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Jüdische Rundschau · 1932-04-26 · Heft 33-34 (26.4.1932) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 33-34 (26.4.1932)
Date
1932-04-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Palästina-Debatte im englischen Unterhaus Einzelnummer OJS Golmtmrk■■-,״ JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u.Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Auslandsabonnements werden in der Wahrung der einzelnen Linder berechnet Anzeigenpreis: 8 gesp, Nonpareillezeile 0.50 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.M, Redaktion, Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Meinekestr.10. Telefon: J I Bismarck 7165-70. Posiecheck.Konten: Berlin 17392, Beeel V 9355, Bel*rsd 6803’i Brüssel 39433. Budepost 59693, Danxig 1973. Heeg 140 470, Pres 59410, Riga 4155, Strembur* 16430, Wetecheo 190708, Wien 156030. Bank - Konten: Darcnatidter ־ und Nationalbank. Depositen ־ Kasse Berlin, Kurfürst endamm 52; Rumänisch* Kreditbank, Cernauri (Rumänien); Anglo Palestine Ca, m Haifa, ferusaSem, Tel-Aviv Nummer 33/34 | Berlin, 26. IV. 1932 RedaktionsschluB Sonntag und Mittwoch nachmittag. כ׳ ניסו תרצ״ב | xxxvn. jahrg. Per tlomaniM» critrebt für 4m* Jüdische Volk die IchaWuHg einer äMentlKh ■ rechtlich gamNrttn Helmitltte in Palästina. ״Baseler Programm,‘• Pefjach - Betrachtung Die Wahlen uom 24. April Zur Situation der Juden Erez Israel und Galuth — Die zionistische Politik — Ben Awis ״Kanionisierung" — Der French-Bericht und weiter Das Peßachfest ist im jüdischen Volke zu einer Zeit eingeführt worden» als das Volk aus dem ägyptischen Galuth gezogen war, das als Erinnerung hinter ihm lag. Es ist ein Erinnerungs-Fest, das im Lande der Freiheit, in Erez Israel, gefeiert werden soll. Aber die Herausfiihrung aus dem Galuth war nicht endgültig. Mehr als die (menschlichen) Begründer des Peßachfestes ahnten, sollte dieses über den einmaligen Fall hinaus eine typische Situation des jüdischen Volksschicksals behandeln. Denn das jüdische Volk ist im weiteren Verlauf seiner Geschichte nicht in dem Lande, das ihm verheißen worden war, geblieben. Nach dem ägyptischen Galuth kam, um nur die Hauptstadien zu nennen, das babylonische Galuth, und dann die lange währende Periode des Galuth schlechthin, der Zerstreuung in alle Länder. Die jüdische Geschichte scheint überhaupt in dieser Dialektik von Galuth und Erez Israel abzurollen. Es ist ein nur dem jüdischen Volke eigenes Gesetz, kein anderes Volk kennt diesen Wechsel von Verbannung und Heimkehr, kein anderes Volk lebt in einer solchen Spannung. Und aus jeder dieser großen Epochen haben wir charakteristische Erinnerungen und Dokumente, die uns begleiten und einen überzeitlichen Sinn haben, obwohl sie stets mit besonderen, einmaligen Ereignissen verbunden sind. Das Peßachfest, die Erinnerung an den ersten Auszug aus dem Galuth, ist auch weiterhin gefeiert worden, auch nach dem neuerlichen Verlust der Heimat. Ginge es im Volksleben nach strenger Logik zu, so dürften diejenigen, die ein Leben im Galuth eigentlich ganz schön und richtig finden, gar nicht Peßach feiern. Aber dank einer eigentüuilklie« bikouseqaenz sucht man alte Br Suche auch dann zu bewahren, wenn man an Ihren Sinn nicht mehr glaubt, und es ist gut so, denn in diesen aufrechterhaltenen Bräuchen steckt ein Wahrheitskern, der in späteren Geschlechtem wieder aufbrechen kann, dank der Tatsache, daß manche Zwischenglieder gegen ihren Willen und ihre eigene Absicht die — von ihnen unverstandene — Botschaft Weitergaben. Vielfach muß sich in Zeiten des Niederganges solcher Brauch symbolische Umdeutungen geschickter und weniger geschickter Art gefallen lassen, und auch das Peßachfest wurde im letzten Jahrhundert von einer Legion sogenannter Rabbiner und anderer Zeitgenossen dem Wunsche einer in ihrer Denkbehaglichkeit seligen Gemeinde angepaßt, so zwar, daß von Erez Israel und von der Negation des Galuth keine Spur mehr zu finden ist. Man kann es etwa, um ein gerade auf unserem Tisch liegendes Beispiel zu erwähnen, wie der letzte Peßach-Artikler der ״C.-V.-Zeitung“ machen: Erez Israel wird gleichgesetzt mit ״Fortschritt“, Mizrajim mit ״Reaktion“, und man hat das wunderbare Gefühl, daß wir den wahren Sinn des Peßachfestes erfüllen, indem wir bei den Preußenwahlen gegen ״Reaktion“ und für ״Fortschritt“ stimmten. Die banale Verkleinerung der großen jüdischen Dokumente ist eine Spezialität der jüdischen Galuthgeneration im Zeitalter der Assimilation. Wie sehr ist, um ein anderes Beispiel zu erwähnen, im 19. Jahrhundert das bekannte Wort des Jeremia (29, 5 ff.) ״Fördert das Wohl der Stadt, in die ich euch ins Galuth getrieben habe, betet für sie, denn ihr Wohl ist auch euer Wohl“ — mißbraucht worden! Die jüdische Gemeinde Berlin sendet ausgerechnet zum Peßachfest in alle jiidisehen Häuser ihr Gemeindeblatt mit einem Leitaufsatz ״Heimat und Glaube“, worin dieser Spruch des Jeremia als letzte Maxime verkündet wird, freilich mit einer charakteristischen Auslassung: es fehlt in dem Zitat der Zwischensatz — ״in die ich euch ins Galuth getrieben habe“ (״higleti etchem“). Und es wird verschwiegen oder nicht beachtet, daß diese Mahnung des Jeremia eine Mahnung zur Geduld ist, nur zu verstehen im Zusammenhang mit den darauffolgenden Sätzen seiner Rede, in denen die Zurückführung aus dem Galuth nach Erez Israel in Aussicht gestellt wird. Jeremias Verheißung hat sich erfüllt. Aber es kam eine neue Vertreibung, und dann hat man jahrhundertelang am Peßachfest gesagt ״Nächstes Jahr in Jerusalem“, erst wohl in tiefer echter Sehnsucht, später immer mechanischer und ohne jeden realen Sinn. Und nun, wo wieder ein Zeitalter anbricht, in dem dieser Satz das meint, was er sagt, schrecken viele schwachgewordene Juden vor dem Wort zurück, das sie jahrhundertelang gedankenlos gesprochen haben. Denn heute ist das jüdische Leben wieder stark bestimmt von Erez Israel, und wir können uns kaum mehr ein Peßachfest vorstelien, das nicht den Gedanken an Erez Israel ganz konkret, ganz unsymbolhaft wirklich in sich schließt. Viele tausende Das Ergebnis der Preußen-Wahlen hat alle Propheten Lügen gestraft, die Voraussagen zu können meinten, daß die nationalsozialistische Welle bereits ihren Höhepunkt überschritten hat und daß es für die Nationalsozialisten kein Wachstum mehr geben könne. Die Nationalsozialisten haben am 24. April in Preußen ihre Stimmenzahl vom 14. September 1930 mehr als verdoppelt, sie haben sogar gegenüber dem ersten Wahlgang für die Reichspräsidenten-Wahlen, der erst vor wenigen Wochen statt fand, Stimmen gewonnen, obwohl die liberale Presse geglaubt hatte, daß für Hitler persönlich mehr Stimmen abgegeben worden sind, als für eine Parteiliste der Nationalsozialisten in Betracht kämen. Die Nationalsozialisten ziehen als die weitaus stärkste Part e i in den Preußischen Landtag ein. Was für Konsequenzen für die Regierungsbildung sich aus der Zusammensetzung des Landtags ergeben, ist noch nicht klar. Die bisherige Koalition hat zwar keine Mehrheit, aber auch die vereinigten Rechtsparteien haben keine Mehrheit, so daß es sich jetzt im wesentlichen um eine parlamentstechnische Frage handelt, wer die Macht erhalten soll. Es ist jedenfalls ein in der Periode des Niedergangs des Parlamentarismus verfassungsgeschichtlich interessantes Faktum, daß eine Bewegung sich der Mittel der Demokratie bedient, um das Prinzip der Demokratie und des allgemeinen Wahlrechts ad absurdum zu führen und den Parlamentsbetrieb lahmzulegen. Parlamentsgeschichtlich interessant ist auch die Rückkehr zum Prinzip der großen Parteien und die trotz des Proportionalwahlsystems fast völlige Ausschaltung der kleinen Splittergruppen. Im wesentlichen haben wir in Preußen jetzt vier große Parteien: auf der einen Seite die National- Sozialisten mit ihrem deutschnationalen Anhängsel, auf der anderen Seite die beiden Arbeiterparteien, die jedoch parlameatarisch nicht., Meitte4ווט .׳®»«־ schliel|B.cJ>• als vierte große Partei das Zentrum, das nicht nur unerschüttert geblieben ist, sondern seinen Wähler-Bestand noch vergrößert hat. Es hat sich gezeigt, daß eine Weltanschauungspartei, auch wenn sie nicht bestimmten wirtschaftlichen Interessen dient, ihre Anhänger fest in der Hand hat. Es scheint uns auch sicher zu sein, daß diesmal zahlreiche Juden für das Zentrum gestimmt haben. Wir wissen, daß z. B. in jüdisch-nationalen Kreisen, soweit sie nicht sozialistisch gesinnt sind, eine starke Neigung besteht, sich dem Zentrum als der Partei der Mitte, der politischen Vernunft und der Repräsentantin einer konfessionellen Minderheit anzuschließen. Die kleinen bürgerliehen Parteien sind fast völlig verschwunden. Es mag also richtig sein, was der ״Vorwärts“ am Morgen nach dem Wahltag schrieb, daß es Hitler gelungen ist, das gesamte Bürgertum des evangelischen Volksteils unter seine Fahne zu einigen, obwohl sich heute noch schwer entscheiden läßt, ob man die Nationalsozialisten wirklich einfach als ״bürgerliche“ Partei bezeichnen kann. Für uns Juden ergibt sich aus dem Wahlresultat die eigentümliche Perspektive, daß etwa 42 Prozent der Wählerschaft Preußens für Parteien gestimmt haben, die programmatisch antisemitisch sind. Im evangelischen Teile Deutschlands kann man also sagen, daß jeder zweite Mensch, der einem begegnet, für eine antisemitische Partei gestimmt hat, obwohl gewiß nicht alle diese Wähler gerade wegen des Antisemitismus den betreffenden Parteien die Stimme gaben. Im bürgerlichen Milieu und auf dem flachen Land gestaltet sich dieses Verhältnis noch ungünstiger. Dort ist außerhalb der Arbeiterkreise so gut wie jeder evangelische Deutsche ein nationalsozialistischer Juden wallfahrten zu Peßach nach Jerusalem. Wieder ist ein Wendepunkt im Wechsel von Galuth und Palästina. Vor unseren Augen begibt sich die Erscheinung, daß zwar nicht das ganze jüdische Volk zu rück kehrt, aber ein ״Rest“ kehrt zurück. Es ist ein historisches Geschehen. Was weiter wird, was die nächsten Jahrzehnte oder Jahrhunderte bringen, wissen wir nicht. Politische Schicksale sind wandelbar, Stürme brausen über die Welt und verändern ihr Gesicht. Auch bei der Rückkehr des Esra wußte man nicht, was werden wird, man sah nicht voraus, daß nach wenigen Jahrhunderten eine neue Vertreibung droht, aber ohne diese Rückkehr wäre das pharisäische Judentum, das dem Volke den Golus-Panzer schmiedete, nicht gekornmen, und auch andere geschichtliche Ereignisse von erheblicher Tragweite wären nicht eingetreten, wenn dieses jüdische Volk in einer Zeit der Weltgärung nicht in Palästina gesessen hätte. Die jüdische Geschichte ist noch nicht zu Ende; vielleicht äußert sich die eigentümliche Dialektik von Erez Israel und Galuth darin, daß von Zeit zu Zeit das jüdische Volk durch ein Tauchbad in Ercz Israel für das Weiterleben gekräftigt werden muß. Die große historische Linie zu verstehen, lehrt uns das Peßachfest. Auch wenn wir an Erscheinungsformen des heuti- Wähler. Man darf nicht verkennen, daß den Nationalsorialisten hier in der Tat eine gewaltige Einigung gelungen ist, aber man kann sich auch ausmalen, in welcher psychologischen und moralischen Verfassung sich die deutschen Juden in einem solchen Milieu befinden, ganz abgesehen von den wirtschaftlichen Bedingungen ihrer Existenz, die sich gleichfalls unter diesem Zustand verschlechtern müssen. Die labile, unentschiedene Situation, die durch die Wahlen geschaffen wurde, wird für das gesamte politische und wirtschaftliehe Leben Deutschlands eine schwere Belastung bilden. Eine Klärung und Besserung der Lage ist leider kaum vorauszuschcn.- Auch außenpolitisch dürfte die außerordentliche Stärkung des Nationalsozialismus sich erschwerend auswirken, was vielleicht schon bei den französischen Wahlen sich zeigen wird. Unter diesen Umständen wird die Entwirrung der komplizierten Probleme Europas noch erhebliche Geduld erfordern, und die deutschen Juden als besonders schwaches Element, dessen Position von allen Seiten erschüttert ist, werden durch diese politischen Verhältnisse ebenso wie durch die Wirtschaftskrise weiter leiden. Man wird gut tun, optimistische Erwartungen zurikkzusttilen. [Die Position des deutschen Judentums, die unerschütterlich erschien, ist im Wanken; die Judenfrage, die man in Deutschland 1918 gelöst wähnte, hat sich in einem Jahrzehnt in unerhört verschärftem Maße zu ge spitzt. Wird das deutsche Judentum die Kraft finden, sich aufzuraffen, eine entschlossene Tat auf lange Sicht zu beginnen und seiner eigenen Kraft zu vertrauen, oder wird es sich weiter von salbungsvollen Schönrednern, den Führern von gestern, einschläfern lassen, bis seine letzten Energien verbraucht sind? Die Ergebnisse der Wahlen für die Landtage in Bay ftf.B..*. Württemberg, Hamburg und Anhalt entsprechen im Punkte des nationalsozialistischen Wachstums ungefähr den Ergebnissen der preußischen Landtagswahlen. Für Bayern' bedeutet aber das Ansteigen der nationalsozialistischen Mandate auf Kosten der Splitterparteien und der Sozialdemokratie in keiner Weise eine Kursänderung, da die bayerische Volkspartei. wie sich das Zentrum in Bayern nennt, gemeinsam mit Sozialdemokraten und bayerischem Bauernbund über die absolute Mehrheit verfügt. In Württemberg ist eine rechte Regierungsbildung ebensowenig möglich wie in Preußen und in Hambürg. Nur das kleine Anhalt wird wahrscheinlich durch Anschluß der Volkspartei an die Nationalsozialisten und Deutschnationalen eine Rechtsregierung erhalten. Wenn man das Ergebnis der Wahlen zu den fünf Landtagen, die 80 0/0 der deutschen Bevölkerung repräsentieren, auf das ganze Reich umrechnet, so würde eine im gegenwärtigen Augenblick vorgenommene Reichstagswahl die Grundlagen der jetzigen Reichsregierung zerstören. So ergibt das Gesamtresultat der Wahlen vom 24. April ein Bild der Ungeklärtheit und der politischen Zerrissenheit als Ausdruck der schweren sozialen und wirtschädlichen Krise, die jetzt die ganze Welt beherrscht und in Deutschland ihren schärfsten Ausdruck findet. Dadurch wird auch die Lage des deutschen Judentums symbolisch für die Situation der Judenheit in der ganzen Welt. Das Judenproblem steht in unseren Tagen noch viel brennender und antwortheischender da als in den vergangenen Jahren. Der Zustand der allgemeinen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Unsicherheit drückt auf die jüdische Gemeinschaft noch stärker als auf die anderen Bevölkerungsteile. Vielleicht kann diese Situation doch insofern ihr Heilsames haben, wenn die Juden erkennen werden, in wie starkem Grade bei der Behandlung des Judenproblems fast alles auf sie selbst ankommt. gen jüdischen Lebens in Palästina manches auszusetzen haben, auch wenn wir unsere Hoffnungen einer jüdischen Erneuerung noch nicht verwirklicht sehen, so begreifen wir doch, daß hier die Voraussetzung für die weitere Ent- Wicklung׳ geschaffen wird. Auch zu Josuas und zu Esras Zeiten gab es viel auszusetzen, und nicht gerade nur Bedeutungsloses; aber aus diesem widerspruchsvollen Leben, aus diesem Ringen zwischen Berufung und niederen Trieben, ist jenes jüdische Volk hervorgewachsen, das, verbunden mit dem Lande, die Existenz verbürgte und damit jede künftige geistige jüdische Leistung erst möglich machte. * Diese Ueberlegung ist für Zionisten vielleicht in manchen Momenten ein ״Trost“, aber keine Entschuldigung. Denn wenden wir uns dem Heute zu, so haben wir unser Bestes zu tun, um der wirklichen Aufgabe gerecht zu werden. Der vergängliche Teil dieses Geschehens ist immer verknüpft mit bestimmten politischen und menschlichen Konstellationen, die nur für den Mitlebcnden wichtig sind, aber für ihn das Kraftfeld bilden, in dem er seinen winzigen Beitrag zu dem historischen

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