Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 31-32 (20.4.1932)
- Date
- 1932-04-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 156 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 31/32, 20. IV. 1932 Gerettete Festtage Von Eleasar Lubrany. Ich weiß: natürlich sind die Feste in Erez-Israel schön. Und was hier erzählt werden soll, darf nicht unbedingt als Vergleich dienen zwischen einst und jetzt. Aber manchmal, wenn man sieht, wie heute diese Feste gefeiert werden, pflanzt sich um die Mundwinkel des alten Palästinensers etwas wie ein überlegenes Lächeln. Als wollte er sagen: Ihr habt es gut . . . Euch fallen die Feste sozusagen vom Himmel . . . wir hingegen damals . . . Aber auch das überlegenste Lächeln hält diesen hartgesottenen Palästinenser nicht davon ab, im Trubel des heutigen Festes unterzutauchen und es aus vollem Herzen mitzumachen. Wie sollte er auch anders? Da ist zum Beispiel Peßach. Täler und Berge grünen verheißungsvoll, das Himmelszelt ist blankgeputzt, Jasmin blüht, an den Orangenbäumen hängen neben herrlichen, vollausgcreiften Früchten des vergangenen Jahres schon die zartesten Blüten der neuen Ernte, und das duftet berauschend, und das bezwingt einem das Herz. Und wie sollte man da von diesem Feste, das in der Luft liegt, nicht ergriffen werden? Sogar die Tiere, Esel, Hunde und Pferde wittern das Feierliche. Ihr Benehmen wird gelassener, selbstbewußter, ihr Wiehern und Bellen feierlicher. Oder Ssukoth etwa. Da wiegen sich die Bananen sehe!- misch und stolz in vollem Bewußtsein ihrer Fruchtbarkeit, da rauschen die Orangenbäume und überbieten einander mit der Lobpreisung ihres goldenen Segens, da atmet die keimende Erde warm und geheimnisvoll ob des Schatzes, den sie unterm Herzen birgt. Aus dem Westen schleicht ein Windhauch leise wie eine Patrouille heran. Es ist ein Bote des ersehnten Regens und sich seiner Würde und Unentbehrlichkeit bewußt. Und wenn der Regen dann kommt, wie soll sich da auch das kälteste Herz diesem feierlichen Aufatmen verschließen können? Oder Chanukkah, oder Purim. Schon allein der Kalender bringt die Feierlichkeit mit sich. Man kann sich ihr nicht verschließen. Einstmals aber, einstmals . .. Ja( davon wollte ich gerade erzählen. Mitten in unsere fünfzehn, sechzehn Jahre platzte der Krieg herein. Wie eine Schar junger Wildenten aus friedlichem Wasserufer wurden wir aus unserer Landschaft verscheucht. Die Tore des Landes wurden mit einem Mal geschlossen, man fühlte sich abgerissen aus der großen, innigen Volksgemeinschaft, man kam sich verlassen vor auf einsamer Insel und ganz auf seine eigenen, schwachen Beine gestellt. Dann kam der härteste Schlag: wir mußten Tel-Awiw räumen. Wohin nun? Der Möglichkeiten waren nicht viele. Während dicht bei uns und um uns Welten gegeneinander prallten, verging einem auch die Lust am Lernen. Wie sollte man da sitzen können und gleichgültige Dinge ruhig einpauken? Die jungen, durch den Krieg aufgepeitschten Sinne verlangten nach einem packenderen Arbeitsfeld. Man ״stürmte“ die Kolonien. Denn die Ueberfälle häuften sich immer mehr, man brauchte uns plötzlich. Und so gingen wir denn auf Arbeitssuche aus. Galiläa war schon längst ein von jüdischen Arbeitern erobertes Gebiet, auch einige der Kolonien Judäas fügten sich — teils willig, teils brummend — diesem Zeichen der Zeit. Nur eine gab es da, die sich dem jüdischen Arbeiter trotz wiederholten ״Ansturms“ verschloß. Und gerade auf diese Kolonie warfen wir — ein knappes Dutzend junger Bursehen unser Augenmerk. Der Verwalter von des Barons Gnaden war ein zäher, schlauer Fuchs. Wußte er doch, wenn er uns einmal aufnimmt, wird er uns nicht mehr los. Und Abdallah und Mustafa waren viel billiger und ließen sich auch mit der Reitgerte ״anfeuern“. Wir versuchten es mit Güte, versuchten es bei ihm mit Drohungen — vergebens. Er war nicht zu bewegen. Wir trommelten die Führer des Landes zusammen, beriefen Protestversammlungen im ganzen tiRde -- ohne Erfolg. Der zähe Verwalter bockte. Da ver* suchten wir das letzte, das unangenehmste Mittel: man sandte aut Umwegen ein Telegramm zum Baron nach Paris. Dieser Weg war hart. Man wollte den alten, herzensguten Herrn nicht beunruhigen. Aber was tun? Lange kam keine Antwort und auch der Verwalter gab kein Zeichen irgendeines Umschwungs seiner Gesinnung gegen uns. Und dann, als wir diese aussichtslose Sache fast aufgegeben hatten, wird uns ein schmutziges, mit Bleistift französisch beschriebenes Zettelchen in die Hand gedrückt. Vom Verwalter. Wir möchten kommen. Schweigend, schmunzelnd und verständnisvoll schauten wir uns an. Dann zogen wir rasch die Schuhe aus, warfen sie über die Schulter und wateten zwei Stunden im Sande aut dem Wege in die Kolonie. Brummig und vergrämt empfing uns der Verwalter und schimpfte über uns in saftigem Jiddisch. Aber es half ihm nichts, hatte er doch Anweisung von ״oben“ bekommen. Er versteifte sich jedoch darauf, nur zehn von uns zur Arbeit aufzunehmen. Wir aber waren elf, und ich der Jüngste. Es gab da lange Verhandlungen, viel Geschimpfe, aber der Verwalter ließ sich nicht unterkriegen. Da ich nun der Jüngste war, mußte ich daran tlauben. Traurig, aber nicht verzweifelt, nahm ich von den ameraden Abschied. Beim Weggehen rief ich ihnen noch zu: Auf baldiges Wiedersehen! Denn schon reifte ein Plan in mir. Nach zwei Tagen, es war ein Sonnabend Vormittag, traf in der Kolonie ein armer, schüchterner Jüngling ein. Er war ärmlich, aber sauber gekleidet, trug einen Jerusalemer Kaftan, seine Schläfenlöckchen flatterten im Winde, sein Blick war scheu und hilfesuchend. Erschöpft und laut stöhnend warf er sich auf eine Bank vor dem Hause des Verwalters nieder. Es war ein milder Vormittag, die Rosen im Garten kitzelten des Jünglings Nase, er aber blieb erschöpft und nach Hilfe spähend sitzen. Zwischen den Beeten spazierte die schöne Frau des Verwalters mit ihren zwei minderschönen Töchtern. Sie waren ganz der Schönheit ihres Gartens hingegeben, parlierten Französisch und bemerkten den armen Jüngling nicht. Dieser aber wollte, mußte bemerkt werden. So stöhnte er denn immer herzzerreißender, bis sich die Damen erschreckt nach ihm umblickten. Da stöhnte er noch herzhafter und begann, sich in Schmerzen zu winden. ״Oh, le pauvre garijon . . .“ rief eine der Töchter, die Blonde. Madame und ihre Töchterlein traten an den unglücklichen Jüngling heran, befühlten ihn, waren sehr besorgt. Der Jungling stöhnte aus Leibeskräften. Madame rang nach Worten. Da sie aber selbstverständlich nicht hebräisch sprach, und jiddisch, obwohl ihr sehr geläufig, unter ihrer Würde war, so sagte sie denn gerührt: ״Qu’avez vous, mon pauvre am! . . .?“ Der stöhnende Jüngling entpuppte sich afs der Sprache Racines kundig und antwortete, keuchend zwar und nach Atem ringend, aber in reinstem Französisch: ״J'ai faitn, Madame . . . j’ai faim . . .“ Und gebärdete sich, als wäre er einer Ohnmacht nahe. Madame und ihre wie scheue Vögef französisch zwitschernden Mägdelein waren erschüttert. ״Allez, allez, mon pauvre. On vous donnera ä manger...“ munterte Madame auf. Der Jüngling aber schwor heilig, daß es nicht seine Art sei zu betteln. ״Je veux travailler ... je veux gagner ma vie . . .״ stöhnte er immer wieder. Das hatte Madame etwas befremdet. Aber bald kam der Jüngling und half mit seiner Suada nach. Fließend und ohne zu stöhnen begann er seine Geschichte in reinstem Französisch herunterzuleiern. Er war aus dem Jerusalemer .Waisenhaus Diskin geflohen, weil ihm dort djfc Sßejsea nicht koscher genug waren. Er suchte nun nach Arbeit, aber die verdammten Zionisten lachten ihn überall aus. Ob seiner Frömmigkeit. Und nichts will er als arbeiten und beten, arbeiten und beten. Wie geölt glitten die Worte aus dem Munde des Verdatenden und fanden auch den Weg zum Herzen von Madame. Ergriffen von diesem Martyrium und dieser flammenden Traditionstreue versicherte ihm Madame, daß er ruhig essen könne und daß er sich morgen früh zur Arbeit einfinden solle. Auch eine Schlafstelle wurde ihm angewiesen. Ich hoffe, der Leser hat es erraten, wer dieser schmachtende, parlierende Jüngling war. Es gab eben keinen anderen Weg für mich. Mittags saß ich bei Tisch in der Gemeinschaftsküche und aß nicht zu verachtende Mengen riesengroßer Saubohnen. Ich gab mich noch meinen Kameraden nicht zu erkennen, doch diese begannen schon mit den Augen zu zwinkern. Ich beendete rasch das Essen, wusch mir die ׳ Hände und sprach das Nachtischgebet. Dann verkroch ich mich in eine Scheune und blieb da bis zum nächsten Morgen. Um halb vier morgens weckte mich die Glocke, um dreiviertel gab es wieder Saubohnen und ein Zwinkern der Karneraden, um vier stand ich vor dem riesigen Stall und wartete aut Arbeit. Der Aufseher kam, brummte etwas Unverstandliches, rief dem arabischen Unteraufseher etwas zu, dann bekam ich einen Pflug und ein Paar Ochsen. Der Araber riet mir noch ״Maskin“ (Aermster) zu, und ich zog hinter den anderen her, zum Acker. Schön war der Morgen, und das Tal, das wir zu pflügen hatten, war lieblich und vom Tau schimmernd. Es waren die Tage vor den Hohen Feiertagen, man wartete ungeduldig auf Regen, man spürte schon dessen Nähe und *beeilte sich daher mit dem Pflügen, damit man noch vor dem Regen mit dem Säen zurecht kommt. Ich befrachtete meine Ochsen. Sie waren schlank und schokoladenfarben, ihr Fell, von der Sonne beschienen, sprühte Funken. Ueberglücklich und voller Eifer spannte ich sie vor den Pflug und die Arbeit begann. Doch was waren das für Tiere? Das waren doch keine Ochsen mehr, sondern höchst eigenwillige Teufel. Es ist wahr, die Erde war hart und steinig und der Pflug sprang immer wieder heraus. Aber deshalb brauchten diese verdammten Viecher noch lange nicht im Zickzack über die Weltgeschichte herumzustolpern. Was waren das für Furchen? Was war das für ein Gehen, Ziehen? Herrgott im Himmel! Telem! Telem! Telem! (Furche) schrie ich wutschnaubend und versuchte, die eigenwilligen Tiere zu bändigen. Sic hörten nicht auf mich. Sollten auch sie nur die Sprache Racines verstehen? Wohlan, mir ist es gleich. Aber die Furche muß schön und gerade sein. Sillort! Sillon! Sillon! rief ich aus Leibeskraft. Aber auch diese Sprache war den Viechern nicht vertraut. Da muß mir eben der Stock zu einer Verständigung helfen. Ich schwang ihn über die schokoladenen Rücken, schlug sie und schrie mich heiser. Sie aber, als wüßten sie nicht, was man von ihnen wolle, wendeten ihre Hälse nach mir um und ihre guten, treuen Augen schauten mich erstaunt und bekümmert an. Und hier, zwischen dem heißen Wunsch, den anderen nicht nachzustehen und meine Arbeit gründlich zu verrichten, und diesen anklägerischen Tieraugen, entfachte sich der erste, tiefgreifende Konflikt meines jungen Lebens. Aber die Erde verlangte gepflügt zu werden, bald kam der Regen, ich konnte nicht anders. Telem! Telem! schrie ich und schlug die armen Tiere. Mein Kaftan flatterte im Winde, die Schläfenlöckchen klebten schon an den Backen, ich schäumte vor Wut. Da packte es mich. Ich riß den Jerusalemer Plüschhut vom Kopfe, wart ihn zu Boden und begann, ihn mit den Füßen zu zertrampeln. Denn nun wußte ich, was mir angetan ward. Die blutjüngsten, der Mutterbrust eben entrissenen Ochsen gab man mir. Ochsen, die noch nie im Joch und hinterm Pflug gegangen״ waren. Dieser verdammte Aufseher! Jetzt verstand ich auch, warum mir der Araber ״Maskin“ nachrief. Ich sollte das Opfer sein. Ich sollte diesen armen Tieren den Ernst des Lebens beibringen. Ich schrie, ich schlug mörderisch, ich stemmte mich mit aller Kraft gegen den Pflug. Aber umsonst . . . Die Arbeit des ganzen Tages w׳ar umsonst. Denn als ich mich bei Sonnenuntergang nach der von mir verrichteten Arbeit umsah, kam die traurige Gewißheit: diese ganze, von mir kaum zerstochene Fläche muß von neuem gepflügt werden. Traurig kehrte ich in die Kolonie zurück, traurig drückte ich die Saubohnen herunter. Dann, als ich zum Verwalter gerufen wurde, wußte ich, was mir blüht. . . . Meine Unterredung mit dem Verwalter möge mir hier erspart bleiben. Doch in aller Kürze: wir einigten uns dahin, daß er es noch einen Tag mit mir versuchen wolle. Noch einen Tag . . . Welches Wunder sollte und konnte geschehen? Aber ich glaubte an es aus vollem Herzen. Es war tiefe Nacht, als ich mich von meiner Schlafstelle leise erhob. Von großer Verzweiflung getrieben, folgte ich einer Ahnung. Ich schlich mich in die Kücher herein, klaute einige Stücke Würfelzucker und tastete mich zum Stall durch. Der warme Dunst atmender Tiere umgab mich, es roch nach Stroh und frischem Dünger und hier war das Tierreich. Ich fand meine Ochsen, fand sie gleich. Als sie mich erblickten, zuckten ihre Leiber, daß es mir weh tat. Ich wollte sie doch nicht schlagen. Ohne Stock kam ich doch zu ihnen. Als armer Bittsteller und Mitleidender. Erklären wollte ich ihnen, um was es mir, um was es uns allen ging. Und vom bösen Verwalter und heimtückischen Aufseher wollte ich ihnen erzählen. Und Zucker, süßen Zucker brachte ich ihnen. Ich bin doch kein Mörder, kein Tierschinder. Nur ein bißchen helfen sollten sie mir, nur ein wenig helfen. Stumm hörten mich die Tiere an, ihre guten, warmen Augen strömten Mitleid und Trauer aus. Ich stand da, ich fünfzehnjähriger Mensch, zum Joch verdammt genau wie sie und sprach zu ihnen und schenkte ihnen Zucker. Sie knabberten daran und ließen ihr Auge nicht von mir weichen. Und als sie dann aufmuhten und mir die Hand leckten, wähnte ich ihr Verstehen zu bemerken und ihr stummes Wort zu hören. So schweigen Brüder, zum gemeinsamen Joch verdammt, fch sank erschöpft vor ihnen hin und schlief ein. Des Arabers leise Berührung und sein Wort ״Maskin“ weckten mich. Doch heute störte mich sein Mitleid. Rasch gegessen, eingespannt, und hinaus aut den Acker. Oh, ihr meine Lieben, es geschehen Wunder! Züchtig und verständig, wie von großem Verstehen bedrückt, zogen meine Tiere den Pflug. Die Furchen waren blank und schnurgerade, es machte Spaß. Da packte mich eine unermeßliehe Freude, ich riß Kaftan, Plüscnhut und Schläfenlöckchen von mir ab, wart sie weit fort, kniete vor meinen Gottestieren nieder, umhalste sie, küßte sie vor Freude und Dankbarkeit daU mir die Tränen flössen. Jetzt erkannten mich die Karneraden, drückten mir stumm die Hand. Still und mit dem Wissen um einen großen Sieg kehrte ich am Nachmittag von der Arbeit heim. Rasch Hasehana war an jenem Abend. Innig und voller Befriedigung ward das Fest von uns gefeiert. Die schönste Feier aber fand dann• nachts im Stall statt. Wieder hatte ich einen Haufen Zucker für meine vierbeinigen Kameraden. Wieder verbrachte ich die ganze Nacht bei ihnen. Als mich am nächsten Vormittag der Teufel in den Garten des Verwalters trieb, wandte sich Madame böse von mir weg und nichts bekam ich von ihr zu hören, als das verächtliche, vielsagende: ״Ces sionistes , . ״Weitere Zahlen sind nicht verfügbar . . . . . Aber die Beschäftigung von Jaden in Regierungsarbeiten Im englischen Unterhaus fragte David Adams (Arbeiterpartei) unter Hinweis auf den macDonald-Brief den Kolonialminister, wieviel Juden heute bei öffentlichen Arbeiten der Palästina-Regierung beschäftigt sind. Der Kolonialminister Sir Philip Cuntiffe-Lister verlas zunächst den betreffendeil Passus in dem Brief MacDonalds an Weizmann und fuhr fort: Die Regierung in Palästina ist im Einvernehmen mit der Jewish Agency bestrebt, eine geeignete Formel für die Festsetzung des jüdischen Anteils an der Beschäftigung bei öffentlichen Arbeiten zu finden; cs sind auch schon Schritte unternommen worden, um die Zahl der bei öffentlichen Arbeiten beschäftigten Juden zu erhöhen. Abgesehen von den Hafenarbeiten in Haifa, wo am 31. Dezember 1931 340 Juden, gegen 183 Juden am 31. Dezember 1930, beschäftigt waren, sind weitere Zahlen nicht verfügbar. (? — A. d. Red. ״J. R.“) Adams fragte weiter, wieviel arabische Arbeiter Mitglieder einer Gewerkschaft sind, und wann das Komitee zur Festsetzung der Grundlagen einer Arbeitergesetzgebung in Palästina mit seinem Bericht fertig sein werde, Sir Philip Cunliffe-Lister erwiderte, die einzigen arabischen Gewerkschaffen in Palästina, über welche Zahlen bekannt sind, seien die christliche (orthodoxe) Gewerkschaft und die Gewerkschaft arabischer Zimmerleute; die erste zählt 300, die zweite 150 Mitglieder. Ueber die Mitgliedschaftshöhe verschiedener anderer arabischer Gewerkschaften sind Zahlen nicht bekan nt; auch sei gegenwärtig nicht festzustellen, wieviele Araber überhaupt Gewerkschaften angehören, ebensowenig die Zahl jener Araber, die nicht auf nationaler oder religiöser Basis organisierten Gewerkschaften angehören. Hinsichtlich der Arbeitergesetzgebung in Palästina, fuhr der Kolonienmirtister fort, kann ich eine endgültige Information nicht geben; ich erfahre, daß das Komitee in der Lage sein dürfte, gegen Ende Mai einen vorläufigen Bericht zu unterbreiten. Ein Heim der jüdischen Jagend Ein Geständnis zunächst: ich war skeptisch, als der aktive und verdienstvolle Führer der zionistischen Arbeit in Chemnitz, Dr. Paul Holzer, mir vor einigen Wochen von dem Plan erzählte, am Keilberg, in der Nähe der deutsch-tschechisehen Grenze, ein Haus für die zionistische lugend zu errichten. Es schien mir fraglich, ob wir wirklich berechtigt seien, in dieser Zeit unserer finanziellen Sorgen 200 000 Tschechokronen für den Bau und 100 000 Tschechokronen für die Einrichtung eines solchen Hauses zu verwenden. Aber wer Dr. Paul Holzer, dem Initiator dieses Planes, einmal gegenüber gesessen hat, dem geht es wie jenem jüdischen Versicherungsagenten, der zum Pfarrer bestellt war, um getauft zu werden: zum Schluß war e r nicht getauft, aber der Pfarrer war versichert. Zum Schluß war Dr. Holzer in seinem Plan nicht wankend geworden, aber i c h habe ihm versprochen, für dies Haus der jüdischen Jugend am Keilberg zu werben. Ich plädiere für dieses Haus der jüdischen Jugend am Keilberg, weil es notwendig ist, jungen jüdischen Menschen bei Wanderung und Sport eine jüdische Atmosphäre zu bieten. Es ist keine gute Erziehung, unsere Jungen und Mädchen auch in den wenigen Wochen ihres gemeinschaftlichen Lebens immer wieder den Reibungsflächen mit dem Außen auszusetzen. Es soll durch dieses Haus jüdischer Jugend in der Galuth wenigstens für einige Wochen im Jafir die Möglichkeit gegeben werden, in ihrer Form, in unserer Form zu leben, ohne sich kümmern zu müssen um das, was um uns herum ist. Atmosphäre bildet den Menschen; Milieu vermag sein Wesen zu formen. Eine jüdische Atmosphäre, ein jüdisches Milieu, eine Insel autonomen jüdischen Lebens soll dieses Haus sein. Nicht nur zionistische Jugend soll es beherbergen, sondern auch solchen Menschen und Bünden, die lockerer mit uns verbunden sind, soll es offen stehen, um dort in einer kleinen zionistischen Welt diese Menschen beeinflussen und formen zu können, mehr als es in dem zerfließenden Leben der großen Städte möglich ist, wo nicht einer den andern kennt und der Einfluß von Mensch zu Mensch so gut wie unmöglich ist. Dieses Haus unseres Geistes zu bauen als Werkzeug rionistischer Erziehung und als Stätte zionistischer Jugend, ist mehr als eine gute Idee: es ist eine Verpflichtung, die wir haben gegenüber den Notwendigkeiten und den Wünschen eben dieser zionistischen Jugend. Der Boden ist schon da; wie man mir sagt, ein besonders geeignetes Gelände; er wird kostenlos von einem unserer Freunde zur Verfügung gestellt, der ihn für diesen Zweck erwarb. Ein Teil der Mittel ist schon beisammen, der größere Teil fehlt noch. Aber der Plan wird nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden, bis er verwirklicht ist. Hans Rosenkranz. Hans Herzls Leben. Auf dem eilten Kongreß im Jahre 1911 sah ich in Hamburg einen jungen Menschen, der sich schüchtern in den Wandelgängen des Kongreßhauses herumdrückte, sich von niemandem ansprechen ließ, und nur ganz selten zusammen mit David Wolffsohn stand, wobei man den letzteren reden, den jungen Menschen aber nur hörend sah. Im allgemeinen fand man ihn aber nur auf Hamburgs Straßen, hager, gebeugt, mit allen Anzeichen des Umherirrens behaftet. Es war H a n s H e r z 1, der damals herumgezeigt wurde, sich aber nicht herumzeigen ließ. Als auch ich ihn ansprach und mich auf die persönliche Bekanntschaft mit seinem Vater zu berufen versuchte, zeigte der junge Mann so starke Anzeichen des Erschreckens, daß ich buchstäblich selber erschrak. Ich habe jetzt über den weiteren Lebenslauf und das tragische Ende Hans Herzls nicht nur durch die neue Herzlbiographie Manfred Georgs, sondern auch aus der direkten Quelle der bisher ungedruckten Biographie des Herzlsohnes von Marcel Sternberger Neues und L.etztes an Aufklärung erfahren und möchte deshalb auf dieses Werk hinweisen. Sternberger war Hans Herzl persönlich verbunden, genoß als einer der ganz wenigen, die er an sich herankommen ließ, sein Vertrauen, und bekam durch Bekanntschaft mit den anderen Vertrauten des Unglückliehen und durch Einsichtnahme in seine Korrespondenz einen solchen Einblick in das Wesen, die Tiefen, die Ehrlichkeiten und natürlich auch in die Verbogenheiten seines Charakters, daß er dadurch fähig wurde, das Leben Hans Herzls mit so viel Liebe zu gestalten, daß es den Leser auch interessiert. Man muß sich natürlich klar darüber sein, daß ein mehr als psychologisches Interesse an dem Falle Hans Herzl nicht vorliegt, daß persönliches Interesse nur von denen erwartet werden kann, die noch Zeitgenossen der Herzischen Periode waren, und daß nur vom Standpunkte der Psychologie und der heute besonders im Schwange befindlichen Psychoanalyse die Kompliziertheit, Schwermut, Verdrängtheit und darüber hinaus der aus dem Geblüt stammende adlige Kern im Charakter Hans Herzls den Gegenwärtigen etwas zu sagen vermag. Mit dieser Einschränkung aber sei auf Marcel Stembergers Buch schon heute aufmerksam gemacht fimil Bernhard Cohn.