach man schon damals von der unerträglichen ״Mechanisierung“, die Verse von Hofmannslhal, Rilke und Stefan George schienen den Abschluß eines gesättigten Zeitalters und den Beginn eines neuen zu künden. Ein ״neuer Irrationalismus“ zog herauf, beängstigend und dohend für jene, die sich aus dem Rationalismus eine sichere, nie erschiittcrb.irc Festung gebaut zu haben wähnten. Wir alle fühlten, daß sich unser Dasein von den Quellen des echten Lebens entfernt hat, mit ״Ockonomie“ und ״Lite• ratur“ ausgefüllt war. Wir wußten oder ahnten (viele wagten es sich selbst nicht cinzugcs(chen), daß die Welt nicht so bleiben kann. Wir wußten nicht, in welche Bewegung sie geraten wird und wie sich die Spannungen entladen werden, nur daß Schranken morsch! geworden sind und gesprengt werden werden.; Die Sehnsucht nach einer Wiedergeburt durch Untertauchen in die Urmächte alles Werdens j war groß, und dieses in unserem Kulturkreise | allgemeine Weltgcfühl gewann in dein jüdischen j Sektor dieses Kreises seinen Ausdruck und seine j Form in der Rückwendung zu den Quellen jüdi-! sehen Seins, verbunden mit der Unterwerfung unter ein den ganzen Menschen beanspruchendes, Gemeinschaft stiftendes, den Einzelnen aus seiner Vereinsamung befreiendes Ideal. Int Zionismus erlebten wir ahnungsvoll die Wende Zeiten, wie wir als Juden einzig und allein sic er- ‘eben konnten. Das oft gebrauchte Gleichnis vom Riesen {״täüs, der durch Berührung mit seiner Mutter, der f:rde, wieder Kraft gewann, zeigte die neue Haltung des Jüdischen Menschen in bezug auf das Judentum. Dann "ar die liberalistische Auffassung des Individuums als 05'״gelösten“ Trägers des Lebens überwunden und die Bejahung höherer Ordnungen und innerer Bindungen ermöglichte geschichtliches Denken und Empfinden, datu den Wunsch zur wirklichen Lebensgestaltung sta*t wissenschaftlicher Abstraktionen. Unabhängig U1)d abseits vom Zionismus, aber vielleicht doch in ge- 1 yi heimnisvollcm Zusammenhang, haben jüdische Denker des ausgehenden 19. Jahrhunderts die Idee des ״Lebens" wieder zum Mittelpunkt der Philosophie gemacht. Acußerlich ist gewiß nicht der geringste Zusammenhang zwischen Denkern wie Georg Simmel oder Bergson oder J0<;1 und dem neuen Lebenstrieb des jüdischen Volkes; aber sie haben in ihrem Denken widcrgespicgelt, was eine Generation nach ihnen ins Leben umsetzt. Wir wußten nicht, was kommen wird, nur daß das Alte zu Ende war. Wir haben den Weltkrieg erlebt, wir haben mm das Jahr 1933 erlebt, in dem etwas aufbrnch, ein neuer Lebenswille eines Volkes, nicht streng theoretisch fundiert, aber elementar, vital, aus den Tiefen der Seele. Das ״Prinzip der völkischen Lebensganzheit“ (Krieck) wurde realisiert. Es steht uns nicht zu, Einzellieiten dieses Geschehens zu besprechen, aber wir sind verpflichtet, cs mit tiefem Ernst hinzunehmen als Durchbruch einer allumfassenden geistigen Wandlung. Diese Ucberleguitgen erleichtern uns auch das Verständnis, wenn wir unser eigenes Verhalten, das Verhalten der Juden, in diesem Jahre überblicken. Für uns deutsche Juden war das wichtigste an dem Ereignis des 30. Januar 1933 die für viele überraschende und erschlitternde Einsicht, daß das, was die Juden bisher als deutsches Leben betrachtet hatten und was ihnen die liberale Presse vorgcgaukelt hatt־׳, nicht der Wirklichkeit entsprach. Zionistisch geschulte Juden, die um den Abgrunil der Geisteskrise wußten, waren nicht so naiv gewesen, die wahre Kraft der deutschen Volksbewegung zu verkennen, nur weil dies für die jüdische Selbst- Sicherheit bequemer war. Die ״Jiid. Rundschau“ hat, auch als Hitler zweimal nicht ans Ziel gelangt war, voraus* gesagt, daß sein Tag kommen wird. Denn so unlieb uns Juden das wegen des Antisemitismus der NSDAP sein mußte, verderblicher ist das Nichtsehcnwollcn wahrer Kräfte. Wir wollen, um nicht hart zu sein, nicht sagen, daß das von den deutschen Juden als maßgebend angesehene Deutschtum überhaupt nicht vorhanden war, aber es w׳ar eine altgewordenc und erstarrte Lebensschiebt, abseits des wirklichen aufwühlenden und gärenden inneren Geschehens, von dem wir ein Bild bekommen etwa aus den Büchern Ernst von Salomons, der uns das Denken der deutschen Nachkriegsgeneration enthüllt. Das alles kannten die deutschen Juden nicht, sie lebten in Wahrheit in einem geistigen Ghetto, und ihre Lebenslüge bestand darin, daß sie, um sich selbst als Volldeutsche empfinden zu können, diesen engen Lebenskreis als ״deutsch“ bczcichnetcn. Diese Lebenslüge ist am 30. Ja• nuar 1933 znsammengestürzt, und so stehen wir vor dem eigentümlichen Paradox: heute, wo wir als Juden völlig auf uns selbst angewiesen und durch einen deutlichen Trcnnungsstrich von der Umwelt geschieden sind, leben wir weniger In einem Ghetto als früher, wo deutsche Juden sich cinbildcten, die echten Deutschen zu sein. wenn Dr. Wilhelm Grau in einem Aufsatz ״Zur Juden* frage“ im ״Völkischen Beobachter“ vom 21, Januar fol« gendes schreibt: ״Was würde denn wieder geschehen sein, wenn die ge* tauften Juden als Nichtjuden gleichberechtigt mit den Christliehen Deutschen behandelt worden wären? Ein ungeheurer Zustrom hätte zu den Taufbecken der christlichen Kirchen eingesetzt und wir hätten aufs neue jenen Mißbrauch des Tanfsakraincnts erlebt, den das vorige Jahrhundert über sich ergehen lassen mußte.“ Wir fürchten, daß der Verfasser mit dieser Fest- Stellung recht hat, und wir können unser Gefühl nicht verschweigen, daß auch am 30. Januar 1934 die Mcntalität vieler Juden noch nicht grundsätzlich anders geworden ist. Dennoch ist dieses Jahr ein historisches Jahr in Aus dem Inhalt: Jcwish Agency gegen Revisionisten *. ■** .. — Der fudenproicß in Kairo — Das Recht der nichtarischen Kassenärzte — Die Rassenkünde in der Schule — Was für Juden gehen nach Palästina? — Orangenpacken am laufenden Band Die Neutralität des Kulturbundes Beilagen: Kinder-Rundschau — Berliner Rundschau ■”""■*■"י■... — Jüdisches Leben im Reich der Geschichte des jüdischen Volkes. Eine Umwertung der Werte hat Platz gegriffen, das Denken der Welt und der Juden selbst ist aus seiner Erstarrung gelöst worden, und wenn wir auch jetzt eine Epoche der Reaktion durchleben, wo manche jüdischen Gruppen mit veränderter Terminologie wieder in ihre früheren Stellungen zurtickzukchren versuchen, so wissen wir doch, daß objektiv eine derartige unechte Beruhigung nicht möglich sein wird, weil die Judcnfrage nichts Erfundenes ist, sondern wirklich existiert und immer wieder ihr unbequemes Vorhandensein anmelden wird. Der Nationalsozialismus hat in diesem ersten Jahre seiner Regierung Gewaltiges erreicht, und es ist begreiflieh, wenn er mit Stolz auf dieses Jahr zurückblickt. Es gibt in Deutschland außer der NSDAP, keine Parteien mehr. Der vom Nationalsozialismus vertretene Anspruch auf Ausschließlichkeit führte große Scharen, die früher nicht der Partei angehörten, in seine Reihen. In der letzten Zeit haben sich offizielle Kundgebungen wieder• holt dagegen gewandt, daß versucht wird, den National- Sozialismus zu verfälschen oder umzudeuten und daß Menschen, die eben erst den Weg zu ihm gefunden haben, als seine geistigen Führer gelten wollen. Der Denn heute, nachdem wir unser jüdisches Ich gefundeu haben, sind wir auch für das Andere aufgeschlossen, das um uns vorgeht. Denn nur das Finden des eigenen Wesens ermöglicht auch die Aufnahme des Anderen und die Wirkung auf Andere; bei einzelnen Menschen ebenso wie bei Menschengruppen. Wir alle haben in diesem Jahre schmerzlich erfahren, wie weh die plötzliche Loslösung von altgewohnten Vor- Stellungen tut. Aber die deutschen Juden, die überhaupt denken wollten, mußten erkennen, daß eine historische Schuld unserer jüdischen Existenz hier vergolten wird. Denn daß man uns von außen her den Stempel Jude aufdrücken mußte, war unsere Schande, die wir das Banner des Judentums sinken gelassen haben. So hat das Erlebnis des Jahres 1933 auch uns Juden eine Stärkung des Gemeinschaftsgefühls gebracht, cs hat uns in der Not Zusammenhalten und einander helfen lassen; und die Aufrichtigkeit gebietet hinzuzufügen, daß am Ende dieses Jahres schon wieder Anzeichen vorhanden sind, daß viele Juden sich über die schweren Erlebnisse hinwegsctz.cn wollen, sowohl was Erkenntnis anlangt, als auch was Bereitschaft zur gegenseitigen Hilfe anlangt. Wieder erhebt sich der Egoismus von Einzelnen und von Gruppen, und wenn heute eine Möglichkeit ge• boten würde, daß Einzelne auf diese Weise in den Besitz von Privilegien gelangen, wer weiß, ob nicht mancher Jude diese Flucht antreten würde? Es gibt keine beschämendcre Charakteristik für die deutschen Juden, als Nationalsozialismus wehrt sich gegen Zuläufer, gegen die Charakterlosen, die jetzt besonders laut ״Heil Hitler“ schreien. Diese Erklärungen sind nicht unwichtig auch für uns Juden, denn auch im jüdischen Lager finden sich hier und dort wieder Leute, die sich anbiedern und dem deutschen Volk Ratschläge geben möchten. Selbst• bewußte Juden können nicht in diese Versuchung kom* men. Der Jude ist aus dem deutschen öffentlichen Leben in diesem Jahre so zurückgedrängt worden, daß von , einer jüdischen ״Macht“, soweit sie früher vorhanden gewesen sein mag, nicht mehr die Rede sein kann. Dem* gemäß ist auch die Juden frage in der öffentlichen Auseinandersetzung etwas zurückgetreten. Der Na*, tionalsozialismus, so lassen Verlautbarungen der letzten Tage erkennen, sieht seine aktivsten Gegner in Kreisen, die mit Juden nichts zu tun haben und nie etwas zu tun hatten. Aber nichts wäre irriger, als wenn Juden heute die Möglichkeit für gegeben hielten, sich wieder in einer der geänderten Zeit entsprechenden Tarnung in das ״ deutsche Leben zu begeben. Dr^ Wilhelm Grau be- Vly spricht in seinem obenerwähnfen Artikel ״Zur Judenfrage“ die bisherigen Lösungsversuche, den r.iittelalter- ** * liehen und den liberalistischen, auf die nun der nationalsozialistische Lösungsversuch zu folgen habe. Ueber ihn sagt er: T ״Gewiß ist, daß er dem gescheiterten der eben vergangenen Epoche völlig ablehnend gegenübersteht, daß er, was das Ziel betrifft, ebenso wie die mittelalterliche Lösung nach reinlicher Scheidung strebt, weil nur so die biologischen, geistigen und sittlichen Werte der Nation gewahrt sind. Die endgültige Form der nationalsozialistischen Lösung ist noch nicht bekannt." (Sperrungen von uns. — Red. ״J. R.״) Ein bedeutender Führer des Nationalsozialismus, Wilhelm Kube, veröffentlicht in einer Reihe großer Vl J

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