Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 63 (9.8.1932)
- Date
- 1932-08-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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?eite 304 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 63, 9. VIII. 1932 Zur Lage in Deutschland Diese Woche soll, wie verlautet, entscheidende Verhand- Hungen bezüglich der Gestaltung der künftigen Verhältnisse in Deutschland bringen. Der Wunsch, die National- Sozialisten als stärkste Partei zur Verantwortung für die Regierung mitheran/u/iehen, ist nicht nur beim Kabinett Papen vorhanden, sondern wird jetzt auch aus republikanischeu Kreisen unterstützt, da man keinen anderen Weg sieht, eine Mehrheit für die Regierung im Reichstag zu schaffen. Neben dein Zentrum äußern sich auch führende demokratische Zeitungen für eine Beteiligung der Nationalsozialisten, schon damit diese mit der Last der Verantwortung auch etwas mehr Realitätssinn bekennen. Die nationalsozialistische Presse hat angekündigt, daß Hitler selbst den Posten des Reichs- Kanzlers für sich beansprucht. Bisher gibt es aber keine Anzeichen dafür, daß der Reichspräsident und die maßgebenden Personen der Regierung Papen bereit sind, auf ein solches Experiment einzugehen. Dagegen lassen die Zeitungen durchblicken, daß mit der Auslieferung des Reichs- Innenministeriums an die Nationalsozialisten durchaus zu rechnen ist. Der ״Angriff“ wiederholt in seiner Montagabend-Ausgäbe mit aller Schärfe die nationalsozialistische Forderung, daß ihnen die Führung der Regierung überlassen werde. Ausdrücklich wird erklärt, daß die Nazis sich nicht in eine ,.Fachmänner“-Regierung ״hineinzichen“ lassen, es gebe für sic nur die Alternative ״Führung oder Kampf“. Dabei wird hinzugefügt, daß nur eine Nazi-Regierung dem Terror ein Ende machen könne, denn in den Gewaltakten zeige sich die Ungeduld der Nazi-Anhänger, die zur ״Selbsthilfe“ greifen. Dagegen betont der Chefredakteur der ״D, A. Z.“ Dr. Fritz Klein in seinem Leitartikel von Montag abend, daß man der weiteren Entwicklung mit aller Ruhe entgegensehen könne. Eine Kanzlerschaft Hitler sei abzulehnen. ״Hitler ist als Führer der nationalsozialistischen Bewegung im nationalen Sinne viel wertvoller als an der Spitze des Kabinetts.“ — Demgemäß sprechen auch andere Blätter von dem Versuch der Beibehaltung des Präsidialkabinetts mit Einbeziehung ״überparteilicher“ Nazis. Da aber die NSDAP, dies ablehnt, ist die Lage noch recht undurchsichtig. Die Nationalsozialisten haben inzwischen versucht, in mehreren Ländern einen Teil der Polizeigewalt in ihre Hand zu bekommen, indem die SA. als Hilfspolizei herangezogen werden sollte. Auch in Berlin fanden schon Verbrüderungen zwischen Polizei und SA. statt. Zu gleicher Zeit geht der nationalsozialistische Terror besonders im Osten des Reiches weiter vor sich. Wieder sind eine ganze Anzahl von Gewalttaten gegen Juden zu verzeichnen. Die Berichte aus kleinen Städten Ostpreußens sprechen geradezu von Pogromstimmung. Nationalsozialistische Hetzer verbreiten die Nachricht, Juden hätten mit Geld kommunistische Ueberfälle finanziert, und unter derartigen Vorwänden werden dann auch auf Juden, die völlig unpolitisch sind, Angriffe verübt und Drohungen ausgestoßen. Die nationalsozialistische Presse leugnet auf der einen Seite die Teilnähme ihrer Leute an Gewalttaten, auf der anderen Seite erklärt der Völkische Beobachter, solche Attentate seien ״a 1 s Ausdruck des Volkszorns“ verständlich und spricht von der Volksjustiz, die in den ״Urinstinkten der Bevolle erung“ verwurzelt sei. Man weiß, wohin wir kommen können, wenn man solchen sogenannten ״Urinstinkten“, die von Hetzern aufgepeitscht werden, einen Anspruch, sich auszutoben, zuerkennt. Leider muß man sagen, daß weit über die Kreise der NSDAP, hinaus sich heute in Deutschland die Meinung hören läßt, bei öffentlichen Gewalttätigkeiten müsse das Motiv und die Gesinnung des Täters berücksichtigt werden, wobei man für ,,nationale Motive“, auch wenn die Taten noch so ungerecht und unmenschlich sind, immer Entschuldigungen übrig hat. Es wäre überaus gefährlich, w׳enn man mit dem Gedanken des Rechtsstaates spielen wollte und den Grundsatz der Gleichheit aller vor dem Gesetz fahren ließe. Es gibt genug Fälle, wo man heute in Deutschland bereits von parteilicher Justiz sprechen muß. .Wenn man jedoch den Boden der Rechtsgleichheit verläßt, dann ist gar nicht abzusehen, wo man landen wird. Mit Recht hat die ״Frankfurter Zeitung“ kürzlich in einem an die Adresse des Nationalsozialismus gerichteten Artikels darauf hingewiesen, daß ״Deutschland sich nicht uniformicren läßt, daß es eine gefährliche Illusion ist, zu glauben, man könne gegen die deutsche Arbeiterschaft, gegen den deutschen Katholizismus und gegen die Länder in Deutschland regieren“. Daß Deutschland sich nicht uniformieren läßt, ist eine Feststellung, deren Konsequenzen auch auf die Juden angewandt werden müssen. Auch die Juden haben in ihrer Art eine Sonderstellung, die respektiert zu werden verlangt. Es kann nicht dem Staate zum Heil gereichen, wenn man mit der verblendeten Leidenschaft einer Krisenzeit einen konstruierten Typus des Staatsbürgers zur alleinigen Richtschnur im Staate erhebt und alle anderen Kräfte ausschließt. Die deutschen Juden jedenfalls müssen fordern, daß sie unter Anerkennung und Respektierung ihrer Eigenart in das deutsche Leben eingegliedert werden. Tischa be'Aw im Lager Von Fritz RosenthaL ״Wenn der Menich immer neue■ Feuer auf den Altar »einer Seele trägt, entflammt sich der Funke der einwohnenden Herrlichkeit, der in ihm ist.“ Der Baal-Sehern. Von einem Tischa be’Aw sonderlicher Prägung will ich erzählen: nicht von einem, da die barfüßigen Frommen vor dem nackten Schrein der Lehre sitzen und die Wände der alten Schul’ von ihren Trauerpsalmen widerhallen, noch von einem, der sich in den Wutwellen des Pogroms schmerzlieh erneut. Vom Tischa be’Aw in suchender Gemeinschaft junger Menschen, die aus Sehnsucht neue Form gebären, will ich berichten: Der Tag mit seinen tausend kleinen Spielen und Freuden hat sich leise — eh man’s gedacht — aus dem Lager geschlichen. Kühle, blaue Nacht liegt auf unseren Sehetteln, eine tiefe Wehmut schwängt; in den Lüften. Schweigend starren die Zelte, die sonst voll silbernen Lachens sind, zu den ewigen Sternen. In den Erlen am Bach, der unsere Zeltstadt von dem nahen Gehöft trennt, wcjnt der Wind die freudlose Nacht ein. Keiner der geläufigen Tungens und der ausgelassenen Mädchen kann es recht benennen, was sich dumpf um die Seele legt, den Kopf vor Schwermut hingen macht. Wir reden leise, im Flüsterton schier, miteinander — keiner ist da, dem ein befreiendes Lachen über die Lippen spränge. — —• — Drüben im ,,Galgal“, dem Versammlungskreis, an dem wir uns sonst dos Abends um Freudenfeuer scharen, Ctn unsere Lieder, die von den Menschen und Tieren, den Aekkern und Wäldern im Neuland Israel reden, zu singen, glimmt ein Holzstoß, kleiner und Ärmer, als in anderen Nächten. — Die blau-weiße Fahne mit dem Magen-David ist auf Halbmast gezogen. Müde flattert sie im Nachtwind, der das Feuer anfacht und an die Zeltwände pocht. — Von der Lagerkommandantur, einem selbstgezimmerten Bretterhäuschen, tönt die Trompete zum Zeichen, daß die Versammlung beginnt. Klagend streicht die weh-alte Melodie der Zioniden über das Lager hin. Die Nachtwachen auf ihren Posten hörens und wissen: Tischa be’Aw ist eingegangen. Eng aneinander geschmiegt stehen und hocken wir um das Feuer. Eine bleierne Stille lastet auf dem Kreis. Die Leiber sind geduckt, als trügen sie ewige Last. Der Mond sieht fahl, wie ein Totengesicht, auf die stumme Gemeinde. Irgendwo löst sich der schluchzende Ton einer Geige aus den schwarzen Reihen. Das Wimmern einer Flöte gesellt sich ihm bei und die vereinte Klage steigt auf in die Nacht — die mir heute Symbol geworden für die zweitausendjährige Nacht der Galufh. — Das Lied zerbricht. Da: Eine Bewegung und ein Rauschen setzt ein, wie Sturzbach und Orkan — ein schauriger Chor: ״Echa jaschwa wadad hair rabathi am“ — ״Wehe, wie liegt sie so öd, die Stadt, die voll Volkes war . . .“ Zu den schaurigen Akkorden ersteht der Sang ״Wehe“, den einst Jeremia auf den Brandresten des Heiligtums gesungen. Ein Wissen und Erkennen wird wach in uns, wird zum klagenden Rufe in den Seelen derer, die ums Feuer hocken . , . Noch einmal fährt der Wind in den Holzstoß, facht die Flamme an, daß sie sich hoch aufbäumt — eine Stadt und ein Volk stehen in der Lohe — dann stürzt der Brand in feinem Funkenregen in sich selbst zurück. Einer ist aufgestanden: Er tritt nahe an das Feuer heran. Sein Gesicht ist übergossen von dem ersterbenden Widerschein. Hochaufgerichtet steht er da, die Arme über der Brust verschränkt. Eine fast spürbare Stille breitet sich um ihn. In einer fernen Welt liegen die giebligen thüringischen Bauernhäuschen mit den Storchennestern und dem rotbraunen Fachwerke. Vergessen, verweht . . . Der Sprecher am Holzstoß schickt sein Wort über die Lauschenden hin. Erst leise, zagend, dann aber lauter, mahnend, daß es weithin klinge über die vier Enden der Welt, in die Ohren der einzigen Nation, die versprengt, verfolgt und zerstreut unter den Völkern lebt. Von jenen spricht er, die im Lande Israel fielen als Wächter und Arbeiter — als ״Chaluzim“ — Gerüste einer neuen, freieren Zeit. Das Wort des Gedenkens an diese Getreuesten unseres Volkes, die Zoll um Zoll der alt-neuen Erde in zähem Ringen erarbeiteten, — ist seine Rede — ein Fernblick aber ist sie auch in das Kommende — Neue, das ersteht aus solch heiligem Kampf. ״Lauschet in die hohe Stille über den judäischen und galiläischen Gräbern; 80 werdet ihr den Hall der Schofaroth anheben hören, vor denen Jericho fiel.“ (Buber.) Leise, wie er gekommen, kehrt der Sprecher zurück an seinen Ort, Langsam verglimmt das Feuer, nur die alten Sterne sehen auf die schlafende Zeltstadt. Ein Weinen liegt in den Lüften, das kommt von Rama her: Rahel weint in ihrer Gruft um ihre Söhne, und die Gestirne weinen mit ihr. — Vermischtes Der Monatsausweis des KKL für Juli entfällt. Infolge der Stimmung vor den Reichstagswahlen waren die Einnahmen dieses Monats noch schwächer als es sonst in einem Ferienmonat üblich ist. Die KKL-Kommission hält es daher für notwendig, neben anderen Einschränkungen auch diese Druck- Spesen zu vermeiden. David Pinski ln Berlin. Zu Ehren des jüdischen Dramatikers und Novellisten David Pinski veranstaltete der jiddische Kulturklub ״Scliolem Aleichem“ in Berlin am 4. August einen Empfangsabend. Nach einer Eröffnungsansprache von E. Tscherikower schilderte der Gast den Entwicklungsgang der jiddischen Kulturbewegung in Amerika. Pinski stellte fest, daß die jiddische Kultur sich auf den zum großen Teile aus der Arbeiterklasse hervorgegangenen Mittelstand stützt. Die Verbreitung jiddischer Sprache und Kultur in Amerika wird durch ein Schuhverk, das heute etwa 20 000 Kinder erfaßt, gefördert. Wenn in letzter Zeit bei den jiddischen Kulturinstitutionen und insbesondere beim jiddischen Theater ein Rückgang festzustellen ist, so sei dies nicht auf eine Schwäche der jiddischen Kulturbewegung, sondern auf die Krise zurückzuführen, von der auch das englische Theater in Amerika stark betroffen ist. Von den 70 englischen Theatern New Yorks, die vor dem Kriege bestanden, sind jetzt nur 26 geöffnet. Für die künftige Entwicklung der jiddischen Sprache und Kultur in Amerika ist nach der Meinung Pinskis ausschließlich Wille und Energie der in der jiddischen Kulturbewegung Tätigen maßgebend. An die mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen schloß sich eine lebhafte Aussprache. Nachdem Daniel Tscharny die Bedeutung Pinskis für die Entwicklung der jiddischen Literatur und Kulturbewegung gewürdigt und J. Klinoff Erinnerungen an eine vor kurzem gemeinsam mit dem Dichter und seiner Gattin unternommene Palästina-Reise mitgeteilt hatte, hielt der Vorsitzende E. Tscherikower das Schlußwort, in dem er der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen des Berliner jiddischen Kreises mit Pinski Ausdruck gab. Ausländische Staatsangehörige. Der ״Reichsverband ostjüdischer Organisationen in Deutschland“ schreibt uns: Wir machen alle ausländischen Staatsangehörigen darauf aufmerksam, daß es dringend erforderlich ist, daß jeder Ausländer sich umgehend in den Besitz eines gültigen Passes oder Paßersatzes setzt. Die ausländischen Konsulate haben Anweisung, alle Gesuche im weitgehendsten Maße schnellstens zu erledigen. Den ausländischen Staatsangehörigen stehen die örtlichen und Landes-Organisationen des Reichsverbandes ostjüdischer Organisationen jederzeit zur Verfügung. Im Zweifelsfalle ist zu Auskunftserteilung der Reichsverband ostjüdischer Organisationen, Berlin N 54, Rosenthaler Str. 55, gern bereit. Der Deutsche Makkabikreis hält seinen 14. Turntag am 28. und 29. August in Berlin, in den Räumen des Beth Am, Kurfürstendamm 61, ab. Nach einer vorbereitenden Obmännertagung wird der Turntag, am Sonntag, den 28., um 10 Uhr, eröffnet. Auf der Tagesordnung stehen die folgenden Referate: Aufgaben der Makkabi-Bevvegung, Ref. Friedenthal, Makkabi-Arbeit in Deutschland, Ref. Dr. Alfred Rabau, Simmenauer, Technik, Ref. Fritz Lewinsohn, Finanzen, Ref. Paul Lewinsohn, Jugend- und Sportheime, Ref. Dr. Paul Holzer, Jugendarbeit, Ref. Hans Marx, Berlin, Möglichkeiten der Erziehung und Versuch einer Lebensgestaltung im Makkabi, Ref. Dr. Edgar Marx, Hamburg. Der diesjährige Turntag ist eine reine Arbeitstagung. Fast sämtliche deutschen Makkabi- Vereine werden durch Delegierte vertreten sein. — Die erste größere sportliche Veranstaltung nach der Makkabiah, die Makkabi-Meisterschaften des Deutschen Kreises, werden am 11. September auf dem Sportplatz des Bar Kochba, Leipzig; zum Austrag gelangen. Das Sportfest verspricht, eine glänzende Demonstration für den Makkabi-Gedanken in Deutschland zu werden. Die Vorbereitungen sind im vollen Gang. Zionistischer Jugendbund ״Nordau“. Dienstag, den 9. d. M., findet um 1/210 Uhr nach dem hebräischen Unterricht in unserem Heim, Lottumstr. 9/10, ein Gedenken für unsere verstorbene Chawerah Edith Sachsenhaus statt. Hechaluz, Stam-Chaluzim. Mittwoch, den 10. August, 1/29 Uhr abends, wird eine Sichah über das Thema: ״Pinsker“ Auguststr. 15 stattfinden. Dr. Ignaz Seipel, der österreichische Alt-Bundeskanzler, der in der vorigen Woche in Wien verstorben ist, hat wiederholt auch zur Judenfrage Stellung genommen. Seipel war ein Gegner des Antisemitismus, und unter seinem Einfluß ist die antisemitische Komponente in der christlich-sozialen Partei zurückgedrängt worden. Als frommer Katholik fühlte sich Seipel besonders zum religiösen Judentum hingezogen und hatte auch Verständnis für die überterritorialen Verbindungen der jüdischen Gemeinschaft. Diese positive Haltung kam auch in einer Begrüßung, die er seinerzeit dem Agudistenkongreß zukommen ließ, zum Ausdruck. Auch über den Zionismus hat sich Seipel mehrmals mit Sympathie geäußert. Als Gegner des extremen Nationalismus hatte Seipel auch großzügige Ideen über die Einordnung nationaler und religiöser Minoritäten in den Staat, Ideen, die tragischerweise in der altösterreichischen Zeit nicht mehr durchgesetzt werden konnten. Im vergangenen Frühjahr hatte Seipel Palästina besucht und bei dieser Gelegenheit einen, wenn auch nur flüchtigen Eindruck von dem jüdischen Aufbauwerk erhalten. Helene Bloch Verlobte Am 3. Aw ist uns unsere Cnawerah Edith Sachsen haus durch den Tod entrissen worden. Alle» die sie kannten, wissen, mit welcher Liebe sie unser Streben unterstützte. Wir werden ihrer stets in Treue gedenken Zionistischer Jugendbund ״Nordau“ i. A. Heinz Engländer, Edith Leske, Norbert Reich Berlin, Aw 5692 Junge Dame übernimmt Reisebegleitung nach Palästina im Herbst. 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