Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1932)
- Date
- 1932-01-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr. 2, 8. L 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Arnold Zweigs neuer Romen II 99, Junge Frau von 1914 Von Manfred Sturmann. I. Arnold Zweig hat mit seinem ״Grischa" den klassischen Kriegsroman geschaffen, klassisch deshalb, weil er sich weder aus einer nur persönlichen Impression herleitet, noch eine Schilderung ist, die von dem engen Blickpunkt einer Nation gegeben ist. Darum hat dieses Buch eine seltene menschliche Tiefe und nach außen eine so immense Wirkung: es hat in der ganzen Welt enthusiastische Aufnahme gefunden. Als erster Band der von Zweig geplanten Grischa-Tetralogie erschien soeben (im Verlag Gustav Kiepenheuer, Berlin) der neue Roman ״Junge Frau von 191 4“. War im ״Grischa“ die Handlung nach ״draußen“ verlegt, in die unmittelbare Nähe des Krieges also, so ist das neue Werk der Kriegsroman der Heimat, des von den Fronten geschützten Hinterlandes. Die ״Junge Frau von 1914“ heißt Lenore Wahl und ist die Geliebte des ■uns aus dem ״Grischa“ wohlvertrauten und unvergeßlichen Werner Bertin. Wir sehen also bereits in den beiden bisher erschienenen Bänden, worum es bei Zweigs Tetralogie geht: um die Be- Ziehung der Einzelwesen zu dem großen Geschehen Krieg. Mitten hinein in das Liebesidyll von 1914 donnert der Krieg. Er zerstört jene Vorkriegsatmosphäre, die Zweig uns in seinen ״Novellen um Claudia“ so meisterlich nachschuf. Was nützt Bildung und Gesinnung, was nützt Kultur und Vernunft, wenn dies alles eines Tages an Gültigkeit verliert und zusammenstürzt wie ein Kartenhaus! Es ist Krieg, alles taumelt im Rausch der Begeisterung, alles schreit, alles hofft, alles marschiert. Die verdrängte Vernunft wagt sich erst sehr viel später wieder an die Oberfläche, als es schon zu spät ist. In diesen Zeiten spielt die Geschichte von Lenore und Werner. Umgeistert und überschattet von den Geschehnissen der Kriegsjahre, blüht ihre Liebe, über alle Trümmer und Trennungen hinweg. Bertin wird Armierungssoldat, er hat seine Bücher und Manuskripte zusammengepackt und schippt, einer unter Tausenden, in Ungarn, in Frankreich ... Er rodet Bäume, er fängt Läuse, er säubert Latrinen, denn ״Erdreich, Sprache, Geist und Menschen sind zur großen Einheit Vaterland zusammengeronnen“. Und indes er seine Pflicht tut, ohne zu klagen, ein guter Kamerad und durchschnittlicher Armierer, kämpft daheim in Potsdam Lenore um ihre Liebe und ihr Leben als eine tapfere, lebenskluge und liebenswerte Streiterin. Diese junge Frau von 1914 ist eine der sympathischsten Erscheinunfen, die uns in den Büchern der letzten Jahre begegnet ist. ie ist klug und verfügt über eine persönliche Kultur, die so reich ist wie die Claudias. Aber was hat diese Lenore jener Claudia nicht alles voraus! Sie hat einen erstaunlichen Mut, sie ®־heut keine Demütigung und keinen Schmutz, keine Schmcrzensqual und keine List, um sich und Bertin treu zu bleiben. Ja, ihre Sache in Potsdam geht besser vorwärts, als jene große ״draußen“ im Kriege. Sie siegt schließlich a»Jr der ganzen Linie. Sie besiegt den Widerstand der Eltern,, besonders den ihres Vaters, eines Mustertyps des deutschen Assimilationsjuden, sie besiegt selbst die Widerstände der Militärbehörde und schließlich ihre durchaus nicht unbegründeten Zweifel an Bertin, dem seine ganze Vergangenheit, sein Verantwortungsgefühl und seine natürlich menschliche Rücksicht hoffnungslos in die Kommißstiefel gerutscht zu sein scheinen. .hriprlictis klewcJsaM&t einen harten. Schädel, den sie durchsetzt: sie bringt es fertig ,daß sich die Eltern mit ״diesem Schriftsteller“ Bertin abfinden. (Ueberdies ist es gut, meint Hugo Wahl, ein Familienmitglied im Felde zu haben.) Lenore triumphiert, und dieser Triumph heißt: vier Tage Urlaub und Kriegstrauung. II. Mit innigem Gefühl, mit wirksamer Kraft, mit ergreifender Schlichtheit ist diese Liebesgeschichte geschrieben. Aber Arnold Zweig ist kein Idylliker, dazu ist seine Verantwortung zu groß, seine Verantwortung als Mensch, Dichter und Jude. Und darum ist das neue Buch nicht nur ein Liebesroman, es geht nicht allein um das Widerspiel zweier Menschen: hier handelt es sich um den ersten Band der großen Grischa- Dichtung, und das sagt genug. Zweig hat in sein Buch die Zeit und ihr Wesen eingelangen, seine Fabel auf die breifeste Ebene getragen und sie eingebettet in die Ereignisse, von denen der Abstieg Deutschlands, Europas und vielleicht der tränkt von seiner Liebe zu dem Lande, das ihm Jugend, Sprache und Weite gab. Es wird kleine Geister genug geben, welche aus der Enge ihrer parteilichen Einstellung die unbestechliche Wahrhaftigkeit dieses Buches in Haß umzukritteln versuchen werden. Wer das tut, der beweist nur, weder Zweig noch sein Werk verstanden zu haben. Wie im ״Grischa“, so ist auch hier der Jammer des Krieges, seine ganze brutale Sinnlosigkeit, die leerlaufende entgeistete Maschinerie des Militarismus aufgezeigt Das Judenproblem hat fast in allen Werken Zweigs einen Platz. So auch hier das Thema: Die Juden im Kriege. Hugo Wahl, Lenorens Vater, Sohn des noch aus anderen Zeiten stammenden liberalen Markus Wahl, glaubt, daß dieser Krieg die letzten Unterschiede sozialer Art zwischen Jude und Nichtjude beseitigen wird. Sein Reichtum, seine Wirtschaftliehe Machtstellung verpflichten ihn. Er begrüßt den Krieg mit heller Begeisterung und fördert die Parteien, die ein Interesse daran haben, ihn zu verlängern. Man lädt ihn und zwei weitere angesehene Juden ein, an Verhandlungen bei der deutschen Besatzungsbehörde im Osten teilzunehmen, die unter dem Vorsitz des Generals Schiefenzahn stattfinden (dessen wir uns aus dem ״Grischa“ erinnern). Als man diesen drei Juden aber zumutet, es zu billigen, daß die jüdische Bevölkerung von Russisch-Polen, deren Ernährung den deutsehen Behörden Kopfschmerzen macht, auf alten Frachtdampfern ins von Minen gespickte Meer ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen wird — da bricht ii diesen drei Herren eine Illusion zusammen. Sie erkennen, daß alles beim alten, daß Jud Jud geblieben ist. Einsilbig und nachdenklich kehrt Hugo Wahl heim. Dieser Hugo Wahl, ehedem ein Streber, der nur seine Interessen und darüber hinaus keine menschliche Verantwortung kennt, wird nach jenem Erlebnis lu einem anderen Menschen. Ihn läßt Zweig die Worte sprechen: ״Es ist nicht zu spät, umzulernen. Verstand ist die beste Vaterlandsliebe, und Militarismus kein gutes Prinzip. Er wird Deutschland zugrunde richten.“ Arnold Zweig hat mit der ״Jungen Frau von 1914“ einen der schönsten Liebesromane unserer Zeit geschrieben. Wir warten nun auf die beiden noch ausstehenden Bände der Grischa-Tetralogie. Mit ihrer Vollendung wird ein großes Zeitepos geschaffen sein, eine mutige und unvergängliche Dichtung der Menschheit unserer Tage. ....m1»n11nnnm1mn......iiiiiiiiiiiiiiiihhihii.. Jabotinskys Drohung an England Briefe und Gegenbriefe in der ״Times" Wir haben bereits in unserer letzten Nummer mitgeteilt, daß Dr. Eder namens der English Zionist Federation in der ״Time s“ sich von der Rede Jabotinskys, über die der Warschauer Korrespondent des Blattes berichtet hatte, distanziert hat. In dem Bericht der ״Times“ hieß es, Jabotinsky habe bei der Warschauer Revisionistenkonferenz gesagt: ״Die Juden könnten das Dynamit werden, mit welchem das British Empire in die Luft gesprengt werden könnte.“ Außer Dr. Eder hat auch Dr. Brodetsky (in Vertretung des abwesenden Präsidenten Sokolow) namens der Zionistischen Exekutive an die ״Times“ geschrieben, Jabotinsky bekleide keinerlei Amt innerhalb der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, vielmehr arbeite er auf den Austritt der Zionisten-Revisionisten aus der Zionistisehen Weltorganisation hin. Die Zionistische Organisation lehne jede Verantwortung für die angeblichen Aeußerungen Jabotinskys ab. Ferner veröffentlichte der Vorsitzende des Councils der Jewish Agency, D’Avigdor Goldsmid, die Er* klärung, daß er mit Entschiedenheit von Jabotinskys Angriffen auf Großbritannien, sowie von dessen ganzem Programm abrückt. Daraufhin erschien von revisionistischer Seite 1'n der ״Times“ vom 4. Januar der folgende Brief: Vor mir liegt eine Ausgabe der führenden polnischen zionisli- ■eben Tageszeitung ״Ilaint", in der die von Ihnen am 30. Dezember wiedergegobeno Rede des Herrn Jabotinsky erschien. Die von Ihnen angeführte Stelle hat laut dem ״Haint“ einen anderen Wortlaut und ist ein Ausdruck der Tatsachen und Gefühle, diefsicherlich bei den jüdischen Massen existieren, wie sehr auch gewisse englische Juden versuchen, dies zu vertuschen: ״England hat im Laufe seiner dreizehnjährigen Regierung in Palästina unsere Aspirationen zunichte gemacht. Es hat dadurch 15 000 000 jüdische Herzen entzündet und die Gefahr von 15 000 000 brennenden Zündhölzchen ist sehr groß.“ Es ist auch wichtig, einen falschen Eindruck zu zerstreuen, der durch Dr. Eders Brief an die ״Times" geschaffen wurde und wonach er im Namen der sogenannten Englischen Zionistischen Federation spricht. Wir können seine Erklärung, in der Herr Jabotinsky als nicht verantwortlicher Politiker und als Person ohne offizielle Stellung in der Zionistischen Organisation bezeichnet wird, nicht ohne Erwiderung lassen. Dia English Zionist Federation, die den englischen Zionismus nur zum Teil vertritt, ist die Befürworterin einer Politik, die auf dem letzten Kongreß eine entscheidende Niederlage erlitten hat. Herr Jabotinsky ist dagegen der Präsident einer Organisation, ’die den Sturz Dr. Weizmanns herbeiführte, bei den letzten Kongreßwählen mehr Stimmen erhielt als jede andere Gruppierung und im Aktion*-Cocnitä der Zionistischen Weltorganisation mehr Vertreter bat als irgendeine andere zionistische Partei. A. Abrahams, Sekretär der Exekutive der Welt-Union der Ziomstcn-Revisionisten, Wenn auch die im letzten Satz enthaltene Angabe nicht stimmt (die Arbeiterpartei hat um 50 °/0 mehr A.-C.-Mitglieder als die Revisionisten), so scheint uns diese Zuschrift doch höchst bemerkenswert. Wir werden auf die Angelegenheit noch zurückkommen. Das Zentralkomitee der Zionistischen Organisation Polens befaßt sich in einem Communiqud mit dem Beschluß der revisionistischen Landeskonferenz, der es den Revisionisten zur Pflicht macht, aus der Zionistischen Landesorganisation auszutreten. Eine Gruppe Delegierter der revisionistischen Konferenz, heißt es in dem Cotnmuniqud, hat dem Zentralkomitee mitgeteilt, daß sie aus der Revisionist!* sehen Organisation in Polen austritt und weiterhin der Allgemeinen Zionistischen Organisation angehören will. Das Zentralkomitee gibt der Hoffnung Ausdruck, daß alle Revisionisten, denen das Wohl des Zionismus und der Zionistischen Organisation am Herzen liegt, in der Organisation verbleiben und an der Landeskonferenz teilnehmen werden. Der Verband der Revisionisten itn Freistaat Danzig beschloß mit großer Stimmenmehrheit, der Parole zum Austritt aus der Zionistischen Organisation nicht zu folgen und weiter in dieser Organisation zu v e r b 1 ei b e n. Der Beschluß der polnischen Revisionisten wirft übrigens ein interessantes Licht auf gewisse Kommentare, die die deutschen Revisionisten zu ihrem seinerzeiiigen Be- Schluß, den Austritt aus der Z. V. f. D. zu empfehlen, gegeben haben. Damals wurde die ״J. R.“ der unrichtigen Dar- Stellung bezichtigt, weil sie von einer Tendenz zum Austritt aus den Landesorganisationen sprach: nur die spezifischen Verhältnisse in Deutschland, so hieß es, seien das Motiv der Austrittsparole der deutschen Revisionisten. In Polen nun liegen die Dinge anerkanntermaßen ganz anders, dort ist die große ,,Et Liwnoth“־Gruppe krypto - revisionistisch, es gibt keine ״Brith Schalom-Gesinnung“ oder ähnliche Verräterei, und dennoch zerschlagen die Revisionisten die einheitliehe Organisation. Es scheint hier also doch Methode in dem Wahnsinn zu liegen. Kleine Nachrichten Auf eine Interpellation des Abgeordneten Grünbaum Im polnischen Sejm erteilte der polnische Unterrichtsminister eine Antwort, worin ausgesprochen wird, daß die Regierung die Exzesse gegen die Juden an den polnischen Universitäten entschieden verurteile. Der Minister hebt lähmend hervor, daß durch das energische Einschreiten der Behörden die Exzesse schnell unterdrückt wurden und erklärt, daß im Falle der Wiederholung derartiger unzulässiger Vorfälle die Regierung alle Mittel zum Schutze der Bürger ohne Unterschied der Religion und Nationalität ergreifen wird. Zur Feier des 100. Geburtstages von Baron Hirsch fand in Paris eine Kundgebung statt, auf der verschiedene Redner das Leben und Wirken des berühmten Philanthropen schilderlei!. Der Hauptredner war der Direktor der Ica, Louis Oungre. Dem Präsidium der Versammlung gehört# auch Leo Motzkin an. Die Zionistische Exekutive hatte ein Begrüßungstelegramm geschickt. In der Nacht zum 5. Januar ist auf dem israelitischen Friedhof in der Rentzelstraße in Hamburg eise schwere Grabschändung verübt worden. Ein Ordnungspolizist konnte einen 27jährigen Heizungsmonteur und einen 25jährigen Motorenschlosser aus Hamburg-Eimsbüttel, die beide Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei sind, festnehmen, als diese eben über die Mauer des Friedhofs kletterten. Der frühere Khedive von Aegypten, Abbas H JI m I, stattete der JewisJi Agency in Jerusalem einen Gegenbesuch ab. Er besuchte auch mehrere jüdische Kolonien, die Hebräische Universität und verschiedene andere jüdische Institutionen. Wer er war? Ein Mensch von noch nicht 24 Jahren; mit seinem Blick und seiner Gebärde, mit seiner Scheu und Widerborstigkeit noch ein Junge, aber von ungewöhnlicher Intelligenz, gepaart mit seltenem Scharfsinn und Können, angetrieben von der Unrast dessen, der das Gute in der Welt m jedem Augenblick von seinem eigenen Einsatz abhängig sieht. Das erzeugte in ihm die unzerbrechlich scheinende Energie, mit der er wirkte, auch wenn er tastend suchte, und die ihn zum Führer machte. Gerade in letzter Zeit schien sie den Uebergang zur Stetigkeit des reifen Zielwillens finden zu sollen. Was Walter Mecklenburg für die jüdische Jugendbeweung bedeutet hat, das ist dem Uneingeweihten mit wenigen Forten nicht darzustellen, die anderen hat seine Wirkung selbst erreicht. ״Kadimah“ beklagt in ihm den Führer, den rastlosen Dränger, das unbestechliche Gewissen, den verlaßliehen und selbstaufopfernden Helfer und Freund, den klugen Lenker. Die ״Schule der Jüdischen Jugend“ verliert einen ihrer Träger, einen, der sich ganz hergab und dessen Fähigkeiten den Einsatz entscheidend machten. Er setzte sich überall ein, schaffend, leitend, sorgend und kämpfend. Fordernd und kritisch war er gegen sich und andere, billige Auswege und bequeme Illusionen haßte er. Es gibt nicht viele solcher; und ganz selten nur mag diese Ehrlichkeit und Unerbittlichkeit sich mit den geistigen Fähigkeiten verbinden, die Walter Mecklenburg besaß. So ist mit ihm dem jüdischen Volk und der zionistischen Bewegung eine große Hoffnung verloren gegangen. Wo es mehr denn je auf jeden ankommt, mußten wir einen verlieren, der zum Führer berufen war. Sonntag haben wir ihn begraben. M. Spitzer. RU W Vorträge Jüdische Gegenwartsabende und Zeitaussprachen. Am 21. Dezember 1931 fand in der Aula der Jüdischen Mädchenmitteischule, Kaiserstraße, der dritte Ausspracheabend statt, an dem Rabb. Emil Bernhard-Cohn über das Problem d . r Geschlechter referierte. Der Saal war überfüllt und mußte lange vor Beginn des Vortrags gesperrt werden. Der Referent legte mit restloser Offenheit das ganze Geschlechtselend der Jungmenschen und Ehemenschen unserer Zeit dar. Er schilderte den Standpunkt früherer Generationen, vor allem das Keuschheitsideal der Kirche, und ging dann auf den heutigen individualistischen Standpunkt über, der vor allem und radikal durch den Bolschewismus vertreten wird. Man glaube, daß eine Wesensteilung des geschlechtlichen und geistigen Menschen möglich sei, das sei der tragische Irrtum. So werde das Problem zu einem Kulturproblem. Die heutige Einstellung des Jung- und Ehemenschen in der Frage des Sexualproblems stehe zweifellos unter dem Zeichen des Kulturuntergangs, der vom Individualismus und Materialismus seinen Ausgang genommen habe. Der Redner setzte dann Wert und Wesen des Geschlechtlichen irr der Weit des Judentums auseinander. Die jüdische Ehe sei nicht wie die kirchliche in Gott gebettet, wohl aber von Gott geadelt, aus dem privaten Recht ins Sittliehe, aus dem individuellen Leben ins Familiär-Nationale erhoben. Zum Schlüsse erklärte der Referent, die wichtigste Forderung sei die der Verantwortung und Selbstbewahrung für alle und für jeden. Für die Zeit der Vorehe sei möglichste Ueberwindung zu empfehlen, über diese hinaus aber die volle Lebensverantwortung für den Menschen, den man liebe,' zu fordern. Für die Ehe, sä leider mit der Geburtenkontrolle als mit etwas Unwiderruflichem zu rechnen, das Judentum, das den Weg vor. der Vielehe tur Einehe gefunden und auch in der Lösbarkeit der Ehe seine Elastizität erwiesen habe, werde auch mit diesem Problem fertig werden. Der Kampf für eine bessere utid gerechtere Wirtschaftsordnung sei auch eine Bemühung um die Frühehe. Vertrauen zur Führung der jüdischen Lehre, Verantwortung und Selbstbewahrung, das seien die Forderungen der Stunde für dieses brennendste aller Probleme. — Eine lebhafte Diskussion, an der sich vor allem die Jugend, kommunistische und nichtkommunistische, beteiligte, hielt die Anwesenden bis gegen Mitternacht zusammen. ״Die Juden In der deutschen Kultur". Im Rahmen der von der Jüdischen Gemeinde Berlin veranstalteten religiösen Vorträge sprach Georg Hermann am 3. Januar in der Synagoge Prinzregentenstraße über: ״Die Juden in der deutschen Kultur“. In einer Zeit, so führte der Redner aus, in der man den Juden jede positive Leistung abspricht, ist es nicht überflüssig, an den jüdischen Beitrag zur Kultur eindringlich zu erinnern. Heute wird der Jude nicht nur auf allen Gebieten zurückgedrängt, sondern es wird ihm auch sein Wert aberkannt. Dieser Wertaberkennung der Juden und des Judentums soll die jüdische Leistling in der Kultur, die Besonderheit dieser Leistung, entgegengestellt werden. L)er Jude begreift die Kultur gewordene Zivilisation so, daß jedes einzelne Individuum teilhaben soll an allem Hohen und Schönen. Hermann gab einen Ueberblick über die großen jüdischen Begabungen in Deutschland und Oesterreich auf dem Gebiete der Literatur, des Theaters, der Musik, der Kunst, der öffentlichen Wirtschaft und sagte, auch die Juden als Revolutionäre wollen nicht Zer- Störung, sondern sie wollen den Massen bessere Lebensbedingungen erkämpfen. Der Jude versteht es nicht, warum immer itn Kampf gegeneinander ein Ziel erstrebt werden soll, er will, daß alle Schulter an Schulter an der Kultur mitschaffen, um sie, das Geschenk des Lebens, immer reicher und schöner zu gesialten. Kultur schaffen, heißt Gottes Werk tun. — Leider war in dem Vortrag des liebenswerten Dichters, der viel interessantes, wenn auch nicht neues Material brachte, von einem Verständnis des Wesens der Judenfrage nichts zu finden. Unseres Erachtens ist mit Apologetik dieser antiquierten Art heute wenig Wirkung zu erzielen und es besteht die Gefahr, daß die — ausschließlich jüdischen — Zuhörer befriedigt nach Hause gehen, im Bewußtsein ihrer kulturellen Weltbedeutung, ohne zu ahnen, daß die J u d e n f r a g e mit all diesen schönen Dingen nichts zu tun hat. Wenn Georg Hermann darauf hinwies, vor dem Krieg, in der guten alten Zeit, seien die Juden in Deutschland ״volksmäßig völlig eingeordnet“ gewesen, so sollte ihn doch die spätere Entwicklung auf den Gedanken bringen, daß diese Einordnung eben doch nicht so vollkommen gewesen sein kann. Es war ein Schein- Zustand, dem man vielleicht nachtrauem kann, aber den als Normalzustand hinzustellen grausame Selbsttäuschung ist. Arbeitsnachweis. Junge Palästinenserin, perfekt englisch und hebräisch, sucht Stellung au pair zu Kindern in einem rituell geführten Haushalt. Meldungen sind zu richten an den Jüd. Arbeitsnachweis, Abt. für freie Berufe, Berlin SW 19, Lindnestr. 48/50, Tel.: Dönhoff 307/308. Stellenangebot. Wir sind in der Lage, einem üeartikel, Handschuhe und Strickwaren in einem Kaufhaus in einer großen Provinzstadt nachweisen zu können. In Betracht kommt nur eine erste Kraft. Ausführliche Bewerbungsschreiben werden weitergeleitet von der Zs V. f. D., Meinekestr. .10,