Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 99-100 (28.12.1931)
- Date
- 1931-12-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2653252-2653346--22744-2681008- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 582 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 09 100, 23. XIL 1931 Literatur-Blatt Jakob Fidimann Za seinem 50. Geburtslag Dieser Tage feierte der hebräische Dichter und Schrift- Steller Jakob Fichmann seinen 50. Geburtstag. Audi er gehört zu jener Gruppe״ die man einst a!s die ״Jungen“ Bezeichnete; daß diese Männer jetzt einer nach dem anderen Ihre 50. Geburtstage feiern und zum Teil schon in die Nähe des 60. rücken, zeigt, welchen Abschnitt der hebräischen Uteraturgeschichte — und dies bedeutet: der nationalen Bewegung — wir hinter uns haben. Solchen Gedanken gibt der Dichter Schaul Tsch ernichowski in seinem an Fichmann gerichteten ü ü ..;wünsch in der pa.ästinensischen Zeit- Schrift ״Mosnajim“ Ausdruck. Nicht a..e Träume jener Jugendzeit sind gereift, so schreibt Tschernichowski, aber doch wurde etwas Bedeutendes erreicht, und die literarischen Werke dieser Periode des hebräischen Aufschwungs sind aus unserer Entwicklung nicht wegzudenken. Fidimann nun ist eine wichtige Figur dieses Literaturabschnittes, da er nicht nur selbst durch viele gehaltvolle und formvollendete Gedichte die hebräische Lyrik bereichert hat, sondern weil er a.s liebevoller und feinsinniger Interpret diese ganze Entwicklung beg.eitet. Fichmann ist einer der besten literarischen Essayisten und Kritiker der modernen hebräischen Literatur, er hat zahlreiche Abhandlungen über einzelne hebräische Schriftsteller geschrieben, er hat_ aber auch eine unermüdliche ordnende, redigierende und pädagogische Tätigkeit entfaltet. Fichmann ist der geborene literarische Redakteur. Unzählige Samme.bücher und Chrestomathien sind von ihm mit größter Sachkunde und geschickter Hand zusammengesteilt worden, am bekanntesten dürf.e wohl bei allen hebräisch Lernenden sein mehrbändiges Lesebuch ״La sc hon Wesefer“ sein, das von der kindliehen Unterstufe bis zu dein reiferen Verständnis der mo- «Jemen hebräischen Literatur einführt. Wir erinnern ferner an das von ihm vor einigen Jahren im Auftrag des Keren Kajemeth herausgegebene Sammeibuch ״Sefer ha-arez“ (Das Buch des Landes), worin die schönsten literarischen Zeugnisse der Verbundenheit Israels mit Zion zusammengesteilt werden. Auch als Redakteur hebräischer Monatsschrif* ten hat Fichmann einen hervorragenden Platz. Die Jahrgänge der nach dem Krieg vom Hapoel Haza'ir in Tei-Awiw herausgegebenen Monatsschrift ״Maabaroth“ und der vorzügliehen Jugendzeitschrift ״Moledeth“ legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Fichmann, als dessen Lehrer man wohl — neben Berayczewski — vor allem David Frischmann nennen kann, hat auch eine bemerkenswerte Uebersetzertätigkeit entfaltet. Eine große Zahl klassischer deutscher Gedichte verdanken ihm ihre adäquate Einverleibung in die hebräische Literatur. Von größeren Arbeiten ist vor allem auf seine Uebersetzung von Hebbels ״Herodes und Mariamne“ und des Dänen Jacobson hinzuweisen. Fichmanns erste Gedicht- Sammlung ״Gibbolim“ (Samenkapseln) erschien 1911 in Warschau, von späteren Arbeiten ist seine Dichtung ״Ruth“ hervorzuheben. In dem seinem 50. Geburtstag gewidmeten Heft von ״Mosnajim“ veröffentlicht der Dichter selbst ein größeres Poem ״Davids Trauer“, Im übrigen bringt diese Nummer Würdigungen von Lachower, von Prof. Klausner, Rabbi Benjamin, TD. A. Friedmann, Schalom Streit u. a. Fichmann ist der Berliner hebräischen Gemeinde auch persönlich kein Fremder; er hat nach dem Kriege eine Zeitlang in Berlin gelebt Später hfdt er sich in Warschau auf, wo er Mittedakteur der ״Hatekufa“ war und auch sonst eine eifrige kulturelle Tätigkeit entfaltete. Auf der Höhe seines Lebens sieht er um sich ein Verarmtes und in seinen kulturellen Möglichkeiten eingeschränktes Judentum. Wir vereinigen uns mit allen Freunden des Dichters, mit allen Kreisen der hebräisch Lesenden und der Nationalgesinnten in dem Wunsche, der kein rein persönlicher ist, sondern der Sache gilt: daß Fichmanns literarische Produktion und erzieherische Tätigkeit auch weiterhin sich unvermindert entfalten und uns noch viel Wertvolles bescheren möge und daß er im Bewußtsein dieser Leistung Befriedigung und Mut zur Weiterarbeit finde. Saxa loquuntur Ausgrabungen im Orten! Im Zeitalter der modernen Wissenschaft sind bekanntlich die literarischen Berichte über Vorgänge der alten Zeit, besonders wenn sie die Form von Wundergeschichten oder mythischen Ueberlieferungen hatten, als unhistorisch angezweifelt worden. Vor adem die Erzählungen der Bibel mußten sich alle möglichen Deutungen gefallen lassen. Erst die Archäologie hat allmählich viele dieser übertriebenen Konstruktionen wieder korrigiert Man hat vielfach durch Ausgrabungen, durch Entzifferung alter Inschriften usw. die biblische Darstellung bestätigt gefunden und auch die protestantische Bibelwissenschaft, die aus der Literaturkritik weitgehende historische Folgerungen ableiten wollte, mußte viele ihrer Hypothesen später in konservativem Sinne revidieren. Eine große Rolle spielt bei der Aufhellung der vorderasiatischen Geschichte die Frage der Beziehungen Aegyptens zu Palästina. In dieser Hinsicht waren die Ausgrabungen des berühmten Archäologen Fiiaders Petrie von großer Bedeutung. Dieser Gelehrte hat sich soeben im Alter von 80 Jahren wieder nach Palästina begeben, er hat in der Nähe von Gaza, bei Teil ei Adschul, eine Stadt aus der Bronze-Zeit ausgegraben, die etwa im Jahre 2000 v. Chr. verlassen und seither nicht mehr bewohnt wurde. Flinders Petrie glaubt, daß diese Funde von größter kulturhistorischer Bedeutung sind und will die begonnenen Arbeiten jetzt fortsetzen. Ueberhaupt sind die letzten Jahre überaus reich an Ergebnissen der archäologischen Forschung gewesen. Berichte darüber drangen von Zeit zu Zeit in die Oeffentlichkeit, die Zeitungen und Einzelpubiikationen brachten Mitteilungen, in jüdischen Kreisen sind z. B. die wichtigen Arbeiten der Hebräischen Universität Jerusalem, deren Archäolöge Dr. Sukenik auch in Europa mehrere Vorträge hielt, bekannt geworden. Aber eine zusammenfassende Auswertung fehlt noch. Für ein Spezialgebiet liefert jetzt der frühere Direktor des archäologischen Departments der Palästina-Regierung, Professor John Garstang, eine außerordentlich beachtenswerte Bearbeitung. Sein Buch heißt: ״The Foun* dation6 of Blble History. Joshua/Judges“ (By John Garstang. London, Constable & Co., 1931, 20 sh.). Es ist also die Zeit des Beginns der jüdischen Volksgeschichte, die Zeit der Eroberung des Landes, der Stämme, der Volkswerdung. Garstang hat sieben Jahre lang amtlich in Palästina gearbeitet und nach seinem Rücktritt 1928 die Arbeiten fortgesetzt, er rüstet gerade jetzt eine neue Expedition aus. Er hat 1028 jeden aus den biblischen Büchern Josua und Richter feststellbaren Ort besucht, bei den Städten Jericho, Ai und Hazor gründliche Grabungen vorgenommen, und das Resultat legt er nun vor; Es ist eine volle Bestitigung des biblischen Berichtes. ״Der Autor ist uberzeugt, daß diese Berichte nicht nur auf Tatsachen beruhen, sondern daß s׳e auf ältere Schriften zurückgehea müssen, die fast gleichzeitig mit den beschri'e« benen Vorgängen abgefaßt wurden, so detailliert und zuverlässig ist ihre Darstellung.“ Garstang geht von der üblichen Bibelkritik aus und an erkennt als a.te Bestandteile des Textes nur die Quellschriften J und E bzw. JE, ohne jedoch P und D als unhistorisch abzutun. An Hand des so konstruierten Textes prüft er dann jeden einzelnen Vers, vergleicht die Ergebnisse der Grabungen und rekonstruiert auf diese Weise die ganze Geschichte der vielfältigen Wanderungen und Kämpfe, an der Hand der Geographie Palästinas. Es entsteht ein überaus fesselndes und reich bewegtes Buch, die Ereignisse der Vergangenheit gewinnen in dem Rahmen des heute vor uns liegenden Landes neues Leben, die Politik des alten Orients und In seiner Mitte das israelitische Schicksal bieten sich in abgerundeter Form dem Verständnis dar. Natürlich bleiben auch da noch Hypothesen, aber im allgemeinen schließt sich das Bild ungezwungen zu einer Einheit, und wenn sich so die alten Berichte als wahrscheinlich und g,aub..ü;dig erweisen, besteht kein Grund, die Schlüsse» anzuzweifein. Es ist nicht möglich, an dieser Stelle auf Einzelheiten einzugehen. Aber was wir sagen wollen, ist dies: Das mit einer Fülle von Tafeln, Karten, Bildern ausgestattete Buch ist geeignet, die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen: wie ein Tag erscheint die Zeit seit aem Marsche Josuas und den Kämpfen der Richter, die wohlbekannte Landschaft liegt vor uns als historischer Boden, wir fühlen: das Schicksal Israels ist für immer mit diesem Boden verknüpft. Insofern hat dieses Buch vielleicht auch einen ״politischen“ Sinn in einer Zeit, wo die unlösbare Beziehung der Juden zu dem Land auch der Regierung, in der Mr. Richmond der Nachfolger Garstangs gewesen ist, nicht immer bewußt zu sein scheint. Wir stehen heute mitten in der Erweiterung unseres Bildes von der Weit des alten Orients. Palästina liegt zwischen Aegypten und Mesopotamien und ist mit beiden Ländern auf das engste schicksalhaft verbunden, seit Abrahams, Josefs und Moses Zeiten. Die neuen Ausgrabungen in Aegypten sind sehr populär geworden; weniger bekannt ist die Tatsache, daß auf dem Boden Mesopotamiens in den letzten Jahren ungeahnte Schätze zutage gefördert wurden. Diese Ausgrabungen, über die z. B. die Londoner ״Times“ seit Jahren regelmäßige ausführliche Bildberichte bringt, stehen insofern in direkter Beziehung zur jüdischen Geschichte, als der Ort der Funde kein anderer ist als U r, die Heimatsstadt Abrahams, wo an ihn die Aufforderung ״Lech lechah“, der Befehl ״Geh in das Land, das ich dir zeigen werde“, erging. Der Leiter der vom Britischen Museum gemeinsam mit der Universität von Pennsylvanien veranstalteten Expedition, Prof. C. L. Woolley, hat über die vorläufigen Ergebnisse in einem Buch berichtet, das in deutscher Uebersetzung vorliegt: ״U r und die Sintflut“ (mit 92 Abb., Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig, 8 M.). Die verblüffendste Schlußfolgerung, zu der Woolley gelangt, ist der Nachweis einer Kultur, die noch vor der ״Sintflut“ liegt, etwa im Jahre 3200 v. Chr. Die große Flut ist demnach, wenigstens in diesem Gebiet, ein historisches Ereignis gewesen und der mit babylonischen Quellen übereinstimmende biblische Bericht würde also auch in diesem Punkt bestätigt. Was aber in den Königsgräbent von Ur an Geräten, an Kunstwerken und anderen Gegenständen gefunden wurde, hat die ganze Auffassung der Entstehung menschlicher Kulhir von Grund auf -umgeat&ttet. Die Kunstwerke, Bildwerke, Statuen, Köpfe, Schmuckgegenstände usw., die auf den 92• Tafeln dieses Buches abgebildet sind, sind zum Teil von einer ganz unwahrscheinlich anmutenden Schönheit; ebenso wie die ägyptischen Funde vertreiben sie allen Hochmut des modernen Fortschritts-Menschen und zeigen, daß die künstlerische Begabung des Menschengeistes nicht mit der Zeit vorwärts schreitet. Die Berichte von Woolley, dessen Arbeiten noch nicht abgeschlossen sind, werden für die Erkenntnis des Vorderen Orients als Wiege unserer Kultur von größter Bedeutung sein, und daher wird das spannend geschriebene Buch das leidenschaftliche Interesse aller Gebildeten finden. Aehnliche Resultate wie Woolley fand Max Freiherr von Oppenheim bei seinen Grabungen etwas weiternördlieh. Daher ist gerade als Ergänzung zu Woolley sein überaus fesselndes Buch ״Der Teil H a l a f“ (mit 131 Abb., Leipzig, F. A. Brocknaus. 12 M.) zu empfehlen. Freiherr von Oppenheim hat, nachdem er viele Jahre den ganzen arabischen Orient durchstreift und mit den Beduinen gelebt hatte, im Jahre 1899 die Schätze des Teil Halaf bei einem Tschetschen-Dorfe Ras el Ain am Chabur-Fluß entdeckt und etwa zehn Jahre später die Grabungen offiziell begonnen, die dann durch den krieg unterbrochen wurden. Manche zio* nistische Palistinareisende werden sich noch erinnern, im März 1929 an Bord der ״Carnaro“ auf der Reise Triest—Jaffa mit einem Teil der Oppenheim-Expedition zusammen gereist zu sein und dabei so manches von dem abenteuerlichen Leben und Werk dieser Pioniere der Forschung erfahren zu haben. Diese Erinnerungen werden jetzt aufgefrischt und ergänzt, wenn man mit Bewunderung Oppenheims Buch in Händen hält. Oppenheim stellt fest, daß neben der ägyptischen, und babylonischen Kultur die große ״subaräisch e“ Kultur bestanden hat, die bis ins 4! Jahrtausend v. Chr. nachzuweisen ist. Die bisherige Bezeichnung ״hettisch“ ist abzulehnen, denn die indogermanischen Hettiter sind erst um das Jahr 2000 v. Chr. eingewandert. Die Juden hält Oppenheim für eine Mischrasse aus ״Subaräern“ und Semiten. Während in den ägyptischen und Urer Königsgräbera vor allem Goldarbeiten und Schmuckstücke gefunden wurden, lieferte der Teil Halat die herrlichsten Steinmonumente, Reliefplatten, Statuen — wohl die ältesten bisher bekannten Denkmäler dieser Art. Kunstkrisch und historisch ist die Ausbeute unermeßlich. Aber darüber hinaus sei noch des eigenartigen menschlichen Reizes gedacht, der sich für den Leser aus der Schilderung des abenteuerreichen Gelehrtenlebens des Verfassers bei der Durchführung seines Lebenswerkes ergibt. Die vorliegenden Publikationen betreffen zweifellos nur einen Teil dessen, was in den fetzten zehn Jahren entdeckt wurde. Die Steine haben begonnen zu reden. Wir Juden, die — nach Schmarja Levins Wort — alle Jahrhunderte Geschichte seit Abraham in uns tragen, empfinden diese Auf- Heilung alter Zeiten geradezu als eigene Sache. Darum werden wir auch die Fortsetzung dieser Arbeiten mit Aufmerksamkeit verfolgen. B'alik kommt nach Berlin. Am 6. und 7. Januar wird Ch. N. Bialik in Berlin sein, nachdem er eine sehr erfolgreiche Tournee durch Osteuropa beendet hat. Am 6. Januar spricht Bialik in einem öffentlichen Vortrag im Bachsaal über: ״Zwischenbilanz“. Die Berliner Zionistische Vereingung und die Ortsgruppe Berlin der Brith Iwrith Olamith veranstalten zu Ehren von Bialik einen Empfangsabend am Donnerstag, dem 7. Januar, in den Räumen der Loge, Kleiststr. 10. Karten zu diesem Abend sind nur im Vorverkauf im Büro der B. Z. V., Meinekestr, 10 (Tel.: Bismarck J 1, 7165), erhältlich. BGchersdimi Nachkriegs •Romane - Ludwig Wind er, ein jüdlscher Dichter tschechoslowakischer Herkunft, wurde zuerst bekannt durch seinen jüdischen Kleinstadt-Roman ״Die jüdische Orgel“, der schon bemerkenswerte Talente erwies. Später schrieb er ״Die nachgeholten Freuden“ (Ullstein), und jetzt überrascht er uns mit einem erschütternden Buch Dr. Muff (Bruno Cassirer Verlag Berlin, 4 M.). Dieser Dr. Muff, eine wahrhaft tragische Figur von bewegter Innerlichkeit, steht dem selbstsicheren Tatmenschen, dem ״Wirtschaftsführer“ Garban gegenüber, dem der Sinn und die würde des menschlichen Daseins nicht zum Problem werden. Muff aber geht an seinen Versuchen, durch Liebe und Aufopferung zu erlösen und erlöst zu werden, zugrunde. Sein Schicksal sind zwei Frauen, die ihn enttäuschen, — er endet durch Selbstmord. — Durch Selbstmord endet auch, aus ähnlicher Verzweiflung am Leben, nach Erfahrungen und Erlebnissen von kläglicher Gemeinheit und sinnloser Ausschweifung Fabian in Erich Kistners geworden als durch seine satirischen Gedichte und ‘Couplets. Dieser sein erster Roman zeigt die Stadt Berlin im orgiastischen Taumel einer schrankenlosen Genußsucht der Nachkriegszeit, ein wahrhaft höllisches Bild, die ״Geschichte eines Moralisten“, der diese Welt nicht versteht und in dessen Herz die Sehnsucht nach Menschlichkeit wach ist, die an manchen Stellen des Buches In zarter Bewegung aufblitzt. — Im Grenzgebiet zwischen Humor und Ernst wird in immer neuen modernen Einkleidungen das alte Problem des Unrechts im Recht, des durch die Verstrickung in die gefühllose Lebensmaschine Schuldigim Sinne der bürgerlichen Moral triumphiert Ein soicher'Fall im ~ halb jüdischen — Nachkriegs-Berlin wird in Hermann Kestens Roman ״Glückliche Menschen“ (Gustav Kiepenheuer Verlag) in wirbelndem Tempo und mit funkelnder Brillanz der Sprache erzählt; auch dieser Roman, der den Leser in unlösbarem Bann hält, läßt die Zerrüttung des Lebens und Menschentums durch Krieg und Inflation erschütternd empfinden. — Schließlich sei der ergreifende Roman eines andereu jüdischen Dichters, Hans Sochaczewers, ״Die Untat“ (Gustav Kiepenheuer Verlag Berlin) genannt, die Schilderung des Lebens eines aus dem Krieg in die verarmte, eng und fremd gewordene Heimat zurückkenrenden einfachen Mannes, der nach merkwürdigen Erlebnissen schließlich selbst von dunklen Trieben überwältigt, zum Verbrecher wird. Die Umgebung der Nachkriegswelt ist neu, aber die Menschen selbst, ihr Lieben und Leiden, die Gewalt ihrer Triebe und die suchende Ohnmacht ihres Ethos — diese dichterischen Motive sind alt, greifen stets ans Herz, sind eben zeitlos wie alle Kunst und alle Probleme der Menschenseele. 1. Franz Oppenheimer hat seinem großartigen ״System der Soziologie“ einen vierten Band hinzuzufügen begönnen, der nichts Geringeres unternimmt als den ״Abriß einer Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europas von der Völkerwanderung bis zur Gegenwart“. Die erste Abteilung ״Rom und d 1 e G e r m a n e n“ ist kürzlich erschienen (Verlag von Gustav Eischer, Jena. J6 M.). Dieser historische Teil des Werkes, der sich an den systematischen ergänzend anschÜeSt, soll den Beweis für die Richtigkeit der Oppenheimerschen Grundthese erbringen, daß der Staat nicht auf organisch-ökonomischem Wege, sondern durch das ״politische Mittel“ der Unterwerfung eines Stammes durch einen anderen entstanden ist und sich das Großeigentum nicht kraft natürlicher Begabungsditferenzen durch ״ursprüngliche Akkumulation“, sondern kraft des Schwertes und der Gewalt, bei späterer ״Agglomeration“, und die dann geschaffenen VermÖgenskerne gebildet hat. Oppenheimer gibt nun eine Geschichte der ganzen menschlichen Gesellschaft von der Urzeit, er zeigt die Entwicklung der einzelnen Wirtschafts- und Gesellschaftsstufen vom JIgertum und ersten primitiven Ackerbau zu höheren Formen, die dann die frühe Geschichte Europas charakterisieren. In dem Abschnitt über ״Rassen und Völker“ beschäftigt er sich auch mit dem Rassencharakter der Juden und beleuchtet die Phänomene der rassischen Assimilation und Blutmischung, die sich zwischen Juden und umgebenden Völkern stets vollzogen hat, besonders stark in bestimmten Geschichtsmomenten. Schließlich entwirft er ein Bild der Lebensform der Germanen und schildert deren Zusammenprall mit der spätrömischen Hochkultur, die in ihrem Verfallszustand nicht mehr standhalten konnte. Oppenheimer, der sich auf die Forschungsergebnisse anderer Fachwissenschattier stützt und deren Material freimütig verwertet, ist es nicht um Details zu tun, sondern er weiß, daß es heute mehr denn je auf eine Gesa mtschau ankommt, die nur der Systematiker zu geben vermag. Möge dieser jüdische Gelehrte, der uns erst kürzlich mit sprudelndem Temperament und Laune seine Lebensgeschichte erzählt hat (״Erlebtes, Erstrebtes, Erreichtes“, Weltverlag Berlin, s. ״J. R.“ Nr. 83),in Palästina, wo er sich gegenwärtig aufhält, die Muße und Möglichkeit zur Fortsetzung des großen Werkes finden, dessen weiteren Teilen man mit freudiger Erwartung entgegensehen muß. sch. J. G. Droysen, Geschichte Alexanders des Großen. Herausgegeben von Helmut Berve, Alfred Kröner Verlag, Leipzig. 4 M. In unserer Zeit, wo die Beherrschung des Landwegs nach Indien ein Hauptproblem der Weltpolliik geworden ist, kommt ein Buch gelegen, das den ersten Indien-Zug der abendländdsehen Geschichte behandelt. Dieser Weg führt über Palästina, und bekanntlich ist auch Alexander von Syrien durch Palästina nach Aegypten und von hier zurück wieder über Palästina nach Mesopotamien gezogen. Er hat bei allem Willen zur Herrschaft und Einheit die Eigenart jedes Volkes respektiert, soll auch in Jerusalem dem Hohepriester die Ehrenbezeugung erwiesen haben (S. 193) und ist bekanntlich in die jüdisene Legende eingegangen. Das Zeitalter Alexanders, aas Droysen mit großer Liebe für seinen Helden in seinem packenden klassischen Geschichtsbild schildert, war für die jüdische Entwicklung von unabsehbaren Folgen. Die aus griechischen und asiatischen Elementen entstandene ״hellenistische“ Kultur wirkte anregend auch auf den jüdischen Geist, und hat später den Boden für das Christentum abgegeben. Die Geschichte dieses gewaltigen vorderasiatischen Imperiums geht uns darum unmittelbar an. Viele werden dankbar zu diesem neuen Band von Kröners bewährter Taschenausgabe greifen. 6. Neue Broschüren. Im Rahmen der von der Studentenverbin düng ״Barissia“, Prag, herausgegebenen Schriftenreihe erscheinen demnächst zwei neue Broschüren, und zwar Nr. 6 ״Die Araberfrage“ von Dr. Hugo Hermann, Brünn, und Nr. 7 ״Marxismus und Zionismus“ von Dr. Ludwig Klein, Erfurt,