Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 17 (1.3.1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzclnammer 0£5 Gofdmark Die Jüdische Republik? in Bfro-Bidsdum JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jedenDienstag u .Freitag. Bezugspreis bei der Expedition »onatiich 2»— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Amtaisaböanemeitte werden m 6m Wähnmg der edo®s!a©B Linder berechnet. Awyeigenpreis; 8 gesp. No«pare1llezeilo 030 G-M. Stellengesuche 0,25 G-M Nummer 17 | Berlin, I. III. 1932 Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische RundschauG.m.b.H., Berlin W15, Meinet es tr .10. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Änxdg^ssda!U1£: Dienstag und Freitag aachmitf »gi 4Uhr RecUkdotmschliuS Sonntag und Mittwoch nachmittag. Postscheck - Koouo! Berlin 17392, Basel V 9355, Belgrad 68032, Brüssel 39433, Budapest 59693, Danzig 1973, Haag 140470, Prag 59410, Rift 4155. Strassburg 16430, Werschau 190708, Wien!56030. Bank •Koatea: Darmrtädtar י und N auon aJbank* Depositen - Kasse Befliß, Kurfürstendamm 52; Rumänische Kreditbank, Cemauti {Rumänien); Angjo Paiestine C«x in Haifa, ferusslem, Tel -Aviv. Der Zionismus •rstrobt lOr das Jttdlscha Volk die Schonung oinor OftontlUh. rechtlich goelcherten Welmstatto in Pallstina. ״Baseler Programm.‘« flplosopoffs EPHlärungen Wie die Abbas Hilmi- Vorschläge ans Licht kamen Wir haben bereits kurz berichtet, daß Dr. Arlosoroff in einer jüdischen Pressekonferenz in Jerusalem die Existenz der sogenannten Abbas Hilmi-Vorschläge mit allem Nachdruck in Frage stellt. Ueber diese Konferenz bringen die palästinensischen Zeitungen ausführliche Berichte. Arlosoroff hat gegen diejenigen Elemente, die die Nachrichten über die sogenannten Abbas Hilmi-Vorschläge zu einer journalistischen Sensation aufbauschten, mit großer Entschiedenheit Stellung genommen und darauf hingewiesen, welche Schädigung dem Zionismus in Palästina und in der Galuth durch eine derartige Beunruhigung der öffentliehen Meinung zugefügt wird. Bei dieser Gelegenheit verbreitete er sich auch über die Herkunft der Dokumente. Sie stammen von einem indischen Journalisten, der als unzuverlässig bekannt ist. Derselbe indische Journahst hat vor dem Erscheinen, des Simon-Berichtes über Indien seinerzeit dem ״Daily Telegraph“ einen Bericht verkauft, der angeblich den Inhalt des künftigen Simon-Berichtes wiedergebe. Als dann der Simoti-Berjcht erschien, erwies sich, daß die Mitteilungen des indischen Journalisten frei erfunden waren. Dieser indische Journalist mit der schlechten Reputation hat einem jüdischen Journalisten in London die angeblichen Abbas Hilmi-Vorschläge und den angeblichen Mufti-Brief übergeben. Der Jude brachte diese Papiere zur Exekutive, die zunächst Nachforschungen über Herkunft: und Wert anstellte. Die Abschriften trugen weder eine Unterschrift, noch irgendein anderes Zeichen der Authentizität, so daß sofort ein Verdacht an ihrer Echtheit entstand. Während man noch der Sache nachging, hat nun Herr Großmann durch seine Londoner Rede die Angelegenheit zu einer großen Affäre aufgebauscht, und die Art und Weise, wie im Gefolge der revisionistischen Darstellung eiti Teil der Presse "l,.;.Mgdegattttit behandelte,. «ttfllfc,acfa-idUnAa. ״ArabisclwmgBsehe Verschwörung iar Vernichtung de« Zionismus“, so z. 8. der ״Doar Hajom“ in Jerusalem. An dieser Stelle unterbrach, wie ״Dawar“ berichtet, der Vertreter des ״Doar Hajopi“, Herr Schwarz, den Redner mit dem Zwischenruf: ״Auch die Ihnen nahestehende ,Jüdische Rundschau‘ schrieb in diesem Sinne“. Wenn dieser Zwischenruf wirklich gefallen ist, so müssen wir feststellen, daß es sich hier um eine grobe Unwahrheit handelt. Niemals hat die ״Jüdische Rundschau“ etwas Aehnliches geschrieben, sie hat vielmehr vom ersten Augenblick an diese Art der Darstellung der Angelegenheit auf das schärfste verurteilt. Arlosoroff erklärte sodann, daß weder die Palästina-Regierung in Jerusalem, noch die englische Regierung in London die geringste Kenntnis von derartigen Vorschlägen hat, wie sie unter dem Namen Abbas Hilmi jetzt in die Oeffentlichkeit gelangten. Es sei daher vollständig unsinnig, von einem englisch-arabischen Komplott zu sprechen. Aber auch keine der arabischen Körperschaften Palästinas, die sich mit der Vertretung־ arabisch-politischer Interessen beschäftigen, will mit den Dokumenten etwas zu tun haben. Auch diese erklären, die Vorschläge seien ihnen unbekannt Man muß übrigens annehmen, daß Herr Großmann, als er seine Rede vor den Presseleuten hielt, die Dokumente selbst gar nicht gesehen hatte, denn, wenn er sie gekannt hätte, dann wäre seine Wiedergabe als eine bewußt falsche Darstellung ihres Inhaltes zu bezeichnen. Die palästinensischen Zeitungen bringen ferner die Dementis der arabischen Körperschaften, darunter eine offizielle Erklärung der Arabischen Exekutive und eine Erklärung des Mufti. Das Organ des Mufti, ״Al Dschamia“, erklärt die Angelegenheit für eine Ausgeburt der jüdischen Phantasie und bezeichnet es als lächerlich anzunehmen, daß der Mufti einem solchen Plan seine Zustimmung gegeben habe. Im weiteren Verlauf seiner Rede kam Arlosoroff auf die Notwendigkeit einer stärkeren Heranziehung der Bevölkerung zu der Verwaltungstätigkeit der Regierung zu sprechen. Die verschiedenen Ausschüsse, die jeweils von der Regierung zur Beratung von Gesetzentwürfen eingesetzt werden, sollten, so sagte er, Vertreter der verschiedenen Kreise der Bevölkerung als vollberechtigte Mit- "ii dem Ausschj|g zgr Beratung der Ar■ Agency"erfüllt worden, dagegen werde sie bei dem überaus wichtigen Ausschuß für Steuerreform , dessen Beschlüsse die Lebensfrage von mehr als 80 0/0 der Bevölkerung betroffen, abgelebnt Dieser Ausschuß wird die Vertreter der Bevölkerung lediglich verhören, aber sie gehören ihm nicht als Mitglieder an. Arlosoroff betonte, daß eine Zusammenarbeit von Regierung und Bevölkerung durch das Instrument derartiger gemischter Ausschüsse mit Erfolg begonnen werden könne. Der Hafen-Ausschuß, der Straßen-Ausschuß, sowie die Kommission für Zölle und Handel müßten sofort in dieser Weise erweitert werden. Ebenso müsse die Regierung verfahren, wenn sie einen Ausschuß zur Prüfung der Frage der lokalen Selbst- Verwaltung, deren Neuregelung dringlich sei, einsetzen wird. (Demgegenüber verlangen die Araber bekanntlich nicht Heran- Ziehung zu einzelnen Ausschüssen, sondern Bildung einer zentralen Volksvertretung, die dann von sich aus auch auf alle Verwaltungszweige Einfluß nimmt. — A. d. R.) Aussichtslose Angebote Zahlreiche deutsche Juden glauben .die ihnen durch die feindliche Umwelt drohende Gefahr mit einem Vergleichsangebot bannen zu können: Ihr verschont uns, wir geben euch die Zionisten und Ostjuden preis. Ein Beispiel nur von vielen: In einer rheinischen Stadt sagte kürzlich ein Studienrat 17jährigen Schülerinnen irr! Unterricht, er billige das Programm Hitlers insoweit nicht, als dieser die alteingesessenen Juden entrechten wolle, während der Ausweisung der Ostjuden zuzustimmen sei. Darauf erhob sich die Tochter eines jüdischen Gemeinderepräsentanten, trat, dem Lehrer bei und berief sich auf gleiche Aeußerungen ihres Vaters. Als eine Mitschülerin, die Tochter eines Ostjuden, widersprach, erklärte der Studienrat, Juden, die er mit Namen nannte, hätten ihn zu seiner Ansicht gebracht. Diese Juden irren. Die Antisemiten werden das Angebot nicht annehmen. Sie haben auf dem Kurfürstendamm nicht zwischen Ost- und Westjuden, zwischen Zionisten und C.-V.ern unterschieden. Die ausländischen Juden erfreuen sich, das zeigte sich in Königsberg, des Schutzes ihrer Heimatsregierung, und die Alfeingesessenheit Rathenaus behütete ihn nicht vor den Kugein der Mörder. Je höher ein Jude steht, um so mehr ist er dem Angriff ausgesetzt. Wohl aber schadet es der jüdischen Gesamtheit, wenn die Mehrheit der Juden die Minderheit dem Haß der Umwelt preisgibt: die Ostjuden, die treu der Art ihrer Vater sich auch im Gewühl der Großstadt von Kaftan und ■Schläfenlocken nicht trennen, und die Zionisten, die ebensowenig ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volke verbergen. Jeder Jude ist dem jüdischen Schicksal verfallen. Die andern dehnen das Ungünstige, das sie aus jüdischem Munde über Juden hören, auf alle Juden aus. Als Adressaten des erwähnten Vergkichsangebots werden naturgemäß einflußreiche Persönlichkriten und amtliche Stellen bevorzugt. Je maßgeblicher der Empfänger solcher Erklärungen ist, um so stärker wird durch diese die jüdische Gesamtheit gefährdet. Aber nicht nur zuf Befestigung der eigenen staatsbürgerlichen Position, auch zu Zwecken iunerjüdischer Auseinandersetzungen haben deutsche{ Juden häufig bei den Behörden die z. B. für das Gebiet de^ jüdischen Gemeindesatzung unerhebliche Loyalität der Zionisten und Ostjuden gegenüber den Interessen Deutschlands angezwei-,. f eit oder bestritten. Die dadurch über die deutsche Judeaheit herauf beschworene Gefahr wurde erhöht, wenn derartige Erklärungen nicht von privater, sondern von jüdischamtlicher Seite ausgingen. Alles, was auf diesem Wege seit Jahrzehnten versucht worden ist, ist erfolglos geblieben. Doch in Zeiten gesteigerten Judenhasses und vermehrter Gefahr sollte es sich ein jüdischer Gemeindevorstand zweimal überlegen, ob es nützlieh ist, die Entrechtung der Ostjuden in der Gemeinde und andere Ungerechtigkeiten durch Eingaben folgenden Inhalts von der Regierung zu erwirken: nicht große Kreise der Gemeinde träten diesen Entrechtungen entgegen, sondern nur eine kleine Gruppe, die völkisch eingestellt sei und ihr Deutschtum leugne, während der überwiegende Teil der Gemeinde sich mit dem Deutschtum treu verbunden fühle. Diese unrichtige Charakter!- sierung der Zionisten durch den Vorstand der größten jüdisehen Gemeinde Westfalens, Dortmund, wird vielleicht den Zio nisten schaden, aber sicherlich nicht mehr als ihren jüdischen Gegnern. Nach dem Erscheinen der ״Erklärung deutscher Juden“ versprachen die Führer des deutschen Judentums, solche Behauptungen über die Zionisten nicht mehr aufzustellen. Die Ansicht, diese Zusage entspringe besserer Einsicht und werde gehalten werden, hat sich, nicht nur 111 diesem Falle, als falsch erwiesen. Es erscheint uns gerade in dieser Zeit notwendig, auf die Aussichtslosigkeit der Preisgabe jüdischer Minderheiten durch die jüdische Mehrheit hinzuweisen. Harry Epstein. Ein George Washington-Wald in Palästina. Aus New York wird berichtet: Eine im Pennsylvania-Hotel abgehaltene außerordentliche Konferenz der Bezirksvorsteher des Jüdischen Nationalfonds für ganz Amerika, an der mehrere tausend Personen teilnahmen, beschloß, zum Andenken an George Washington, dessen Geburtstag sich in diesen Tagen zum 200. Male jährte, einen Washi ngton- Wa 1 d in Palästina aus Eukalyptusbäumen und Kiefern zu pflanzen. Juden und Nicht- Juden der Vereinigten Staaten sollen zu diesem Werke beitragen. Präsident Hoover sandte an die Konferenz eine Botschaft, in der er seiner tiefen Genugtuung über die Verewigung des Namens seines großen Vorgängers auf dem Präsidentenstuhl im Heiligen Lande Ausdruck gibt Auf der Konferenz wurde auch ein Zustimmungs-Telegramm des High Commissioners für Palästina, Wauchope, verlesen. Zion und die (zola Eine kurze Antwort statt einer langen Von Martin Buber Ich bin, besonders in der letzten Zeit, vielfach gefragt worden, ob und inwiefern sich meine Stellungnähme zur ״Negierung der Galuth“ geändert habe, und will hier vorerst nur int Hinblick auf das mir Wichtigste darauf antworten. . So eindeutig für. mich der unbedingte Wert des Judentums und damit seiner Erhaltung, als ein in sich gewisser und keiner Begründung bedürftiger *feststeht, so weiß ich doch nicht minder gewiß, daß dieser Wert in sich zusammenbricht, sowie er als sein eigener Zweck und Sinn sich gebärdet. Das Judentum ist — von seinein Auftrag aus; und so soii es dauern. Schnitte es sich selbstherrlich von ihm ab, dann schnitte es sich ab. Den Auftrag aber weiß ich, wenn ich das seiner Natur nach der worthaften Formulierung Widerstrebende und nur der lebensmäßigen sich Ergebende doch formulieren muß, nicht anders zu bezeichnen denn als die Ausdehnung des Verwirklichungsbereichs auf den ganzen, unverkürzten, ungeteilten Umfang der menschlichen Existenz, also den vitalen Kampf gegen die grundsätzliehe Zweiteilung zwischen die dem Willen Gottes eröffneten und die ihm entzogenen Gebiete. Diesen Auftrag können nicht Einzelne, kann nur ein Volk wahrhaft erfüllen, Volk ist zu solcher Erfüllung unerläßlich. Denn der Einzelne kann zwar überall und immer nach dem Willen Gottes zu leben versuchen, soweit er eben je und je kann, das heißt in den nicht von ihm selbst, sondern von einer fremden Umwelt geordneten und gestalteten Lebensbereichen eben so sehr, als diese fremde Ordnung und Gestalt erlaubt. Aber eine echte Einheitlichkeit nicht bloß der Tendenz zur Verwirklichung, sondern auch ihres Bereichs ist naturgemäß nur vom nar dalir*■ auch dif0*־M• nungen und Gestaltungen des gesellschaftlichen und des öffentlichen Daseins in den Bereich der Verwirklichung mit einzubeziehen sind: weil man sich nun nicht bloß im Gegebenen zu bewähren hat, sondern selber mitzur ordnen und mitzugestalten, und damit den Willen Gottes auch hier, in der vollständigen Gemeinschaftssphäre, auch in ihrem Ordnen und Gestalten zu erfüllen berufen ist Dies aber ist eben nur da möglich, wo elementar kein Teil dieses Bereichs von anderer menschlicher .Instanz als vom Judentum selbst aus bestimmt wird. Elementar, sage ich, denn es kann sich selbstverständlich nicht um eine Autarkie des Geistes, eine isolierende Herauslösung aus dem schicksalhaften Zusammenhang einer — wie sehr auch problematischen — Menschheit handeln, und ebensowenig um eine isolierende Haltung zu dem in Pa- Iästina mitlebenden Volk, mit dem gemeinsam wir das Land aufzubauen haben,. sondern einzig um die Errichtung einer das öffentliche Leben mitumfassenden jüdischen Existenz, einer solchen somit, in der auch die Gehalte und Formen des öffentlichen Lebens nicht situationsmäßig von außen diktiert und von uns nur mitgemacht oder — erduldet werden. Ist jedoch damit unzweideutig einem palästinensischen Leben der Primat in der Möglichkeit der elementaren Verwirklichung»־ Vollständigkeit zugesprochen, dann darf dies auf keinen Fall dahin mißverstanden werden, daß dies auch einen Primat der Venvirklichungs e c 111 h e i t bedeute. Das Hier und Jetzt des einzelnen Juden ist und bleibt nicht bloß als Stätte des Lebensdialogs zwischen Göttlichem und Menschlichem ein gleichberechtigter ״Boden der Heiligung“, sondern auch, wo jüdische Mensehen gleichen Grundgefühls und Grundstrebens sich in diesem Hier und jetzt zu einem gemeinschaftlichen Leben zusammentun, kann rein und wahr Gemeinschaft gehalten werden, soweit eben das Hier und Jetzt dafür Raum gewährt. Nur bleibt dieses ״soweit“ eine eiementare Beschränkung, da hier die Auferlegtheit der Ordnungen und Gestaltungen das schlechthin Gegebene ist. Daran kann keine Teilnahme an Bewegungen Erhebliches ändern, die die Erneuerung der sozialen lnstitutionen bezwecken, denn die wirklichen Ordnungen und Gestaltungen werden auch in einer erneuerten Ge- Seilschaft 1m innersten Wesen nicht von den bewußten Zwecksetzungen, sondern von den vitalen Urkräften des fremden Volkstums bestimmt sein; der Erfolg der Zweck- Setzung wird für die Auswirkung dieser Urkräfte nur einen neuen, sozial vollkommeneren Rahmen abstecken und die für uns gegebene Fremdbestimmtheit des öffentliehen Lebens wird sich bald als im wesentlichen umerändert erweisen. Wieder kann damit nicht gesagt sein, daß die Mitarbeit an einer sozialen Erneuerung im Hier und Jetzt, vorausgesetzt, daß das gelebte persönliche Leben nicht eine von ihr getrennte Buchführung kennt, nicht einer echten Verwirklichung zuzurechnen wäre.