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Jüdische Rundschau · 1932-09-30 · Heft 78 (30.9.1932) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 78 (30.9.1932)
Date
1932-09-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XUeratur - Blatt Einzelnummer 0,25 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jedenDienstag «,Freitag, Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmarl, vierteljährlich 5.75 Goldmark. Aual*nd8aH0f1n*ment* werden in dar Währung der •tnrelne» Linder berechnet. ^n*«ij»*npr»is: 8 Resp. NonpamIWeili» 0,50 G.- M. Stellengestich« 0,25 G.-M. Nummer 78 | Berlin, 30. IX. 1932 Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung! jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15. Meinekeatr.10. Telefon•. J 1 Bismarck 7165-70■ Anzeigenschluß: D i e & t ■ g und Freiti״ n1ehmitt1|1 4Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Poniicheck ״Konten: Berlin 17392, Ba«<*l V 9355. Belgrad 6SO 32, Bmitel 394 3}, Budapest 59093. Dann« 1973. Haag 140470, Prag 59410, Riga 4155. Straafchurg 164 30, Warschau 190708, Wien 156030 Rank'Konren: Dresdener Bank, Depositen - K»«*«e Berlin, K urlüratendamm 52i Rumänisch» Kreditbank, Omauti {Rumänte»); Anglo Palesnne Co. m Haifa, lerttaalem. Tel-Aviv- Dar Zionismus erstrebt für das liidlsclie Volk die Schaffung einer dffentlich ■ rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm." Zum Neuen Jahre Die Feste, mit denen weihevoll und sinnvoll das jftdische Jahr eingeleitet wird und die im jüdischen Bewußtsein am stärksten verankert sind, sind ihrem Wesen nach Marksteine des individuellen Lebens und des Gemeinschaftslebens zugleich. Es sind Tage der Einkehr und Umkehr, der inneren Sammlung, an denen jeder Einzelne sich Rechenschaft abzulegen hat, w0׳ er steht, wie er den Anforderungen des Lebens gerecht geworden ist; er soll ״sich erinnern“, sein Leben vorüberziehen lassen und die eigene Unzulänglichkeit bekennen, ״Buße“ tun und daraus Kraft für ein neues Leben schöpfen. Aber doch wird selbst in diesen Stunden persönlichsten Erlebens das eigene Schicksal als Teil des Schicksals der Gemeinschaft begriffen; der Jude wendet sich im Gebet fast nie als ״Ich“ an seinen höchsten Richter, sondern fast immer als ״Wir“. W i r haben gesündigt, schreibe uns ein in das Buch des Lebens, unsere Augen mögen sehen Deine Rückkehr nach Zion in Erbarmen. Das ganze Volk — •mag der eine besser, der andere schlechter sein —, im Grande hat es im äußeren wie im inneren Leben das gleiche Schicksal, und die Erlösung des Volksganzen erleichtert auch das Los des Einzelnen. Aber obwohl gerade bei uns Juden diese Solidarität der Gemeinschaft stark zum Ausdruck kommt, sei doch die persönliche, individuelle Note dieser Festtags-Besinnung besonders unterstrichen in einer Zeit, die unter Beratung auf das ■Wohl der Gesamtheit persönliche Verantwortung vor allgemeinen, sittlichen Maßstäben zu bagatellisieren neigt. Gerade 1'm Judentum sind ja die Männer aufgestanden, die gegen die ״Staatsräson", gegen den Mißbrauch der Gemeinschaftsidee zur Verkehrung der sittlichen Weltord- -!Hing, die göttlichen Fordertpgen an.de»,. Menschen ■ver* nur ,*nationale“ Besinnung -und Sorge um das Volksschicksal tut not, sondern für jeden Einzelnen meint der Ruf des Schofar den Chesclibon hanephesch, die Abrechnung mit seiner Seele, ein Bad des Geistes, das befähigt, den Anforderungen des neuen Jahres standzuhalten. Und nur wo eine Gemeinschaft diese Pflicht und dieses Recht des Einzelnen respektiert, ,kann sie vor der Dämonie blinder Selbstsucht bewahrt bleiben. So sehr wir die Bedeutung persönlicher religiöser Einkehr bejahen, — sie gehört ihrem Wesen nach der privaten Sphäre■ an; eine Zeitung jedoch ist eine Institution des öffentlichen, nicht des privaten Lebens, und u n s obliegt an dieser Stelle eine Neujahrs-Betrachtung nur insofern wir als Kollektivuni uns über unsere Situation Rechenschaft abzulegen haben. Wir können dabei unter dreifachem Aspekt sprechen, je nachdem wir den größeren oder kleineren Kreis ziehen; Als Juden, als Zionisten, als deutsche Zionisten. I. Was wird, was kann das Neue Jahr uns Juden bringen? Ist der Gipfelpunkt der judenfeindlichen Welle überschritten? Wird die Verelendung weiter fortschreiten? Das letzte Jahr brachte eine rapide Verschlechterung der jüdischen Situation. Deutschland ist nur das krasseste und lauteste Exempel, aber nicht das einzige Land einer inanifesten Judennot. Die erneute Zuspitzung der nationalen Gegensätze in der Welt, die Unfähigkeit der Völker zu einer Ordnung ihres Zusammenlebens, das allgemeine Mißtrauen, das jedes Volk in der Aufrüstung sein einziges Heil suchen läßt, dies alles schafft eine Atmosphäre der Unsicherheit, die sich für alle Minderheiten besonders verhängnisvoll auswirkt Nach all den schönen Worten, mit deren Hilfe mau die internationalen Institutionen zu einem Scheinleben zu bringen suchte, ist man der Worte überdrüssig geworden, und wir erleben beinahe das offene Eingeständnis des Mißerfolges der Versuche internationalcr Zusammenarbeit, die der Völkerbund in sich konzentrieren sollte. Bei der Eröffnung der Völkerbundversammlung vor einigen Tagen hat der Präsident des Rates, selbst Repräsentant eines Kampfes für die Eigenrechte kleiner Völker, ein sehr kritisches Urteil über diese Institution •gesprochen. Als eine Folge dieser Enttäuschung wächst der Nationalismus, und ein Volkselement, das überall gegen den Strom zu schwimmen genötigt ist, hat besonder? zu leiden. Von der 1918 verheißenen Weltordnung, in der der Schwache gleichberechtigt neben dem Starken sitzen sollte, ist nicht viel übrig geblieben, und so vorsucht auch der Schwache nach alten Methoden sich Stützen zu verschaffen, Gewalt gegen Gewalt zu setzen. Das jüdische Volk ist aber nicht in der Lage, sich durch das Mittel der Gewalt zu behaupten, selbst wenn es wollte. Das jüdische Volk glaubt an die Macht der Ideen, und es appelliert an das Gewissen und Rechtsgefühl der Völker. Das ״Moratorium“ des öffentlichen Gewissens, in dem wir jetzt leben, kann nicht lange dauern, da sonst die Menschheit das Fundament ihrer Zivilisation zerstört. Aber für das kommende Jahr haben wir uns noch mit Geduld und innerer Stärke zu wappnen. Es wird ein schweres Jahr werden. Wir bemerken allenthalben, wie unter dem erhöhten Druck das Judentum in zwei divergierenden Richtungen reagiert: Ein Teil wird müde und schwach, versucht trotz allen Schwierigkeiten sich anzupassen oder aufzugeben; ein Teil, und mir auf diesen kommt es an, erlebt aufs neue in seinem Innern die tiefen, in der Zeit des Wohllebens fast vergessenen Schicksals-Zusammenhänge, begreift diesen Moment als einen Abschnitt der jüdischen Geschichte, die uns auch unser Los verstehen lehrt, und sucht in der festeren Verbindung mit den Gütern des jüdischen Volkstums, in der Besinnung auf die jüdische Sendung und durch Bejahung des jüdischen Wesens Rückhalt und Stärke. Diesen Prozeß einer Rückkehr zum Judentum, diese Ansätze einer umfassenden jüdischen Erneuerung zu fördern und zu pflegen, das mag an diesem Rosch Haschanah die wichtigste, die entscheidende jüdische Losung sein. Auch in einer feindlichen Welt werden wir uns behaupten, wenn wir den Glauben an uns selbst besitzen, ohne den ein Volk verloren ist. Nur wenn wir die Verunglimpfungen seelisch überwinden, unseres Wertes und unsererWürde eingedenk bleiben, dabei freilich auch ohne Ucberhcbliehkeit und offen für alle berechtigte Kritik, nur dann wird diese Zeit der Bedrängnis für uns f&chtbar werden. II. . .,,AffeZ-iojiiste»• sfebwir die Verwalte*׳dm!» baren, *uns* an vertrauten Gutes: der Oesfchich te des jüdischen Volkes. Mag in unserer Zeit vieles mit den Juden und um die Juden geschehen, als ״Geschichte“ wird nur angesprochen werden können, was als Gesta'tgebung des jüdischen Volkes in seiner reinsten, unvermischteu Wesenheit sich abzeichnet. Oft ist — besonders von Dr. Weizmann — darauf hingewiesen worden, daß heute sciion die 200000 Juden Palästinas mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als die 2 Millionen Juden in New York. Weil eben Geschichte keine Quantitäts-Kategorie, sondern eine Qualitäts-Kategorie ist. Aber gerade wenn wir das wissen, so müssen wir der ganzen Verantwortung dieser Situation bewuU sein. Denn wenn wir als Juden gewisse Prinzipien der Freiheit, der Toleranz, der Menschheit, der Gerechtigkeit verkünden, dann kommt es darauf an, diese Prinzipien d o rt zu bewähren, wo wir als Handelnde, als Subjekte der Geschichte auftreten. Wir müssen als Juden, als die ״ewigen Nonkonformisten“ (Baeck) des Völkerlebens, uns freihalten von jener Hypokrisie, die wir oft bei andern mit kritischem Blick durchschaut haben: Prinzipien nur da zu proklamieren, wo unser 1 nteresse es zu gebieten scheint, daß andere sie beobachten. Die ganze Konfusion im heutigen Völkerleben beruht ja darauf, daß von Tugenden und Frieden gesprochen wird in der Erwartung, daß der andere den Anfang machen soll. Wir Juden sind in dem größten Teil der Welt nur passive Objekte der Geschichte, und unser Bekenntnis zu allgemeinen Menschheitsideen wird von den Völkern oft als die ״Waffe des Schwachen“ bezeichnet. Als Zionisten nun stehen wir vor einer höchst komplizierten Problematik einer konkreten politischen und wirtschaftlichen Wirklichkeit, und das Bild der jüdischen Wesensart wird geschichtlich nicht dadurch charakterisiert werden, mit welchen ethischen Menschheitsforderungen wir im Galtith auf Unterdrückungen reagiert haben, sondern welche Maximen wir in Zion in die Tat umgeset/.t haben. Unter diesem Gesichtspunkt steht vor uns die Frage unserer Beziehungen zur arabischen Welt, in deren Mitte wir unser Nationalheim erbauen. Dieses wichtigste, politisch und geistig entscheidende Problem des Zionismus ist in den letzten Jahren nicht weiter gekommen, und weder das Reden noch das Schweigen darüber hat uns weiter gebracht. Wir wollen hei diesem Anlaß nicht in Einzelheiten der Tagespolitik eingehen, aber der ״Tag des Erinnerns“ in seiner kollektiven Bedeutung für uns als Zionisten soll nicht vorübergehen, ohne daß wir uns dessen erinnern, was noch als Aufgabe vor uns liegt. Die Zeit ist gegen uns, Jahr für Jahr vergeht, und die arabische Welt entfremdet sich uns immer mehr; wir stehen vor der Gefahr, daß die Vorstellung des ״Erbfeinds“ sich einwurzelt, und dies ist ein seelischer Faktor, den wir nicht geringschätzen sollten. Schon sind, durch den Klagemauer- Konflikt angeregt, in der ganzen arabischen Welt Zeichen des Judenhasses zu merken; nicht nur in der Nachbarschaft Palästinas, in Syrien und Transjordanien, sondern an entfernten Küsten wie in Aden und Tunis. Proteste allein und der Ruf nach Polizei helfen da nicht, man muß schon tiefer blicken und sich sagen, daß alles geschehen muß, was von unserer Seite geschehen kann, um dieser Erb-Verfeindung entgegenzuwirken. Und geschehen ist bisher wahrlich von uns nicht viel. Die letzte A.-C.- Sitzung bewies keinen Schimmer von Verständnis für den Ernst und die Aktualität dieser Sache. Man hat ihr nicht einmal so viel Nachdenken gewidmet wie der Frage der parteimäßigen Zusammensetzung der Palästina-Aemter. Und die Nationalbewegung der Araber organisiert sich inzwischen als ״Freiheitsbewegung" unter strikter Negation der jüdischen Ansprüche auf das Nationalheim in Palästina. In diesen Tagen wird in Genf der erste unabhängige arabische Staat in den Völkerbund aufgenommen. Gewiß ist das Problem in jeder Hinsicht sehr schwierig, aber wenn wir es einfach ignorieren, wird es schlechter statt besser. Der Zionismus hat ein arbeitsreiches Jahr vor sich. Die jüdische Auswanderung nach Palästina ist beinahe zu einem natürlichen Phänomen geworden, da das Gefälle der Wanderung sich schon rein ökonomisch aus einem Land hofieren Druckes in ein Land geringeren Druckes bestimmt. Und Palästina ist für Juden heute ein Land relativer Prosperität, ein Land mannigfacher unausgeschöpfter MöQ.lehkeiten für Pionierarbeit auf allen Gebieten. Die Jewish Agency bat hier ein weites Feld regulierender Tätigkeit, um Nachteile zu verhindern, die die Gesamtheit treffen könnten. Alle Organe der Bewegung müssen hieran mitarbeiten. Noch nie zeigte sich so deutlich, daß der Zionismus keine künstliche und ansged.acMaiiaefaB1.i8fc; sondern Wir haben eine Epoche des Nachkriegszionismus hinter uns, die reich war an Leistungen und Anstrengungen, und wenn auch nicht alles erreicht wurde, die Erfolge der auf gewandten Arbeit sind sichtbar. Inzwischen ist eine neue Generation herangewachsen und wird ihr eigenes Wort zu sprechen haben. Eine Bewegung wie die unsere bedarf der Auffrischung durch Jugend, der Verjüngting; wir alle empfinden es oft als Mangel, wenn nur die alten abgebrauchten Worte uns dargeboten werden. Wenn wir als Zionisten einen Neujahrswunsch haben, so sei es dieser; daß die Bewegung jung werde, daß der natürliche Prozeß des Ablaufs der Jahre ausgeglichen werde durch die ungebrochene Kraft und Begeisterung neuer, junger Menschen. III. Der deutsche Zionismus hat seinen Delegiertentag hinter sich und tritt in das neue Jahr im vollen Bewußtseia scU r c'..;. .:*.iimlichen Situation, ln Frankfurt wurde die Richtung bestimmt: Förderung der Palästina-Wanderang, Stärkung des Zusammenhangs mit Palästina, durch Palästina und Zionismus Gewinnung innerer Freiheit in dem Sclbstbchauptungskampf gegen gehässige Feindschaft und Unbill. Der deutsche Zionismus, im Lande der Mitte zwischen Ost lind West, hat seine eigene Galuth- Problematik, die weder nach der Schablone des Ostens noch nach der des Westens abzutun ist. Wir können uns auf diesen kurzen Hinweis beschränken, denn das Thema wurde in letzter Zeit hinreichend diskutiert, der Delegiertentag behandelte es intra et extra muros, und in der heutigen Nummer liefert Dr. Landsberg einen wichtigen und mutigen Beitrag zu dieser Diskussion. Wir werden im kommenden Jahr an dieser Klärung weiter zu arbeiten haben; wir rechnen darauf, in nicht jüdischen Kreisen Verstämlnis zu finden; und gegen jede akute Bedrohung werden wir uns zu wehren haben. Wir hoffen, daß das Jahr keine Katastrophen bringt, aber wir Zionisten wissen, daß das Problem als solches besteht, daß wir nicht untätig sein dürfen; wir warten nicht darauf, uns erst von außen uns:::: ft an die Existenz der Judenfrage erinnern zu lassen. Der deutsche Zionismus hat seine eigene Note innerhalb der zionistischen Welt. Das liegt, wie Blumenfeld in Frankfurt ausführte, an einer besonderen Art der Erziehung und des Zusammenhangs verschiedener Kulturdemente. Oft i d wir im eigenen Kreis Angriffen ausgesetzt. Der Revisionismus betrachtet den deutschen Zionisnuts —- mit Recht oder mit Unrecht ■— als seinen geistig repräsentativen Gegner, und was in der revisionistischen Presse in Jahr und Tag an Beleidigung und Stichelei gegen uns verzapft wird, könnte einige Kübel füllen. Wir halten es in der Regel nicht als angebracht, darauf zu reagieren, wir sehen in diesem polemischen Austoben keine zweckmäßige zionistische Aufgabe. Aber auch von anderer Seite müssen wir einer Behandlung gewärtig sein, die wir milde — als Taktlosigkeit bezeichnen müssen; mit Erstaunen las man jüngst im ״Dawar“, der Arbeiter-

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