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Jüdische Rundschau · 1931-12-15 · Heft 97 (15.12.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 97 (15.12.1931)
Date
1931-12-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 97, 15. XII. 1931 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 571 Zionismus in Berlin Von Dr. Willy Schön, Vorsitzender der B. Z. V. ln der Großstadt Berlin ist es schwer, sich einen genauen Ueberblick über das zionistische Leben zu machen, während in anderen kleineren Ortsgruppen die Erfassung und die Organisierung von Zionisten eine relativ leichte ist, stößt die zionistische Arbeit in der Weltstadt auf große Schwierigkeiten. Wenn wir uns Anhaltspunkte nehmen wollen, so müssen wir wohl auf die letzten Wahlen zur Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde zurückgreifen, wo die Liste der Jüdischen Volkspartei und die Liste der Poale Zion ca, 28 000 Stimmen auf sich vereinen konnten. Es ist der zionistischen Arbeit in Berlin nicht im entferntesten gelungen, auch nur eine annähernd so große Zahl von Zionisten organisatorisch zu erfassen. Nur der geringste Teil dieser Wählerschaft steht in den Reihen der zionistischen Organisation, und auch die zionistische Organisation, deren Ortsgruppe ja die Berliner Zionistische Vereinigung ist, erfaßt wiederum nur einen Teil, weil das zionistische Leben in der Großstadt Berlin nicht identisch ist mit der B. Z. V. Es läßt sich aber feststellen, daß das zionistische Leben in Berlin in den letzten zwei Jahren sehr viel reger geworden ist. Es sind nicht so sehr die politischen Parteien, die ja eigentlich nur kurz vor dem Delegiertentag und kurz vor dem Kongreß zu einem Leben erwachen, sondern es sind die zionistischen Vereine, Verbände, kulturellen Institutionen und insbesondere die Jugendverbände, die Zionisten um sich scharen. Besonders ist es dem Bar Kochba gelungen, zu erstarken, wobei zu betonen ist, daß er auch um eine erzieherische Arbeit bemüht ist. Was die Berliner Zionistische Vereinigung betrifft, so ist sie seit einem Jahr bemüht, ihre Bezirksgruppen neu aufzubauen. Es hatte sich herausgestellt, daß die alten Bezirksgruppen geographisch zu umfangreiche Gebiete umfaßten, so daß man durch Gründung kleinerer Gruppen neue Wege zur Tätigkeit erfolgreich beschrift. Es sind bei dem jetzigen Aufbau Erfolge zu verzeichnen, die zu weiterer Arbeit ermutigen, wenn auch die Schwierigkeiten besonders in heutiger Zeit nicht verkannt werden sollen. Wenn es auch aus inneren Entwicklungsgründen der zionistischen Bewegung nicht gelingen kann, alles zionistische Geschehen in die Bezirksgruppen zu verlegen, so muß doch die Berliner Zionistische Vereinigung die Zentrale für die gesamte organisatorische Arbeit sein, damit der heute bestehenden Dezentralisierung ein Ende bereitet wird. Die zionistische Stadtkonferenz Berlin, die Anfang Januar 1932 tagen wird, soll die erste Etappe auf diesem Wege sein. An dieser Tagung sollen die Vorstände und wichtigen Mitarbeiter aller zionistischen Gruppen zusammenkommen, um das Gemeinsame zionistischer Arbeit in Berlin sorgfältig zu beraten. Es kommt selten vor, daß die Zionisten Berlins in ihrer Gesamtheit einen besonderen Impuls empfangen, so daß man die gemeinsamen Energien, die in allen Verbänden und Gruppierungen schlummern, verspürt. Diese zionistischen Energien sollen bei der Stadtkonferenz in Erscheinung treten, wobei als Auftakt für die Konferenz eine große öffentliche Versammlung am Abend vorher gedacht ist. In dieser öffentlichen Versammlung wird das Mitglied der Londoner Exekutive, Berl Locker, sprechen, der auch das erste Referat auf der Stadtkonferenz über organisatorische und propagandistische Fragen der Weltorganisation halten wird Die Stadtkonferenz wird dann ein Referat ״Der Zionismus in Berlin" haben, wo die geleistete und die zu leistende Arbeit dargestellt werden soll. Nach einer gründlichen gut vorberetteten Aussprache wird dann die Stadtkonferenz zu organisatorlschen Beschlüssen zu kommen haben, die in der Richtung einer Koordinierung und Systematisierung der Arbeit zu gehen haben. Es kommt alles darauf an, daß es in Berlin gelingt, unsere Front zu stärken und die vielen Energien, die für die zionistische Arbeit in dieser Großstadt wirklich aufgebracht werden, am nutzbringendsten zu verwerten. Wir wissen, daß es dabei notwendig sein wird, um des Gesamtzionismus in Berlin willen manchmal eigene kleinere Gruppenwünsche zurückzustellen. Es gibt aber bei uns noch den Glauben an die höhere zionistische Verantwortung. Die Stadtkonferenz soll den Arbeitswillen und die Arbeitsfreude der Zionisten Berlins erhöhen und den Arbeitsaufwand in die rechten Bahnen lenken, damit der Effekt ein guter und echter ist Offizielle Ergebnisse der Volkszählung Jerusalem, 11. Dezember. (J.T. A.) Soeben wurden die folgenden provisorischen Ergebnisse der vor kurzem in Palästina durchgeführten Volkszählung offiziell bekanntgegeben: Die Gesamtbevölkerung Palästinas besteht aus 1035154 Seelen, davon sind 759952 Moslems, 175 006 Juden, 90 607 Christen und 9589 Angehörige anderer Konfessionen, unter ihnen etwa rund 8000 Drusen und etwa 1000 Personen, die sich als ״Agnostiker“ bezeichnen. Unter diesen 1000 ״Agnostikern“ sind etwa 600 Juden. Die Ziffer 175 006 ist nicht die Gesamt- Ziffer der jüdischen Bevölkerung Palästinas, da sich die Revlsionisten an der Volkszählung nicht beteiligten. Die Volkszählung im Jahre 1922 ergab eine palästinensische Gesamtbevölkerung von 757182 Seelen, davon waren 590 890 Moslems, 83 794 Juden, 73 024 Christen und 7028 Drusen, Die Zahl der Juden hat sich also um mehr als 91 000, die der Moslems um über 169 000, die der Christen um über 27 000 erhöht. ״Zur innerjüdischen Auseinandersetzung.“ in unserer Veröffentlichung in Nr. 92 der ״Jüdischen Rundschau“ haben wir auf einen Bericht des Duisburger Gemeindeblattes über eine C-V.-Veranstaltung aufmerksam gemacht, auf der der Redner des Abends, C.-V.-Syndikus Plaut, ungefähr gesagt haben soll, die Verwandlung der Liebe zur Heimat in ״Gleichgültigkeit und in Haß“ entspreche dem Zionismus. Herr Dr. Plaut sendet uns nun eine Berichtigung, die er dem Duisburger Gemeindeblatt eingeschickt hat und aus der hervorgeht, daß er die zitierte Aeußerung nicht in der vom Duisburger Gemeindeblatt veröffentlichten Form getan hat. Er habe nur gesagt, daß ״diese Verflochtenheit mit der Heimat für uns (sc, die Gruppe des Redners) einerseits _ die Hingabe an hemmungslosen Kosmopolitismus, andererseits das Bekenntnis zu zionistischen Gedankengängen ausschließe“, Dr. Plaut schreibt weiter: ״Eine Identifizierung des Zionismus mit Gleichgültigkeit oder Haß gegen Deutschland ist von mir auch nicht andeutungsweise ausgesprochen worden, um so weniger, als ich die mir zugeschriebene Ansicht über den Zionismus, den ich ablehne, aber respektiere, keineswegsheg e.“ Wir freuen uns, daß die Veröffentlichung der ״Jüdischen Rundschau“ die Wirkung gehabt hat, Dr. Plaut zu einer Berichtigung zu veranlassen. Wir möchten daran nur den Wunsch knüpfen, daß in so heiklen Fragen künftig auch von C.-V.-Rednem so deutlieh gesprochen wird, daß ein Mißverständnis, wie es 1n Duisbürg offenbar einem grollen Teil der Hörer unterlaufen sein muß, ausgeschlossen ■wird! Bücherschaii Eia jfldisches lesebnch Als erste Veröffentlichung des neu gegründeten Schocken-Verlages, Berlin, erschien soeben das Buch ״Sendung und Schicksal“ (Aus dem Schrifttum des nachbiblischen Judentums, mitgeteilt von Nahum Norbert Gl atz er und Ludwig Strauß), Die Vorgeschichte dieses Buches führt zurück auf den ״Ausschuß für jüdische Kulturarbeit“ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, der 1926 vom Delegiertentag in Erfurt unter dem Vorsitz von Herrn Salman Schocken eingesetzt worden war. Herr Schocken hat nach Auflösung dieses Ausschusses die angefangene Arbeit fortgeführt und nunmehr das fertiggestellte Werk im eigenen Verlag erscheinen lassen־ Uebe? die Absichten des Buches unterrichtet am besten der folgende Absatz des Geleitwortes: ״Die Folge jüdischer Lesetexte, die unser Buch darbietet, erhebt keinen Anspruch auf systematische Vollständigkeit. Wir waren bemüht, aus der kaum übersehbaren Fülle der Literatur Proben auszuwählen, die jede als ein Ganzes für sich bestehen können und die den heutigen Leser ,ansprechen‘, das Wort im ursprünglichen Sinne verstanden: also keineswegs nur solche, in denen unser Leser, der deutsche Jude von heute und morgen, der junge Jude insbesondere, seine Haltung und Meinung bestätigt findet, sondern nicht minder solche, die ihm widepsprechen, — wenn sie nur wirklich zu ihm sprechen, ihn angehen. Sein inneres Gespräch mit dem Geist und den Geistern jüdischer Ueberlieferung soll hier angeregt werden, ob seine Erwiderung auf die Ansprache nun Zustimmung, Widerspruch oder Frage sein mag. Gelingt es nur, ihn in lebendiges Gespräch mit den Stimmen, die hier reden, zu führen, so haben wir das unsere getan; das weitere, die Vertiefung des Gesprächs durch Studium der Quellen, die Auswirkung des Gesprächs in der Formung seines Lebens muß ihm und der Zeit überlassen bleiben." Das Buch enthält eine große Anzahl von sorgfältig ausgewählten Stellen aus Midrasch und Talmud, aus dem Sohar und der mittelalterlichen jüdisch-philosophischen und poetischen Literatur, historische Abschnitte aus Josephus, Abschnitte aus mittelalterlicher Memoiren-Literatur, kabbalistische und chassidische Texte usw. Die Anordnung des Stoffes erfolgte höchst sinnvoll in sachlicher Gliederung, und das Ganze enthält einen den Außenseiter sicherlich verblüffenden Reichtum, aber auch für den gut Beschlagenen eine Fülle von Belehrung und Erbauung (das Wort im besten Sinne gebraucht). Besonders zu rühmen ist die Debertragung, die nach den Prinzipien der Buber-Rosenzweigschen Uebersetzungslehre vorgenommen wurde und von dem Geist des Originals wirklich eine Ahnung zu vermitteln vermag. Hervorzuheben ist auch die Schönheit der Ausstattung und Druckanordnung. Man kann wohl ohne Uebertreibung sagen, daß dieses Buch, das noch eine eingehendere Würdigung erfordert, nach Inhalt und Form das schönste jüdische Buch ist, das seit vielen Jahren erschienen ist. Es sollte als wirkliches ״Lesebuch“ in jedes jüdische Haus Eingang finden, zumal der Preis von M. 5,50 in Anbetracht der Vornehmheit der Ausstattung als sehr niedrig bezeichnet werden muß. Kaiserwetter. Roman von KarIJakobHirsch. S. Fischer Verlag, Berlin. Karl Jakob Hirsch, der bekannte Maler, dessen Dekoratiouen zur Reinhardtschen Penthesilea-Aufführung noch vielen unter uns lebendig im Gedächtnis sind, legte Pinsel und Palette beiseite und malt nun mit Feder und Tinte ein Bild des deutsehen Alltags und Feiertags — wenn das ,,Kaiserwetter“ strahlt — in einer aufstrebenden Mittelstadt, die doch noch manchen Kleinstadtzug bewahrt hat. Und wirklich — auch mit den Mitteln der neuen Kunst gelingen ihm Bilder voll Farbe und Leben. Der Gegensatz zwischen dem Hause des jüdischen Rechtsanwalts und seinem verfeinerten schwächlichen Söhnchen und dem Hause des Briefträgers und seinem derben Sprößling ist vielleicht nicht eben neu, aber doch scharf gesehen. Manchmal, wie etwa bei der prächtigen Gestalt des ״Knabenlehrers Jünger“, mag eigene Erinnerung die Hand geführt haben ,. . was bestimmt kein Schade ist. Einmal erhebt sich die photographische Treue der Kleinstadtbilder — die hie und da an jene altmodischen Familienbilder erinnern, die man früher auf dem ״Bort“ über dem Sofa in der Guten Stube fand — zur Satire: bei der Schilderung des Kaiserbesuches und der tief inneren Beglückung, die den aufgeklärten jüdischen Rechtsanwalt erfüllt, aus es sich darum handelt, S. M. vorgestellt zu werden־ Und ein Bild aus der Fülle der Bilder erhebt sich zur Tragik. Der freisinnige Jude, der im Leben viel zu klug für die veralteten Sitten der Väter war, stirbt . .. und im Sterben verändert sich sein Gesicht und wird zum Antlitz seines Ahnherrn, des alten Rabbi aus Amsterdam, Da hörte man mit einem Male deutlich das Wort ״Echod ,.Es war das Letzte, was Samuel de Vries gesagt hatte s . . -bs, Jean Giono, Ernte. Roman. S. Fischer Verlag, Berlin. — Man darf vielleicht prophezeien, daß dieses Buch in Palästina geliebt werden und von Hand zu Hand gehen wird, wie es vor zehn Jahren mit Hamsuns ״Segen der Erde“ der Fall war, das von jüdischen Bauern in Nahalai als größte Offenbarung und als Seelenstärkung gepriesen wurde. Denn auch ״Ernte“ zeigt das Leben eines Kolonisten, der mit seiner unbändigen Kraft, zähem Willen und elementarer Erdnähe ein Stück widerstrebenden Brachlandes bezwingt, Wildnis zum Blühen und Fruchten bringt und schließlich das tiefe Glück des sein Werk überschauenden Schöpfers erlebt- In diesem Mann, Pantürl genannt, wirken dunkle zeugende Gewalten wie in der weiten Natur um ihn und in dem sehnsuchtsvollen Weib neben ihm, und durch seine Tat kommt Ordnung und Sinn in das Chaos, eine neue Welt entsteht« Er gewinnt den Kampf: ״eingewurzelt und säulenfest ragt er aus brauner Scholle“ — heißt es zum Schluß. Mensch und Boden, sie besiegen sich gegenseitig, vermählen sich, eine neue Stufe Menschentums beginnt, Und in welcher Sprache ist das erzählt! Die deutsche Uebersetzung von Ferdinand Hardeköpf ist ein seltenes Muster kongenialer Wiedergabe. Man sollte an eine hebräische Uebersetzung dieses Buches denken* I. Festschrift für Jacob Rosenhehn. Anläßlich seines 60. Oeburtstages wurde dem bekannten Führer der Agudas Jisroei von seinen Freunden eine Festschrift dargebracht, die eine Reihe von interessanten Arbeiten aus der Gedankenwelt des orthodoxen Judentums enthält. Das über 600 Seiten starke Buch, das im Verlag J. Kauffmann, Frankfurt a. M., erschienen ist (Preis RM. 12,50), zerfällt in einen hebräischen und einen deutschen Teil, Der hebräische Teil enthält u. a. Beiträge von Abraham Spitzer (Hamburg), sowie von einer Reihe von Rabbinern aus Polen und Litauen und anderen rabbinischen Persönlichkeiten. Aus dem Inhalt des deutschen Teiles erwähnen wir nachstehende Beiträge: Wohlgemut!!, ״Grundgedanken der Religionsphilosophie Max Senders“; Nathan Birnbaum, ״Religiöse Heimat und religiöse Heimkehr“; Carlebach, ״Moral und Politik“; Robert Weiß, ״Die zeitlose Lehre“; Pinkas Kohn, ״Politik in Gemeinde und Klall“; Esra Munk, ״Die Entwicklung der preußischen Synagogengemeinden“; Auerbach, ״Zur geistigen Struktur der deutschen Orthodoxie“; Klein, ״Rambam oder Maitnonides“; Unna, ״Rabbi Moses ben Nachman und Rabbi Senior Salmau aus Ladi“ y: a. Zeitschriften - Schau ״Der Ring“, eine konservative Wochenschrift von ernstem Streben und hohem Niveau, bringt (in ihrer Nr. 44) eine bemerkenswerte Auseinandersetzung mit der ״Weltbühne“ und ähnlichen Erzeugnissen des sog. ״Kulturbolschewismus“ (einer Bezeichnung, die der ״Ring“ ablehnt). Zunächst wird bezeichnenderweise ״die artistische Leistung“ der ״Wcltbühne“, die Eleganz und Lebendigkeit ihrer Darstellung hervorgehoben. Ihren Autoren gegenüber habe man nicht die Möglichkeit, ״sie zu erledigen durch den Hinweis auf ihr sprachliches Unvermögen, kurz auf ihr ,Gemauschel‘; die Peter Panter, Theobald Tiger — alias Tucholsky —, aber auch die Weinert und Kaminski, mauscheln höchstens in Aufregung; sonst schreiben sie ein Deutsch, das wir den nationalsozialistischen Pressechefs und Studienriten mit der Facultas für Germanistik wünschen möchten.“ Aber wichtiger als diese treffenden Sätze sind folgende prinzipielle Festeteilungen: ״Wir lehnen es ab, die von uns bekämpften Autoren als Juden zu diffamieren. Wir lehnen das nicht nur deswegen ab, weil wir die antisemitische Hetze als moralisch unsauber und politisch unklug verwerfen. Vielmehr glauben wir, den rassischen Einwand gegen die Autoren der ,Weltbühne‘ schon deswegen nicht erheben zu dürfen, weil ganz offenkundig ist, daß ihr Standpunkt jenseits aller Rassenkämpfe gewählt, auch von Angehörigen aller Rassen eingenommen wird, ein Standpunkt außerhalb jeder Verantwortung ist, und gerade diese Verantwortungslosigkeit, welche übrigens das Judentum seinen A n g e - hörigen nie verzeiht, auch das Objekt unserer Kritik ist.“ (Sperrungen von uns.) In einer Zeit, in der eine Skrupellose Hetze bemüht ist, die Gesamtheit der deutschen Juden als eine Bande von Schiebern und Demagogen hinzustellen, und jede Taktlosigkeit irgendeines Autors, der zum positiven Judentum meist gar keine Verbindung mehr hat, mit wahrer Wollust aufgreift, wird man diese Erklärungen des ״Rings“, ohne ihre Tragweite zu überschätzen, mit Freude zur Kenntnis nehmen. Darüber hinaus verdient übrigens die ganze Charakteristik, die der ״Ring“ der Beziehung jener Autoren zum Judentum angedeihen läßt, unsere volle Zustimmung, In der ״Zeitschrift für ausländisches öffentliches Recht“ (Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin), Bd. II, Nr. 3/4, veröffentlicht unser Gesinnungsgenosse Prof, Max Laserson, Riga, eine überaus instruktive Studie über das Minoritätenrecht der baltischen Staaten, Prof. Laserson, einer der besten Kenner der Materie, gibt einen Ueberblick über die Entstehung des Gedankens des Minoritätenrechtes und die verschiedenen Arten seiner Anwendung und bespricht dabei als geradezu klassischen Fall die Ausgestaltung des Miuoritätenrcchtes in den baltischen Staaten in den letzten zwölf Jahren, An mehreren Stellen wird dabei ausdrücklich auch auf die Stellung der jüdischen Minorität Bezug genommen und verschiedene verwaltungsrechtliche Fragen, die sich z. B. bei der Behandlung der jüdischen Sprachen (Jiddisch und Hebräisch) ergaben, erörtert. Für jeden Interessenten dieses für unsere Zeit so wichtigen Problems wird der Aufsatz von Prof־ Laserson eine wertvolle Bereicherung sei«. Kleine NaehrfcMen Das Oberste Gericht der Tschechoslowakei in Brünn tat in geheimer Verhandlung die Nichtigkeitsbeschwerde der Staatsanwaltschaft gegen den Freispruch des siebenfachen Judenmörders Karl Horak durch ein Prager Geschworenen* gericht geprüft und das freisprechende Urteil als rechtskräftig erklärt. Captain Erskine-Bolst (konservativ) richtete im Unterhaus an den Handelsminister Runciman die Frage, weiche Tote Meer-Produkte in diesem Jahre nach England eingeführt wurden und in welcher Menge. Runciman erwiderte: In den Monaten Mai bis Oktober 1931 wurden aus Palästina 2380 Zentner Bromin und Bromid eingeführt. In den ersten vier Monaten des laufenden Jahres wurden solche Importe nicht registriert. Im Festsaal des Stadthauses des IV. Pariser Bezirks fand der zweite Kongreß des französischen Landesverbandes der Internationalen Liga zur Bekämpfung des Antisemit i s m u s im Beisein von etwa 200 Delegierten aus ganz Frankreich statt. Der Kongreß fand seinen Abschluß mit einem glänzend verlaufenen Bankett, das vom ehemaligen Ministerpräsidenten Joseph Caillaux geleitet wurde. Das württembergische Judentum begeht jetzt die Hundertjahrfeier ihrer Gemeindeverfassung, Die Württembergische Gemeindezeitung vom 1« Dezember widmet dem lOOjährigen Jubiläum des Oberrates eine Festnummer. Das neue Wiener Studentenrecht■ Der Kampf um das Studentenrecht an der Wiener Universität ist in ein neues Stadium getreten. Rektorat und Unterrichtsverwaltung scheinen sich darin einig zu sein, die Institution von ״Studenten- Nationen“ einzuführen. Wäre diese Maßnahme im Geiste von Gerechtigkeit und Objektivität beschlossen worden, so ließe sich nichts dagegen einwenden, daß man den einzelnen Studenten an der Universität das Recht zugesteht, sich zu der Nation zu bekennen, zu der sie sich zugehörig fühlen. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Studentennation ist gleicherweise von objektiven Gegebenheiten und subjektiver Entscheidung abhängig. Für die zionistischen Studenten liegt bei der neuen Regelung der Fall ganz klar. Sie sind objektiv Juden und bekennen sich subjektiv zum jüdischen Volkstum. Bei den assimilierten Studenten jüdischer Abstammung ist die Sache nicht so «infach. Objektiv sind sie natürlich Juden, subjektiv bekennen sie sich jedoch zu anderen Nationalitäten. Ihre zwangsweise Eingliederung in «ine jüdische Studentennation empfinden sie als Unrecht. Das ist nichts anderes als ein Merkmal der anormalen Situation der jüdischen Gemeinschaft in der Diaspora. Theoretisch wäre der Grundsatz von Studentennationen akzeptabel, wenn damit nicht die böse Absicht Hand in Hand gehen würde, Bewertungen der einzelnen ״Nationen“ vorzunehmen und sie in bevorrechtete und minderberechtigte za scheiden. Schwierigkeiten einer jüdischen Gesellschaft. Die Aus- Wirkung der schweren Wirtschaftskrise, von der in den Ländern Osteuropas, insbesondere die Juden betroffen sind, machte sich auf die ״Cooperative Tool Supply Co.“, einer Gründung des ״Ort“-Verbandes, geltend. Die Tool Supply Co. hat die Aufgabe, jüdische Handwerker und Arbeiter mit Maschinen und Werkzeugen zu beliefern. Die Abnehmer konnten in der ersten Zeit die übernommenen auf lange Termine berechneten Zahlungsverpflichtungen erfüllen, blieben aber in der Folge mit ihren Ratenzahlungen im Rückstand, außerdem sind die regelmäßigen Beiträge aus Amerika ausgeblieben, Dadurch geriet die ״Cooperative Tool Supply Co.“ m Schwierigkeiten, da sie nicht imstande war, ihre Lieferanten zu befriedigen. Sie beantragte darum einen Vergleich und bot 40 °/0 an. Es ist bedauerlich, daß die allgemeine Wirtschafts■ krise auch gemeinnützige Institutionen in ihren Strudel zieht.

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