Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 91 (15.11.1932)
- Date
- 1932-11-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 91, 15. XI. 1932 jüdische Rundschau Seite 443 50 Jahre ״Unabhängiger Orden Bne Bri*s״< In Deutsdiland In Stille, fast unbemerkt von der allgemeinen und jüdischen ()Öffentlichkeit, wie es zwar nicht seiner ideellen Bedeuftiflg und seiner praktischen Leistung, wohl aber der Art seiner Zielsetzung und dem Charakter seines Wirkens entspricht, hat m diesem Jahre der ״Deutsche Distrikt des Unabhängigen Ordens Bne Briss“ das Jubiläum seines 50jährigen Bestehens begangen. Die Gründung der ersten Loge des Bne Priss-Ordens ft Deutschland füll in die Zeit der Hochflut der Judenfeindliehen Bewegung in den 8Öef Jahren des vorigen Jahrhunderts, und es war zunächst auch nichts anderes timt nicht mehr als ule Reaktion auf diese Strömung, die die Gründer der ersten Bne Briss-Loge, der Deutschen Reichs-Loge, im Jahre 1882 zum Zusammenschluß im Rahmen einer jüdischen Loge und zum Anschluß an den in Amerika bereits »eit 1813 bestehenden Orden Bne Briss führte, Männer von Stolz und Selbstachtung, die es mit ihrer eigenen Würde und der ihrer Gemeinschaft für unvereinbar erachteten, weiter dem Freimaurer-Orden anzugehören, als auch in diesem die Saat der von Stöcker und seinem Kreis propagierten, judenfeindlichen Haltung aufging, waren es, die damals sich entschlossen, das allgeme'in-menschliehe Ideal des Logengedankens im eigenen jüdischen Kreise weiterzupflegen. Will man uns, so etwa war der Gedankengang dieser Man- Jier, nicht mehr die Möglichkeit geben, in Gemeinschaft mit den anderen mn Aufbau einer besseren Welt mitzuarbeiten, so werden wir im eigenen, engeren Kreise zeigen, daß die sittliehen, humanitären Strebungen bei den Juden nicht schlechter aufgehoben sind und nicht weniger wirkungsvoll gepflegt Werden können als bd den Nichtjuden. Daneben klang freilieh in den Absichten der Gründer des Ordens in Deutschland noch ein zweiter Ton mit. der an die Motive der Ordensgründung in Amerika anknüpfte: die Absicht, in der eigenen Gemeinschaft erzieherische Arbeit zu leisten, Juden im Rahmen der Logenarbeit. von den letzten Resten der menschlichen Schwächen, die ihnen jahrhundertelanges Leben außerhalb der kulturellen und zivilisatorischen Sphäre ihrer Unweit, in Unfreiheit und Rechtlosigkeit, aufgeprägt hatte, zu befreien. Es war ein großes, wahrhaft humanitäres und soziales Ziel, das mit diesem Programm des Ordens Bne Briss in Deutschland aufgestellt war, und bückt man heute auf die fünf Jahrzehnte seiner Wirksamkeit zurück, so darf man bei voller Wiirdigung der alten Wahrheit, daß zwischen Idee und Wirklichkeit überall im menschlichen Leben ein weiter Abstand bleibt, doch mit Genugtuung und Anerkennung sagen, daß der Orden Bne Briss in Deutschland im Sinne seines Programmes Lcistungen von höchst beachtenswerter Größe hervorgebracht hat. Wir sprechen nicht davon, daß im Rahmen der heute bereits auf über 100 angewachsenen Bne Briss-Logen jüdische Mensehen Freundschaften fürs Leben geschlossen, sich gegenseitig erzogen, gestützt und einander Halt gegeben haben, auch nicht davon, was die einzelnen Logen an sozialer Hilfe für ihre eigenen Brüder und deren Angehörige, in Alters-, Ferien- und Kinderheimen, sowie an materieller und ideeller Unterstützung wirtschaftlich Schwacher geleistet haben, obwohl es sich wahrhaft lohnte, einmal aufztizeigen, in welchem Maße hierdurch an der Erhaltung der Substanz der jüdischen Gemeinschaft mitewirkt wurde. Wenn wir die sozialen Leistungen des Ordens ne Briss in Deutschland aus fünf Jahrzehnten seiner Tätigkeit rühmen, so denken wir vor allem daran, daß von ihm in hohem Grade Initiative und Impuls für die Gründung sozialer, charitativer und andersgearteter Institutionen im deutschen Judentum .SOfgegangen, ist,,die. .zwar heute ,vielfach, von •anderen, ,Spezial-. aufgaben gewidmeten jüdischen Organisationen übernommen worden sind, deren Notwendigkeit aber in einer Zeit, als die deutsche Judenheit noch nicht so durchorganisiert war wie heute, erstmalig von den Logen des Ordens Bne Briss erkannt worden ist.. Es wird ein bleibendes Verdienst dieses Ordens sein, daß aus seinen Kreisen'die Anregung zur Ausbildung von Gemeindeschwestern kam, ihre Heranbildung, ihre Verteilung auf die Gemeinden und ihre Zusammenfassung in einem Verbände erfolgte. Es wird ihm für alle Zeiten unvergessen bleiben, daß er den fruchtbaren Gedanken der Vermittlung von Bildung und Zerstreuung an die unbemittelten Schichten der Judenheit aufgriff und in Toynbeehallen verwirklichte, daß er Heime für Waisen und schwer erziehbare Kinder in Deutschland schuf, daß er bei. der Schaffung des Jüdischen Jugendbiindes, des Gesamtarchivs der deutschen Juden, der Akademie für die Wissenschaft des Judentums und der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden Pate gestanden hat. Und — last not least — eine Rückschau auf fünf Jahrzehnte Wirksamkeit des Ordens Bne Briss in Deutschland wird auch das nicht vergessen dürfen, daß in ihm erstmalig die Problematik der Arbeitsbeschaffung für jüdische Menschen in Deutschland erkannt und mit der Schaffung des Verbandes der jüdischen Arbeitsnachweise ein Versuch unternommen wurde, dieser Frage des jüdischen Wirtschaftslebens in Deutschland zu Leibe zu gehen. Zehntausende von jüdischen Menschen haben Im Laufe eines halben Jahrhunderts im Orden Bne Briss die Stätte ihres jüdischen Wirkens gefunden, haben ihm ihre geistigen und materiellen Kräfte gewidmet, um ihn zur Erfüllung seiner jüdisehen Aufgaben fällig zu machen und haben von ihm Antrieb zur Bejahung.und Erhaltung ihres Judentums erhalten. Denn das ist das Charakteristische der 50jährigen Entwicklung des Ordens, daß sich auch an ihm und in ihm die gewaltige, zeugende Kraft der jüdischen Idee envie-:. Je länger er bestand, je weiter er seinen Aktionsradius zog, je mehr jüdische Männer sich in ihm vereinigten, desto stärker erkannten seine führenden Geister, daß mit der Erhaltung der Substanz der Judenheit auf die Dauer nicht alles getan sei, daß es auf die innere seelische Bindung der jüdischen Menschen an die Idee des Judentums ebenso stark, wenn nicht noch mehr ankam, daß man das Judentum erhalten müsse, um die Juden zu erhalten. Aus dem Orden jüdischer Männer, wurde auf diesem Wege ein jüdischer Orden. Auf Führer wie Fenchel, den Gründer und ersten Großpräsidenten des Ordens in Deutschland, folgten als Großpräsidenten Maretzki, der dem Orden das menschlich-sittliche Ziel setzte, Timendorfer, der ihm den organisatorischen Rahmen und die Wirkung in die Weite des deutschen Judentums schuf, und endlieh Leo Baeck, der die Parole von der Erziehung des jüdisehen Menschen als dem letzten Sinn der Ordensarbeit ausgab. An all das wird man jetzt erinnert, wenn man die Festnummer des Ordensblattes liest, die der Orden im Oktober d. J. zur Feier seines Jubiläums herausgegeben hat und die dem Andenken an seine großen Brüder gewidmet ist. Es ist ein stolzer Kranz der besten Namen im deutschen Judentum, die hier genannt und gewürdigt werden, es sind die Männer, die die Geschichte des deutschen Judentums im letzten halben Jahrhundert entscheidend beeinflußt haben. Und wahrlich nichts Schöneres kann man dem ״Deutschen Distrikt des Unabhängigen Ordens Bne Briss“ nachrühmen, als daß seine Geschichte die Geschichte des deutschen Judentums in 50 Jahren widerspiegelt. _ Georg Herlitz. Jabotinsky, der bisher ständiger Mitarbeiter des Warschauer ״Hajnt“ (in dessen Sabbat-Nummer) war, hat nunmehr zum ״Moment“ hinübergewechselt. Der ״Moment“, der im Gegensatz zum ״Hajnt“ nicht offiziell zionistisch ist, kündigt am 13. November groß an, daß Jabotinsky ein ständiger Mitarbeiter des Blattes geworden ist, worüber nähere Einzelheiten noch in Aussicht gestellt werden. Der ABtlsenit Reichwein Wir erhalten folgende Zuschrift: Generalmusikdirektor Prof. Leopold R e i c h w c i n (Wien) schrieb, die ״Jiid. Rundschau“ erwähnte es sfhon, im ״Völklschen Beobachter“ gegen ,.die Juden in der deutschen Musik“. Die Kunst sei für die Juden nur da. um Geld zu verdienen. Der Aufsatz erregte Aufsehen in der Musikwclt und bei den Juden. Herr Reichwein verdiente sein Geld früher nur in Wien, z. B. durch Aufführung der Werke des Juden Mahler, den er jetzt angreift. Er wollte aber mehr verdienen, und als im Auslände, weit von Wien, in der ihm unbekannten Stadt Bochum die Stelle des städtischen Generalmusikdirektors frei wurde, kam ihm der Gedanke, daß er gleichzeitig in Wien und in Bochum als Doppelverdiener tätig sein könnte. Es gelang ihm. Wer verhalt ihm dazu, ohne dabei zu verdienen? Eine musikalische jüdische Familie in Bochum! Vor der Anstellung schrieb er ihr: ״Sollte ich das (nämlich die VIII. Rymphonie von Bruckner) auch einmal in Bochum dirigieren? Wenn ja, dann ist's sicher das Verdienst des ideal gastlichen Hauses. .Nach der Anstellung und vor dem ersten Konzerte in Bochum schrieb er: ״Daß es zu diesem erfreulichen Punkte gelangt ist, verdanke ich nur Ihnen und Ihrem werten Scliwiegersohn. Letzterer hat Herrn Stumpf (d. i. der Musikdezernent der Stadt Bochum) ja überhaupt erst auf mich aufmerksam gemacht, und Sie haben dadurch, daß Sie mir in Ihrem liehen Hause Gastfreundschaft gewährt haben, mir die zweimalige Reise nach Bochum erlci ■htert und die Geschäftsreisen in Vertiügnngsrcisen verwandelt. Ja, ich kann sagen, daß die ideal dingliche Atmosphäre, die man in ihrem Hause antrifft, meine ganze Ansicht über Bochum und den dortigen industriehezirk ־ dem ich mit einigem Mißtrauen entgegenkam - geändert hat: Wo man so reizende Leute alltrifft, wird auch künstlerisch etwas zu holen sein! Seien Sie also hcrzlichst bedankt!“ Den Dank wiederholte Reichwein mehrfach schriftlich. Die jetzige Konjunktur hat den Herrn Generalmusikdirektor von dem ״volksfremden Feind“ weg- und dem Antisemitismus zugeführt. Nach dem Konzert nimmt er in Bochum mit erhobener Hitlerhand die Parade über die johlenden Kulturträger ab. ״Mit der Wahrheit leben“ bedeutet für Heinrich Mann, der Sonntag in der Synagoge Prinzregentenstraße über dieses Thema sprach, daß keine Trennung zwischen Leben und Geist (in irgendeiner Form) zugelassen wird. Das Maß der Vernunft ist entscheidend für den Wert eines Zeitalters. Der heutige Völker- und Rassenhaß beruft sich auf den ,,Irrationalismus“. Damit wird Irrationalismus rein negativ. Das Denken aber ist überall primär, sogar in der Kunst, sogar im Unterbewußten. So schwierig es ist, dieses Denken im potitischen Sinn organisatorisch werden zu lassen, wir müssen die Bereitschaft zur Vernunft — und zur Liebe — fordern; von selbst werden sich Un- Ordnung und Elend nicht überwinden. Das Unglück des heutigen Menschen bedeutet Unvermögen und sieht nach Strafe aus. Die menschliche Gesellschaft ist sichtlich geschlagen an Leib und Seele und nimmt trotzdem nicht Vernunft an. (Ein bibliseber Gedanke.) Der Gegenstand des Völkerhasses darf dem Hassenden niemals zu Gesicht kommen; in dem Moment, wo er ihn sieht, könnte er ins Gegenteil Umschlagen. Im Hassenden muß immer eine Unklarheit bleiben. (Anwendung eines Spinoza-Gedankens.) Nationalhaß, Drang nach dem Krieg, erhält sich im heutigen Denken als Zwangsvorstellung aus der Ermüdung heraus. Es fehlt das Selbstvertrauen, die Sicherheit. ״Wir können nicht sachlich kämpfen, wir wollen wenigstens hassen“. Der heutige Nationalismus hat sich zu einer Ideologie des Wahnsinns verstiegen, bis zur Trennung zwischen dem Volk und denen, die für es denken und die als ״volksfremd“ verschrieen werden. Die Rede klang aus in einem Hymnus auf die Vernunft und die Völkerliebe. ״Wir Menschen sind gleich vor dem Ewigen, dem Genius des Menschengeschlechts, der erhaben ist über unsere eingebildeten und wirklichen Unterschiede.“ — Die Jüdische Gemeinde, deren jetzige Wortführer immer den ausschließlich religiösen Charakter der Gemeinde betonen, meint offenbar, auch einen Vortrag Heinrich Manns als ״religiösen“ Vortrag tarnen zu müssen. Bei einem so souveränen und kämpferischen Geist wie Heinrich Mann war von vornherein eine aktuell-philosophische, zeitkritische und postulative Rede zu erwarten, also eine politische Auscinanderset/ung. So sehr man eine solche Erweiterung des Aktionsfeldes der Gemeinde begrüßen kann, so erreicht die Gemeinde durch ihre Terminologie nur Verwirrung, da viele es als absurd empfinden, daß man einen Nichtjuden in der Synagoge zu einem ״religiösen“ Vortrag auffordert. Ajal. Ausstellung Emmy Roth. Der Begriff des Kunsthandwerks hat sich im Laufe der letzten Jahre entschieden gewandelt. Seine Bedeutung ist in erhöhtem Maße gewachsen und seine Bezirke haben sich wesentlich erweitert. Man wird sich dessen so recht bewußt, wenn man die Ausstellung von Emmy Roth besucht, in der die Künstlerin einen Ueberblick über ihr bisher zwanzigjähriges Schaffen gibt. Gebrauchsgegenstände verschiedenster Art, Tafelservice, Bestecke, Kannen, Becher, Dosen, Schalen, Lampen und Leuchter in Silber und Messing, Schmuck mit und ohne Edelsteine und verschiedene höchst beachtliche Kultgeräte zeigen ,den hervorragenden Anteil, den Emmy Roth, die wohl heute die bedeutendste Vertreterin ihres Faches ist, an der Entwicklung moderner Silberschmiedekunst hat. Zwanzig Jahre konsequenten Vorwärtsschreitens auf einem in seinen Anfängen bereits deutlich vorgezeigten Weg ist in diesen sclinellebigen, wandelbaren und sprunghaften Zeiten eine Tat, die Beachtung verdient. Mit welchem Ernst Emmy Roth an die Gestaltung ihrer Arbeiten geht, wie tief ilir Kunstempfinden und wirklicher Formatisdruck unserer Zeit ist, zeigen deutlich ihre K u 11 g e r ä t e. Sie besitzt wie ganz wenige den Willen un.d die Kraft, durch Schöpfungen, die zugleich gesinnungsmäßig in religiöser Ueberlieferung wie ausdrucksmäßig in mo- Öernem Stilgefühl wurzeln, Kultrormen zu schaffen, die eine neue Verbindung ־zwischen Kult und Leben bilden. Jede Zeit hat ihre Sprache und Ausdrucksform, die sich nicht ohne weiteres vererbt. Lebendig bleibt und wirkt nur das aus dem Leben geborene und für das Leben bestimmte. Pietät allein genügt nicht. Emmy Roth gibt uns die Antwort, wie der geistige Zusammenhang mit der Tradition bewahrt wird und dennoch eine neue Zeit zur Geltung kommt. Hier merkt man die sorgfältige ״Hand“arbeit, die aus dem Gefühl für das Material formt. Jedes Stück ist in sich gewachsen, tritt sozusagen mit selbstverständlicher Sicherheit auf, ist Gebrauchsform und Symbol zugleich. Der Chanukkahleuchter und die Bsomimbüchse sind wohl neu in den Formen, jedoch von so stark traditionelleni Geist durchtränkt, das wir sie wie bekannte Stücke begrüßen. Der Leuchter erinnert zwar in der Form an die alten Chanukkaheisen, vermeidet aber alles ornamentierende Beiwerk und läßt dadurch die Funktion noch deutlicher sprechen, als sie durch Symbolik angedeutet werden könnte. In dem Sohaft der Bsomimbüchse klingt die Form der Menorah an, im übrigen aber ist es ein Riechgefäß in praktischer, zugleich überzeugender Ausführung. Dasselbe gilt von der schlichten, in der Form der Frucht angepaßten Ethrogdose wie von den schönen, aus dem Fuß ganz selbstverständlich herauswachsenden drei Armen der Sabbathleuchter und dem silbernen Kidduschbecher. Zu allen Zeiten wurde bestes Kunstgewerbe stets von diesem Geist der Zweckmäßigkeit und Schlichtheit geschaffen und empfing dadurch den Wert des Ueberzeitlichen. Dr. Karl Schwarz. Aus den Gemeinden Berlin. (Repräsentantenversammlung.) In der Sitzung am 10. d. M. teilte der Vorsitzende R.-A. Stern mit, daß der Repriisentant Grün bäum (Volkspartei) nach Palästina übergesiedelt sei, und richtet im Anschluß hieran an die Repräsentantin Frau Lina VVagncr-T auber, die ebenfalls nach Palästina übersiedelt, herzliche Abschiedsworte, Die Versammhing ehrte Frau Wagner-Tauber durch eine lebhafte Ovation. Frau Wagner-Tauber nahm in tiefer Bewegung rmi der Ver- *ammlung Abschied. — Vorher wurden in der Sitz mg mthrere finanzielle Angelegenheiten behandelt, darunter die Frage der Unterstützung der jüdischen Siedlung in Groß-Oaglow, die von allen Parteien befürwortet wurde. — Einstimmig wird auf Vorschlag des Gemeindevorstandes der Etat des Wohlfahrtsamtes für das laufende Jahr um 200 003 RM. erhöht. Hierbei stellt der Finanzdezernent Graetz auf Anträge des Landgerichtsrats Rau fest, daß auf der Einnahmeseite un laufenden Jahr sich gegenüber dem Voranschlag ein Fehlbetrag von 1 Million RM. ergeben werde. Dr. Fleischer dankt unter allseitigem Beifall dem Wohlfahrtsdezernenten Stahl, daß er im vergangenen Frühjahr und Sommer die Verschickung von 2500 jüdischen Kindern durch die Gemeinde zuwege gebracht hat. Einstimmige Annahme findet eine weitgehende Vorläge des Gemeindevorstandes über die Beschäftigung iüd i s e h e r Erwerbsloser für jüdische soziale Zwecke. Beschäftigt werden sollen etwa 80 Arbeiter und Arbeiterinnen, bewilligt werden hierfür zunächst 3000 RM. — Die bisherige Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde wird in die frei gewordenen Räume des früheren Hospitals verlegt. Sie erhält den Namen ״Jüdisches Museum (Sammlungen der Jüdischeu Gemeinde zu Berlin)“. — Für Subventionen an oetjüdische, insbesondere chassidische, Svnagogenvcreine werden ■1000 RM. bewilligt. Goldmann (V. P.) begrüßt dies als Anerkennung der im Kreise der Ostjuden geleisteten jüdisch-religiösen Aijeit. Chemnitz. Am 1. November fand in der Lesehalle die diesjährige Generalversammlung der Jiid. Vplkspartd Chemnitz statt. Der Vorsitzende Herr Dr. Adler erstattete Bericht. Seit der letzten Generalversammlung, die im Januar vorigen Jahres stattgefunden hat, sind 19 Vorstandssitzungen, 4 große Veranstaltungcn und 3 Kundgebungen in Nachbarstädten abgchalten worden. Die in verschiedenen jüdischen Zeitungen erschicnenen Artikel in de»־ Wahlrechtsfrage würden einen stattliehen Band füllen. Er seihst hat seit 1929 nicht weniger als 17 Artikel veröffentlicht. Anschließend an den Tätigkeitsbericht, der durch die Schriftführerin und Kassiererin Fri. Grünberg ergänzt wurde, gab der Vorsitzende noch eine Ucbersicht über die bisher angewendeten Kampfmittel und noch anzuwendenden, sowie über die Friedensaussichten. In der sich anschließenden Debatte ergriffen das Wort die beiden Herren Horowitz, ferner die Herren Roscnfeld, Weißkopf, Baumöl, Dr. Sichel, Scharf, Schönberg, Hilsenrath und Fidler. Dem Vorstand ist einstimmig die Entlastung erteilt worden. Der alte Vorstand ist, ergänzt durch einen Vertreter des ״Tifcres Israel“ in der Person des Herrn Schönberg, ebenfalls einstimmig wledcrgcwählt worden. Er besteht nun aus den Herren: Dr. Adler als 1. und Herrn Weißkopf als 2. Vorsitzenden, ferner gehören dem Vorstand an die Herren: Baumöl, Dr. Fleiß, Dr. Geis, Girschowitz, Dr. Holzer, Klinghofer, Schönberg, Dr. Sluszewer. ״Barak״ ein neues Spiel Zu der Auffahrung des Stückes ״Einer von uns" am 17. Nov im Lehrarvereinshaus. Als wir vor einem Jahr mit unserem ersten Stück ״Die ein- ־zige Lösung“ vor die Oeffentlichkeit traten, war es der erste Versuch einer kleinen Gruppe junger Zionisten, eine neue Methode zionistischer Werbung in unseren Kampf einzuführen. Wir wollten durch eine anschauliche, bildmüßig packende Dar- Stellung weiten Kreisen der deutschen Juden die Problematik ihrer Lage und den Ausweg aus der Judennot zum Bewußtsein bringen. Unser Versuch gelang. Nicht nur in Berlin, in zahlreichen Ortsgruppen iu ganz Deutschland wurde unser Stück gespielt und batte Erfolg. Gleichwohl wußten wir, daß es noch mancherlei Mängel aufwies. Das neue Stück ,.Einer von uns“ zeigt im Gegensatz zur ״Einzigen Lösung“, dem Stück, das objektiv die Lage der Judenheit, vor allem ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten, vor Augen führen wollte, die Entwicklung eines einzelnen jungen Juden in Deutschland, im Elternhaus, Schule, Universität, wo immer er sich befindet, kommt ihm die Problematik seiner jüdischen Situation zum Bewußtsein, und immer wieder versucht er, auf die verschiedenste Art und Weise ihrer Herr zu werden. Welchen geistigen Strömungen er sieh auch anschließt, der innere Zwiespalt und der äußere Kampf mit dem Antisemitismus machen es ihm unmöglich, sich in der Umwelt zu behaupten. So versucht er es mit Assimilation, wehrt sich ohne Erfolg mit den Methoden des C.-V. gegen antisemitische Pöbeleien, erkennt, daß auch der Kommunismus nicht Lösung der Judenfrage, sondern ״Untergang des Judentums“ bedeuten würde, und findet schließlich, überall zurückgestoßen, aus dem Wesen jüdischer Geschichte den einzigen Weg zur Erfüllung seiner Persönlichkeit, im Zionismus. ״Einer von uns“ heißt dieses Stück. Es will, wie das erste, den Juden das plastisch vor Augen führen, was jeder von ihnen täglich erlebt. Heinz Gerling. Wochen-Chronik. Auch diese Woche brachte wieder eine ganze Reihe antisemitischer Vorfälle größerer und kleinerer Art. Nichts ist bezeichnender für die heutige Lage der Juden, als daß man sich bereits so sehr an diese Zwischenfälle gewohnt hat, daß man kaum ihre Registrierung für notwendig hält. Sind sie doch nur Illustrationen für einen Zustand, der sich dem jüdischen Bewußtsein eingeprägt hat. An der Spitze marschiert wie gewöhnlich der Hochschul-Antisemitismus. ln Breslau kam es zu großen Krawallen, als der neuberufene Professor des Bürgerlichen Rechtes, Dr. Ernst Cohn, seine Vorlesungen abhalten wollte. Der Breslauer ,,Waffenring“ fordert die Abberufung Cohns, nicht etwa wegen mangelnder wissenschaftlicher Qualifikation, sondern weil er ein ״Feind des nationalen deutschen Studententums“ sei. Rektor und Professoren der Breslauer Universität widersetzten sich zwar dem antisemitischen Terror, aber der Ausgang dieser Affäre muß noch abgewartet werden. — Auch die Unruhen in Genf, über die die Tageszeitungen ausführlich berichten, waren nicht ohne antisemitische Beimischung. Einer der Führer und Hauptredner der reaktionären ״Union Nationale“ ist ein Herr Oltramare, Herausgeber einer (eingegangenen) n’t'onnlsozialistischen Zeitung in französischer Sprache und der radikal antisemitischen ״Röaction“. Da einer der zwei Führer der Genfer Sozialdemokratie ein Jude ist (der andere ein Waadtländer), bediente sich die faschistische Agitation ausgiebig des antisemitischen Arguments, das offenbar auch in der Schweiz für zugkräftig gehalten wird. — Auch in Posen kam es wieder zu antisemitischen Ausschreitungen, da der nationaldemokratis he Jugendverband sich für seine Auflösung an den Juden rächen wollte. In Lemberg haben gleichfalls nationaldemokratische Studenten wüste Exzesse gegen Juden verübt. Fensterscheiben wurden eingeworfen, Juden mißhandelt.