Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 99 (13.12.1932)
- Date
- 1932-12-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Lemberger Bluttat Einzelnummer 0£5 Goldmarh UDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Oienstag u.hreitag. Berugspreiibei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich?,75 Goldtnark. Aualandaabtmnamrai« werden in d« Wlhranj der einrelnen Ijlnder berechn«, Anreisenprei«: R l:eep. Nonnereillereil* 0,50 G. M Stellensemiche 0,25 G M. Hummer 99 | Berlin, 13. XII, 1932 Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H״ Berlin W15, Meinekestr.10. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. An*ai|*nseMu&: Dlrmti! und Fr•!(•« nachmittag• 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Poilichfck-Koatta: Berlin 17392, Baeei V 9355, Belfrad 68032, Bniese! 39433, Httdapom 596 93, D.mi« 1973, Haa« 140 470, Pr•! 59410. Ri«• 4155, SfrasaWur« 16430, Warschau 19070S, Wien 156030. Bank -ünafia: Dresden« Bank, Depot! len - Kasse Berlin. Kurfürst endamm 52; Ruminitche Kreditbank, Cemauti (Ruminien); An*lo Paieatine Co. in Haifa, lerttaalem, Tel-Aviv. י״ד כסלו תרצ״ג \ xxxvii. j*hrg. Per Ilanfiwui erstrebt für de!!adliche Volk die Schaffung einer tiffantllch - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Basaler Programm.•1 Um Zweigs Palästina - Roman ״De Vriendt kehrt heim“, Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin Gegen den Legislative Council Erklärungen Sokolows und Arlosoroffs Jerusalem, 8. Dezember. (J. T. A.) In einer im Hauptbüro der Jewish Agency in Jerusalem abgehaUenen Pressekonferenz gaben der Präsident der Jewish Agency Nahutn S o k o 1 o w und der Leiter des Politischen Dcpartements der Palästina-Exekutive Dr. Arlosoroff Erklärunen ab, die besagen, daß die Zionistische Organisation und ie Jewish Agency entschieden gegen den Plan der Schaffung eines Legislative Council für Palästina in der gegenwärtigen Epoche sind. Beide traten den Gerüchten, daß die Jewish Agency bereit sei, in der Frage des Legislativ Council ein Kompromiß zu schließen, mit rößter Entschiedenheit entgegen. Dr. Arlosoroff führte aus: olange Juden, Araber und Engländer nicht eine definitive Verständigungsbasis erreicht haben, wird es keinen Legislative Council geben. Die Palästina-Regierung wird es sich sehr wohl überlegen, an die Errichtung eines Legislative Council zu schreiten, an dem die Juden nicht teilnehmen wollen. Der Fall Strasser Der Rücktritt (i r 0 ״ o r S t r a s s e r s ist ein Svmptom der Radikalisierung der nationalsozialistischen Partei, die auch eine Radikalisierung der antisemitischen T e!1 d e n z e n mit sich bringt. Allem Anschein nach ist es aber fatsch oder zumindest verfrüht, von einer ״Zersetzung“ oder einem ״Zerfall“ der Partei zu sprechen. Es entspricht den eigentümlichen soziologischen Gesetzen des Parteiwesens, daß selbst prominente, kurz zuvor noch gefeierte Führer, sobald sie dissentieren, ausgestoßen werden können, ohne daß das Gefüge der Partei erschüttert wird. Wir haben in der letzten Zeit ähnliche Falle erlebt, auch auf der Linken. Es ist möglich, daß ein Teil der Intelligenz der Partei sich zu Strasser bekennen wird, aber von einer Spaltung kann man nicht reden. In der ״Täglichen Rundschau“ benützt Hans Zehrer den Anlaß zu einer Betrachtung über Politik und Religion und enthüllt den inneren Widerspruch, der darin liegt, daß der Nafionalsozialismus eine Art messianischer (wir sagen: pseudo-messianischer) Bewegung und gleichzeitig eine politische Partei sein will. Hitler tritt als unfehlbarer ״Erlöser“ auf, das Element der politischen Vernunft wurde mit Strasser eliminiert. Der Nationalsozialismus, der nicht an die Macht kommen konnte, will den Fanatismus und die Kompromißlosigkeit religiöser Bewegungen wiedergewinnen. Charakteristisch ist die Berufung des Abg. Ley, der sich durch exzessive antisemitische Hetze, Verbreitung von Ritualmordmärchen usw. ausgezeichnet hat. Der neue Kurs — wenn man von einem solchen sprechen kann — zeigt sich auch jetzt schon in einer neuen skrupellosen Juden hetze. Dabei wird nach der Methode, in der Dr. Goebbels ein Meister ist, das Judentum mit Dingen in Verbindung gebracht, mit denen cs offenkundig nichts zu tun haben kann. So hat z. B. angesichts der Strasser-Krisc die preußische Landtagsfraktion der NSDAP, folgende Loyalitätskundgebung für Hitler beschlossen: ״Der Vorstand der nationalsozialistischen Landtagsfraktion in Preußen gibt bekannt, daß er nach wie vor unverbrüchlich treu zu Hitler und zur NSDAP, steht. Dasselbe gilt für alle 162 Abgeordneten der NSDAP, im Preußischen Landtag. Gerade «angesichts der Zersetzungsbestreh ungen des J u - d ent ums und der Reaktion ist diese Stellungnahme der preu- Bischen Landtagsfraktion eine unbedingte Selbstverständlichkeit. — gcz. Wilhelm Kube, gez. Heinrich Lolise, gez. Heinz. Haakc.“ Der ״Völkische Beobachter“ vom 10. Dezember widmet fast eine ganze Seite der Judenhetze. In einem ״Einbruch der Juden in die deutsche Wissenschaft“ überschriebenen Aufsatz, wird erklärt, daß es Fakultäten gibt, in denen mehr als ein Drittel der Lehrer Juden sind. Die Medizinische Fakultät der Reichshauptstadt Berlin sei zu 42 ״ö verjudet. An diese Legende wird die Bemerkung geknüpft: ״Einer deutschen Regierung müßte es die Schamröte ins Gesicht treiben, wenn sie diese Verjudung auch nur weiter dulden wollte. Aber es scheint so eingerichtet, daß mit dem Wechsel der Regierungen auch die Macht der Juden wächst, so wächst, daß sie sich deswegen manchmal sogar selber genieren. ...“ Die Mitteilung über die Amerika-Reise Einsteins ist überschrieben: ״Der Indianerhäuptling h. c. darf nach Amerika.“ Nichts wäre irriger, als wenn die Juden die Vorgänge im Nazi-Lager mit ״Schadenfreude“ betrachteten. Schwere Verwendung Zlalopolski’s Paris. 8. Dezember. (J.T.A.) Auf Hille! Zlatopolski, den bekannten Zionisten und Hebraisten, einen der Gründer des Keren Hajessod. wurde von einem älteren Franzosen, früheren Direktor eines der von Zlatopolski mitverwalteten, später aber stillgelegten Betriebe, im Verlauf einer geschäftlichen Auseinandersetzung ein Schuß abgegeben, durch den Zlatopolski schwer verletzt wurde." Darauf richtete der Angreifer die Waffe gegen sich seihst und verletzte sich ebenfalls schwer. Der Streit soll auf einem Mißverständnis beruhen. Zlatopolski wurde operiert und befindet sich auf dem Wege der Genesung. Sokolow tritt am 17. Dezember die Rückreise von Palästina nach Europa an. König Fuad von Aegypten hat Sokolow wissen lassen, daß er bereit sei, ihn in Alexandrien zu empfangen. Der Pädagogische Rat beim Zentralkonsistorium der Juden Bulgariens hat zürn Zwecke der Erziehung der jüdischen Schuljugend für das Werk des Jüdischen Nationalfonds eine Verfügung an alle jüdischen Schuldirektionen ergehen lassen, der gemäß in jeder Schule eine ״Palästinensische Zelle“ gebildet werden soll, von der Vorträge über Palästina, kleine Ausstellungen usw. veranstaltet werden sollen. Sämtliche Feiertage sollen zur Propaganda für den J. N. F. benutzt werden. Wie alle Völker ... Wenn unser Freund Arnold Zweig einen Palästinaroman geschrieben hat, so konnte er nicht erwarten, daß gerade in der zionistischen Welt darüber mit ein paar lobenden Phrasen, wie sie einem Schriftsteller vom Range Arnold Zweigs gegenüber leicht, zu finden sind, hiinveggegangen werden wird. Obwohl ein Roman vor allem als Roman gewertet werden will, genügt es doch unter zionistischem Blickpunkt nicht, zu sagen, daß das Buch spannend — und an manchen Stellen packend —׳ geschrieben ist, daß es leidenschaftliche Anteilnahme weckt und in zionistischen Kreisen verschlungen wird. Wir sind über das Stadium hinaus, wo es uns mit naiver Freude erfüllte, daß auch wir, auch Palästina, auch zionistisches Leben schon literaturfähig, romanfähig geworden sind und so zwar, daß keineswegs nur der mit den Idingen eng vertraute Kreis, sondern auch ein völlig Außenstehender den Eindruck bekommen muß, daß hier ein wesentlicher, menschlich wichtiger, geistig erregender Stoff gestaltet wird. Fis wäre kränkend für Zweig, wenn man sich bei uns mit derartigen Feststellungen begnügen wollte. Denn gerade einem gesinnungsverbundenen Freunde gegenüber empfinden wir die Pflicht, sein Werk ernst zu nehmen, uns mit ihm gründlich auseinanderzusetzen. Palästinaromane finden natürlich bei Zionisten und Palästinensern eine verstärkte Resonanz. Dies zeigte sich schon vor einigen Jahren, als Max Rrod in seinem ״Zauberreich der Liebe“ zum ersten Male in einem deutschen Roman das palästinensische Leben behandelte. Wenn Zweigs Buch die Gemüter besonders stark erregt, so liegt das daran, daß im Mittelpunkt hier Ereignisse stehen, die im zionistischen Leben stärkste Erschütterungen hervorgerufen haben. Zweig hat gewußt, daß sein Buch in zionistischen Kreisen auch Widerspruch wecken wird. Er hat die Aussprache erleichtert und gefördert, indem er (in Nr. 94 der ״Jüdischen Rundschau“) selbst die Grund- Sätze darlegte, nach denen er bei seiner letzten Dichtung verfahren ist und die man wohl als prinzipiell richtig anerkennen muß. Der zionistische oder palästinensische Leser, der das Buch liest, lebt hier ganz mit, sua res agitur, aber es sind nicht nur die ,,lebensgefährdenden nationalen Eitelkeiten“, die hier mitschwängen, sondern die Lebensnahe, sozusagen die echte Tragik des Geschehens, wird so stark empfunden, daß eine literarische Uebermalung, die nicht die letzten Abgründe erreicht, als etwas spielerisch und dem so stark Mitbeteiligten daher unangemessen erscheint. Es gibt noch zu wenig Palästina-Literatur, und ein dunkles Gefühl verlangt, daß gerade auf diesem Gebiet nur das Beste gut genug ist. F>ies bewirkt die paradoxe Tatsache, daß Zweigs Palästinaroman, ein durch und durch zionistisches Buch, außerhalb des Zionismus eine freundlichere Aufnahme finden wird als im zionistischen Lager, aber sicher nirgends eine innerlich beteiligtere. Diesem lebendigen Interesse am Werk und Dichter entspricht es, daß wir im folgenden zwei verschiedenartigen Kritiken das Wort erteilen, und obendrein noch selbst sagen, was uns das Wesentliche zu sein scheint. Manche nehmen Anstoß daran, daß Zweig den Mord an De Haan, der polizeilich nicht aufgeklärt wurde, von einem jungen Juden vollführen läßt. Da der Dichter überdies eine Reihe von zionistischen Personen in fast photographischer Treue auftreten läßt, könnte der Anschein entstehen, als ob auch die von Zweig erfundene Mordgeschichte historische Wahrheit wäre. Solche Befürchtungen gehören sicherlich zu den Empfindlichkeiten, von denen Zweig mit Recht sagt, daß man sie n i c h t schonen darf. Es handelt sich nicht um die Frage, wie es wirklieh war, sondern ob es so gewesen sein kann, wie Zweig es schildert. Und wer, besonders i!1 Deutschland und anderen Ländern, auch Palästina, die Erregungen der Nachkriegsgeschichte kennt, wird dies nicht bezweifeln. Hier liegt für uns die entscheidende Bedeutung von Zweigs Buch, eine zionistische Bedeutung, die bei weitem alle Ausmalung zionistischer Details überragt. Denn es geschieht nichts geringeres, als daß ein jüdischer Dichter, der eine durch nationale Leidenschaft, durch seelische Spannungen, durch den scheinbaren Antagonismus menschlicher und nationaler Ethik, durch Kriegsmentalität und heroische Ideale tief erregte Welt in ihrer schicksalhaften Verschlungenheit, in der Zwangsläufigkeit ihrer Entladungen zeigen will, im Bereich des eigenen, jüdischen Volkstums bleibt, wo ihm keine unzulässige ״Grenzüberschrcitung“ zum Vorwurf gemacht werden kann. Arnold Zweig hat in vielen Aeußerungen seine persönliche, jedem extremistischen und aggressiven Nationalismus feindliche, pazifistische Gesinnung deklariert. Aber es wäre falsch, anzunehmen, daß dieser Roman ein pazifistisches Traktätchen ist. Zweig läßt die Anschauungen durch ihre Träger auf einanderprallen, er moralisiert nicht, er läßt in der vielleicht eindrucksvollsten Szene, der Bootfahrt auf dem Toten Meer, den Mörder die stärkeren Argumente finden, und da der Dichter den Mörder gerettet werden läßt, spricht er ihn frei, denn er weiß, daß nicht die Bosheit eines Herzens, nicht individuelle Schlechtigkeit bei der scheußlichen Tat am Werke waren, sondern die Dämonie einer zutiefst aufgewühlten Zeit und Situation. Daß jüdische Menschen sich davon ebensowenig freihalten konnten wie andere, zeigt vielleicht, daß das jüdische Volk bereits ״wie andere Völker“ geworden ist. Wie andere Völker, und doch nicht ganz. Denn soviel Spezifis c h e s liegt doch in dieser Gemeinschaft, und dieser De Vriendt, Held des Buches und Opfer des Mordes, ist ein Gotteskämpfer in höherem Maße als politische Märtyrer sonst. Aber trotzdem empfinden wir: in diesem Spezifischen, an diesem Fall De Vriendt, wird ein Allgemein-gültiges gezeigt; und daß dies möglich ist, beweist, wie fest das jüdische Palästina bereits auf eigenen Füßen steht. Weil Zweig dies geleistet hat, weil er cs in einem lebenerfüllten, viele Seiten des neuen Palästina mit charakteristischen Schlaglichtern beleuchtenden, aufregenden, den jüdischen Leser packenden, wenn auch oft zum Widerspruch reizenden Buch getan hat, so gebührt diesem Buche trotz den Einwendungen, die man gegen diese Form des Schlüsselromans, gegen die Vermischung von Dichtung und Reportage und noch gegen manches andere erheben muß (Ernst Simon tut dies weiter unten gründlich), ein ganz besonderer Platz in unserer modernen jüdischen Literatur. Mi. Wa. Theologische Anmerkungen Weltlicher Idealismus und Jüdische Frömmigkeit Von Rabbiner Dr. Ignaz May bäum, Frankfurt a. d. Ö. Griechentum in Jüdischen Herzen Frömmigkeit und Idealismus ist etwas durchaus anderes. Es handelt sich da nicht um eine eigenwillige theologische Definition. Wir sind in eine andere Welt geraten, wenn statt des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, zu dem wir beten, die ״Idee“ uns begeistert, die die Griechen in Kunst, Wissenschaft und Politik vor ihren an der Wirklichkeit haftenden Augen hatten und in heroisch tragischem Leben realisierten. Wenn das der Fall ist, so sind wir als Juden zu heidnischen Gedankengangen übergegangen. Aber sind wir schon so weit belehrt, daß wir wissen, die Feststellung: ״er ist fromm“ meint etwas ganz anderes als die: ״er ist ein Idealist“, so ist das direkt Grausige dies: dort, wo noch gebetet wird, wo es noch jüdische Frömmigkeit sein soll, die man festhalten will, kann m Wirklichkeit der Geist des Idealismus die Menschen fasziniert haben. Es ist nicht so wie einst: Antiochus Epiphanes stellt die Zeusstatue auf, und das Land weiß, das Heiligtum ist geschändet. Heute hat der Jude den Griechen nicht als Feind neben sich, sondern als Feind in sich. In Zweigs Roman ״De Vriendt kehrt heim“ sehen wir im Palästina der Gegenwart einander gegenübergestellt das alte Gebetsjudentum und das moderne aktive Pionierjudentum, das entweder durch die weltliche Nationalidee oder durch die sozialistische Weltanschauung bestimmt ist. Es wäre also, so könnte man meinen, eine leicht zu beantwortende Frage: wer vertritt die traditionelle Frömmigkeit und wer den weltlichen Idealismus? ״Leute, die am Schabbath «arbeiteten, Häuser bauten, in denen Juden wohnen sollten, Leute, die am Schabbath mit Zigaretten vor Gotteshäusern umhergingen, nur um die Frommen zu ärgern, — solche Leute, denen es nicht einmal darauf ankam, fleischig und milchig hintereinander zu essen!... Diesen Chaluzim oder Pionieren, diesen Eroberern der Arbeit und des Landes, von sich selbst betrunken und «ahnungslos, was für ein Heidentum sie wieder heraufbrachten im Heiligen Lande, denen war alles zuzutrauen.“ (S. 76.) Das sind die einen. Und die anderen mit de Vriendt, sie kämpfen mit den ״Thorafeinden, den Heiden-Juden, diesen Hunden, die unsern ungeheuren geistigen Besitz verschleißen gegen — Demokratie“ (S. 35), sie wollen ״das Oottcsvolkstum Israels mit dem modernen Nationalismus“ (S. 50) nicht vertauschen. Also leicht zu beantworten: wo ist der alte Glaube lebendig, und wo ist man, fasziniert durch die Idee des abendländischen Geistes, dem Heidentum der Gegenwart erlegen? — Aber jetzt läßt der Dichter eine große Verwirrung entstehen. Das geisfige Humt der Frommen und diese seihst werden durchaus im Banne dieses Weltkämpfe führenden Idealismus gezeigt. Mit Recht. Aber die Verwirrung wird noch größer, dadurch, daß die Entlarvung ihres Führers vor der Gemeinde der Orthodoxen durch Gedichte geschieht, die in den Anklagen gegen den Gott des Idealismus das Ringen um den lebendigen Gott zeigen. Diese Gedichte, die ihn äußerlieh überführen, machen de Vriendt durchaus nicht zum Heiden- Juden, wohl «aber der lieblose Gegensatz von irdischem und geistigem Jerusalem: Von seinem geistigen Jerusalem aus, also von der eigenwillig in seinem Kopfe konstruierten Idee aus, verstößt er hartherzig die Wirklichkeit, und ״weltlichen Kram“ nennt er, was seine jüdischen Brüder in diesem nicht geistigen, sondern wirklichen Jerusalem tun. Judentum wird ihm, dem Idealisten, ein geistiges System. Bihelsti! nennt zwar ein englischer Beamter folgende Sätze de Vriendts: ״Die unabtretbaren Rechte einer geistigen Existenz“, ״das Vorkämpfertum der aut dem Sinai erlassenen Verfassung“ (S, 104). Hier ist aber in Wirklichkeit der Stil des Dogma, des Lehrsystems, in dein seinerzeit die römische Kirche ihr Bündnis mit der alten heidnischen Philosophie geschlossen hatte. In diesen Sätzen de Vriendts zeigt sich das monologische Gespräch des mit seiner Idee allein befindlichen Menschen. Hier wird fanatisch für eine bestimmte Auffassung vom Judentum gekämpft. In diesem Wahrheitskampf will der Mensch recht haben. Bibelstil wäre dialogisches Gespräch. Da steht dem Ich ein Du gegenüber. Gott oder der Nächste. Der Nächste aber, von dem es heißt: Du sollst ihn lieben wie dich selbst — ist ganz verschwunden in diesem Kampf um das ״wahre Judentum“, d. h. das wahre System des Judentums, wie es de Vriendt und seine orthodoxen Freunde 711 besitzen behaupten. Denn sonst könnte nicht diese Kluft zwischen Jude und Jude entstehen. ״Zwischen einem giaubenstreuen Moslem und einem gläubigen Juden stand weniger Abgrund und weniger Fremdheit als zwischen Zadok Seligmann und einem dieser herausfordernden Lästerer (S. 77). Diese Feststellung aus jüdisch-orthodoxem Munde zeigt aber, daß die Solidarität, die in Liebe mithaftet für jeden von der Gcbetsgemeinscliaft noch so weit entfernten Bruder, also der Geist der wirklichen Frömmigkeit, geschwunden ist und die