Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1932-01-15 · Heft 4 (15.1.1932) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 4 (15.1.1932)
Date
1932-01-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653348-2653356--22773-2681041
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Eine katholische aniiztonisiischc Tendenzschrift Einzelnummer 0£3 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag «.Freitag. Bezugspreis bei der Expaditioii monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. worden In der Währung dar elnietaen Länder berechnet An/.'igeny.rn^: 8 geep. Nmjpareilleäreäe 0,50 G.-M. Stelleng^uche 0,25 C'.-M. Redaktion, Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Meinekestr.10. Telefon: J I Bismarck 716570־. Anwifurhlnfe Dienet«( nnd Fraitag naebmierag« 4Uhr Poaiecheck - Konten : Berlin 17392, Beeel V 9355. Belgrad 68032, Brteeel 39433, Bndepeet 596 93, D.nrig 1973. Ha•* 140470, Prag 59410, Ria« 4155, Straeehurg 16430, Warschau 190708 Wien 156030. Bank - Konten: Darmetldternnd Nationalbank, Depositen - Keese Berlin. KuHiirstaEkd&mm 52; Rumänisch# Kreditbank, Ceraami Anglo Palestme Co. in Haifa, Jerusalem, Tel *Aviv. Nummer 4 |Berlin, IS, 1.1932 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. שבט חתנ״ב Der Zionismus erstrebt fOr das jOtflsche Volk «He Schaffung einer öffentlich ■ rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baselar ,Programm.** Wieder sechsfacher Judenmord Belagerungszustand in einer rumänischen Grenzstadt In dem bessarabischen Grenzstädtchen Soroca hat sich unter Mitwirkung von Gendarmen ein grauenvoller Judenmord ereignet. Es wird hierüber berichtet: Fünf jü* dische junge Leute und ein Mädchen im Alter von 16 bis 20 Jahren, Kinder angesehener jüdischer Kaufleute in Soroca in der Nähe der bessarabisch-russischen Grenze, wurden von Grenzgendarmen aufgegriffen, an die Grenze geschleppt, dort durch Schüsse getötet und beraubt. Es wurde dann die Meldung ausgegeben, daß fünf ״Kommunisten“ und ein Schmuggler, der sie über die Grenze nach Rußland bringen sollte, von rumänischen Grenzgendarmen erschossen worden seien. Es hat sich herausgestellt, daß die Erschossenen durch einen Schmuggler, der im Einverständnis mit Grenztunktiogaren handelte, an die Grenze gelockt wurden. Für die Grenzgendarmen wäre es ein leichtes gewesen, die jungen Leute, wenn sich diese wirklich etwas hatten zu schulden kommen lassen, zu verhaften. Dennoch wurden sie in bestialischer Weise erschossen und dann ausgeraubt. Eines der Opfer, Samuel Tzichinovski, hat nach seiner Auffindung 14 Stunden noch gelebt und war in der Lage, dem ihn vernehmenden Staatsanwalt wichtige Mitteilungen zu machen, deren Inhalt aber der Oeffentlichkeit noch unbekannt ist. Bei einem der Erschossenen wurde festgestellt, daß er durch drei Kugeln in die Brust getroffen wurde. Auch Frl. Riva Darcautzan erhielt mehrere Schüsse in die Brust. Bei allen Kugeln handelt es sich um Dum-Dum-Geschosse. Das bedeutendste Bukarester Blatt, der ״Adeverul“, entsandte einen Sonderberichterstatter nach Bessarabien, der folgendes feststellte: Die sechs jungen Leute hatten dem Gendarmeriekorporal von Soroca das Angebot gemacht, ihnen für 4000 Lei den Uebergang über den zngefrorenen Dnjestr zu gestatten. Der Korporal nahm das Geld an, befahl aber unmittek bar darauf seiner Wache, die sechs Leute niederzuschießen. Diese Niedermetzelung fand keineswegs auf dem zugefrorenen Dnjestr, also beim Grenzübertritt, statt, sondern in einem Außenviertel der Stadt Soroca, mithin auf rumänischem Boden, und zwar aus einer Entfernung von fünf bis fünfzehn Metern. Das ist auch im offiziellen Protokoll festgestellt worden. Das Blatt fordert strengste Bestrafung der Schuldigen und stellt fest, daß die rumänischen Gesetze selbst für den Fall unbefugten Grenzübertritts nicht die Todes-, sondern nur eine Gefängnisstrafe bis zu zwei Jahren vorsehen. Die Erregung in der Stadt Soroca ist so ungeheuer, daß der Belagerungszustand über die Stadt verhängt worden ist. Der jüdische Deputierte für Bessarabien, Dr. Michael Landau, ist in Soroca eingetroffen und hat einen Aufruf an die Bevölkerung erlassen, die Ruhe zu bewahren. Der Oberrabbiner für Bessarabien und frühere Senator Z i r e 1 s o n besuchte den Minister für Bessarabien, General Rischcanu, und informierte ihn über die Stimmung. Minister Rischcanu bat ihn, den Angehörigen der Opfer, sowie der Judenschaff von Soroca das Bedauern der Regierung über die Mordtat auszusprechen. Das Justizministerium in Bukarest entsandte einen eigenen Vertreter zur Führung der Untersuchung. Senator fov, Mitglied der Regierungspartei, telegraphierte an die große Tageszeitung ״Adeverul“: ״Alle anständigen Menschen müssen auf das schärfste gegen das Massaker bei Soroca protestieren. Die sechs Morde am Dnjestr-Strom sind sechs Schandflecke aufdem Antlitz Rumänien s.“ Das Begräbnis der sechs Opfer gestaltete sich zu einer erschütternden Trauerkundgebung der Judenschaft von Soroca und Umgebung. Zehn tausende schritten hinter den Särgen. Während der Bestattung waren alle Geschäfte der Stadt geschlossen. Der Militärkommandant General Marcovoci verlangte vom Ortsrabbiner von Soroca, Rabbi Sisser, die Garantie dafür, daß während der Bestattung die Ruhe aufrecht erhalten bleibt. Der Rabbiner lehnte eine solche Garantie ab. Es kam zu keinerlei Ruhestörung. Die ztonlsnsdic Situation im Wandel der Generationen Von Kurt B1 um enfe 1 d. Der Welt und vor allem der deutschen Welt Ist altes fraglich geworden. Die Dinge gleiten und der sie betrachtende Mensch begleitet sie, — weil ihm das Absolute verloren gegangen ist —, nicht mehr als ein Wertender, der Halt zu rufen vermag, wenn er ablehnt, sondern fast immer nur als ein Verstehender. Krise, Wirtschaftskrise, Kulturkrise sind charakteristische Be- Zeichnungen für den gegenwärtigen Zustand, die es den Menschen leicht machen, sich im Betrachten unvermerkt wegschwemmen und weitertreiben zu lassen. ״Wir sind in der ungefähr zehntausendjährigen Ge* schichte das erste Zeitalter, in dem sich der Mensch völlig und restlos ,problematisch' geworden ist; in dem er nicht mehr weiß, was er ist; zugleich aber auch weiß, daß er es nicht weiß.“ Dieses Wort Max Schelers wird als bezeichnend für unsere Weltperiode empfunden, und es ist kein Wunder, wenn die Menschen heute aus dem Fragen nicht herauskommen und viele auch die Problematik des Zionismus empfinden. Wer unruhig und, unsicher ist, fragt allzu schnell und hat heute allzu leicht das Gefühl, daß alle Fragen zum erstenmal gestellt werden. Man orientiert sich fast nur an den Ereignissen des Tages, alle Dinge sind wichtig, die der Augenblick heranträgt, und nur wenige versuchen es, ihre Situation aus der Kenntnis der Entwicklung eines längeren Zeitraums zu verstehen. Für die Behandlung der Probleme der dritten Generation des Zionismus ist es erheblich, die Situation und die Haltung des vorhergehenden Geschlechts, des zweiten zionistischen, aber in Deutschland zugleich des ersten postassimilatorischen, kennenzulernen. Zionistisch-politische Debatii Brodetsky, Leonard Stein and Col. Mlsdi Ober Endlands nnbelriedidende Haltend Auf der Konferenz der Engiish Zionist Federation am 10. d. M. entwickelte sich eine große politische Debatte über die Lage des Zionismus im Anschluß an ein Referat von Prot. Brodetsky. Sämtliche Redner gaben dem lebhaften Befremden darüber Ausdruck, daß trotz allen Beteuerungen der englischen Staatsmänner, an der Politik der Balfour-Deklaration unentwegt festzuhalten, die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims eher aufgehalten als gefördert wird. Brodetsky» Referat Brodetsky ging in seinem großangelegten Referat von dem MacDonald-Brief aus und schilderte die verschiedenen Verhand- Jungen der neuen Exekutive mit der Regierung in den letzten sechs Monaten. Unser Ziel, so sagte er, war Zusammenarbeit mit der Mandatarmacht und eine Verständigung mit den Arahern. Wenn diejenigen, die die. neue Exekutive in Basel gewählt haben, jetzt fragen, ob seither irgendein beträchtlicher Fortschritt gemacht wurde, so kann die Exekutive darauf nicht mit einem einfachen Ja a nt- Worten. Dafür gibt es viele Erklärungen, wobei aut die Änderungen in der politischen Situation Englands, auf den Wechsel im Oberkommissariat u. a. hingewiesen werden kann. Die Exekutive hat das Vertrauen, daß der neue High Commissioner Sir Arthur Grenfell Wauchope mit den besten Absichten nach Palästina gekommen ist. Auch die vom Kolonienminister an Sokolow nach Amerika gerichtete Botschaft gibt Hoffnung auf eine positivere Haltung der Regierung zur j'üdisehen Arbeit. Worauf es aber hauptsächlich ankommt, ist, daß die Regierung sich endlich darüber klar wird, daß die Geduld des jüdischen Volkes auf eine harte Probe gestellt Ist. Wir haben ein Recht, von der Regierung zu fordern, daß sie uns einen vo II gü I ti g e n Beweis ihres guten Willens gibt, ohne jede weitere Verzögerung jene Prinzipien durchzuführen, aut denen vor sechs Monaten in Basel die Wiederaufnahme der Zusammenarbeit mit der Regierung beschlossen worden ist. Brodetsky beschäftigte sich ausführlich mit dem Landentwicklungsplan und der Registrierung der landlosen Araber, mit der Frage der jüdischen Beteiligung an öffentlichen Arbeiten und schließlich mit der Frage der Einwanderung. Der Chefsekretär Young hat im vergangenen Juni vor der Mandatskommission erklärt, daß ״die Palästina-Regierung natürlich Schritte einleite, um den Brief des Primeministers durchzuführen“. Bisher ist in dieser Richtung aber nichts geschehen. Was die Mittelstands-Einwanderung betrifft, hat die Regierung versichert, die Grenze des hierfür notwendigen Kapitals werde auf 500 Pfund herabgesetzt werden. Es sei aber bis heute unklar, ob dies ausdrücklich als Regel bestimmt werden wird, oder ob man nur dem Einwanderungs-Department die Vollmacht geben wird, in Ausnahme fällen schon bei 500 Pfund die Bewilligung zu erteilen. Referent hofft, daß die Regierung den ersten weg wählen und dadurch der Mittelstands-Einwanderung einen neuen Antrieb geben wird. Was die öffentliche Sicherheit in Palästina betrifft, so müssen die letzten Verbesserungen anerkannt werden, zugleich aber muß man Äh dagegen wenden, daß die Regierung eine Hetze wie die gelegentlich des Moslem- Kongresses, wo die Juden wieder der Absichten gegen die Heiligen Stätten des Islam bezichtigt wurden, gestattet. Nicht nur der individuelle Jude, auch das Nationalheim als ganzes muß gegen Verleumdungen und Intrigen geschützt werden. Zum Schluß beschäftigte sich Brodetsky mit Jabotinskys Warschauer Rede und dem Widerhall, den sie in den Londoner ״Times“ gefunden hat. Die Beziehungen zwischen der Judenschaft und der Mandatarmacht, so sagte der Referent, dürfen nicht durch u n - verantwortliche Aeußerungen, von welcher Seite sie auch kommen mögen, gestört werden. Es ist ein wahrhaft tragischer Fall, daß ein Mann, der in der Zeit von Engder britischen Orientierung im Zionismus war, heute so verbittert ist, daß er sich zu Reden hinreißen ließ, die zwar unentschuldbar, aber nicht unerklärbar sind. Ist es zu spät zu hoffen, daß Großbritannien begreifen wird, welch ungeheures Kapital von Zuneigung und Sympathie es wegen seiner liberalen Haltung gegenüber allen unterdrückten Völkern einschließlich der Juden im jüdischen Volk angesammelt hatte, und daß es sich wird angelegen sein lassen, diese Sympathien wiederzugewinnen? Die Juden haben ein kurzes Gedächtnis für erlittenes Unrecht und wollen keine Rache. Sie sind bereit, die Vergangenheit zu vergessen; an Großbritannien ist es, dem jüdischen Vertrauen in die Aufrichtigkeit der Mandatarmacht eine neue Ermutigung zu geben. Im Verlauf seiner Rede kam Brodetsky auch auf verschiedene innerzionistische Fragen zu sprechen. Er beschäftigte sich mit den Beschlüssen der Revisionisten in Calais und betonte, daß das Nebeneinanderbestehen selbständiger zionistisch-politischer Körperschaften einen unhaltbaren Zustand schaffe, wenn die Revisionisten die Disziplin des Kongresses nicht auf sich nehmen, müssen sie die Konsequenzen tragen. Sie können nicht gleichzeitig innerhalb und außerhalb der Organisation stehen. Weiter wandte sich Brodetsky scharf gegen die Veröffentlichung eines jiddischen Tageblattes in Warschau, die von einer jüdischen Zeitung Londons aufgegriffen wurde, worin es hieß, Sokolow sei nur nominell Präsident der Organisation, während der Stab der Exekutive von Locker und Brodetsky bis zum kleinsten Beamten in der Great Rüssel Street nur Wefzmann gehorcht. Solche Behauptungen seien eine Fälschung, die niemandem Nutzen bringen könne. Wohl habe Weizmann in der letzten Zeit kräftig mitgeholfen, daß sich die Jewish Agency politisch und wirtschaftlich über Wasser hat halten können, keineswegs aber fiel es Weizmann ein, sich in die politische Arbeit der Exekutive einzumischen. Die Exekutive hat weder zugunsten Weizmanns noch irgendeines anderen sich ihrer Befugnisse begeben. (Fortsetzung in» Innern des Blattes) So einfach die Darstellung der allgemeinen und der jüdischen Situation in den Jahren von 1900—1914 dem gegenwärtigen Betrachter zu sein scheint, so schwierig war es in Wirklichkeit auch schon damals, die Zusammenhänge zu durchschauen und sich unter der Oberfläche zurechtzufinden. Denn während alles fest und gesichert zu sein schien und die Gesellschaft jener Tage an die Dauer aller vertrauten Gegebenheiten glaubte, lebten gleichzeitig bange Erwartungen und Untergangs- Stimmung in vielen feineren Geistern. Mitten ln der Macht spürte man Anzeichen für den Zusammenbruch der geltenden Ordnungen. Man war reich und gebildet, aber man kann nicht sagen, daß die innere Sicherheit groß war. Die Zeit war stark relativistisch und schon kurz nach dem Regierungsantritt von Wilhelm II. im Jahre 1888 suchte man für die damalige Gegenwart Analogien in der Geschichte des späten römischen Kaisertums. Man witterte den Ansturm des Barbarentums gegen eine hochzivilisierte aber glaubenslose Welt. Es war nicht klar, woher der Feind kommen würde. Eine geheime Angst vor dem Ende eines zwar als überreif erkannten Zustandes, von dem man sich aber doch nicht trennen wollte und den sogar viele seiner revolutionären Gegner als angenehm empfanden, fand immer heftigeren Ausdruck. Auch hinter dem damals laut verkündeten Friedenswillen steckte meist die Angst vor dem Erwachen dunkler Mächte, die das Wort für ihre Ansprüche noch nicht gefunden hatten. In dem Satz: ״Und dennoch sagt der viel, der Abend sagt“ sprach Hugo von Hofmannsthal aus, was tausende empfindende Intellektuelle fühlten. Vom Tage seiner Entstehung an suchte der Zi-onismus sich in einer innerlich unsicheren Welt zu orientieren. Seine Eindeutigkeit war gegenüber den schillernden Vieldeutigkeiten, mit denen sich die Juden abgaben, zu verteidigen und durchzusetzen. Die Juden wollten der anscheinend doch so reichen Welt überall und unter allen Umständen gerecht werden; der Zionismus erschien ihnen als kulturelle Verarmung, die jüdischnationale Bewegung als eine menschlich verengernde Angelegenheit, nur geeignet, die Juden von der Teilnähme an den großen Ereignissen der Menschheit abzuhalten (so z. B. Hermann Cohen). Die assimilatorischen Bedürfnisse verbarg man hinter der Idee der Menschheitsbeglückung; wenn die Lage der großen Massen schlecht sei, dann dürfe man nicht die eigenen kleinen Angelegenheiten betreiben; wenn in großen Kulturwellen die Mitarbeit möglich ist, dann dürfe man kein jüdisches Kulturgefühl pflegen oder gar propagieren. Dazu kam, daß die Chance für die Verwirklichung des Zionismus gering war. Die Möglichkeit einer Großko’onisation bestand nicht. Das türkische Regime war gegen uns, und nach der jungtürkischen Revolution waren die Aussichten für schnelle Erfolge des Zionismus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.