Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 93 (22.11.1932)
- Date
- 1932-11-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 0,25 Goldmark Die Parlamcnisfragc in Palästina JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dien« tag u.Freitag, Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Amlandsabotmemcmts w«״rden in der Währung der •m**ln«n Linder b«rr©dh»et, t Anzeigenpreis: * Resp. Nonpareillerefle 0,50 G.« M■ Stellengesuche 0,25 G.-M, Wammer 93 | Berlin, 22. XI. 1932 Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr.IO. Telefon: J 1 Bismarck 7165*70. Anz«rfgen*chta&: D i n t r und Freitag n ■ c h m i tt *g• 44UUrr RedaktionsschluS Sonntag und Mit twoeh nachmittag. P aitie hock - K o n t n : Berlin 173 92, B״el V 9355, B»l*r«d 680 32, BrüM»l 39433 ßadapni 59693, Dumi* 1973, Haas 140470, Fr•* 59410, Rift» 4155. StT.at.bure 16430, Warschau!90708, Wien 156 030 B»nk.Konten: Dreedrner Bank, Dt* posiicn ־ Rasse Berlin, Kurfürstendamfr 52; RumÄnischo Kreditbank, Cernauri (Rumänien); Anglo Paleaun« Co. in HaiU, Fertiaalem, Tel-Aviv, מרחשון תרצ״ג jo I xxxvii. Jahr*. Per Zlowlama» erstrebt fU> da» jUdlathe Volk die IchaHuan einer gWentllch rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.1• Zur Lage In Deulsdriand Wenn wir uns ln der letzten Zeit der Kommentare zur aktuellen politischen Situation in Deutschland enthalten haben, so bedeutet dies keineswegs, daß wir der Ansicht sind, die Ent- Wicklung der Dinge sei für die deutschen Juden belanglos. Vielmehr vollziehen sich die Dinge so rasch und die Lage ist so undurchsichtig, daß es uns besser scheint, mit einem Urteil zurückzuhalten, das sich notwendigerweise doch nur auf unvollständige Informationen stützen könnte, zumal da die Entscheidüngen selbst sich ja auf einer Ebene vollziehen, die völlig außerhalb des Bereiches einer jüdischen Einfluß-Sphäre liegt. Was über die Lage in Deutschland vom jüdischen Standpunkt zu sagen ist, haben wir bei zahlreichen Gelegenheiten gesagt. Auch als in Deutschland der Versuch einer vorn Parlament unabhängigen Präsidialregierung gemacht wurde, und in manchen jüdisehen Kreisen dies als endgültige Rettung vor der Gefahr des Nationalsozialismus begrüßt wurde, haben wir darauf hingewiesen, daß es eine Politik der Selbsttäuschung wäre, wenn man übersehen wollte, wie stark weite deutsche Volksschichten vom Nationalsozialismus und damit zugleich auch vom Antisemitismus ergriffen sind, und daß diese Volksstimmung auch als Faktor des öffentlichen Lebens schließlich in der einen oder anderen Richtung in Erscheinung treten müsse. War doch sogar die Idee der ״autoritären‘‘ Regierung Papen ursprünglich darauf aufgebaut, durch Konzessionen an den Nationalsozialismus die Volksstimmung für sich zu gewinnen und hat demgemäß beispielsweise ihren ״christlich-nationalen“ Kurs zwar nicht durch formelle Entrechtung, aber durch tatsächliche Ausschaltung der Juden betätigt; und was die parlamentarischen Parteien betrifft, so mußten diese schon nach den Regeln des Parlamentarismus bei allen Kombinationen aut die größte Partei Rücksicht nehmen. Bei den Ereignissen, die schließlich zum Sturz der Regierung Papen führten, hatte man als ernstdenkender Jude wieder Gelegenheit, mit Befremden festzustellen, wie weltfremd ein gewisser Teil des assimilatorischen jüdisch-liberalen Lagers bereits geworden ist. Liberale Politiker, die natürlich Gegner und auch geistreiche Bespötter des Nationalsozialismus sind, verteidigten das Prinzip der Demokratie gegen die Regierung Papen, als ob die Möglichkeit bestünde, nach Sturz dieser Regierung wieder einem demokratisch orientierten linksgerichteten Kurs in Deutschland den Weg zu bereiten. Daß die Regierung Papen nur durch ein mehr oder weniger nationalsozialistisches Regime abge'öst werden kann, entschwand anscheinend dem Bewußtsein. Und über den Sturz der Regierung Papen äußert man sich mit einer so naiven Schadenfreude, als ob dieser Sturz wirklich etwa der Gegnerschaft des ״Berliner Tageblatts“ und nicht der Gegnerscliaft Hitlers zu verdanken wäre. Obwohl der Nationalsozialist mus bei den letzten Wahlen Einbußen erlitten hat, ist er noch eine genügend starke Macht geblieben, um sich Beachtung zu erzwingen. Im Parteienspiel hat die Szenerie gewechselt: Während früher das Zentrum ‘als unerbittlicher Gegenspieler der Nazis auftrat, ist es heute die Deutschnationale Parfei. Auch dies kann sich wieder ändern. Wichtiger als die Kalkulation solcher wechselnder Konstellationen ist es, daß die Juden der Tatsache ins Auge sehen, daß der Nationalsozialismus als die stärkste Bewegung im deutschen Volk auf die Gestaltung der Zukunft nicht ohne Einfluß bleiben kann. Während diese Zeilen in Druck gehen, ist noch unklar, ob die Berufung Hitlers zum Reichskanzler, die nun wieder im Vordergrund der Erörterungen steht, sich als durch¬ Frendt zurückgetreten Wie jetzt mitgeteilt wird, ist der Landentwicklungs-Kommissar in Palästina, Lewis F r e n c h, bereits am 8. November d. J. von seinem Posten zurückgetreten; sein Rücktrittsgesuch wurde genehmigt. French wurde im Juli 1931 vom damaligen Kolonienminister Lord Passfield zum Director of Development für Palästina ernannt mit dem bestimmten Ziele, einen Landentwicklungsplan aufzustellen und ihn mit Unterstützung des damaligen High Cqmtnissioner Sir John Chancellor durchzuführen. French hatte vor längerer Zeit seinen Plan der Regierung überreicht, die ihn der Jewish Agency und der Arabischen Exekutive zur Begutachtung unterbreitete. Während der jetzige High Commissioner Sir Arthur Wauchope vor seiner Weiterreise nach Genf in London weilte, wurde es klar (was Eingeweihten längst bekannt war), daß zwischen ihm und French starke Meinungsverschiedenheiten in bezug auf den Landentwicklungsplan bestehen. Der High Commissioner versagte mehreren Vorschlägen von French seine Billigung und verlangte weitere Modifikationen, zu denen sich French, wie es heißt, nicht verstehen wollte. Daraufhin kam es zum offiziellen Rücktritt Frenchs. Wie die JTA. erfährt, hat die Jewisth Agency ihr Memoran dum zum French-Bericht bereits im vergangenen Monat unterbreiten sollen, allein der High Commissioner dehnte die Frist zur Ueberreichung dieser Gegenvorschläge zum French- Bericht bis zu dem Zeitpunkt seiner Rückkehr nach Palästina aus; diese Tatsache werde dahin interpretiert, daß die Regierung selbst den Plänen Frenchs eine aktuelle Bedeutun g nicht mehr bei mißt. Lewis French wurde im Oktober 1931 in den Palestine Government Executive Council kooptiert, und es hieß damals, er werde dauernd als Direktor des Landwirtschafts-Departements der Palästina-Regierung an Stelle des versetzten Mr. Sawer m Jerusalem verbleibe®, Dieses Amt sollte French schon führbar erweisen wird oder nicht. Sollte es dazu kommen, dann müßte man immer noch abwarten, auf welcher Grundläge die Einigung zwischen Hindenburg und Hitler erfolgt. Was eine Kanzlerschaft Hitler für das Judentum bedeuten würde, wurde hier bereits im August, als dieser Plan zum ersten Male auftauchte, ausgesprochen. Wir können nur wiederholen, was wir damals schrieben: ״Wir haben niemals gewähnt, daß etwa die barbarischen Grundsätze des Nationalsozialismus in der judenfrage ein Grund sein könnten, die Nazis von maßgebenden Regierungsinstanzen fernzuhalten, wenn die sonstigen politischen Verhältnisse ihre Berufung zur Macht ermöglichen. Aber das ganze jüdische Volk erwartet und fordert, daß diejenigen Kräfte, von denen auch In diesem Moment die Machtergreifung der Nationalsozialisten abhängt, daß vor allem der Herr Reichspräsident, die bei der Neugestaltung beteiligten Persönlichkeiten des Kabinetts Papen-Schlelcher sowie die auch weiterhin, wie immer die Regierung gebildet werde, maßgebenden, weil starke und unentbehrliche Teile des deutschen Volkes repräsentierenden Parteien, Garantien dafür fordern, daß nicht der Name Deutschlands durch Maßnahmen, die das deutsche Judentum in seiner Staatsbürgerliehen Stellung, in seiner Ehre und in seiner Existenz verletzen, bemakelt wird. Wird Hitler Reichskanzler, dann darf doch nicht das Programm der nationalsozialistischen Partei mit seinen bekannten antijüdischen Satzungen das Programm des Deutsehen Reiches werden. Als Parteiführer konnte Hitler sich auf die von ihm fanatisierten Massen stützen, als Reichskanzler muß er wissen, daß Deutschland aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt ist, die Anspruch auf Respektierung ihrer Eigenart haben.“ Es könnte so kommen, daß auch die damals von uns angedeutete Parallele mit Lueger, der seinerzeit Svmbolfigur des Antisemitismus war wie heute Hitler, ihre Rechtfertigung findet. Lueger wurde zweimal von Kaiser Franz Joseph die Bestätigung des Bürgermeisteramtes verweigert, dann aber kam er 4 0c h zur Macht, Ob es nun zu einer Regierung Hitler, mit oder ohne Pariament, oder aber zu einer andersgearteten Regierung mit maßgebendem Einfluß der Nationalsozialisten kommt, — alle An- Zeichen deuten darauf hin, daß der Nationalsozialismus u n - mittelbar vor der Erreichung entscheidender Machtpositionen in Deutschland steht. Für die dcutsehen Juden werden die nächsten Tage ein Prüfstein sein. All es kommt darauf an, der Entwicklung der Dinge m i t Würde und F e s t i gk e i t zu begegnen. Wir haben schon oben angedeutet, daß nach unserer Meinung das Verhalten zahlreicher Juden und eines großen Teiles der sogenannten ״Judenpresse“ seit dem 13. August nicht nur töricht, sondern auch würdelos war. Es war nicht der geringste Anlaß vorhariden, vor! jüdischer Seite damals über ״Hitlers Niederlage“ zu triumphieren und zu spotten und sich so zu gebärden, als sei man eigentlich der ״Bundesgenosse“ jener Mächte, die damals Hitler abwiesen. Heute stehen wir wieder in kritischen Wendungen. Niemand kann Vorhersagen, wie das Ergebnis sein wird. Das Judentum der ganzen Welt blickt gespannt auf Deutschland und auf die deutschen Juden. Das deutsche Judentum wird zu zeigen haben, daß ein neuer aktiver Geist in ihm lebendig ist, daß es sich nicht mehr von den Phrasen jüdisch-liberaler ״Fortschritts“-Optimisten einiullen läßt, sondern dem Ernst der Situation mit Ernst und Entschlossenheit zu begegnen weiß. aus dem Grunde übergeben werden, weil die Mission, für die er ursprünglich ausersehen war, durch die Entwicklung der Dinge gegenstandslos geworden war. Denn der Landentwicklungsplan fußte auf der Idee einer 21/2 Millionen Pfund- Anleihe für Palästina, und noch in dem MacDonald-Briet an Dr. Weizmann wurde betont, daß durch diese Anleihe die Arbeiter-Regierung die erste englische Regierung sei, die etwas Positives zum Aufbau Palästinas tue. Durch die englische Finanzkrise, den Sturz des Pfundes tisw. ist aber dieses Versprechen hinfällig geworden. Die Anleihe wurde nicht gegeben und daher kann auch von der Regierung keine Landentwicklung großen Stils durchgeführt werden. Es ist begreiflieh, daß hieraus, worauf die ״Jüdische Rundschau“ bereits wiederholt hingewiesen hat, eine paradoxe Situation für den Landentwicklungs-Direktor entstand. Die Nachricht von seinem Rücktritt wurde erst vor kurzem wieder dementiert. Anscheinend glaubte man damals an die Möglichkeit einer Beilegung der Krise. Durch den Rücktritt von French ist das Problem der Landentwicklung jedoch nicht aus der Welt geschafft. Es ist anzunehmen, daß der High Commissioner selbst jetzt neue Vorschläge über die Regelung der Boden frage in Palästina machen wird. Bodenfrage und Vcrfassungsfrage bleiben weiterhin die heikelsten Punkte der Palästina- Politik, die nur mit äußerster Staatsklugheit zu lösen sind. Der W a a d Lcumi befaßte sich in einer Sondersitzung, die neun Stunden dauerte, mit der Frage der Einkommen- Steuer. Auf Vorschlag von Dr. Arlosoroff wurde von der Fassung einer Resolution abgesehen und ein Komitee ernannt, das eine Resolution binnen zwei Wochen dem Waad Lcumi zu unterbreiten hat. Ferner wurde beschlossen, daß, der Waad Leumi in der Steuerfrage zusammen mit der Jcwish Agencv gehen solle. Spinozas liidisdie Sendung Von Prof. David B a u m g a r d t. Anläßlich des 300. Geburtstages von Banich Spinoza am 24. .Vovember feiert die ganze Weil dos Andenken dieses großen Jaden. Obwohl Spinoza der Weltgeschichte des Geistes angehört, so hat er zweifellos auch seinen Plitz in der Grisfrsgeschichte des Judentums. Es ist bekannt, daß er von der Amsterdamer Jüdischen Gemeinde als Ketzer ausgestoßen und mit dem Bannfluch belegt wurde. Aber die Ent'ähnung dieses Ereignisses genügt nicht, um seine Position im Judentum, zu umschreiben. Der jüdische Geist konnte auf die Dauer nicht an Spinoza vorühergehen. Spinozas Gedankenwelt kann nicht gleichgültig bleiben, sie wird leidenschaftlich umkämpft. Heute gibt es neben entschiedenen Gegnern — auch im. Judentum eine ganze Reihe von Anhängern Spinozas, die nicht nur seine denkerische Größe anerkennen, sondern auch das Wesentliche seiner Lehre bejahen. Prof. David Baumgardt hat im vorigen Hinter an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums einen Vortrag über Spinozas Wirkung in der deutschen und in der jüdischen Gedankenwelt gehallen. Dieser Vortrag, über den die ,,Jüdische Rundschau“ in Nr, 20 d. J. berichtet hat, erscheint nun in dem Spinoza gewidmeten Heft der Zeitschrift ,,Der Morgen1'. Der erste Teil der Abhandlung srhildcrt die Wirkung Spinozas auf deutsche Denker. Den zweiten Teil, der Spinozas Bedeutung für das Judentum unserer Tage zum Gegenstand, hat, gehen wir nachstehend mit Erlaubnis des Verfassers und des Philo-V erlags wieder. Red. Bei all der Kraft, mit der Spinoza bis heute mitten in der europäischen und besonders in der deutschen Kultur wirkt —• wie ist cs zu verstehen, daß das Judentum im ganzen doch seltsam kühl gegen ihn blieb? Ein Antisemit, Ludwig Kuhlenbeck, ein Uebersetzer Giordano Brunos, hat schon 1907 nicht unterlassen können zu meinen: Spinoza verdanke seinen Ruhm allein der jüdischen Reklame. Das ist natürlich ein offenkundiger Unsinn. Denn es liegt genau umgekehrt: Gerade die größten Führer der deutschen Geistigkeit haben sich immer und immer wieder für Spinoza eingesetzt. Das Judentum aber hat, besonders mit seinen schöpferischen Denkern, seltsam beiseite gestanden. Ja, soundsooft kann man sich in diesen Zusammenhängen kaum des Eindrucks erwehren, als ob sich der jüdische Geist höchstens auf dem Umweg über die deutsche Spinoza-Verehrung eine eigene Bejahung des großen alter! Denkers gestattete. Und man muß fast׳ das Paradoxon wagen: Das neuere jüdische Denken hat sich etwa dem Deutschen Kant mit einer ganz anderen inneren Fruchtbarkeit hingeben können als dem großen Ethiker, der einst aus seinem eigenen Blut entsprang. Verglichen mit der Tiefe und mit dem Scharfsinn, mit dem Hermann Cohen das Bild des kritischen Kant zu neuern Leben weckte, oder verglichen mit der frappanten Bohrkraft, mit der schon Salomon Maimon bis zu den tiefsten Triebmächten der ״Kritik der reinen Vernunft“ hinuntergedrungen war, muß das jüdische Verdienst um die schöpferische Weiterentwicklung des Spinozismus ganz verblassen. Allerdings daß die Amsterdamer Gemeinde einst den Abtrünnigen aus ihrer Mitte ausschloß, ist historisch wohl begreifbar. Und selbst der heftige Bannfluch, den der Philosoph zu ertragen hatte, wirkt milde im Vergleich zu den Scheiterhaufen und zu den Folterqualen, die die katholische Kirche noch bis in jene Zeit hinein gegen ihre Ketzer bereithielt. Dagegen weit auffallender ist der so unendlich viel kleinere Einfluß, den Spinoza bisher auf die Philosophie des Judentums geübt hat, im Gegensatz etwa zu den mächtigen Fluten von Leben, die von ihm aus in die deutsche Metaphysik, die von ihm her in die Philosophie des protestantischen deutsehen Idealismus hinübergeflossen sind. Die begrifflich' strengsten und reifsten, die beiden systematisch geschultesten Denker des neueren Judentums, Moses Mend e 1 s s o h n und Hermann Cohen, haben nur in heftiger Abwehr gegen den Spinozismus gestanden. Und bei Cohen hatte sich diese Ablehnung bis zum Zorn und bis zum Haß verdichtet. Schon Mendelssohn hatte sich trotz seiner Sanftmut besonders scharf gegen jede Form des spinozischen Pantheismus und gegen die schroffe Leugnung der Willensfreiheit verwahrt, die er gerade bei Spinoza am radikalsten ausgesprochen fand. Höchstens das hat er schließlich in letzter Versöhnlichkeit zugestanden: Spinoza sei eben ein Opfer, das sich in den ungeheuren Denkabgrund zwischen Descartes und Leibniz stürzen mußte zum Heil einer höheren Metaphysik, und er sei ein Opfer, das mit Blumen geziert zu werden verdiene» Aber wenn Mendelssohn auch mutig für die Charakterreinheit Spinozas kämpfte, wenngleich er selbst einen geläuterten Spinozismus gelten lassen wollte, und obwohl er gelegentlich einige Berührung mit Spinozas theologisch-politischem Traktat zeigt, so bleibt doch im ganzen die Fremdheit und die Kühle zwischen den beiden Denkern deutlich und unüberwindlich. Und es ist hier nirgends ein wirklich erregender Funke von dem großen Ethiker des 17. Jahrhunderts auf den späten Epigonen der Aufklärung übergesprungen. Salomon Mai- ,, mon, der jüngere Zeitgenosse Mendelssohns, hat zwar