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Jüdische Rundschau · 1932-03-15 · Heft 21 (15.3.1932) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 21 (15.3.1932)
Date
1932-03-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zionismus und Kommunismus Einzelnummer OJtS Golamark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag «.Freitag. Bezugspreis bei <Jer Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Auslandsabonneroenls werdet! in der WiiHrung der einzelnen Linder berechüet Anzeigenpreis! 8 gesp. Nonpareillezeile 0,50 G.-M. Stellengesuche 0,25 G M. liammcr 2t | Berlin, 15. III. 1932 Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische RundschauG.m.b.H.,Berlin W15, Meinekestr.10. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. AnzcifjenstKiufi: Dismtic und Freitag nachmitfag« 4Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Poaticheik. Konten: Berlin 17392, Baaal V 9355. Belgrad 680 32. Brüssel 39433, Budapest 59693, Danzig 1973, Haag 140470, Prag 594X0, Riga 4155, Strassburg 16430, Warschau 190708, Wien 156030 Bank * Konten; Darmstädter- und Nationalbank, Depositen ־ Karne Berlin, Kurtüntendamm 52: Rumänische Kreditbank, Ceroauti (Rumänien); Angln Paleatin# Ca, in Haifa, lemsalem, Tel -Aviv Oar Zionismus •rstrobt für das JHdlsch• Volk dl• Schaffung olnor fiffontllch - rochlllch goslchorton HalmstBtta In PaiSstlna. ״Basular Programm•'* Nach dar Relchsppäsldenien-wani Hindenburgs Sieg, Hitlers Niederlage und die Judenfrage In aller Kürze Anläßlich eines Empfanges, den der Verein jüdischer Frauen, ln Johannisburg zu Ehren von Herrn und Frau Dr. Weizmann, sowie Dr. Alexander Goldsteins veranstaltet hat, wurden 2500 Pfund für den Keren Hajessod gezeichnet An Bord der ״Aquitania“, die am 15. d. M. von Nizza nach Port Said abgeht, fahren Dr. B r o d e t s k y, Dr. H a n t k e und Em. N e u ni a n n nach Palästina. Dr. Arlosorofff stellte den in Palästina eingetroffenen Farbstein dem High Comtnissioner vor, dem Farbstein seinen Plan einer Mittelstandssiedlung in Palästina darlegte. Der High Comtnissioner gab, wie JTA. meldet, seiner wärmsten Sympathie für die Mittelstandssiedlung Ausdruck. Der Anglo- Palestine Club in London veranstaltet am 15. März ein Dinner zu Ehren der dem Club angehörenden Parlamentsmitglieder. Die Veranstaltung wird von James de Rothschild geleitet werden, seitens der Parlamentarier werden John Buchan und Barnett janner antworten, ferner werden die Mitglieder des Unterhauses, Major Nathan und Col. Wedgwood, sowie Repräsentanten der Jewish Agency das Wort ergreifen. Die französische Kommission des Jüdischen Nationalfonds hat beschlossen, in Palästina einen ״Aristide Briand- Wal d“ zu pflanzen. Der Führer der arabischen Nationalisten, Muza Kazim Pascha, von dem die arabische Presse eben erst berichtet hatte, daß er den Vorsitz in der Arabischen Exekutive Palästinas niedergelegt hat, Unterzeichnete einen Appell an die ״arabischen Brüder in Palästina und den benachbarten Ländem“, die im kommenden Frühjahr in Tel-Awiw stattfindende Levante-Messe zu boykottieren. Der Bürgermeister von Jerusalem, Ragheb Bey N a s ha - s h i b i, hat an den High Commissioner, General Sir Arthur Wauchope, ein Schreiben gerichtet, in welchem er darauf hinweist, daß Transjordanien und der Irak repräsentative nationale Regierungen haben, und fordert, daß auch Palästina ein von der Bevölkerung frei gewähltes und für die Verfassung und die Gesetze des Landes verantwortliches Parlament, sowie eine nationale Regierung erhalte. Wie die Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel mitteilt, hat sich am 9. März eine aus 4b Personen bestehende Gesellschaft nach Palästina begeben. Der Zweck der Gesellschaftsreise sei die Gründung eines agudistischen Informations־ büros für Immigranten aus dem Mittelstand. ÖiT'Ämericäh Joint lecönstfudtföü 'Foundation beschloß, In der nächsten Zeit für die Kreditgewährung in die geflossen־ sehaftlichen Institutionen in den einzelnen Lindern einen Betrag von ca. 450000 Dollar auszusetzen. Palästina und englische Zölle London, 11. März. (J.T. A.) Unter dem Vorsitz des Unterhausmitglieds Colonel B u c h a n fand im Unterhause die zweite Sitzung des Parlamentarischen Palästina-Komitees statt. Das Mitglied der Jewish Agency-Exekutive, Dr. S. Brod e t s k y, erörterte in einer Ansprache die gegenwärtige wirtschaftliche, politische und Sicherheitslage in Palästina und wies auf die Notwendigkeit hin, die Vorzugsklausel des Empire auch auf Palästina anzuwenden, so daß Palästinawaren in England von den neuen Einfuhrzöllen befreit sein sollen. In dieser Sache, sagte Brodetsky, gehen Juden und Araber in Palästina zusammen. Brodetsky befaßte sich auch mit dem Landentwicklungsplan und der Bodenpolitik in Palästina. — In der Sitzung wurde Marquis of Hartington, Mitglied des Unterhauses, in das Ehrensekretariat des Komitees gewählt. Hermann VamMry Za seinem hundertsten Geburtstage Am 19. März 1932 jährt sich zum hundertsten Male der Tag, an dem Hermann Vämbery, oder wie er damals hieß: Hersch Wamberger, zur Welt kam, ein Mann, der in der zweiten Hafte des 19. Jahrhunderts in der Erforschung und der Politik des Orients eine bedeutsame Rolle spielte. Der großen Menge war er bestenfalls als reisekühner Rassen- und Sprachenforscher bekannt, um so geläufiger klang aber sein Name in den diplomatischen Kanzleien Europas, stand er doch als Vorposten des Foreign Office Wache in dem unausgesetzten, atemlosen Ringen zwischen Rußland und dem britischen Reiche um den Besitz des Ostens und in der Politik rings um den ״kranken Mann“, wie damals das ottomanische Reich genannt wurde. Ltieser kleine Jude, der aus den ärmlichen Verhältnissen einer ungarischen Judengasse der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts hervorgegangen, sich durch das Gymnasium durchhungerte, nachher, einem neuen Mezzofanti gleich, eine Sprache um die andere verschlang, dann als Lehrer nach Konstantinopel ging, wo er zum Islam übertrat und als Bettlerderwisch durch die damals noch unbekannten Wüsten Asiens zog, der nach seiner Rückkehr nach Europa, wo er zwischendurch das Christentum annahm, reich an Ehren und Vermögen, als Hoch- Schullehrer, Forscher und Orientpolitiker, geliebt in England, geschätzt in der Türkei und verhaßt in Rußland, die Freundschaft des Königs von England und des Kalifen aller Glaubigen erwarb, dieser kleine, in seiner äußeren Erscheinung durchaus unansehnliche Jude war eine ganz besonders anziehende, interessante Persönlichkeit. Für uns Juden bestand seine größte Bedeutung darin, daß er Theodor Herzl den Weg zum Sultan Abdul Hamid ebnete. Er verbrachte Monate in Konstantinopel, um seinem geliebten jungen Freunde die Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Uneigennützig tat er es, der Sache des Judentums dienend, dem er äußerlich wohl längst untreu geworden war, von dem er aber in seinem innersten niemals loskommen konnte. Und so fiel es Herz( nicht schwer, den Juden in ihm wach- Zurufen. ״Sie sind einer — schrieb er ihm einmal — ich bin auch einer. Darum haben wir uns so schnell und voll ver- Ständen. . . .״ Denn Vämbery trug eine jüdische Seele im Herzen, wenn auch freilich die eisernen Krallen des Qalut sie zerfleischt hatten, Ludwig ftato (Wienjj. Das Ergebnis der Reichspräsidentenwahl hat gezeigt, daß die besonnenen Elemente in Deutschland noch immer die Mehrheit bilden und die nationalsozialistische Sturmflut noch keineswegs das ganze Volk überschwemmt hat. Die Erregung hatte sich in den letzten Tagen vor der Wahl so gesteigert, die nationalsozialistische Propaganda hat durch ihr Ausmaß und ihre Stimmkraft so sehr das Feld beherrscht, daß viele bereits das Augenmaß für die wahren Proportionen verloren hatten. Zwar glaubte man nicht an den sofortigen Sieg Hitlers, wohl aber waren die Schätzungen des Stimmenverhältnisses, die man in manchen Kreisen hören konnte, für Hitler relativ günstiger, als es nun das tatsächliche Ergebnis war. Durch die Wiederwahl Hindenburgs ist eine Möglichkeit der allmähliehen ruhigen Entwirrung der schwierigen Probleme Deutschlands und der Weltpolitik gegeben. Die schwere Beunruhigung der Welt, die ein nationalsozialistischer Sieg gebracht hätte, ist zunächst abgewendet. Das deutsche Volk wußte, daß die Gefahr eines furchtbaren Bürgerkriegs über Deutschland schwebt. Die Besonnenheit der Wähler, voran die politische Reife der deutschen Arbeiterschaft, hat diese Gefahr abgewehrt. Wenn die deutschen Juden dieses Resultat begrüßen, dann tun sie es gewiß nicht nur aus egoistischen Gründen, nicht nur, weil bei den verhetzten Instinkten der Masse sie unter den Hauptleidtragenden eines Bürgerkrieges und jeder politisch-hysterischen Explosion wären, sondern weil wir aus unserer tausendjährigen Leidensgeschichte ein besonders waches und voraussehendes Empfinden für den Jammer und das Elend mitbringen, die ein solches Chaos über die ganze Bevölkerung bringen müßte. Die Nationalsozialisten haben ihr Ziel nicht erreicht Die Siegesfanfaren, mit denen sie in der letzten Woche das Volk! zu betäuben versuchten, haben vergeblich geschmettert. Ein so schneller, so beispiellos steiler Aufstieg, wie ihn Hitler für sich erwartet hatte, ist ihm nicht gelungen. Dennoch können wir nicht der Meinung derer zustimmen, die glauben, daß der Nationalsozialismus jetzt aufs Haupt geschlagen ist und zusammenbrechen muß. Man wird gut tun, die weitere Entwicklung abzuwarten. Wenn man von den übermäßigen Erwartungen, die die Nationalsozialisten gehegt haben, oder die sie doch der öffentlichen Meinung aufzwingen wollten, absieht, so muß man sagen, daß die Ziffer von 11300 000 Stirnmen, die für Hitler abgegeben wurden, immerhin ganz beträchtlich ist. Die Nationalsozialisten haben im Verlauf von anderthalb Jahren ihre schon im September 1930 überraschend große Stimmenzahl ungefähr um 80«/» erhöht, am letzten Sonntag haben etwa 28 0/0 der Wähler sich zu einem Programm bekannt, das bei ruhiger Betrachtung und nüchterner Analyse ganz absurd erscheinen muß. Die Nationalsozialisten sind eine Minderheit und haben keinen Anspruch auf die Regierung. Dies ist nun unumstößlich bewiesen. Aber jenseits des Politischen gibt es eine psychologische und soziologische Realität, und wir können an der Tatsache, daß diese Bewegung so groß werden konnte, nicht geringschätzig vorübergehen. Um die weitere Entwicklung und die weiteren Chancen des Nationalsozialismus zu beurteilen, müßte man mit den inneren Verhältnissen der Partei genauer vertraut sein als wir es sind. Manche erwarten, daß sich nach der Enttäuschung der Reichspräsidentenwahl Zersetzungserscheinungen im nationalsozialistischen Lager zeigen werden. Dies ist plausibel, wenn man bedenkt, daß der Großteil der nationalsozialistischen Wähler in jugendlichem Alter steht und wahrscheinlich in politischer Naivität die Großsprecherei der Führer für bare Münze gehalten hat, so daß jetzt eine Ernüchterung eintreten müßte. Andererseits ist die nationalistische Ideologie in dieser Jugend fest eingewurzelt. Wir Juden haben keinen Anlaß, hier Voraussagungen zu machen, und wir haben auch keinen Anlaß, besondere Triumphgesänge anzustimmen. Die Lage ist nach wie vor sehr ernst, sowohl für Deutschland im allgemeinen als auch insbesondere für die deutschen Juden. Man darf nicht vergessen, daß ein Mann es ist, der im wesentlichen dieses Resultat jetzt herbeigeführt hat, eine fraglos ungewöhnliche Persönlichkeit, Deutschlands Grand Old Man, ein Mann von 85 Jahren. Und wer die Schwierigkeiten der politischen und wirtschaftlichen Lage sieht, wer die Klippen der bevorstehenden außenpolitischen Entscheidungen und die Notwendigkeit neuer unpopulärer finanzpolitischer Maßnahmen voraussieht, wird nicht mit Sicherheit sagen dürfen, daß die Welle des Radikalismus bereits endgültig gebrochen ist. Wir können nur mit Genugtuung feststellen, daß die Erschütterung Tel-Chai-Feier des Nechalus ist auf den 16. März 1932 vorverlegt und findet um 20 Uhr in den Sophiensälen, Sophienstraße 18, statt Aus dem Programm: Ansprachen: Blumenfeld •and Schnpiro Chor des Brith Haolim und Kadimah, hebr. Spredithor, Orchester unter Leitung von Jehuda Schertok Karten zu 0.25 und 0.40 RM. im Büro des Hechaluz und bei den Jugendbünden erhältlich der gesamten Kulturposition Deutschlands verhütet wurde und die Staatsmacht fest in den Händen der verfassungstreuen Gruppen bleibt, daß die bürgerliche Ordnung und die menschliehen Freiheiten in Deutschland nicht vernichtet werden können. Wir können nur hoffen, daß auch die Wahlen zum preußischen Landtag, die eine der praktisch bedeutsamsten Entscheidungen zu bringen haben, an dieser Lage nichts ändern werden. Das deutsche Jude ntu m jedoch hat am 13. März wieder einmal den Spiegel seiner Lage vorgehalten bekommen. 111/3 Millionen Deutsche haben sich für eine Politik entschieden, die als einen ihrer markantesten Bestandteile die — auch formelle — Entrechtung der deutschen Juden enthält. Es braucht hier nicht wiederholt zu werden, mit welchen rassenkundlichen Verstiegenheiten und antisemitischen Hetzereien die nationalsozialistische Propaganda seit zehn Jahren arbeitet. Man darf aber auch nicht in den Irrtum verfallen, anzunehmen, daß die Mehrheit des deutschen Volkes den Nationalsozialismus wegen seines Antisemitismus verworfen hat. Gewiß sind die Nationalsozialisten auch in der Formulierung ihrer antijüdischen Forderungen so weit gegangen, daß der Eindruck der Unseriosität dieser Partei dadurch bestärkt wurde; aber bei sehr vielen Wählern, die jetzt gegen den Nationalsozialismus gestimmt haben, war sicherlieh nicht dessen Judenfeindschaft der ausschlaggebende Grund für die Ablehnung. Manche Juden werden uns jetzt vorrechnen, daß es gar nicht so viele Antisemiten gibt, zumal ja auch in der NSDAP eine Anzahl von Wählern nicht in erster Linie der Judenpunkt interessiert. Solche Beschwichtigungmanöver wären fehl am Ort. Man wird vielmehr nicht fehlgehen, wenn man behauptet, daß die Ziffer der mehr oder minder ausgesprochenen Antisemiten in Deutschland wahrscheinlich weit größer ist als die der nationalsozialistischen Stimmen. Man muß nicht gleich Pogromist sein, wenn man die Juden als fremd empflBdet und nicht liebt. Nichts wäre verfehlter, als wenn die Juden oder diejenigen Presseorgane, die hauptsächlich von Juden geschrieben und gelesen werden, jetzt auf die Idee verfallen würden, im Tone allzu intimer Vertraulichkeit sich mit den 181/2 Millionen Wählern, die für Hindenburg gestimmt haben, zu identifizieren. Auch diesseits der Grenzlinie war man besorgt, sich nicht in der Judensache zu exponieren oder gar durch Juden kompromittieren zu lassen. Herr von Hindenbürg legt auf Schmeicheleien aus jüdischem Munde, die ihm seine Feklherrntilgenden und seine deutsche Treue attestieren, sicherlich keinen Wert. Die deutschen Juden sollten auf andere Weise zeigen, daß sie Sinn für Würde und Mannesfugend haben. Sie werden gut tun, ihre Situation so zu sehen, wie sie ist Die Wahl von Hindenburg zum Reichspräsidenten ist ein deutsches Ereignis, kein jüdisches. Die Judenfrage wird dadurch nicht beseitigt. Wenn es Juden gibt, die jetzt erleichtert aufatmen und das Gefühl haben, es sei nun wieder alles beim alten, der Spuk sei verzogen, die Gefahr gebannt, dann wäre es traurig um die Juden be* stellt Die Erfahrungen im Deutschland der Nachkriegszeit, die sich den Erfahrungen in anderen Ländern anreihen, zeigen, daß die Judenfrage besteht, auch wenn sie zeitweilig verschieiert ist. Es ist Sache der Juden, sich auf sich selbst zu besinnen und die Gestaltung ihres Schicksals selbst in die Hand zu nehmen, solange es noch Zeit ist. Ein selbstbewußtes, entschlossen für sich selbst einstehendes Judentum, das seine eigene Situation ernst nimmt und die Verpflichtungen seiner mehrtausendjährigen Geschichte zutiefst fühlt, wird auch inner* halb der deutschen Welt mehr Achtung und Beachtung finden als ein Judentum, das sich haltlos und hemmungslos den Stimmungen des Tages verschreibt. Wir kennen den Typus des Juden, der nur darauf wartet, befreit aufatmen zu können, wenn durch eine politische Entscheidung allgemeiner Art eine momentane Gefahr gemildert scheint, so daß man getrost alle wirklichen Probleme wieder zurückstellen kann. Die Klärung der Judenfrage in Deutschland wird noch viel Denken und viel Arbeit erfordern; sie bleibt als große Aufgabe vor uns, als eine Aufgabe, die in ihrem wesentlichen Kern unabhängig ist von der jeweiligen politischen Konjunktur und die nur von uns selbst einer Lösung nähergebracht werden kann. Die politische Atmosphäre Deutschlands und Europas ist von einem momentanen Albdruck befreit. Es ist eine Atempause gewonnen, die in der großen Politik zur Anbahnung der bevorstehenden Entscheidungen und zur Vorbereitung der aus der soziologischen Umwandlung des Volkskörpers sich ergebenden Veränderungen genutzt werden muß, die aber uns Juden dazu dienen kann, durch intensivste Arbeit, durch Analyse unserer eigenen Lage und Entwicklungstendenzen, durch aufrechtes Bekennen und organisierte Selbsthilfe, durch fruchtbare Auseinandersetzung mit den wirkenden Kräften und Ideen unserer Umwelt — unter Verzicht auf atavistische, wirkungslose und für ein feineres Empfinden peinliche Zugehörigkeits-Beteuerungen — und schließlich durch Errichtung des Baues für die Zukunft unseres Volkes, an der Herbeiführung eines Zustandes zu arbeiten, der würdiger und für alle Teile befriedigender sein wird als der gegenwärtige.

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