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Jüdische Rundschau · 1932-05-27 · Heft 42 (27.5.1932) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 42 (27.5.1932)
Date
1932-05-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 200 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42, 27. V. 1932 Entdeckung einer antiken Synagoge Von E. L Sukenik Archäologen der Hebräischen Univereität Jerusalem. Zit Ostern erschien in Jerusalem in hebräischer und englischer Sprache im Verlag der Hehrew Universilj Press Association ein mit einer großen Anzahl farbiger und eintöniger Tafeln sowie mit Plänen, Rekonstruktionen und anderem bildlichen Material ausgestattetes Werk über die vor drei Jahren in Bcth Alpha im Emek Jetreel amgegrabene alte Synagoge. Wir haben seinerzeit über diesen interessanten Fund mehrfach auch in der Jüdischen Rundschau;‘ berichtet. Ist doch jede derartige Entdeckung ein neuer Beweis der innigen Verbundenheit des Judentums mit dem I^ande Palästina. Auf dem Boden, wo einst die Synagoge stand und offenbar eine jüdische Siedlung war, sitzen heute wieder jüdische Bauern. Während seines Aufenthaltes in Berlin vor etwa zwei Jahren hat der Archäologe der Hebräischen Universität, Dr. Sukenik, mehrere Vorträge über seine Ausgrabungen gehalten und auch mit Lichtbildern illmtriert, Dr. Sukenik sendet um nun anläßlich des Erscheinens des erwähnten Buches eine zusammenfastende Darstellung des Fundes, die wir im folgenden etwas gekürzt wiedergeben. Red. Beth-AIpha ist eine junge Kolonie, welche nach dem Kriege am Fuße des Gilboagebirges, im Tale Jezreel gegründet wurde. Sie war oftmals von mir anläßlich der im Aufträge der Universität ausgeführten Forschungen besucht worden. Beim Uebernachten mußte man gewöhnlich darauf vorbereitet sein, den jungen Leuten der Kolonie einen Vortrag zu halten. Einer meiner Vorträge behandelte ״Antike jüdische Synagogen“, die in Palästina in ziemlich großer Anzahl vorhanden sind und trotz der Forschungen, die schon auf diesem Gebiete gemacht wurden, doch noch einer systematischen Untersuchung bedürfen. (Eine der Aufgaben der Archäologischen Abteilung unserer Universität ist es, diese wichtige Arbeit zum Abschluß zu bringen.) in diesem Vortrage, wie ich mich deutlich erinnere, war es besonders die interessante Entdeckung einer Synagoge in der Nähe von Jericho, welche durch eine türkische Bombe wieder ans •Tageslicht kam, die ich meiner Zuhörerschaft schilderte und auch im Bild vorführte. Diese Synagoge zeichnete sich von den anderen, bis dahin entdeckten, besonders durch ihren Mosaikfu ßboden aus. Auf ihm befanden sich Reste der Abbildungen eines Tierkreises, eine Darstellung Daniels in der Löwengrube und andere biblische Darstellungen. Leider waren aber alle diese Bilder stark verstümmelt, was von den Juden selbst, infolge einer auch unter ihnen sich geltend machenden, ikonoklastischen Strömung geschehen war. Man kann sich meine Ueberraschung lebhaft vor stellen, als Ende Dezember 1928 ein Siedler aus Beth-Alpha mich in Jerusalem besuchte und ausrief: ״Eine Synagoge mit Mosaik ist bei uns gefunden worden“. Es folgte eine kurze Erzählung, der ich entnehmen konnte, daß die Siedler in Beth-Alpha beim Graben eines Bewässerungskanals für ihre Felder auf einen schmalen Streifen von Mosaik gestoßen waren,, auf dem nach der Reinigung, die sie, neugierig geworden, selbst unternahmen, Teile von zwei Zeichen des Tierkreises mit hebrlisehen Inschriften über ihnen sichtbar wurden, Jedenfalls brachen sie das Graben des Kanals sofort ab und der Rat beschloß, eines seiner Mitglieder an die Hebräische Universität und, Wie _ es das Gesetz erfordert, an das Department of Antiquities zu entsenden, um diese Instanzen von ihrem kostbaren Fund Kunde zu überbringen. Die Nachricht an uns war mit der Bitte verbunden, die Ausgrabung der Synagoge doch so schneit wie möglich zu bewerkstelligen, damit ihnen das Weiter- נ Taben am Bewässerungskanäle ermöglicht werde, der bei em warmen Klima in der Jesreef-Ebene schon für den Monat Februar benötigt wurde. Allein konnte ich in der Angelegenheit nichts beschließen, da leider arehäologiche Ausgrabungen immer von den nötigen Geldmitteln abhängig gemacht werden. Da ich gerade zu jener Zeit an den Grabungen in der alten Davidstadt teilnahm, wozu uns der Palestine Exploration Fund aufgefordert hatte und ich mich deshalb an den Kanzler unserer Universität am nächsten Morgen nicht hätte wenden können, 90 beschloß ich, ihm noch zu dieser ungewöhnlich späten Stunde einen Besuch abzustatten. Dr. Magnes war sehr erstaunt, doch seine Befürchtungen lösten sich bald in Freude auf, als er vernahm, worum es sich handelte. Seinem regen Interesse an jüdischen Altertümern allein ist es zu verdanken, daß die Angelegenheit sofort in Ordnung gebracht wurde. Am nächsten Morgen reichte die Universität an Gesuch um Erlaubnis zur Grabung an das Department of Antiquities ein, was auch umgehend bewilligt wurde. Am 9. Januar 1929 standen wir, die kleine Expedition der Universität, schon am Bestimmungsorte. Sieben Wochen dauerten die Grabungen, und ich kann nicht sagen, daß die Arbeit immer leicht war. Das Terrain, das wir nun freilegten, bestand aus einem Vorhof von ungefähr 10 mal 12 m, einem 2,60 m breiten Vestibül, einer 10,50 mal 12 m großen Synagoge und einem kleinen Nebenzimmer, dessen Raumumfang nicht fest gestellt werden konnte. Die Synagoge hatte die übliche basikale Form. Der Synagogenraum wird durch zwei Reihen von je sechs Pfeilern in drei Schiffe geteilt; ein breiteres Mittelschiff und zwei schmalere Seitenschiffe. Mit den übrigen antiken palästinensischen Synagogen teilt diese die Orientierung nach Jerusalem, hier also nach Süden. Die Südwand weist als architektonische Eigentümlichkeit eine runde Apsis auf, die zur Aufnahme des Thoraschreins bestimmt war. Noch eine andere Eigentümlichkeit ist dieser Synagoge Vorbehalten: Während nämlich in den früher entdeckten die drei Eingange zur Synagoge sich an der Orientierungsseite befanden, sind die Eingänge hier in der Jerusalem gegenüberliegenden Wand eingelassen. Dies ist auf den Umstand, daß sonst kein Platz für den Thoraschrein hätte gefunden werden können, zurückzuführen. Längs der Wände sind, wie in anderen Synagogen, Steinsifze angebracht. Noch eine . Besonderheit ist das Podium, das an der Ostreihe der Pfeiler im Süden der Synagoge in der Nähe der Apsis gefunden wurde. Schon diese architektonischen Eigentümlichkeiten allein genügen, um die Wichtigkeit des Fundes darzutun, da hier eine neue Entwicklungsphase in der Synagogen-Einrichtung aufgewiesen wird. Noch viel interessanter aber ist der Mosaikfußboden, der merkwürdigerweise vorzüglich erhalten ist. Die gute Be- Wahrung des Mosaik ist nur der Art und Weise, wie die Synagoge zerstört wurde, zu verdanken. Wie klar nachgewiesen werden konnte, ist die Synagoge einst von einem Erdbeben zerstört worden. Bei den ersten Stößen wurden Wände, Decke und Pfeiler erschüttert und die dicke Verputzschicht fiel herunter und legte sich schützend auf das Mosaik, dem dann die zusammenfallenden Wände und die Schläge der Steine nichts mehr anhaben konnten. Der ganze Baukomplex der Synagoge ist mit Mosaiken ausgelegt. Während der Hauptteil aber mir ganz gewöhnlich«, geometrische Muster in wenigen Farben aufweist, zeichnet sich der Fußboden des Mittelschiffes, wie auch des westlichen Seiten- Schiffes durch interessante Darstellungen aus. Das Mosaik des Mittelschiffes Ist 1n drei große Fader geteilt Die Mitte des südlichen Feldes zeigt einen Thoraschrein mit zweiflügeliger Tür, der von einem Giebeldach bekrönt ist Von der Spitze desselben hängt eine brennende Lampe herunter, die wahrscheinlich die ewige Lampe darstellt. Zwei große Vögel, straußenähnlich, stehen aut der Basis des Giebeldaches. Zur rechten und zur linken des Toraschreins befindet sich ein siebenarmigeT Leuchter und darunter noch andere Ritual- Objekte, wie die Posaune, der Palmzweig, die Citrusfrucht usw. Zwei Löwen an den Säten des Feldes bilden die Ehrenwache. An da» oberen Ecke« des Feldes sieht ans zwei zusammengeraffte Vorhänge. Etas große Mittelfeld wird von einem Tierkreis eilgenommen. Im Zentrum sitzt die aufgehende Sonne In Gestatt eines Jüngling« mit Strahlenkrone in einem Wagen, der von vier Pferden gezogen wird. Im dunklen Hintergrund, der die sich zurückziehende Nacht versinnbildlicht, leuchten der Halbmond und die Sterne, die von der auf gehenden Sonne sozusagen verdrängt werden. Um die Sonne kreisen die zwölf Zeichen des Zodiaks und über jedem eine hebräische Ueberschrift. In den vier Ecken des Feldes sind die vier Jahreszeiten als geflügelte Genien mit Kopf- und Halsschmuck dargestellt. Neben den Jahreszeiten befinden sich verschiedene symbolische Gegenstände, wie Hirten stab, Früchte usw., die dazu beitragen, das Wesen der einzelnen Perioden näher zu bestimmen. Außerdem sind sie noch mit hebräischen Inschritten versehen. Ein breiter Streifen mit Palmen in rot und schwarz teilt dieses Feld vom nächsten, auf dem die Opferung Isaaks dargestellt ist. Links halten zwei Jünglinge einen gesattelten Esel. Daneben sieht man einen Widder, der an einen Busch ebunden ist. Um über das Wesen dieses Tieres gar keinen weifel aufkommen zu lassen, befindet sich über dem Widder noch ein kurzes Zitat aus der Bibel: ״Und siehe, hier ist der Widder“. Ein hochgewachsener Mann mit grauem Barte, der von der Inschrift über seinem Haupte als Abraham bezeichnet wird, halt in seiner Rechten ein großes Opfermesser und mit der linken Hand hebt er den kleinen Isaak empor, der nur mit einem Hemdchen bekleidet ist Die Inschritt über dem Kopfe des Kleinen bezeugt auch hier, daß das Kind wirklich Isaak ist Ganz rechts steht der Altar, und seine lodernden Flammen steigen zum Himmel empor. Eine Hand streckt sich aus den Wolken hervor und ein anderes Zitat aus der Bibel: ״Strecke deine Hand nicht aus“, unter der Hand, warnt Abraham vor dem entscheidenden Schritte. Die Hand symbolisiert das Eingreifen Gottes in die Opferung Isaaks. Abraham hat den Ruf Gottes vernommen, wie sein nach der Hand gerichteter Blick zeigt. Alle drei Felder sind von einem breiten Rahmen umgeben, der aus Früchten, Vögeln und anderen Tieren besteht. Die Verzierungen des westlichen Seitenschiffes enthalten hauptsächlich nur Teppich- und Schachbrettmuster. Unter den Teppichen zeichnet sich besonders einer, in sehr zarten Farben, von ungefähr zwei m Länge und 1,50 m Breite aus, der vor dem Eingang zum Nebenraum sich befindet. Schon vom Stil der Bilder allein hätte die ungefähre Periode, in der dieser Mosaikfußboden entstanden ist, erkannt werden können. Doch wir hatten insofern noch mehr Glück, als wir kurz vor Abschluß unserer Grabung am Eingang zum Mittelschiff zwei Inschriften entdeckten, von denen die eine datiert war. Von den beiden Inschriften war die eine griechisch und die andere aramäisch. Die griechische Inschrift erzählt, daß zwei Juden, Vater und Sohn, mit Namen Marianos und Haninah, dieses Mosaik ausgeführt haben. Die aramäische Inschrift, obwohl leider teilweise zerstört aufgefunden, bewahrt glücklicherweise doch noch den Teil, in dem ausgesagt wird, daß der Mosaikfußboden im Jahre . . . . zerstört, unter der Herrschaft des Kaisers Justinus errichtet wurde. Wie aus verschiedenen Gründen angenommen werden kann, ist hiermit Justinus I. gemeint, und das Mosaik gehört somit dem Ende des ersten Viertels des VI. Jhts. n. Chr. an. Noch andere interesssante Einzelheiten werden uns aus dieser Inschrift bekannt Es werden hier 100 Maße Weizen erwähnt, die von den jüdischen Bauern des Fleckens zur Deckung der Unkosten des Mosaiks gestiftet wurden. Von den übrigen Bruchstücken der Inschrift Heß sich noch entnehmen, daß auch eine reiche Familie, zu demselben Zwecke eine gewisse Summe Geldes beigesteuert hat Die datierte Inschrift erwähnt nur den Mosaikfußboden; von der Periode, in welcher die Synagoge entstanden ist, sagt sie nichts. Doch geht aus einem Funde von 36 Münzen, die in einem eingebauten Behälter in der Plattform der Apsis gefunden wurden, hervor, daß die Synagoge schon im 5. Jht. n. Chr. errichtet worden ist. An Hand dieses wichtigen Fundes sind wir imstande, die Datierung mancher älterer Funde, über die die Gelehrten sieh nicht einig waren, vorzunehmen. Die Mittel zur Ausführung der Grabung wie auch zur Veröffentlichung der Monographie über diesen interessanten Fund haben wir der Temple Emanuel Congregation von New-York zu verdanken, die uns durch Vermittlung ihres verstorbenen Präsidenten, Herrn Louis James Marshan, zugeführt worden sind. Ahasver als Literat Das ״Berliner Tageblatt“ brachte in seiner Ausgäbe vom 21. d. Mts. eine Besprechung des Buch« ״Jude wohin“ von dem leider kürzlich verunglückten Albert Land r e s (Phaidon-Verlag, Wien), das auch in der ״Jüdischen Rundschau“ bereits gewürdigt wurde. Der Rezensent, Albert Ehrenstein, knüpft an das Buch eine Reihe von Betrachtungen, die als typisch ״jüdisches Literatengeschwätz״ gebrandmarkt zu werden verdienen. Die Judenfrage ist viel zu ernst, als daß mit dieser Art Gewitzei ihr beizukommen wäre. Herr Ehrenstein erklärt, ״der Möglichkeiten, auf eigene Fasson unselig zu werden“, gebe es beängstigend viele. ״Den Nationalisten und Nazionisten (!) entgeht die Tatsache, daß jeder Mensch in der Diaspora lebt, während natürlich die Anhäufung allzu vieler eher eine glückselig aneinander klebende Herde oder ein Volk zu bilden scheint.“ Ehrenstein hat selbst vor einiger Zeit Palästina besucht, und man sollte meinen, daß dieses Erlebnis eine tiefere Wirkung hinterlassen hat. Aber die Wurzellosigkeit des Menschen und des Charakters ist anscheinend übermächtig. Für alle Realität blind, macht dieser Typus aus dem eigenen Defekt eine Norm und findet seine Kompensation in überheblichem Selbstgefühl. Wenn Antisemiten diese Figuren, die neben anderen Dingen auch jeden Nationalismus bespötteln, als Repräsentanten des ״jüdischen Geistes“ apostrophieren, so haben wir hier ein gutes Beispiel, daß dieselben Menschen auch den positiven Werten und aufbauenden Lebensmächten des Judentums gegenüber völlig ahnungslos und jedenfalls mit dem jüdischen Volk nicht verbunden sind. ״Heimat ist längst nicht mehr ein Land, sondern die Erde“ dekretiert Herr Ehrenstein. Aber mit solchen geistreichen Sentenzen wird man das Leben nicht meistern. Das jüdische Volk steht an einem Wendepunkt seiner Ent- Wicklung. Es ist bedauerlich, daß eine Zeitung, die als ״Judenpresse“ gilt, über ein solches Thema in ihren Spalten in dieser bagatellisierenden und nichtssagenden Weite schreiben läßt. Ueber Maurice Schwartz, der am Sonnabend, dem 28., 111/2 Uhr nachts, und Montag, dem 30. Mai, 81/4 Uhr abends, in Berlin im Babylon-Theater, am Bülowplatz, gastiert, schreibt der Pariser ״Hajnt“ am 15. Mal u. a.: ״Schwartz feiert Triumphe in Paris. Ein noch nie dagewesener Erfolg. Das anze Programm von Maurice Schwartz war eine kunstreiche ammlung von Mosaiken, vollendete Kunstwerke. Teils mehr, teils weniger populär, aber jedes einzelne ein Kabinettstück seiner unvergleichlichen Schauspielerkunst.! . . So wird er der Liebling des Publikums, sowie das Publikum der Liebling des Künstlers.“ Ein Judenroman Eta* Problem, was jüdische Literatur sei (außerhalb der Sphäre der Sprache, wo nur die hebräische und jiddische Literatur als jüdisch gelten können) ist besonders in Deutschland häufig erörtert worden, sowohl von jüdischer wie von nichtH jüdischer Seite. Leider war die Behandlung dieser Frage selten frei von Tendenzen und Zwecken. Jüdischen Betrachtern kam es meist darauf an, Werke jüdischer Autoren als Argument für den jüdischen Anteil an der Kulturleistung der Umwelt zu verwenden; der Stil solcher Propaganda ist bekannt Auf der anderen Seite ging die Untersuchung meist von Antisemiten aus, die sich nicht damit begnügten, jüdischen Autoren das Attribut ״deutsch“ abzusprechen, sondern gleichzeitig den Unwert des von Juden Geschaffenen nachweisen wollten. Demgegenüber hat die natlonaljüdische Betrachtungsweise den Versuch gemacht, aus den Produkten jüdischer Schriftsteller ohne Werturteil das jüdisch Wesensmäßige zu erkennen. Dabei ergab sich ein zwiefaches Element: auf der einen Seite das immanente Pathos jüdischen Geisteserbes, also vor allem die Vormacht religiöser Problematik und ethischer Forderung; auf der anderen Seite die charakteristischen Merkmale, die sich aus der jüdischen Situation in einem bestimmten Zeitalter, also in unserer Zeit aus der durch die Assimilation hervorgerufenen seelischen Krise ergeben. Man kann ruhig anerkennen, daß auch die von deutscher Seite betriebene Kritik, wie sie z. B. in der Zeitschrift ״Deutsches Volkstum“ gehandhabt wird, wenn man von tendenziösen Uebertreibungen absieht, manches Hilfreiche zur Erkenntnis der Sachlage beisteuert; freilich geht die Methode dieser Kreise auf einen jüdischen Lehrmeister zurück (Karl Kraus). Die Charakteristik der jüdischen Literatur wird dadurch erleichtert, daß jüdische Autoren in immer stärkerem Maße jüdische Stoffe behandeln oder wenigstens jüdische Figuren zu Hauptbetrachtet, Hat einmal gestanden, daß“ er sich ganz nur mit seinen jüdischen Gestalten identifizieren könne. Wo solche Typen uns leibhaftig gegenübertreten, wo ihr ganzes Innenleben vor uns ausgebreitet wird, wo die charakleristisehen Züge gerade in der Uebertreibung, man könnte fast sagen: in der Karikatur, achtbar werden, da kann oft mehr an Erkenntnis der jüdischen Lage erweckt werden als durch theoretische Darlegungen, die niemals die Blut fülle des Lebens haben. Das mag in unserer Zeit die Mission des jüdischen Dichters für das jüdische Volk sein; und insofern so ein t“■״ ״. halb dieses Bereiches wird man freilich die Freiheit der ästhetischen Wertung behalten. Auch ist, bei einem Werk! hohen literarischen Ranges, nicht einzusehen, warum nicht deutsche und andere Leser ein solches ״jüdisches“ Buch mit Interesse und Genuß lesen sollten, so wie man ja schließlich auch aus fremden Sprachen übersetzte Werke liest. Wir glauben, daß auf diesem speziellen Gebiet viel zur Entgif tun g der Atmosphäre geschehen könnte, wenn ״jüdische“ Litdfetur offen und eindeutig als ״jüdisch“ aufträte. Ein Musterbeispiel eines derartigen ״jüdischen“ Buches scheint uns der Roman ״Die Macht“ von Robert Neumann (Verlag Zsolnay, Wien) zu sein. Es ist jüdisch in seinem Ethos: eine leidenschaftliche Verdammung der vom Machttrieb und vom Götzen Geld beherrschten modernen Welt, in der Menschen reinen Herzens rettungslos verloren sind. Zugleich ist es jüdisch im aktuellen Sinn: es zeigt mit vernichtender Schärfe die Verstrickung des wurzellosen Juden in diesen Materialismus und das Innenleben des jüdisehen Assimilanten, des charakterlosen Strebers und R&e« :aten. ״Jüdisch“ ist aber auch die Form der Darstellung^ las blitzartige Kombinieren, Nebeneinanderstellen der Kontraste, die psychologische Kleinmalerei, die sich jüdische Vor* bi kl er (freilich auch Joyce) und Psychoanalyse zunutze macht Robert Neumann bedient sich bewußt einer dem Film entlehnten Technik: ein Bild wird gezeigt, eine Szene spielt, bricht plötzlich ab (״genug, abblenden!“), es erscheint eine andere Szene, der Konterpart, der Leser blickt hinter die Kulissen, gewissermaßen in die Werkstatt des Dichters. Ganze Seiten lang verfällt Neumann in einen jüdelnden Stil — nicht etwa unwillkürlich, denn bei diesem sehr bewußten Autor geschieht alles bewußt, aber er meint, nur in dieser Weise ganz adäquat wiedergeben zu können, was ln der Welt der betreftenden jüdischen Menschen vorgeht. Die Hauptfigur des Romans, wenn auch nicht sein Held (der ist ein georgischer Fürst, der als ״reiner Tor“ von Europa Hilfe bei der Wiedererlangung seines Besitzes von den Sow* iets erhofft) ist der Rechtsanwalt Dr. Albert Rosen, geborener Rosenbaum, Verkörperung des Wurzellosen, des dämo* nisierten Intellekts, dem das von allen tieferen Verbundenheiten losgelöste Denken nur noch ein Werkzeug schäbigster Interessen ist. So entartet in seinem Judentum und Menschentum, daß nicht einmal die plötzliche Entdeckung eines elfjährigen Sohnes ihn zu mehr als einer flüchtigen Anwandlung, die er schnell unterdrückt, verleitet. ״Du Assimilant . . ., und bist doch nur ein Jud 1“ .. . tobt einmal in einer Auseinandersetzung sein Bruder, der Arzt, der freilich kein geringerer Assimilant und kein geringerer Streber ist und zum Schluß sogar mehr Glück hat als sein Bruder, nachdem das vergehliehe Warten aut die Professur ihm in der entscheidenden Stunde sogar ein Broche auf die Lippen gedrängt hat. Rechtsanwalt Rosen, bei dem allerhand Hochstapler ein- und ausgehen, bringt den Fürsten Karachan in Verbindung mit deutschvölkischen Organisationen, die ihn, immer unter dem Beistand jüdischer Berater, zu großen Tscherwonzen- Fälschungen verleiten. Nun tut sich die Hölle auf, Neumann wirbelt alles durcheinander: Oelmagnaten, Börsenmanöver, Sowjet-Diplomatie, Völkerbund, allerhand große Politik, Feme* morde usw. Oft ist es eine immanente Satire, was uns da vorgefilmt wird. Neumann beschönigt nicht, aber er vergröbert manches, bei der Schilderung der Dartschvölkischen und der Großkapitalisten ebenso wie der Juden (man kann nicht gerade sagen, daß die Juden besser davonkommen). Schließlich ist es aber ein Roman und keine Reportage, und etwas von innerer Wahrheit ist auch in diesen Karikaturen. Und im Kontrast zu der Schieber- und Streberwett des Geldwahns ist da noch die statuarische Gestalt des Juden der Vorzeit, die Neumann folgendermaßen einführt: ״. . . Etas Sehemen eines Mannes, ein kleiner, sehr zarter, fast durchsichtige« Mensch, der achtundneunzig Jahre alt ist, Gedalje Rosenbaum heißt und dereinst, als er noch wirklich lebte, das ehrenvolle und wichtige Amt eines Thoraschreibers versehen hat in der kleinen Stadt Leutschau im Slowakischen droben. . , . Seine Sehkraft läßt leider nach — da mag das Thoraschreiben fünfzig Jahre nachts bei Kerzenlicht daran schuld sein; ab» sage mir einer, daß er fünfzig Jahre besser verlebt hat!“ — Dieser Oroßvater betet für seine beiden Enkel Albert und Benjamin Rosen «de für Gestorbene. Und in der Schluß- Szene steht er ragend wie der steinerne Oast vor Albert, der, von den Teufeln zur Strecke gebracht, ihm seine’ Rechen* schaft ablegen will; der Alte — vielleicht sieht und hört er nicht — wendet sich ab, der Enkel stürzt sich in die Tiefe ״Ehe Macht“ ist ein virtuos, hinreißend geschriebenes Buch, das man mit atemloser Spannung liest. Es hinterläßt eine Bedrücktheit, die fruchtbar werden kann, wenn sie die Abkehr von dieser Entartung befördert. Dies wäre vor allem d» jüdische Gewinn dieser Assinülantentragikomödie. ML b di %

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