Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 96 (11.12.1931)
- Date
- 1931-12-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JHc amerikanischen Juden in der Wirtschaftskrise Einxclrmmmcr 0,2s Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jedenDienstag u •Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldenerk, vierteljährlich 5,75 Goldmaxk. AiiaUQdsabcämemmt» werdest in der Währung der einzelnen!,ander berechnet. <\n2eif׳«*nprets: 8 gesp, Nonp*r*illezetle 0,50 G-M Stellengesuche 0,25 G-M Redaktion, Verlag und Anreigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15. Memekestr.10. Telephon: J I Bismarck 7165-70. Pomchec k - Koni ent Berlin 17392, Baeel V 9355. Belgrad 68032, Brüssel 39433* Budapest 596 93. Dann* 1973. Haag 140470, Prag 59410. Riga 4155. Strasburg!6430. Warschau 190708, Wt«j t56O30 Bank Konten: Danpsrädter - und Nauonalbank, Depositen Kasse Berlin, Kuifürsteodamm 52; Rumänisch© Kreditbank, Cemauti (Rumänien); Angln Palästina» Co. in Haifa, Jerusalem, Tat -Aviv. Nummer 96 j Berlin, U. XII. 1931 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. א׳ הבח תרצ״ב | xxxvi. Jahr*. Der ziOHlsmu« erstrebt fttr da» Jüdische Volk die Schaffung >l!»r öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.“ Weizmann-Abend in London Die ״glänzendste Veranstaltung der englisdien Juderiheif* — Botschaften von MacDonald, Baldwin, Samuel, Henderson, Thomas, Ämery u. v« a* Nadi der NotverOrdnung Die Rede des Reichskanzlers Brüning, mit der er die Notwendigkeit der tief ins deutsche Wirtschaftsleben ein• schneidenden neuesten Notverordnung begründe! hat, wandte sich in ihrem politischen Teil mit großer Energie gegen die Versuche der Nationalsozialisten, auf Grund ihrer Wahlerfolge bereits heute sich als eine Art Nebenregierung in Deutschland aufzuspielen. Gegenüber allen Versuchen, die Regierung und d. h. vor allem: die Zentrums-Partei, zu einer Verbindung mit dem Nationalsozialismus zu drängen, betonte der Kanzler die Notwendigkeit, sich von der durch Wahl• erfolge geschaffenen Hypnose zu befreien und durch besonnene Realpolitik das deutsche Volk vor dem Chaos zt! behüten. Nach allem, was die Nationalsozialisten den Juden in Aussicht gestellt haben, kann man nicht erwarten, daß ein Eindringen des Nationalsozialismus in die Regierung den Juden oder irgendeiner jüdischen Gruppe willkommen wäre; aber die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist heute eine politische Frage ersten Ranges geworden, sie ist alles andere als eine ״jüdische“ Angelegenheit. Wir sehen vor uns das weltgeschichtliche Schauspiel des Ringens zweier Kräfte in dem schwer getroffenen Deutschland, und der Wunsch, daß es, wenn auch nach schweren Prüfungen, zur Rettung und nicht in bodenloses Unglück führe, ist kein ״jiidischer“. Nur die demagogische Entartung des öffentlichen Lebens konnte dazu führen, daß eine allzu schnell groß ge■ wordene Bewegung alles ihr Mißliebige oder Gegensätzliche als ״jüdisch“ bezeichnet. So hat auch der ״Völkische Beobachter“ prompt auf Brünings Rede reagiert, indem er die politische Tat dieses notorischerweise streng katholischen und!!!deutschen Mannes als Werk des ״jüdisch-marxistischen Einflusses“ bezeichnete. So will man den politischen Gegner diffamieren und gleichzeitig den Judenhaß steigern. Etwas ganz Absonderliches in dieser Beziehung leistete sich der ״Völkische Beobachter“ dieser Tage durch einen Angriff auf den deutschen Unterhändler in Basel, der bekanntlich überaus schwierige und delikate Verhandlungen für Deutschland durchzufütoren hat und sie mit Geschick und Würde führt. Man hat Dr. Melchior wohl kaum entsandt, weil er Jude ist, sondern wegen seiner persönlichen Eignung, obwohl er Jude ist. Nun erklärt der ״Völkische Beobachter“ seinen .jRgluwiMläick« gutgläubigen Lasern! ■ Melchior sei der Beauf- fragte des jüdischen Bankhauses Warburg, das ״unheilvoll verknüpft ist mit der Entstehungsgeschichte des Knechtschafts-Vertrages von Versailles“. Welches Resultat Dr. Melchior auch erzielen wird, man wird es einem ״großen Teil -rfast der Hälfte! — des deutschen Volkes so darstellen, daß dieser Jude die deutschen Interessen verkauft hat, um seinem eigenen Bankhaus zu dienen. Was sich hieraus für Folgerungen ergeben, ist für unsere Leser ohne weiteres klar. Die Stellungnahme Brünings hat in weiten Kreisen, die sich bereits einem innerpolitischen Defaitismus ergaben, eine gewisse Erleichterung herbeigeführt. Trotzdem dürfen wir Juden am allerwenigsten die unverminderte Stärke des deutschen Nationalismus und des schrankenlosen Antisemitismus verkennen. Die Verhetzung wütet fort, das ausgesäte Gift wirkt weiter, eine Selbstkritik scheint es da nicht zu geben; unsere Sache aber Ist es, uns so zu verhalten, daß wir vor unserem jüdischen Gewissen bestehen können. Der Kampf am die Zertifikate Der Waad Poel deT jüdischen Arbeite rorgani• sation in Palästina, hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, die Exekutive der Jewish Agency aufzufordern, daß sie die von der Regierung ihr für das nächste Halbjahr angebotene« 350 Zertifikate, von denen jedoch in Wahrheit nur noch 145 verfügbar sind, ablehnt Die Histadruth sieht in einem solchen Angebot der Regierung praktisch eine Schließung des Landes vor einer Arbeitereinwanderung für die nächsten sechs Monate. Oe Art der Behandlung der Angelegenheit durch die Regierung stehe im Widerspruch zu den Zusicherungen des MacDonald-Briefes. Die Histadruth fordert zu einem entschiedenen Kampf für die Rechte der jüdischen Arbeitereinwanderung auf. Die Exekutive der Jewish Agency hat nach eingehenden Beratungen und unter Berücksichtigung aller Beleitumstände, auch nach Beratung mit der Londoner Exeutive beschlossen, die Zertifikate zu akzeptieren, zugleich aber der Regierung ihren Protest zu übermitteln. Ein Leitartikel des ״Dawar“ bezeichnet diesen Beschluß der Jewish Agency als einen Fehler sowohl gegenüber der MandataTmacht, als auch gegenüber der zionistischen Bewegung. Die Exekutive habe sich offenbar gefürchtet, eine Zurückweisung der Zertifikate könne als eine Art ״Non-Cooperation“ an gesehen werden. Aber die Exekutive könne doch nicht zu jeder Verfügung der Regierung Ja und Amen sagen. In einer Lage wie dieser hätte die Exekutive der Regierung erklären müssen: Wir sind weit entfernt von der Proklamation einer Non- Cooperation; aber in diesem Falle werden wir unsere Mit- Wirkung nicht geben, denn es handelt sich um die zentrale Frage unseres Werkes, und die Verantwortung müsse nur auf die Regierung fallen. Die rigorose Handhabung der letzten Einwanderungsliste seitens der Regierung hat auch in anderen zionistischen Kreisen lebhaften Unwillen hervorgerufen, insbesondere in der Chaluzbewegung, wo viele gut ausgebildete Arbeiter bereits seit Monaten und Jahren auf die Möglichkeit der Ein- Wanderung warten, ist man über das Verhalten der Regierung sehr entrüstet Die Vorstellungen der Jewish Agency, die der Regierung gegenüber den Nachweis führte, daß im nächsten halben Jahr viele Arbeitsgelegenheiten im Lande zur Aufnahme neuer Einwanderer bereitstehen, blieben erfolglos. Es ist zu hoffen, daß der neue High Commissioner diese Sache nochmals nachprüfen wird und den Forderungen der Jewish Agency, soweit sie sich als sachlich gerechtfertigt erweisen lassen, entgegenkommmt Am 7. Dezember abends fand im Grosvenor House, Park Lane, zu London ein von der Jewish Agency und der Zionistischen Organisation veranstaltetes großes Bankett zu Ehren von Dr. Chain Wei ztnann statt. Es war dies die glänzendste Veranstaltung, die die englische Judenheit seit einer langen Reihe von Jahren gegeben hat Prominente englische Staatsmänner aller Parteien und Führer der Judenheit in der ganzen Welt vereinigten sich zu einer Huldigung für den früheren Präsidenten der Jewish Agency. Etwa 700 Persönlichkeiten nahmen an dem Dinner teil. Den Vorsitz führte Lord R e a d i n g. Lord Reading sprach zunächst Worte der persönlichen Bewunderung für Dr. Weizmanns Charakter und seine staatsmännische Leistung. Sodann schilderte er ausführlich Weizmanns Lebensgang, seine Verbindung mit dem Zionismus und sein öffentliches Wirken seit dem Jahre 1917. Hierbei spielte der Redner auch auf die Kritik an, die W'eizmann erdulden mußte» wie jeder im politischen Leben stehende Mann. Niemand dürfe aber vergessen, daß Weizmann unüberwindlich scheinende Hindernisse überwunden hat, weil er nie schwankte und nie den Mut und den glühenden Glauben an seine Sache verlor. Unter Hinweis auf die jüdische Bevölkerung Palästinas sagte Lord Reading, indem er hervorhob, dies sei ״die einzige politische Anspielung, die er an diesem Abend machen wolle“: diese Menschen haben Anspruch auf Sicherheit unter der Aegide der hritisehen Regierung. Die Baifour-Deklaration werde immer ein Beweis der Gerechtigkeitsliebe des englischen Volkes sein, wenn auch in der Praxis die Wege einer Mandatarmacht nicht immer glatt sind. Als zweiter Redner sprach d.*r frühere Minister der Kolo־ pfen ujji konservative Führer L. S. Amery Er sagte u. a.: Wir huldigen heute einem hervorragenden Manne, Gelehrten, Staatsmann, Diplomaten» einem Manne, mit dem sich wenige vergleichen können, der seine hohen Gaben in den Dienst eines rein idealen Zieles gestellt hat. Wenn es je eine idealistische Bewegung gegeben hat, so war es der Traum, den in der ganzen Welt verstreut lebenden Juden ein Kulturzentrum, ein eigenes Nationales Heim in dem Lande ihrer Väter zu schaffen, ln einer kritischen Zeit der englischen Geschichte hat sich Großbritannien verpflichtet, das Jüdische Nationalheim zu fördern. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die glauben, daß das Britische Reich seinen Zenit überschritten hat und der Auflösung entgegengeht. Im Gegenteil, Ich glaube an eine Erneuerung des Reiches durch neue Formen, durch biegsaniere konstitutionelle und wirtschaftliche Bindungen, an ein Wachsen des Inneren Zusammenhalts und des äußeren Einflusses des Reiches. In keinem Teil der Welt ist dieses Wachstum unseres Einflusses wichtiger für uns und wahrscheinlich fruchtbarer für die Wohlfahrt der Menschheit als in diesen alten Ländern zwischen Mittelmeer und Indien, die die Wiege der Zivilisation waren, ln diesem Wachstam ist Palästina durch seine Lage der strategische, Wirtschaft»- politische und geistige Schlüsselpunkt, aber es kann diese seine Funktion nur dann erfüllen, wenn seine verborgenen Möglichkeiten auf allen diesen Gebieten entwickelt werden. In dieser Aufgabe, sind die Juden unsere einzigen möglichen Verbündeten, denn sie sind ein großes Volk, das bereit ist, sein Geld, seine Intelligenz und seine Seele hierfür einzusetzen. Uebergehend auf die Gegensätze zwischen Juden und Arabern in Palästina, sagte der Redner, es sei für den Erfolg Großbritanniens in Palästina unerläßlich, daß — ungeachtet unseres unerschütterlichen Treueverhältilisses zu den Juden — wir mit Geduld und Ausdauer das Wohlergehen der arabischen Bevölkerung fördern und sie für den Gedanken eines gemeinsamen palästinensischen Patriotismus gewinnen, an welchem Juden und Araber mit gleichem Stolz und gleichen Vorteilen Anteil haben, ln dieser Aufgabe erwarten wir auch Hilfe von den Juden. Der Minister für die Dominions J. H. Thomas führte, seine Worte direkt an Weizmann richtend, u. a. aus: Klar und entschieden sagten Sie: Ich bin Jude, ich bin Zionist, aber nicht das allein: ich will dafür kämpfen, daß mein Volk eine Heimat hat. Ein Mann, der so viel von seinem Leben, seiner Kraft und seiner Liebe für diese Sache hergibt, ist wert, von yns geehrt zu werden. Als ich noch Kolonienminister war, fragte man mich einmal, ob ich projüdisch oder pro-arabisch sei. Ich antwortete: Ich bin pro-palästinensisch. Denn ich glaube, die Errichtung eines jüdischen Heims in Palästina bedeutet nicht eine Benachteiligung der Araber. Ich glaube, daß der Genius Ihres Volks, seine Liebe und Hingabe für eine Sache nicht die arabische Sache zu schädigen braucht und auch nicht wird. Ich glaube, daß Ihr Ideal nicht Feindseligkeit ist, sondern Zusammenarbeit. Nicht nur als Mitglied der Nationalen Regierung, sondern auch als Mitglied der Arbeiterpartei — diese Etikette mag man mir streitig machen, deren Geist nimmt man mir nicht — sage ich Ihnen, Dr. Weizmann, Dank für das, was Sie getan haben. Sie haben uns ein edles Beispiel gegeben, indem Sie Ihr Leben der großen Sache eines großen Volkes und einem großen menschlichen Ideal geweiht naben. Die zionistische Bewegung hat durch Ihre Verbundenheit mit ihr an Stärke gewonnen. Die heute noch ungeborenen Generationen werden Ihrem Namen huldigen. Sokolows Trinksprach auf Reading Nahura Sokolow brachte den Toast auf den Vorsitzenden des Abends, Lord Reading, aus. Namens der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency gedachte der Redner zunächst der engen Verbundenheit dieser zwei Körperschaften mit England und dankt dann Lord Reading, Amery, Thomas, Elliot und den anderen Anwesenden für ihr Erscheinen. Die Freundschaft solcher Männer ist für uns eine Stärkung in der Erfüllung unserer Pflichten und unserer Opfer. Uebergehend auf die Persönlichkeit des Vorsitzenden sagt _ Sokolow: Wir Juden bewundern unsere genialen Männer, sie sind in schweren Zeiten unser Trost. Es sei ein besonderer Vorzug, in England, diesem klassischen Land der großen Politik, als Staatsmann sich durchzusetzen. England ist bis heute die hohe Schule der Staatskunst, wo Mäßigung, Geduld, inneres Gleichgewicht mit unerschütterlicher Treue festgehalten werden. Aus diesem Grund hat auch das jüdische Volk darauf bestanden, daß England das Mandat erhält. Wir vertrauen auf Englands Staatskunst und darum sind wir glücklich, daß auch der jüdische Geist einen gewissen Anteil an ihr hat. Dies verkörpert sich in der Gestalt Lord Readings. Er (der ehemalige Vizekönig von Indien) ist einer der großen Hersteller der Einheit von Ost und West. Dieser Einheit gilt auch unsere Arbeit in Palästina. Unsere Schwierigkeiten in Palästina sind vorüberehend, ihre Vorteile sind dauernd. Unsere Arbeit wird allen eilen der Bevölkerung dienen, ebenso wie dem jüdischen Volk upd der Maadatarmacht. Sie ist bestimmt, ein leuchtendes Beispiel einer durch harte Arbeit und ungestörten Frieden errungenen Wiedergeburt zu werden. Möge das Interesse des Zionismus und das Großbritanniens niemals als verschieden angesehen werden! Möge niemals ein Gegensatz zu den realen Interessen des arabischen Volkes entstehen, dessen Fortschritt und Wohlergehen für uns alle von größtem Wert sind! Möge die Saat der Zwietracht, die durch Vomrteile und Unwissenheit ausgestreut wird, niemals im heiligen Boden Palästinas dauerndes Wachstum finden! Dr. Weizmanns Rede Dr. Weizmann dankt zunächst für die ihm gewidmeten freundlichen Worte und führt aus, unsere Bewegung stehe heute wieder wie vor 25 Jahren am Scheidewege. Die Welt macht eine schwere Krise durch, voll Not und Anstrengung, vergleichbar nur mit der Zeit des Weltkrieges, aber ohne jene großen Hoffnungen für die Zukunft, die die Menschheit am Ende des Krieges gehabt hat. Aber trotzdem wage ich zu sagen, daß unsere Bewegung die stärkste aufbauende Kraft Im Judentum geblieben ist, und was beute um uns herum geschieht, ist nur ein neuer Beweis für die große Rolle, die die Bewegung im jüdischen Leben der Zukunft zu spielen hat. Dr. Weizmann entwirft dann ein eindrucksvolles Bild der jüdischen Lag ein den verschiedenen Ländern der Welt. Er befaßt sich insbesondere mit dem Judentum in Sowjet-Rußland und den Vereinigten Staaten von Amerika. In Rußland ist das Judentum in Auflösung, in Amerika leben die Juden nach einer Zeit kurzer Blüte heute in schwerer ökonomischer Not mit allen Erscheinungen des Galuthlebens. Man könnte die Lage der Juden in der Welt heute so kennzeichaen, daß man sagt, sie sind in den einzelnen Ländern eingeklemmt ohne die 'Möglichkeit eines physischen Entrinnens und suchen daher einen Ausweg durch- Anschluß an die nichtjüdische Welt. Dies stärkt alle zentrifugalen Kräfte und bedroht das jüdische Leben mit einem endgültigen Zerfall. Kein anderes Volk des Welt steht einer derartigen Gefahr gegenüber. Aber wir wissen aus der jüdischen Geschichte, daß selbst beim Untergang großer Teile des Volkes, ja seiner Mehrheit, immer ein Rest zurückblieb, der sich dem Prozeß der Auflösung und Assimilation widersetzte und im heroischen Kampf sein eigenes Wesen in der Geschichte ausniprägen strebte. Das kleine Palästina ist der Leitstern der jüdischen Hoffnungen durch Jahrhunderte. Unmittelbar nach dem Kriege glaubten wir unsere Träume erfüllt, wir glaubten, wir würden unseren rechtmäßigen Platz auf eigenem Boden erhalten und der Erniedrigung des Galuth ein Ende machen; heute nach zehn Jahren größter Anstrengung finden wir uns immer noch auf der Schwelle, bedrängt von allerlei Schwierigkeiten und Enttäuschungen, die aus der Diskrepanz von Ideal und Wirklichkeit fließen. Dennoch haben wir in diesen zehn Jahren Gewaltiges in Palästina geleistet, das auch von kolonisatonsehen Autoritäten anerkannt wird. Was aber in der Zukunft? Redner entwickelt an der Hand der Experten-Gutachten den Gedanken, daß noch 50 000 landwirtschaftliche Siedler, und das würde bedeuten: eine halbe Million Juden in Palästina angesiedelt werden können. Dies ist zwar noch nicht die Lösung der Judenfrage, aber ein gewaltiges, aller Mühe wertes Werk. Es ergeben sich dann aber noch Perspektiven «net zukünftigen Entwicklung des Vorderen Orients, die gar nicht abzuschätzen sind. Eine Vorbedingung für die Durchführung dieser Pläne ist freilich die aktive Unterstützung de! Mandatarmacht. Eine zweite Vorbedingung ist eine Verständigung zwischen uns und den Arabern (wobei Dr. Weizmann die bereits in Nr. 92 der ״Jüdischen Rundschau“ wiedergegebenen Gedanken darlegt) und drittens der unbeirrte Glaube an das zionistische