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Jüdische Rundschau · 1932-11-29 · Heft 95 (29.11.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 95 (29.11.1932)
Date
1932-11-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 462 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 95, 29. XI. 1932 dort einen gewissen Nutzen gehabt haben, für die Gesamt- Stellung der deutschen Juden ist sie völlig irrelevant- Und auch Aktionen wie etwa das in der vergangenen Woche den Behörden überreichte Gefalle nen-üedenkbuch des ״Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten“ können nicht als positive Politik der deutschen Juden gewertet werden. Es mag sein, daß dieses Buch, das in vielen jüdischen Familien die schmerzlichsten Gefühle weckt, bei manchen Stellen der deutsehen Öffentlichkeit einen Eindruck macht, nach unserem Empfinden aber ist dieser Eindruck zu teuer erkauft, wenn wir in dieser Weise auf die möglichst hohe Ziffer unserer Toten uns berufen müssen. Was not täte, wäre eine ganz andere, neue jüdische Politik, die getragen sein müßte von der jüdischen Generation, die sich des Wertes und des Sinns des Judentums bewußt geworden ist. Nur ein Judentum, das selbst mit aller Kraft aktiv für seine eigene Zukunft einsteht und daher die Gewißheit dieser Zukunft in sich trägt, kann auch mit Stolz und Ruhe jüdische Politik machen. Wir wollen in dieser Sache gewiß keine Parteigesichtspunkte geltend machen, es gibt Situationen und Zeiten, wo die empirisehen Parteigruppierungen zurücktreten oder auf ein engeres Gebiet beschränkt werden müssen; aber der Geist, von dem die jüdische Politik getragen ist, muß der eines wirkliehen Behaupt ungs- und Erneuerungswillens sein. Es wäre an der Zeit, daß im deutschen Judentum eine Führung entsteht, die die Autorität besitzt, zu sprechen und zu handeln. Ob eine Gesamtvertretung dieser Art durch den Reichsverband, der jetzt schon zu lange auf sich warten läßt, oder auf andere Art, ob sie aus dem spontanen Bedürfnis, aus dem Gefühl der Beschämung über das bisherige Laisser-aller geschaffen werden muß, wollen wir nicht entscheiden. Aber nichts wäre trauriger, als wenn man nach dem Mißerfolg Hitlers sich wieder einem vagen Optimismus hingeben wollte. Die Wirklichkeit in Deutschland tritt deutlich genug hervor, auch ohne daß Deutschland der Welt gegenüber unter einer Regierung Hitler firmiert. Man denke nur an die Vorfälle in Breslau, wo ein politisch völlig neutraler Professor nur aus dem Grunde, weil er Cohn heißt, am Lesen verhindert und tätlich bedroht wird. Dieser Zustand des Milieus, in dem wir leben müssen, ist nicht dadurch aus der Welt zu schaffen, daß wir bei Behörden intervenieren (obwohl auch dies selbstverständlich notwendig ist). Auf viel breiterer Basis muß die Auseinandersetzung über unser künftiges Schicksal aufgenommen werden, und dies kann nur geschehen, wenn endlich die Führung da ist, die wir nach außen und innen brauchen. Vom holländischen Misrachi Wie die ״Jüdische Rundschau“ bereits gemeldet hat, Ist im holländischen Misrachi eine Spaltung eingetreten, nachdem der Antrag des Hauptvorstandes auf sofortigen Austritt der holländischen Misrachi-Landes- Organisation aus dem Welt misrachi mit 25 zu 21 Stimmen abgelehnt worden war. Herr Eduard Davids o n, Scheveningen, sendet uns nun eine ausführliche Motivierung, warum die Gründung einer ״Unabhängigen Misrachj-Grupne“ in Holland notwendig war. Es wird in dieser Zuschrift darauf ningewiesen, daß die Abspaltung aus denselben Gründen erfolgte, die auch den deutschen Landesverband "ftlfsracni zum Austritt aus dem Weftrtusrachi bezöget! haben. Die ausgetretenen holländischen Misrachisten stehen auf dem Standpunkt, daß die Mißstände innerhalb der misrachistischen Weltorganisation zu einem solchen Grade angewachsen sind, daß man die Verantwortung dafür nicht mehr übernehmen kann. Es handelt sich dabei insbesondere um eine völlige Zerrüttung der finanziellen Wirt- Schaft des Weltmisrachi. Der Weltmisrachi, so schreibt Davidson, hat auf allen Gebieten versagt. Es ist ihm nicht gelungen, die religiöse Belebung der jungen jüdischen Siedlung in Erez Israel zu verwirklichen. Was Positives in dieser Beziehung geschah, insbesondere die vorzüglichen Misrachi- Schulen, sei nicht auf die planvolle Arbeit des Weltmisrachi zurückzuführen, sondern ihm abgetrotzt worden. Die finanzielle Mißwirtschaft des Misrachi und das Verhalten der Führer stehen im Widerspruch mit den religiösen Grundsätzen des Misrachi. Zum Schluß wird betont, daß die ״Unabhängige Misrachi-Gruppe“ in Holland der wahrhaften misrachistischen Idee treu bleibt und in ihrem Geiste Weiterarbeiten wird, ungeachtet ihrer numerischen Schwäche, die zur Folge hat, daß die politische Repräsentation des Misrachi, wie auf Kongressen usw.,. wahrscheinlich den bisherigen Machthabern des Weltmisrachi überlassen bleiben muß. Rundfunk, ln der Serie ״Gelebtes Leben“ der Berliner Funkstunde spricht am Mittwoch, dem 30. November, abends 7.10—7.35 Uhr, Prof. Martin Bubcr über ״Meinungskämpf — ein Bericht über zwei Gespräche“. Aus diesem Anlaß veröffentlicht die ״Funkstunde“ einen Aufsatz über Bnber von Dr. Willy Wolf ra dt, worin über Bubers Werke kurz berichtet wird. Es heißt darin 11. a.: ״Diese östliche Stimme, beauftragt, abendländischen Menschen die Botschaft Asiens und die Lehre jüdischer Legenden zu überbringen, erweist schon in der Echtheit und Sammlung des Sprachlichen, in der ursprünglichen Würde der Rede ihre zugleich deutsche Sendüng. Und sie scheint diese deutsche,Sendung noch eigentlicher zu erfüllen durch ihren bedeutenden Anteil an der Ueberwindung eines mir zweckgerechten, geheimnislosen, entseelten Denkens. Bubers gesamtes Geisteswerk verdichtet sich zu eindringlichster Kündung einer inbrünstig der eigenen Richtung folgenden, tanz von Gefühl und Idee beherrschten Lebenswirklichkeit, lanche der heute zur Ncuformung des deutschen Bewußtseins vorstoßenden Ucberzeugungen sind gewiß nicht unberührt von den Erkenntnissen und Deutungen dieses apostolischen Schriftstellers.“ Ueberfälle in Dessau. In den letzten Tagen fanden in Dessau, wie uns von dort berichtet wird, mehrfach U e b e r - fälle auf Juden statt, die in den Straßen geprügelt wurden. Der deutschnationale ״Anhalter Anzeiger“ vom 21. November berichtet über diese Vorfälle mit der Bemerkung, es müsse dafür gesorgt werden, daß derartige Uebergriffe in Zukunft unterbleiben. Wie dasselbe Blatt mitteilt, handelt es sich bei den Tätern um Personen, die die S. A.-Uniform trugen, aber angeblich der N. S. D. A. P. nicht mehr angehören. Eine Ab- Ordnung der Jüdischen Gemeinde sprach bei ObeTbürgermeister Hesse vor, der die Zusicherung gab, in Zukunft solche Vorfälle zu unterbinden. Der dreiköpfigen Deputation gehörten zwei Zionisten (R.-A. Hurwitz und Landgerichtsdirektor Alterthum) an. ״Geserd“-Konferenz verschoben. Vom Zentralvorstand der deutschen ״Geserd“- Gesellschaft für Produktivierung und Siedlung der Juden in der UdSSR, wird mitgeteilt: Wegen einer Aktion, die die Polizei letzthin durchgeführt hat, findet die Reichskonferenz am 26. und 27. November nicht statt. Wir wollen der Polizei nicht Gelegenheit geben, unsere Konferenz zu verbieten, und verschieben sie auf einen soäteren Zeitpunkt Nachkommen der babylonischen Jaden Die Juden im Irak Von Dr. Arthur Ruppfn, Jerusalem. Dr. Ruppin hat bekanntlich vor einiger Zeit eine Reite nach dem Irak unternommen und über seine Eindrücke beredt mehrere Auf sitze in der ״Jüdischen Rundtchau“ veröffentlicht. Der nachfolgende Auftat:, worin Dr. Ruppin seine Forschungen über die Juden im Irak zu• tammenfaßl, dürfte auf umso größeres Intereue stoßen, alt gelegentlich der Unabhängigkeitserklärnng des Königreiches Irak und seines Eintritts in den Völkerbund auch die Frage der im Irak wohnenden Minderheiten, darunter der irakischen Juden, vielfach erörtert wurde. Red. Nach der Volkszählung im Jahre 1920 waren inj Irak 87 488 Juden vorhanden, die 3,1 9/״ der Gesamtbevölkerung von 2 849 282 Seelen ausmachten. An der Zuverlässigkeit der Volkszählung, die die erste ihrer Art im Irak war, bestehen Zweifel. Ich habe mich bemüht, die jetzigen Zahlen der Juden überall durch Befragen von ortskundigen Personen festzustellen und habe folgende Angaben erhalten: Bagdad 70000 Basra 15 000 Mossul 4 000 Kirkuk 3000 Irbil 1 500 Zakho 1 000 Suleimanieh 1 000 Amarra 1000 Bakuba 500 Hille 500 Kifri 400 Oesamt 97900 Außerdem' leben noch einige tausend Juden vereinzelt In anderen kleinen Städten und Dörfern (letzteres besonders in der Nähe der irakisch-türkischen Grenze), so daß die Gesamtzahl der Juden im Irak heute auf etwa 100 000 zu schätzen ist. Die jetzt im Irak lebenden Juden sind die Nachkonf* men der in Babylonien schon im Altertum ansässigen Juden. Die babylonische Judenheit hat im letzten Jahrtausend, wenn man von einer geringen Zuwanderung aus den Nachbarländern Palästina und Syrien absieht, keinerlei Einwanderung gehabt, und sie hat sich deshalb hier ihre altertümlichen Züge viel reiner erhalten als in den orientalischen Ländern, die an den Küsten des Mittelländischen Meeres gelegen und hier viel mehr der Zuwanderung, besonders von Sefardim, und den Einflüssen anderer Kulturen ausgesetzt waren. Es besteht allerdings im Irak ein großer Unterschied in der wirtschaftlichen und kulturellen Stellung der Juden in der Hauptstadt Bagdad einerseits und in den Provinzstädten andererseits. Bagdad war bis ins 19. Jahrhundert hinein — insbesondere bis zur Eröffnung des Suezkanals — ein wichtiges Handelszentrum für den Verkehr von Indien, Persien, Afghanistan nach den Häfen des Mittelmeeres. Es hat zwar inzwischen viel von seiner einstigen Bedeutung verloren, aber immerhin steht es doch noch weit über den anderen Städten des Irak, die heute als Handelsplätze nur noch lokale Bedeutung besitzen. An dem Handelsverkehr von Bagdad sind die Juden in überragendem Maße beteiligt. Im 19. Jahrhundert entstanden unter ihnen große Handelsfirmen, wie z. B. die S a s s o o n s , die Niederlassungen bis nach Ostasien hatten. Ebenso standen die K a d 0 o * r i es an• der Spitze großer UnteraehmungeH und gaben von ihrem Reichtum mit offener Hand große Summen für wohltätige und erzieherisch« Anstalten der Juden, z. B. für Krankenhäuser, Schulen usw. Noch heute ist ein großer Teil der im Irak bestehenden jüdischen Anstalten mit dem Namen dieser Familie verknüpft. Bekannt ist, daß ein Mitglied der Familie vor etwa zehn Jahren auch für Palästina ein Vermächtnis von etwa 120000 Pfund hinterlassen hat, das zum Bau und Unterhalt zweier Ackerbau-Schulen, einer für Juden und einer für Araber, in Palästina verwendet wird. Der wirtschaftliche Wohlstand der Juden und die mit ihrem Handelsverkehr verbundenen häufigen Reisen nach dem Auslande, sowie das Erziehungswerk der Alliance Israeiite Universelle, das sich in Bagdad besonders gut entwickelt hat, hatten zur. Folge, das sich unter den Juden von Bagdad eine ziemlich große Schicht befindet, die außer der Landessprache, dem Arabischen, auch eine europäische Sprache, früher meistens Französisch, jetzt auch Englisch, spricht, und die ktilturell ziemlich hoch steht. Allerdings finden sich neben ihnen in Bagdad auch noch eine große Anzahl von Juden, die wirfschaftlich und kulturell sehr niedrig stehen. Sie leben in engen und schmutzigen Straßen, die mit den schmutzigsten Straßen anderer orientalischer Judenviertel wetteifern. Krank• heiten, hauptsächlich Augenkrankheiten, sind unter ihnen weit verbreitet, und ein großer Teil der Kinder bleibt ganz ohne Unterricht oder lernt im besten Falle in einem Medresse (einer noch weit unter dem Niveau eines osteuropäischen Cheders stehenden Schule) das Lesen hebräischer Gebete. In den Provinzstädten — mit Ausnahme vielleicht von Basra — fehlt die jüdische Ueberschicht vollständig. Hier ist das Leben der ganzen Gemeinde noch von keinem kulturellen Luftzug von außen berührt worden. Zwar halten die Juden zähe an ihrer Religion fest und können mit Stolz von sich sagen, daß seit Menschengedenken kaum ein Jude seinem Glauben abtrünnig geworden ist. Aber die Religion hat für die Juden ihren geistigen Inhalt verloren und ist zu einem Komplex von Zeremonien herabgesunken, zu denen sich noch viele dem Judentum sonst fremde abergläubische Gebräuche gesellen. So sind z. B. in Mosstil die jüdischen Säuglinge mit einer Menge von Amuletten behängt, die sie gegen den bösen Blick oder gegen Verletzungen beim Fallen usw. schützen sollen. Sehr seiten wird wegen Krankheiten ein Arzt zu Hilfe gerufen. In der Regel begnügen sich die Mütter, die völlig unwissend sind und nicht zu lesen verstehen, mit Beschwörungen oder mit sogenannten Hausmitteln oder nehmen die Krankheit als ein unvermeidliches Fatum hin. Die Midchen heiraten in der Regel mit 13 bis 18, die Männer mit 18 bis 25 Jahren. Ein Mädchen von 20 Jahren gilt bereits als alte Jungfer. Söhne heiraten im allgemeinen nicht früher, als bis ihre Schwestern einen Mann gefunden haben. Der Vater der Braut gibt ihr eine Mitgift, die in den niederen Schichten einige hundert Rupies beträgt (13 Rupies — 1 Pfund), aber in den wohlhabenderen Schichten bis auf 10000 Rupies und mehr steigt. Diese Mitgift wird in Grundstücken, Hypotheken usw. angelegt, und der Schwiegersohn hat nur den Zinsgenuß davon. Die fast überall im Irak stark verbreitete Bagdadbeule hinterläßt sehr häufig auf dem Gesicht entstellende Narben. Ist ein Mädchen auf diese Weise entstellt, so muß der Mangel durch eine höhere Mitgift gutgemacht werden. In den Provinzstädten zeigt das häusliche Leben der uden durchaus noch mittelalterliche Züge. Die meisten Gerauchsgegenstände werden von der Frau im Hause selbst hergestellt. Man kauft nicht Brot oder Mehl, sondern man kauft Weizen, der auf der Handmühle gemahlen und im Hause selbst zu dünnen Fladen verbacken wird. Es ist schon ein Fortschritt, wenn der Teig nicht im Hause selbst verbacken, sondern anderen jüdischen Familien übergeben wird, die das Backen für andere gewerblich betreiben. Allerdings darf man auch hier nicht an Bäckereien Im europäischen Sinne denken, sondern Frauen backen das Brot, indem sie dünne Fladen an die heißen Lehmwände eines in die Erde gegrabenen Loches schlagen, auf dessem Boden getrockneter Dung breflnt. Die Frauen verdienen mit dieser Arbeit in der Regel nicht mehr als 2—3 Annas, d. h. etwa einen halben Schilling pro Tag. Ebenso, wie in den Häusern das Mehl gemahlen wird, so wird auch dort Reis enthülst, Oel gesotten, Wolle gesponnen. Die Frauen sind natürlich mit diesen Arbeiten vom Morgen bis zum Abend beschäftigt. In vielen Häusern, die einen sehr ärmlichen Eindruck machten, sah ich die Frauen als Schmuck Goldmünzen in den Zöpfen und goldene Ringe an den Füßen tragen. In Mossul tragen sie eine sehr häßliche hohe schwarze Wollneriicke. Nasenringe, die die kleinen Mädchen bei den Mohammedanern und Christen tragen, sind in Mossul auch bei den jüdischen Mädchen üblich. Auch erstgeborene Knaben tragen zum Zeichen ihrer Erstgeburt diese Nasenringe. Mein Versuch, Frauen mit ihrer Wollperiicke zu photographieren, mißlang. Die Frauen erklärten, daß sie sich nur in ihren Sabbatkleidern, nicht aber in ihren Alltagskleidern photographieren lassen wollten. Die niedrige kulturelle Stufe der Juden in den Provinzstädten erhellt auch daraus, daß die Juden hier einem Laster frönen, das sonst bei den Juden nicht verbreitet äst, nämlich der Trunkenheit. In Mossul sprechen die Juden am Sabbat in reichem Maße dem Arak zu und betrachten das Trinken geradezu als ein Sabbatvergnügen. Wenn man darüber sein Erstaunen ausdrückt, so antworten sie, daß das Trinken ihnen die Möglichkeit gebe, wenigstens am Sabbat die schwere Arbeit und die Sorgen der Wochentage zu vergessen; eine andere Zerstreuung für den Sabbat hätten sie nicht. Es ist interessant, daß man die Juden der Provinzstädte heute fast genau noch in demselben Zustande wiederfindet, in dem der Reisende, Benjamin II., der sie um die Mitte des 19. Jahrhunderts besuchte, sie in seinem Buche ״Reisen in Asien und Afrika“ (in deutscher Sprache erschienen, später auch ins Englische und Hebräische übersetzt) geschildert hat. In ihrem religiösen Leben nimmt der Besuch der Gräber von Heiligen einen großen Raum ein. Besonders berühmt ist das Grab des Propheten Jona in Ninive, bei dem heutigen Mossul, zu dem Mohammedaner und Juden pilgern. Der allergrößte Teil der Juden im Irak lebt vom Handel, in dem ihnen zwar neuerdings die Armenier starke Konkurrenz machen. Besonders in Bagdad haben armenische Flüchtlinge, die während des Krieges dorthin gekommen sind, einen beträchtlichen Teil des Handels an sich gebracht. Der Verdienst der jüdischen Händler, die einen Stand in den Basaren haben, beträgt in Mossul etwa 4 Pfund im Monat. Mit diesem Betrage muß eine Familie ihren ganzen Lebensunterhalt bestreiten. Das ist allerdings deshalb möglich, weil Miete und Lebensmittel sehr billig sind. Im Judenviertel in׳ Mossul kostet eine Wohnung von zwei Zimmern jährlich etwa fünf Pfund Miete. Für einen Schilling bekommt marf ein Huhn oder 50 Eier. Von Handwerkern sind unter׳ den Juden fast nur Schneider, Schuhmacher und Kupferschmiede vorhanden. Das Handwerk der Silberschmiede, in dem in anderen Ländern Juden häufig• sind, wird im Irak von den sogenannten Amarra-Silberschmieden ausgeübt, die zu einer christlichen Sekte gehören und es in dieser Kunst zu einer großen Vollkommenheit gebracht haben. Sie sehen mit ihren schwarzen Patriarchenbärten allerdings ganz und gar jüdisch aus. Freie Berufe (Advokaten, Aerzte) finden sich in geringer Zahl unter den Juden in Bagdad. Landwirtsenaft hat sich unter den Juden nur an der irakischtürkischen Grenze, im sogenannten Kurdistan erhalten. Es ibt 430 Kilometer nördlich -׳von -Mossul ein jüdisches Dorf andor, in dem sich (neben drei nichtjüdischen Familien) etwa 70 jüdische Familien befinden, die auf ihrem eigenen Boden Ackerbau und Weinbau treiben, außerdem Wein fabrizieren und ihn nach Mossul zum Verkauf bringen. Sie sind ferner mit Stoffweberei beschäftigt. Im Schulwesen beherrscht die Alliance Israeiite Universeile das Feld. Die Regierung hatte im Jahre 1930 im ganzen Lande etwa 300 Schulen mit 30000 Schülern, darunter 6000 Mädchen, von denen fünf jüdische Schulen mit 600 Schülern waren. Es ist nicht bekannt, wie viele jüdische Schüler sich in den nichtjüdischen Regierungsschulen befinden, doch sollen insbesondere in den Mittelschulen der Regierung (Seeondary Schools) die Juden zahlreich vertreten sein und machmal sogar die Mehrheit der Schüler bilden. Die erwähnten fünf jüdischen Regierungsschulen zeigen ihren jüdischen Charakter dadurch, daß Lehrer und Schüler ausschließlich Juden sind. Die Unterrichtssprache ist Arabisch, doch nehmen in dem Lehrplane jüdische Geschichte und Literatur einen größeren Raum ein als in den sonstigen Volksschulen der Regierung. Weit wichtiger für die Juden sind die neben den Regierungsschulen bestehenden privaten Schulen. In diesen Schulen sind insgesamt etwa 12000 Schüler vorhanden, davon sind etwa 8000 Juden. In Bagdad allein sind unter den 10 000 Schülern dieser Schulen 7000 Juden. Die Regierung hat diesen Privatschulen im Jahre 1930 insgesamt eine Subvention von 15 500 Rupies, gleich etwa 1200 Pfund gegeben, was, nebenbei bemerkt, pro Kopf der jüdischen Schüler erheblich weniger ausmacht als in den christlichen oder mohammedanischen Schulen. Unter den privaten Schulen nehmen, wie schon erwähnt, die Schulen der Alliance Israeiite Universelle die erste Stelle ein. In Bagdad allein befinden sich von den 7000 jüdischen Schülern mehr als 3000 in der Knaben- und der Mädchenschule der Alliance. Die Schulen der Alliance haben ganz zweifellos sehr viel geleistet, um den jüdischen Kindern Kenntnisse beiztibringen und ihnen nach Entlassung aus der Schule einen besseren Start zum wirtschaftlichen Aufstieg zu geben. Wenn sich Juden in großer Zahl als Angestellte in kaufmännischen Büros oder unter den Beamten der Regierung befinden, so ist dies zum größten Teile den Alliaifce-Schulen zu verdanken. Die Schulen der Alliance in Bagdad zeichnen sich außerdem durch bemerkenswerte Ordnung und Sauberkeit aus. An den Wänden der Klassen hingen geographische Karten und Zeichnungen, die von den Kindern angefertigt sind und achtungswerte Kenntnisse der Schüler bezeugen. Allerdings ist die Methode des Unterrichts zu sehr auf das Eintrichtern nützlicher Kenntnisse zugeschnitten. Für die seelischen Bedürfnisse des Kindes wird wenig getan. Außer in Bagdad gibt es Alliance-Schulen auch in Basra und Mossul. Die Schule in Mossul, die in einem prächtigen, von Kadoorie gebauten Hause untergebracht ist, war allerdings während des Winters 1931/32 geschlossen, weil die Eltern der Kinder das Schulgeld, das je nach der Vermögenslage der Eltern ein bis drei Schilling monatlich beträgt, nicht zahlen konnten oder wollten. Seit einigen Jahren wirken in jüdischen Schulen in Bagdad Lehrer aus Pa- 1 ä s t i n a , die sich mit Erfolg bemühen, die Kenntnis des Hebräischen zu verbreiten und die Kinder auch mit den nationalen Bestrebungen im Judentum vertraut zu machen. Im allgemeinen ist die Kenntnis des Hebräischen unter der Jugend gering. Zwar verstehen die meisten Kinder, die hebräischen Gebete zu lesen, aber die Grammatik und der Gebrauch des Hebräischen als gesprochener Sprache ist nur wenigen geläufig. Es wäre sicher möglich, hierfür unter der Jugend Interesse zu erwecken. Als ich bei der Ueberfahrt mit einer Fähre über den Zabfluß zufällig eine hebräische Zeitung aus der Tasche nahm, wandte sich ein Nachbar von mir sofort an mich mit der Frage, ob ich aus Palästina sei, und beeilte sich, mir einige hebräische .Worte ztt sagen, um mir sein #

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