Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 102 (23.12.1932)
- Date
- 1932-12-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 502 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 102, 23. XU 1932 VON JÜDISCHER MUSIK Redigiert von Alice Jacob ־ Loewenson Gegen jüdische Musik ־־־־ wie sie meist veranstaltet wird Auf Grund zahlreicher, im Laufe der Zeit an die Iledaktwm dieser Beilage ergangener Anfragen widmen wir untere heutige ,Summer den praktischen Voraussetzungen öffentlichen Musizieren*, zumal 11)1 uns bewußt sinil, daß di* hierzu ausgesprochenen Erfahrungen und!liehtlinien auch anderen kulturellen Veranstaltungen Anregungen geben dürften. Daß ein Bedürfnis nach jüdischer Musik bestellt, ist durch den überraschend«! Zuspruch fcstgcstcllt, den ihre Veranstaltungen überall finden; selbst in den kleinsten Orten hat sie sich als ein neuer Zündstoff erwiesen. Die Frage, ob man mit jüdischer Musik ״Propaganda“ treiben dürfe, braucht gar nicht erörtert: zu werden. Wie jeder andere unserer historisch fundierten Gemeinschaitswerte führt sie ganz von selbst zur Aktivierung jüdischen (ienieinsdniftslebens. Ja, sie ist sogar wie nichts anderes dazu imstande, denn sie wirkt einigend über alle Schranken der Partei, der Weltanschauung, der Bildungs- und Altersstufen. Sie ist das Populärste, ihre Wirksamkeit die intimste und dem geringsten Widerstand ausgesetzte. Und nicht zu vergessen: sie erfreut! Diesen Wert und dies Mittel zur Vcrgemeicsdiaiiung sollte man sich besonders angelegen sein lassen. Es genügt nicht, daß man sich nun allerorten darauf wirft. Je wichtiger ein Mittel ist, je einfacher und leichter es zu handhaben ist, um so größerer Sorgfalt bedarf es, daß es einem durch allzu groben, allzu äußerlichen Zugriff nick; vorder entbleitet. Falsch angewandt, kann leicht das Entgegengesetzte davon zustande kommen, was man damit erreichen will und könnte. Das ist, nach vielfachen Erfahrungen, hier leider häufig der Fall. Veranstaltungen jüdischer Konzerte sind meist Personen Übmassen, die zu etwas ganz anderem berufen sind: häufig sind es Organisatoren, Propagandachefs, Vereinsvorsitzende, die oftmals überhaupt keine Beziehung zu Musik haben. Das bedeutet von vornherein: Mangel an Kritik und eine Bevor- Tilgung des Dilettantismus. Die Folge davon ist, daß sowohl die Programmgestaltung als auch die künstlerischen Kräfte keineswegs dem Niveau entsprechen, das das jüdische Publikum von nichtjüdischen Konzerten her gewöhnt ist. Es ist eine bedauerliche Tatsache, daß gerade zionistische Vereine noch keinen Weg gefunden haben, ihre Veranstaltungen jüdischer Musik ordnungsgemäß zu finanzieren. Deshalb ist man meist auf unentgeltliche Mitwirkung angewiesen. Solche kann bekanntlich aus wirtschaftlichen Gründen im Prinzip mir von Dilettanten geleistet werden. Dieser ehrenamtliche Dilettantismus hat zu einer derartigen Niveausenkung solcher Abende geführt, daß diese nur mit Widerwillen von dem unterscheidungsfähigen jüdischen Konzerthörer aufgesucht werden. Um die Spesen immer weiter zu vermindern, bemüht man möglichst Vereinsmitglicder oder gute Freunde von solchen, jedenfalls vielfach aber ausschließlich ortsansässige Kräfte, auch wenn sie weit unter den künstlerischen Mindestanforderungen bleiben. Diese Art von ״Autarkie“ wäre doch nur da berechtigt, wo wirklich öffentlich herausstellbare, hervorragende Kräfte verfügbar sind. Und abgesehen von der künstlerischen Reproduktion muß man sich mit der Materie der jüdischen Musik Speziell beschäftigt haben, um das Gute vom Schlechten, das es auch hier, sogarin besonders reichlichem Maße, gibt, sondern zu können. Vor allem sind es die Bearbeitungen der jüdischen Volkslieder, deren Beurteilung eingehende Beschäftigung voraussetzt. Bisweilen stellen sich prominente Künstler ohne Honorar zur Verfügung. Da ihr Repertoire sich aber meist für Konzerte jüdischer Musik nicht eignet und da sie ja im letzten Moment ohnehin ״verhindert“ zu sein pflegen, kann mit dieser Möglichkeit kaum gerechnet werden. Die fachmännische Beratung, die hier einsetzen sollte, da sie viele Fehler verhindern kann, hat sich mit dem Geschmack und mit dem Niveau des Publikums auseinanderzusetzen, muß aber in erster Linie eine systematische Musikerziehung ins Auge fassen. Gewiß brauchen wir die Pflege jüdischer Laienmusik, jedoch Keinen Musikdilettantismus. Dilettantismus und Laientum sind ja ganz verschiedene Dinge. Dadurch, daß der Dilettant, d. 11. ursprünglich der Liebhaber, sich öffentlich produziert und die höchste Kritik herausfordert, bekommt der Begriff des ״Dilettanten“ den Sinn des Nichtkönners. Davon zu unterscheiden ist das, was die neuzeitliche Musikpädagogik unter ״Laienrnusik“ versteht: nämlich Musik, welcher der nichtberufsmäßig Musizierende ohne allzuviel Anstrengung gerecht werden kann, die seinem mittleren Können entspricht und die keinerlei Anspruch ans ״Virtuose“ stellt. Unindividualistisclie Musik, Hausmusik, vor allem gemeinschaftliches Musizieren, Chorsingen, dies sind die Gebiete, auf denen der Laie sich ״legitim“ betätigen kann, ohne seinen Mitmenschen auf die Nerval zu fallen. An den wenigsten Orten gibt es auch nur halbwegs brauchbare jüdische Gesangvereine oder Chorgemeinsciiaften, die im- Stande sind, einfache jüdische Volkslieder einwandfrei zu singen. Auch hier fehlt es fast stets an geeigneten!«ihrem. Viele Dirigenten jüdischer Chöre können kein Wort Hebräisch oder Jiddisch. Ebenso fehlt ihnen meist auch nur die elementare Kenntnis der 1’n Frage kommenden Literatur. Aus derartigen Chorgemeinsrhaffen kann natürlich nie etwas Positives entstehen: sie werden vergeblich auf Erfolg warten und ihre erzieherische Funktion ist gleich Null. Im Laufe des Jahres gibt es unzählige Gelegenheiten, die man mit jüdischer Musik aus gestalten kann. Es ist da unsere Pflicht, den wertvollen jüdischen Musiker, der durch den Antisemitismus immer mehr aus dem öffentlichen Musikleben ausgeschaltet wird, durch Engagements wirtschaftlich zu stützen, borgfältige Auswahl ist hier geboten, weil es auf wenigen Gebieten ein so verbreitetes Pseudo-Künstlertum gibt wie hier. Ebenso wichtig ist die Frage der Programmgestaltung. Konzertprogrammc jüdischer Musik zeichnen sich vielfach durch Einseitigkeit aus: es werden immer wieder die gleichen, allzu bekannten, oft minderwertigen Produkte geboten, die die betreffenden Mitvvirkenden zufällig auf dem Repertoire haben. Dabei gibt es eine umfangreiche, meist noch unaufgeführte jüdische Musikliteratur aus alter und neuer Zeit. Künstler und Veranstalter!missen sich nur die Mühe machen, sie kennen zu lernen. Aber auch die Kenntnis allein nützt nichts: inan muß es verstehen, ein Programm so attraktiv zusammenzustellen, daß das Publikum auch hinkommt. Schon der äußere Rahmen einer Veranstaltung ist wichtig: Saal, Einladungskarte, Plakat, einführendes Wort müssen ״Stil“ haben. Mitunter ist spezielle Propaganda erforderlich. Sie muß äußerst vorsichtig und geschmackvoll arrangiert werden. Gute und richtige Propaganda ist niemals ״kostspielig“, denn sie rentiert sich. Uebrigens werden gerade die primitivsten und entscheidenden Propagierungsmöglichkeiten selten voll ausgenützt, so z. B. mündliche Vorankündigungen in Sitzungen, Versammlungen und ausführlichere Vornotizen in den Vereins- Organen. Ungenügender Besuch beruht häufig auf Kollision mehrerer Veranstaltungen am gleichen Abend. Das wäre am besten durch eine Zentralisierung aller jüdischkulturellen Bestrebungen zu verhindern. Jede kultiirelle Veranstaltung wird ausreichend besucht, wenn alle kulturell interessierten Vereine, Gruppen und Gesellschaften erfaßt und rechtzeitig interessiert werden. Musikleben Jerusalem. Die ,Jerusalemer Musik-Gesellschaft“ veranstaltet in dieser Saison sechs Kammerkonzerte mit vorwiegend klassischem Programm unter Mitwirkung von Professor David Sch o r (Klavier), Alice Ehlers (Cembalo), Emil Hauser (Violine), dem Jerusalemer Streichquartett (Hauser, Benami, Schmerzier, Ycllin) und dem Jerusalemer Streichorchester unter Leitung von S. G a r t e r. München. Im Münchener Radio-Sender wurde ein Orgelwerk von Hugo Adler aufgeführt, eine Toccata und Fuge über ein hebräisches Thema. Frankfurt. Die ״Wizo“ veranstaltete am 18. Dezember ein Kammerkonzert mit Werken zeitgenössischer jüdischer Musik, das großen Erfolg hatte. London, Die Sängerin Maria Rapp-janowekaja absolvierte eine Tournee in England, aut der sie zahlreiche neue Bearbeitungen jüdischer Volkslieder erfolgreich erstaufführte. Berlin. In der Synagoge Prinzregentenstraße wurde die neue Freitag-Abend-Liturgie von Leo Kopf aufgeführt. Wir haben den Eindruck eines durchaus unkomplizierten, luftig klingenden, liebenswürdigen Werkes, das von Mendelssohns Klangtraditionen nicht unbeeinflußt ist. Neu und erschütternd ist diese Komposition ebensowenig wie fast alles, was seit der Emanzipation geschrieben wurde. Fraglos ist der Komponist an die Gegebenheiten der Orgclsynagoge gebunden; aber man spürt doch, daß seine Möglichkeiten durchaus in dieser Riehtung liegen. — Innerhalb der Chanukkahfeier des Scholem- Alechem-KIubs (Sonntag, 25, Dezember) spielt Alice Jacob- Loewenson zum ersten Male: ״Drei jüdische Volkstänze“ von Edvard Moritz und ״Wiegetänze“ (Variationen auf ein ostjüdisches Volkslied) von Alice Jacob-Loewenson. Das Konzert der Wizo, ״Biblische Szenen in alter Musik“, zeigte künstlerischen Ernst, kulturvolle Sachlichkeit und Beziehung zu jüdischen Inhalten. Von den Kom- Positionen ist die ״Jephta“ von Carissimi die wertvollste, Johann Heinrich Kahnaus Cembalosonate über Davids Streit mit Goliath die interessanteste. Rezitativ und Arie aus dem ״Joseph“ von Händel wurde durch Paula Lindbergs schönen Alt zu zartem Ausdruck gebracht, während desselben Komponisten ״Urteil des Salomo“ (aus dem ״Salomo“) als Werk und —- trotz eifrigster Bemühungen der Mitwirkenden —- auch als Nachgestaltung am schwächsten wirkte und sogar eine gewisse Kälte im Zuhörer erzeugte. Von den künstlerischen Leistungen ragte Dr. Ernst V. Wolffs Cembalospiel besonders hervor. Karl Salomon, der Leiter des Abends, sang in bekannter Vielseitigkeit die Partie seines Namensurahnen Salomo, führte mit Umsicht Chor und Orchester und ihm ist wohl auch die wohlgelungenc Programmzusammenstellung zu danken. Auch die übrigen Hauptrnihvirkenden: Hede Türk, Edith Wolff, Ernst Wigram und Leo Barczinsky waren nicht zuletzt an dem Gelingen des Abends beteiligt. -son. Ben Uris Chor auf der Chanukkahfeier der orthodoxen Jugendverbände. Ben Uri hat durchaus einen energischen Willen zu einem rezitativischen, eigenen jüdischen Stil, der sich am Chasonus und an ostjüdischen Nigunim orientiert, Ben Uris Stärke liegt im Rhythmischen; da ist er nicht selten sehr wirkungsvoll. Die Prägnanz der Phrasierung ist überhaupt das beste und sympathisch ist, wie er seinen kleinen Chor singen läßt. Je weniger Text (und je weniger Vielstimmigkeit), desto besser gelang das Musizieren. Das bewies der ganz textlose, homophone, scharf rhythmische ״Niggtin“, in dieser Art ist diese Musik zu Hause. Hier hat sie am meisten Phantasie, Friedmann Boschwitz, In der neurumänischen Stadt Timisoara (Temesvar) hat sich, wie uns von dort geschrieben wird, schon vor Jahresfrist eine kleine Gruppe zur Aufgabe gestellt, einen jüdischen Gesangschor ins Leben zu rufen. In verhältnismäßig kurzer Zeit wuchs dieser zu einer imposanten Vereinigung heran, der erstandene Mannerchor fand bereits Gelegenheit, schöne Erfolge zu erzielen, namentlich mit seinen Vorträgen palästinensischer Volkslieder, so daß er vor kurzem seine gründend« General- Versammlung abhalten konnte. ״Ha za mir“ benennt sich dieser neue Verein, der außer der Pflege des jüdischen Gesanges auch noch sonstige jüdische Kultur werke zu interpretieren beabsichtig! In die Leitung wurden prominente Persönlichkeiten des Temi-svarer Judentums gewählt und es ist zu hoffen, daß die Tätigkeit des Temesvarer ״Hazamir“ das dortige Judentum dem jüdischen Wesen näherbringen wird. Der Leiter der Musikabteilung der ״Deutschen Well e“ Professor Hans Mersmann, einer der verdienstvollsten Förderer künstlerischer und musikpädagogischer Bestrebungen, veranstaltete einen Presse-Empfang. Bei dieser Gelegenheit referierte er auf Grund überaus beweiskräftiger Fakten über die musikalischen Bestrebungen der ״Deutschen Welle“, Die Pressevertreter der Rechts- und Mittelparteien brachten ihre Ablehnung auf so niveaulose Weise zum Ausdruck, daß daraus zu ersehen ist, daß es dort wie überall keineswegs nur gegen die Juden geht (Mersmann ist Arier reinsten Geblüts) sondern gegen Fortschritt, Sachlichkeit und große Perspektiven überhaupt. Schallplatten Kantor M. Goldwasser: ״Acheinu kol bet Jisroel“ (Seiner Nr. S 17/18). — ״Hamawdil“, ״A Jüdische Marne“ (Semer Nr. SL 23/24). — ״Kaul Daudi“, ״Ato echod“ (Semer Nr, S 15/16). (Am Flügel: M. Janowski.) Viel Zartheit, Innigkeit und Einfachheit und — wo nötig — durchaus Steigerungsmöglichkeit. Ein richtiger ״jüdischer Cliasen“, auch in den volkstümlichen Liedern. Oberkantor B. Bischofswerder: ״AI chet“, ״Hamawdil“ (Semer Nr. SL 25/26). — ״W'hakohanim“, ״Sch'ma kolenu“ (Semer Nr. SL 27/28), (An! Flügel: D. Deutscher.) In Sch’ma kolenu meisterhafte Chasonus. Die Motive aus ״W'hakohanim“ kennen wir teilweise aus dem ״Kaddisch des Berdyczewer Rebbn“, — In den Volksliedern urwüchsige Kraft und rhythmische Energie. Ein außerordentlicher Tenor von viel Kultur, Neuerscheinungen Palästina. ״Chamor katan“. Kinderlieder mit Spielanweisungen von Theresa Goitein, — Diese rhythmischen Spiele sind als Mittel zur Musikerziehung des Kindes gedacht und aus dem praktisch-pädagogischen Musizieren heraus entstanden. Jedes Lied will der Einkörperung bestimmter rhvthmischer und dynamischer Elemente dienen. Es sind nette Einfälle darunter, jedoch ist der Klaviersatz keineswegs einwandfrei. Obwohl die Melodien durchweg in Palästina entstanden sind, haben die Melodien mit jüdischer Musik nichts zu tun; sie verraten deutlich die Herkunft aus der Methode Jacques Oalcroze. — Der ״Keren Kajcineth“ gibt Postkarten mit palästinensischen Liedern heraus (nach Aufzeichnungen von Rabinowicz, Engel, Rosowsky, Theresa Goitein, Gorocliow usw.), die von einer lebendigen volkstümlichen Lied- Produktion im Lande Zeugnis ablcgen. (Wir vermissen dabei jedoch den Natnen Idelsohn!) Amerika. ״The Kol Nid re Tune von A. Z. I d e 1 - soh n. (Hebrew Union College, Cincinnati.) Eine wertvolle historische Studie über das Kol Nidre, für dessen Ursprung und Entwicklungsgeschichte jeder Jude ja das stärkste Interesse hat. Der Text wird kommentiert, alle Ueberlieferungen über ihn zusammengestellt, die literarischen Quellen geprüft. Die Melodie ist — nach des Verfassers Meinung — ein Er- Zeugnis der aschkenasischen Synagoge, Beschreibung und Vergleich der verschiedenen Versionen an Hand von Notenbeispielen und Analyse der melodischen Bestandteile. Deutschland. ״Der Frankfurter Kantor“ (Sammlung der traditionellen Frankfurter synagogalen Gesänge von FabianOgutsch. Geordnet und eingeleitet von j. B. Levy. Verlag J. Kauffmann, Frankfurt a. M.) Die Gesänge weisen polnische und süddeutsche Elemente auf. Es finden sich eine Fülle wertvoller und interessanter Stücke und Motive darunter. Es ist immer verdienstvoll und — besonders in Süddeutschland — musikwissenschaftlich lohnend, die herkömmlichen Synagogenmelodien einzelner Städte zu sammeln und hier sind sowohl Notation als auch Herausgabe geradezu vorbildlich besorgt worden. — Bernd Bergei, ein Schüler Arnold Schönbergs, hat Variationen über ״Moaus zur“ (für 2 Klaviere) geschrieben. Das Werk ist trotz seiner ״atonalen Gesinnung“ in einem durchaus populären Stil geschrieben und außerordentlieh amüsant und einfallsreich. 1mt11H111m1t111m1M11[m1m11111t1t!1im11m111!i111j1111!11H11111m111n:)M1m1H111[m1111fflm1111ntm11M11HHi1M11111ifflH11111NH11111!111m1[1111111t11111ffl111111111![1111111111i11[11111mm Briefe an die Redaktion Köln, 20. Dezember 1932. Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“ Berlin W15 Betrifft: Besprechung des Buches von Binding ״Moselfahrt aus Liebeskummer“ in Nr. 100 vom 16. 12. 32. Was Herr Binding über das Judendorf Beilsteih schreibt, ist sehr hübsch aber auch sehr falsch. Da es sich um ein dichterisches Werk handelt, bei dem es auf die Richtigkeit der Tatsachen erst in zweiter Linie ankomm! erschien mir eine Berichtigung nie notwendig. Nachdem aber nunmehr das Buch in Ihrer Zeitung besprochen worden ist, muß ich doch wohl eine Legendenbildung verhindern. Die Tatsachen selbst sind folgende: Beilstein ist im Mittelalter wirklich ein Judendorf gewesen. Von seinen 200 Einwohnem — mehr kann das an den Felsen geklebte Nest nicht fassen — sind dreiviertd Juden gewesen. Heute aber ist Beilstein schon längst kein Judendorf mehr. Es leben dort noch eine jüdische und eine halbjüdische Familie. Alle anderen sind im Laufe der Zeit weggezogen. Hochachtend Dr. Ed. I s a a c. Maika Locker, ״Welt un Mentsch“, Lieder (jiddisch). Verlag Triangel, Paris. Mit einem Vorwort von Chaim Lieb e r m a n n. Es ist nicht einfach, diese Lieder zu lesen. Da genügt es nicht, flüchtig hineinzublicken und sich nur mit der durch die Lektüre hervorgerufenen Stimmung zu begnügen. Die Lieder sind «eben all ihrer Musikalität und ihrem echten Lyrismus auch gedankenschwer. Maika Locker kennt die Welt, Ost und West, Amerika und Europa, sie kennt die moderne Literatur in verschiedenen Sprachen, und alle ihre Erlebnisse und Erfalirungen haben den Effekt gehabt, daß sie um so stärker ihren jüdischen Bewußtseinsinhalt herausgemeißelt haben. Ohne daß 1 in ihre» Liedern das Wort jüdisch oder die Bezugnahme auf jüdisches Schicksal outriert zum Ausdruck kämen, ist diese Sammlung hundertprozentig jüdisch, nicht nur weil sie jiddisch geschrieben ist, sondern weil in ihr die Emanation einer jüdisehen Seele leb! Sympathisch berührt, daß ein reifer Mensch in diesen Gesängen seine Empfindungen und Gedanken kundgibt. Mari ist in der zeitgenössischen jiddischen Literatur allzu sehr daran gewöhnt, daß Versprechungen gemacht, die dann nicht gehalten werden. Maika Locker ist in ihrem ersten Buch bereits Erfüllung eines Talentes. Die Dichterin verzichtet, irgendwelche Tendenz in ihrem Werke zu manifestieren. Dies ist um so bemerkenswerter, als sie sozusagen a priori der Neigung hätte erliegen können, ״proletarische“ Kunst zti geben. Sie hat es nicht getan, weil sie das richtige Empfinden hat, das Ewigkeitswerte —י Meeresrauschen, Sonnenglanz und Blumenduft — jenseits aller Tendenzen liegen. In ihrem Werk lebt Sehnsucht nach vollem Leben, wirbeln Fragen nach den letzten Dingen. In diesem Sinne ist der starke Gedichtband ein religiöses Buch, Religion, begriffen als den urewigen Drang der menschlichen Kreatur, Sinn im Dasein zu bringen. L. S.