Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 39-40 (20.5.1932)
- Date
- 1932-05-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 190 Nr. 39/40, 20. V. 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAÜ ln aller Kürze Albert Lebrun, der neugewählte Präsident der französisehen Republik, hat in den letzten Jahren wiederholt seiner Sympathie für das Palästina-Werk und den Oedanken des Jüdischen Nationalheims Ausdruck gegeben. Er isHätiges Mitglied des Comit6 France-Palestine und präsidierte bei dem im vergangenen Jahre anläßlich der Schließung des Palästina-Pavillons auf der Internationalen Kolonial-Ausstellung veranstalteten Bankett. Rabbi Jonah B. Wise, der Präsident der Kampagne des American Joint Distribution Committee, gibt bekannt, daß das Committee an die amerikanischen Juden mit dem Appell herantreten wird, in diesem Jahre 2 500 OCX) Dollar aufzubringen. Dieses Programm basiert auf Tatsachen und Zahlen, die der europäische Direktor des Joint, Dr. Bernhard Kahn, unterbreitet hatte. Dr. Kahn bezeichnet die Lage der Juden in gewissen Ländern Mittel- und Osteuropas als ״an Panik grenzend“. Außer den 2000 Einwanderungszertifikaten für Chaluzim, die die Palästina-Regierung Ende April für das Halbjahr April-Oktober bewilligt hat, hat der High Commissioner für Palästina weitere 100 Zertifikate für w e i b I i c h e Angehörige von Palästina-Einwohnern bewilligt. Dr. Nahum O 0 1 d m a n n , der als Mitglied der Sokolow- Delegation an der Keren Hajessod-Aktion in den Vereinigten Staaten teilnahm, hat am 13. Mai die Rückreise nach Europa angetreten. Der tschechoslowakische Konsul in Jerusalem, Dr. Fric, der sich großer Beliebtheit erfreute, verläßt am 1. September 1932 seinen Posten, Er wurde ins Auswärtige Amt nach Prag versetzt. Sein Nachfolger ist Josef K a d 1 e c, bisher Bevollmächtigter der Tschechoslowakei in Albanien. Anläßlich der Anwesenheit des bulgarischen Konsuls für Palästina, des Herrn Mosche Schelusch aus Tel-Awiw, in Sofia, fand hier eine Versammlung zur Gründung einer Bulgarisch-Palästinensischen Handelskamner statt. י Auf revisionistische Initiative wurde eine 6 s t e r - reichisch-palästinensische Handelskammer unter dem Namen ״Austro-Palästinensischer Wirtschafts-Dienst“ ins Leben gerufen. Zum Präsidenten wurde der Industrielle Hanns Perutz gewählt, Mitglieder des Präsidiums sind Oberbaurat Stricker, Industrieller Max Ernst, als Sekretär fungiert Fritz Richter. Das Gymnasium des hebräischen Kulturverbandes Tarbuth in Soroca wurde auf Anweisung des Ministerpräsidenten und Unterrichtsministers Prof. Jorga wiedereröffnet. Die Schule war bekanntlich im Zusammenhang mit den blutigen Vorfällen in Soroca unter der Beschuldigung, daß die Jugend kommunistische Propaganda betreibt, geschlossen worden. Der Oberbürgermeister der Stadt Bukarest, Demeter I. Dobrescu, hat die Errichtung einer besonderen Abteilung für jüdische Altertümer und Kunstdenkmäler am städtischen Museum zu Bukarest angeordnet. Aus den Gemeinden Chemnitz. Am 9. Mai hat die Chemnitzer Jüdische Volkspartei in der Aula der Realschule eine öffentliche Diskussion über das Gemeindewahlrecht in Form einer Gerichtsverhandlung veranstaltet. Das Interesse bei den Gemeindemitgliedern war so groß, daß der große Saal überfüllt war und viele Be- Sucher keinen Einlaß mehr finden konnten. Den Vorsitz führte mit viel Geschick Herr Rechtsanwalt Karger. Es gab Momente von großer dramatischer Wirkung. Ke Anklage wurde vom Vorsitzenden der Jüdischen Volkspartei, Dr. Adler, vertreten. Der Offizialverteidiger, R.-A. Dr. Fleiß, entledigte sich seiner undankbaren Aufgabe, gegen seine Ueberzeugung ein ungerechtes Wahlrecht zu verteidigen, in geschickter Weise. Auch die Sachverständigen, die Dr. Holzer, Amdurski und Scharf sowie die Zeugen Pfeffer und Muschinski gaben ihr Bestes. Man kann wohl sagen, daß Chemnitz seit vielen Jahren keine gelungenere Veranstaltung hatte. Dortmund. Wie unsere Leser wissen, verschleppt die Synagogengemeinde seit fast 21/2 Jahren die Erledigung der Satzungen. Wiederholt setzte die Regierung der Gemeinde eine Frist zur Einreichung des Entwurfs. Jetzt hat sie wiederum von dem Oberbürgermeister gefordert, daß er die Gemeinde zur Erledigung veranlasse, ln zwei Sitzungen der Repräsentanz wurde der fertiggestellte Entwurf noch wesentlich verschlechtert. Den Frauen wurde das passive Wahlrecht zum Vorstand genommen, und ein gemeinschaftliches Votum von Vorstand und Repräsentanz (Zweikammersystem) wurde eingeführt für Fälle, in denen das Judengesetz nur einen Beschluß der Repräsentanz fordert. Aber auch jetzt ist der Entwurf immer noch nicht zu Ende beraten. Es ist nicht anzunehmen, daß die Regierung ihn genehmigen wird. Hamborn. Die Jüdische Gemeinde hat nunmehr den Beanstandungen der Regierung und der festen Haltung der Zionisten in dem jahrelangen Statutenkampf nachgegeben. Das Wahlalter für das Stimmrecht wurde auf 21 Jahre festgesetzt, der Zensus beseitigt und die Karenzzeit auf ein halbes Jahr ermäßigt. Eröffnung eines jüdischen Museums. Aus Hamburg wird uns berichtet: Ein Ereignis, wenig beachtet von der Außenweit und doch von großem kulturellen Wert, fand vor kurzem in Lübeck statt. Das dortige Museum am Dom eröffnete eine Ausstellung über jüdischen Kult und Folklore. Eine mit verständigem Geschick und ausgezeichnetem Geschmack zusammengestellte Sammlung wird gezeigt. Man sieht die von jüdischen Handwerkern angefertigten Kultgeräte vom hölzernen Salzfaß für Peßach bis zum getriebenen italienischen Chanukkahleuchter, neben dem wieder die primitiven Leuchter der karpafho-russischen Juden und die ziselierten Leuchter der aus Tunis stehen. Im großen und ganzen bildet diese Ausstellung zwei Abteilungen: Jüdischen Kult und jüdisches Volkstum. Sämtliche Kultgeräte in mannigfaltiger Ausführung sind erläutert und mancher Jude kann dort noch etwas lernen. Am interessantesten ist die andere Abteilung, die Typen, Trachten und Volkskunst von Juden Europas und Nordafrikas birgt. So verschieden die einzelnen Arten auch sind, — man beachte die unbeholfenen Leuchter der Karpathorussen, die einfachen Amulette der polnischen Juden oder die vielgeschmückten, feingearbeiteten Schmuckstücke der italienischen Juden -—, durch alle geht ein einigender Zug. Welch großen Erfolg diese ständige Ausstellung hat, zeigte u. a. der Tag der Eröffnung, an dem fast 50 »/o der Leute, die den von Rabb. Dr. Winter gehaltenen Einführungsvortrag hören wollten, umkehren mußten. So dient diese Ausstellung neben den rein kulturellen Zielen auch der Aufklärung über jüdische Dinge. Das Hauptverdienst an dieser Ausstellung fällt außer der dortigen Museumsverwaltung Herrn Julius Carlebach zu, einem jüdischen Studenten, der diese Sammlung unter Wahrung ganz neuer Gesichtspunkte interessant und eindringlich aufbaute. I. Fr-er. Bücherschau Die Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG), dieses grandiose enzyklopädische Werk der protestantischen Theologie und Lebensanschauung, hat soeben mit dem fünften Band seine Neil-Ausgabe zum Abschluß gebracht (Verlag J. C. B. Mohr, Tübingen). Wir haben in der ״Jüd. Rundschau" während des mehrere Jahre dauernden Erscheinens laufend darauf hingewiesen, wieviel auch für jüdische Leser Interessantes das Werk bietet. Die wichtigeren jüdischen Stichwörter sind diesmal — mit Ausnahme der alttestamentliehen — von tu den bearbeitet, vor allem von Baeck, Elbogen, Guttmann. •ie alttestamentlichen Artikel sind natürlich vom Gesichtspunkt der protestantischen Bibelwissenschaft geschrieben, aber diese Wissenschaft ist so bedeutend, daß kein Jude, der sich mit der Bibel beschäftigt, an ihr vorübergehen kann. In dieser Hinsicht ist die RGG eine umfassende Informationsquelle. Das Geschick hat es gefügt, daß einer der wichtigsten alttestamentlichen Mitarbeiter, zugleich Mitherausgeber der RGG, Hermann Gunkel, kurz nach Vollendung des Werkes gestorben ist. Seiner soll auch bei Anlaß dieser Anzeige gedacht werden. Auch im fünften Band sind eine Reihe wichtiger Artikel von ihm, z. B. ״Sünde und Schuld im A. T.", ״Schöpfung im A. T.“, ״Zorn Gottes im A. T.״ ,״Theophanie“, ״Zebaoth" u. a. Diese Artikel zeigen deutlich Gunkeis Eigenart und starke Persönlichkeit, aber auch seine Grenzen; seine Vorliebe war bekanntlich die Aufdeckung von Märchenmotiven und der poetischen Reize biblischer Erzählungen, wobei er in der mythischen Deutung wohl manchmal zu weit ging, aber seine Begeisterung für die Bücher der hebräischen Bibel und seine unermüdliche Arbeit an ihrem Verständnis waren vorbildlich. — Im letzten Band finden wir auch einen relativ langen Artikel über Zionismus, verraßt von Julius G 1111 - mann, der einen Ueberblick über Wesen und Geschichte des Zionismus gibt, freilich für die Gegenwart keine Lösung der politischen fudenfrage, sondern nur die Bildung eines geistigen Zentrums für möglich hält (in der RGG geben die Autoren meist neben der objektiven Information auch ihre subjektive Meinung wieder). Weitere jüdische Artikel sind: ״S y n - a g o g e“ (von Elbogeti), dazu eine Bildtafel mit Synagogenbauten (entnommen dem ״füd. Lexikon“), ״Tod im A. T." (Bertholet), ״Tradition im Judentum“ (Elbogen), ״Zunz“ (EIbogen) u. a. Im Artikel ״Vöfkerbund“ finden wir seitsamerweise keine Erwähnung der prophetisch-messianischen ״Völkerbunds“-Vorstellungen 7. B. Jesajas, die ideengeschichtlieh dazugehörte. Die RGG bringt auch viele Artikel, die nicht im engeren Sinn zur Religion gehören, etwa Wirtschaftliehe, soziale und politische Stichwörter, außerdem kurze Wiirdigungen lebender Dichter und Literaten. Von diesen sind im vorliegenden Band enthalten 7. B. Schnitzler, Wassermann, Arnold und Stefan Zweig. Bei Carl Zuckmayer heißt es ״Dichter jüdischer Konfession“, eine Angabe, die unseres Wissens unrichtig ist: übrigens heißt es von ihm (wohl mit Recht), daß seine Dichtungen nicht nur in ethischer und religiöser Hinsicht fragwürdig sind. Aber warum findet der Zusatz ״Dichter jüdischer Konfession“ sich gerade bei Zuckmayer, der nicht Jude ist, fehlt aber bei anderen, die Juden sind? Nur bei Jacob Wassermann wird gesagt: ״jüdischen Bekenntnisses, sich aber als Deutscher fühlend“, auch dies eine anfechtbare Ausdrucksweise. — Daß bei ״Wilna“ das Judentum nicht erwähnt wird, ist wohl auch eine Anomalie. Von Harold Wiener wird angegeben, er war ״von Geburt Jude, von Beruf Jurist“; was bedeutet ״von Geburt“? Auf den Artikel ״Völkische Bewegung“, der sich gegen den Rassenhochmut wendet, aber eine stärkere nationale Haltung der Kirche befürwortet, wurde in der ״J. R.“ bereits in anderem Zusammenhang hingewiesen. — Abschließend wäre zu sagen, daß auch vom christlichen Standplinkt aus noch manche Ergänzungen bezüglich jüdischer Materien zu rechtfertigen wären; aber wenn auch der jüdische Kritiker manche kleine Ausstellung zu machen hat, so ist doch der Wert des ganzen Werkes, das einen Einblick in ein gewaltiges Gedankensystem ermöglicht und zahllose Kenntnisse und Informationen vermittelt, so gewaltig, daß kein an Religionswissenschaft Interessierter, und gewiß auch kein ernster jüdischer Interessent, daran Vorbeigehen kann. R. Hebräische Philosophie. Im Verlag der Hebräischen Universität Jerusalem ist soeben ein Buch ״Die Philosophie des Sehalomon Maimon“ von Dr. Hugo Bergmann, Dozenten der Philosophie an der Hebräischen Universität, erschienen (in der ״Jüdischen Rundschau“ hat vor einiger Zeit Dr, Siegfried Ucko bereits auf das damals in Vorbereitung befindliche Werk hingewiesen). Das Buch, das aus Vorlesungen an der Universität hervorgegangen ist. beschäftigt sich hauptsächlich mit der Erkenntnistheorie Maimons. Bergmann steht auf dem Standpunkt, daß die bisherigen Darstellungen, die von jüdischer Seite über Maimon gegeben worden sind, zu wenig den großen konstruktiven Charakter des Maimonschen Systems betont haben und die Skepsis Maimons zu sehr unterstrichen, welche in seinem System nur eine sekundäre Rolle spielt und aus seiner denkerischen Redlichkeit ouillt. Das Buch zieht zum erstenmal in ausführlicher Weise die hebräischen Quellen der Philosophie Maimons heran. Besondere Kapitel behandeln die Anthropologie und Ethik Maimons, sowie seine Beziehungen zu Spinoza, Fichte und Hegel. Auch die Be- Ziehungen zwischen Mnimon und Maimonides werden ausführlieh dargestellt. Ein Anhang behandelt die hebräische philosophische Terminologie Maimons. Die philosophische Literatur in hebräischer Sprache ist um ein interessantes und wichtiges Werk bereichert worden, das den originellen Charakter der neuen jüdisch-philosonhischen Forschung erweist an einem Denker, der als Jude in der deutschen Philosophie des 19. Jahr- Hunderts eine noch nicht genügend gewürdigte Rolle spielte. Eine Herzl-Biographie in ungarischer Sprache. Als im Jahre 1929 anläßlich der 25. Wiederkehr des Sterbedatums Theodor Herzls das Andenken des Begründers des politischen Zionismus in der ganzen Welt gefeiert wurde, brachten wir den Wunsch zum Ausdruck, daß bald eine der Bedeutung Theodor Herzls und des von ihm inaugurierten Werkes entsprechende Biograohie geschrieben werde. Dieser Wunsch ist in den letzten Monaten mehrmals erfüllt worden, und wenn wir recht unterrichtet sind, beschäftigen sich noch einige Schriftsteller mit der Sammlung von Materialien zu Herzl- Biographien. Von den bisher erschienenen Biographien aber ist die vor kurzer Zeit in Herzls Geburtsstadt Budapest von Dr. Josef Patai besorgte die umfangreichste. Beim Durchblättern des stattlichen, prunkvoll ausgestatteten und graphisch mustergültigen Bandes bedauert man nur, daß diese Biographie nicht in einer im jüdischen Volke mehr verbreiteten Sprache abgefaßt ist. Denn auch, woran nicht zu zweifeln ist, das schöne Ungarisch dieses Buches bleibt eben für die meisten Juden der Welt unverständlich. Soweit man aus dem reichhaltigen ßildermateria! und den Kanitelüberschriften ersehen kann, ist in Patais Biograohie Herzls Abstammung und Kinder zeit in einem Maße berücksichtigt, wie man es bisher noch nirgends getan hat. Die Portraitreproduktion von Theodor Herzls Großeltern väterlicher- und mütterlicherseits, das Mädchenbildnis seiner Mutter Jeannette, die Reproduktion der ersten Schulzeugnisse von Theodor Herzl sind in Patais Herzl-Biomaphie zum ersten Male der Oeffentlichkeit übergeben. Soweit man. ohne den Text zu verstehen, beurteilen kann, bemüht sich Patai, alles Material aus dem privaten, künstlerischen und politischen Wirken Theodor Herzls durch eine Zusammenfassung der V^messenlieit zu entreißen. Diese Absicht erscheint außerordentlich unterstützt durch die fast lückenlose Aufnahme aller vorhandenen Bilder, die auf Theodor Herzl Bezug haben. Das Buch dürfte ein Schmuckstück jeder ungarisch-jüdischen Bibliothek werden und verdient auch außerhalb Ungarns Beachtung. Die Biographie ist im Verlage ״Pro Palästina“ erschienen und Dr. Ignatz Friedmann, dem Vorsitzenden der Ungarisch-Jüdischen Jewish Agency, gewidmet. Es ist durch die Zeitschrift ״Mult es Jövö“ zu beziehen. M. W, Die Kultur des Mittelalters. Von Johannes Bühle r. Mit 30 Abbildungen. Alfred Kröner Verlag Leipzig (Taschenausgäbe Nr. 79). Das Mittelalter mit seiner geschlossenen Lebensform wird heute von vielen als eine Art Vorbild für die künftige Gesell- Schaftsgestaltung angesehen. Das Wort ״mittelalterlich“ verliert seinen odiosen Klang. Daher wird man es begrüßen, daß (in Kröners ausgezeichneter Taschenausgaben-Serie) Bühler in gedrängter Form einen jedem zugänglichen übersichtlichen Querschnitt durch dieses Zeitalter gibt. Hier wird der geistige Charakter des Mittelalters analysiert, vor allem die Rolle des Christentums, dann die Struktur der mittelalterlichen Gesellschaft gezeigt und schließlich der eigentümliche Lebensrhythmus geschildert. Indem wir das Buch allen historisch Interessierten empfehlen, können wir nicht auf Einzelheiten eingehen; erwähnt sei nur die Schilderung der Hexen- und Judenverfolgu n gen mit all ihren Greueln. Bühler versteht es hier, auf wenigen Seiten das Grauen dieser aus einer gebundenen Gedankenweit entsprungenen Vorgänge fühlen zu lassen. Die dumpfen Instinkte tobten und fanden sich künstliche Rechtfertigung. Diese paar Seiten genügen, um einen empfinden zu lassen, was doch die jetzt so in Mißkredit gekommene Auf- Klärung den Menschen gebracht hat. Freilich, es scheint, daß das Mittelalter eine immer wiederkehrende Sehnsucht der dumpfen Triebe bleibt. . . . ״Nathan der Welse“ in arabischer Uebersetzung. In der Druckerei des (zum großen Teile von deutschen Geldern erhaltenen) ,,Syrischen Waisenhauses“ in Jerusalem ist soeben eine arabische Prosa-Uebersetzung von Lessings Nathan dem Weisen erschienen. Uebersetzer ist Elias Haddad, ein Christlicher Araber, der als Lehrer an dem Waisenhause wirkt und sich schon durch eine Reihe von Lehrbüchern des Arabischen einen Namen gemacht hat. In der Vorrede zu der Uebersetzung schreibt Haddad u. a.: ״Was ist niedriger und tadelnswerter als die Erscheinung, daß die Söhne eines Landes, die unter einem Himmel wohnen, in Parteien zerfallen, die einander verächtlich zu machen suchen?“ Haddad erwähnt dann, wie die Umwälzung in der Türkei die Trennung von Staat und Kirche in der Türkei gebracht habe und diese ihrerseits auf die arabischen Länder in der Richtung gewirkt habe, daß ״eine gesegnete Bewegung der Toleranz einsetzte, welche den Geist der Duldung in allen diesen Ländern mit Glück zu verbreiten sucht. Es ist kein Zweifel, daß es in keinem Lande der Welt einen sozialen oder politischen Fortschritt geben kann, wenn nicht vorher die religiöse Toleranz verwirklicht wurde.“ Haddad erklärt dann seinen Lesern, daß religiöse Toleranz nicht Gleichgültigkeit oder gar Frivolität der eigenen Religion gegenüber bedeutet, und schließt seine Vorrede mit einem Zitat aus dem Neuen Testament und dem Koran, in welchen beiden zur Duldsamkeit aufgefordert wird. Dem Buch (175 Seiten) sind auch historische Einleitungen und ein Vokabular schwererer Ausdrücke beigegeben. h. Jüdische Stoffe in deutscher Gestaltung. (O. Baltzer ״Judith in der deutschen Literatur“ — W. Zirus, ״Ahasverus der ewige Jude“. — Beide Verlag Walter de Gruyter, Berlin und Leipzig in der Sammlung Stoff- und Motivgesch. der Dtsch. Literatur hrsgg. von P. Merker und G. Lüdtke.) Das sorgfältig durchgearbeitete Buch von Baltzer krankt an der rein formalen Gliederung des ausgedehnten Gebietes, das epische Gestaltungen und Dramen in chronologischer Folge unterscheidet. So kommt eine sehr materialreiche und gründliehe, aber doch motivgeschichtlich allzu unergiebige Zusammen- Stellung der Judith-Darstellungen zustande. Bei anderer Anordnung wären die Möglichkeiten des Judith-Motivs deutlicher zutage getreten. Dankenswert ist die Ausdehnung der Frage auf die musikalischen Bearbeitungen des Stoffes und das yerzeichnis der Judith-Aufführungen seit 400 Jahren, das uns die dankbare Aufnahme des biblischen Stoffes lebendig vor Augen führt. — Nach anderen Gesichtspunkten gliedert W. Z i r u s sein Thema. Sein Buch über Ahasverus den ewigen Juden (in derselben Bücherreihe erschienen) beginnt zwar auch chronologisch bei dem Volksbuche von 1602 und seinem Motivkreise; aber es wendet sich dann beherzt zu den Möglichkeiten der Stoffgestaltung, behandelt zunächst den Ewigen Juden als Stoff — den Wanderer, den Zeitkritiker, wie er u. a. auch bei Goethe erscheint, den Leidenden und den Retter — und geht dann zu der Erweiterung des Stoffes durch neue Situationen über. In einem letzten Abschnitte wird dann der Ewige Jude als Idee zu erfassen gesucht. Merkwürdig ist, daß im Gegensatz zu der von Zirus selbst gekennzeichneten Dürftigkeit der überlieferten Sage (die ja übrigens auch gar keine jüdische Sage ist!) die Ausgestaltung im jüdischen Sinne, die Beleuchtung der Probleme des Judentums an der Hand dieser Gestalt viel lebendiger und ertragreicher ist als bei dem viel reicheren Judith-Thema. Nicht nur die historische Situation — Jerusalems Fall — sondem vor allem die symbolhafte Ausdeutung der Ahasver-Gestalt für den Juden aller Zeiten hat von Goethe, Börne, Joel, Jacoby bis zu den Ahasver-Gestalten von Mauthner, Toller, Mühsam immer neue Gedankenkreise und Wandlungen berührt, so daß es fast scheint, als ob der dürftige Stoff ein wenig von der Ewigkeit des Judenvolkes in sich aufgenommen habe ... —bs. Literarischer Abend Agnon-Feier Im Beth-Am lwri. Anläßlich der Herausgabe der gesammelten Schriften S. J. Agnons durch den Salman Schocken Verlag, Berlin, veranstaltet das Beth-Am lwri am Sonnabend, dem 21. Mail abends 9 Uhr, in seinen Räumen, Kurtürstendamm 61, eine Agnon-Feier. Ueber Agnon. sein Leben und Werk werden die Herren: Dr. Woislawsky, M. A. Jernänsky (Jack), A. M. Minz, Dr. Pines 11. a. sprechen. Der hebräische Dichter Meir Mohr wird einige, von ihm verfaßte Gedichte vortragen. Aus Agnons Werken wird Herr Gerschoni (Palästina) rezitieren. — Wir haben bereits in Nr. 23 24 der ״Jüdischen Rundschau“ anläßlich des Erscheinens der Gesamtausgäbe von Agnons Werken aus der Feder von Dr. Max Mayer (Jerusalem) eine ausführliche Würdigung der letzten Schriften des Dichters veröffentlicht. Agnon gehört zu jenen hebräischen Schriftstellern, die einen Kreis besonderer Verehrer besitzen. Insbesondere verfügt Agnon in Deutschland über eine große Gemeinde. Das ist nicht zuletzt der deutschen Ueber- Setzung von Werken des Dichters zu verdanken. Es ist selbstverständlich, daß sieh den hebräisch Lesenden der Reiz der Agnonschen Kunst in einem weit höheren Maße erschließt, als denjenigen, die ihn nur aus Uebersetzungen kennen. Die Veranstaltung der Agnon-Feier im Beth-Am hvri ist gleicherweise ein Dank der Berliner Verehrer an den Dichter, wie auch an den Schocken-Verlag, der für sich das große Verdienst in Anspruch nehmen kann, eine mustergültige Gesamtausgabe des Agnonsehen Werkes herausgebracht zu hahen. Für die Feier gibt sich in den beteiligten Kreisen ein starkes Interesse kund.