Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 94 (4.12.1931)
- Date
- 1931-12-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Heute: Chanukkah-׳Beilage Einzelnummer 0£5 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u.Froitag. Bezugspreisbei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldtnark. AuslandsaHotiöenient« worden in der Währung dar einzelnem Länder berechnet. Anzeigenpreis8 ׳ gosp. N’onpareiDezoih'* 0,50 G.-ML Stellengesuche 0.25 G--M. Redaktion, Verlag und ZVnzeigen-Verwaltung: |iidische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Mainekestr.lO. Telephon: J 1 Bismarck 7165-70. Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag mchnitrigs 4 Uhr Foiiicheck - Konten; Berlin 17392. Basel V 9355, Belgrad 68052, Bms*e! 39433. Budapest 59693, Daturig 1973, Haag 140470. Prag 59410, Riga 4155, Stjrassburg 16430, Warschau 190708, Wien 156030 Bank Konten: Darmstadter - und NatimudbanJk, Depositen Berlin, Kurfürsiendamm 52 Rumänische Kreditbank, Gernauti (Rumänien); Auglo Paleatine Co. m Haifa, lemsalem, TV! -Aviv. Nummer 94 | Berlin, 4. XII. 1931 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״ד כסלו תרצ״ב | xxxvi. Jahr*. Der Zionismus erstrebt Für das iUdtsche Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Meimslitte in Palästina. ״Baseler Programm.“ In der Zeit der Bedrängnis Makkabäer-Jage — Die neue Flut des ־Nationalismus — Zionismus und Liberalismus — Neue Assimilation — Historie, Religion und Politik — Die Heiligen Stätten — Aufruf zum Zionismus In Zeiten der Bedrängnis hat die Erinnerung an das Makkabäer-Fest für das jüdische Volk stets eine innere Stärkung und Aufrichtung bedeutet. Es gehört zu jenen Geschichten, die mit dem Glauben an ein Wunder verbunden sind, also überall dort noch Hoffnung übrig lassen, wo menschliche Berechnung versagt. Erst der Zionismus hat eine andere Auffassung populär gemacht. Der Hasmonäerkampf erschien jetzt als die Rettung aus eigener Kraft, als Vorbild der Treue zur eigenen Art inmitten einer nicht nur feindlichen, sondern zugleich verführerischen Umwelt, So wie für frühere Generationen Chanukkah eine rein religiöse Feier, so wurde für den Zionismus, dieses Kind des ausgehenden 10. Jahrhunderts, die Makkabäer-Zeit ein rein nationaler Gedenktag. Das früher vernachlässigte Fest eroberte die Herzen. Herzls Aufsatz ״Die Menorah“ ist das ergreifende Dokument dieses Vorgangs. Seitdem ist es uns so gegangen, wie es oft hei nationalen Festen zu gehen pflegt: in unzähligen Reden und Aufsitzen wurden die Analogien zu Tode gehetzt und durch die routinemäßige Wiederholung ihres Pathos beraubt. Heute ist eine Zeit tiefer Umwälzungen, eine Zeit der Ungewißheit und des Zweifels, das Judentum ist schwer bedroht und jeder einzelne Jude fühlt den schwankenden ■ P0#ffl!וln s.d:hc:1 /,eiten erlebe:־ wir auch die Feiertage intensiver als sonst Und wir efnpfinden, daß unser nationales Wollen mehr ist als bloße Politik oder Organisation — daß es auf die Totalität des Lebens geht. Die jüdische Renaissance des letzten Jahrhunderts, die ihren deutlichsten Ausdruck im Zionismus fand, war ein Erwachen des Judentums aus Starrheit, Passivität und Selbstaufgabe. Sie war die Entdeckung des ״Blutes“ als der tiefsten, beherrschenden Schicht unseres Seins. In ihrer Denkungsart war sie bceinflußt von dem Nationalismus des IQ. Jahrhunderts, der ein Produkt des Liberalismus und der Romantik war. Seine innerste Bewegkraft war der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung. Der Zionismus empfand sich selbst als Teil der allgemeiner! Welle der nationalen Bewegungen. Heute hat sich der Nationalismus um uns gewandelt. Auch wo er saturiert wurde, ist er unduldsam, selbstherrlich und triebhaft, ln Deutschland steht vor uns ein Nationalismus von ungeahnter Stärke, derblutbestimmt und rassengläubig, zugleich aber aggresstv judenfeindlich ist. Er ist unser Feind und wir müssen uns wehren, für unser Volk und unsere Menschen einstehen. Wenn wir einmal jenseits der politischen Kampfarena, gleichsam als ״Theoretiker“ des Nationalismus, diese Bewegungen betrachten, so finden wir manche geistig charakteristische Züge. Es ist hier nicht die Rede von der nationalsozialistischen Partei, sondern von jener Bewegung, die erst jetzt sich ihre Ideologie schafft. Es gibt dort mehrere Gruppen, die sich zum Teil uni bestimmte Zeitschriften scharen (z. B. ״Die Tat“, ״Der Ring“ ״Deutsches Volkstum“־' u. a.), auch durchaus nicht einheitlich sind, aber ein Bild des Denkens der jüngeren Generation bieten. Das Gemeinsame ist die Abkehr vom Rationalismus. Diese Bewegung rühmt sich dessen, nicht eine logische Erkennt-, nis —, sondern eine elementare ״Instinkt-Bewegung“ zu sein, die grundsätzlich auf einem anderen Boden steht als alle bisherige Politik; denn diese war in allen ihren Teilen, auch im Konservativismus und Sozialismus, ein Produkt liberalen Denkens und bediente sich der politischen Instrumente des liberalen Zeitalters. Der neue Nationalismus beruht nicht auf einer beweisbaren Ueberzeugung, sondern auf Glauben und Hingabe. Er hat den Charakter eines geweihten Bundes, und daraus erklärt es sich, daß seine Ausdrucksweise oft aus der mystisch-religiösen Sphäre herstammt. Auch das Wort ״Reich“ hat diesen sakralen Beiklang; es ist ein Wort, das aus der jüdischen Gedankenwelt stammt und seine erste Prägung in dem Bandes-Worte vom ״Reich der Priester und heiligen Volk“ gefunden hat. Das Reich als Ziel und Ende aller Menschheitsgeschichte, das ״Reich Gottes“, ist der Gedanke des jüdischen Messianismus. Wenn die Nationalisten ״Reich“ sagen, so meinen sie etwas Gottgewolltes, auch wenn sie (wie Stapel) es nur ״Nomos“ nennen und eschatologische Formeln ablehnen. Ein jüdischer Zaungast dieses neuen deutschen Nationalismus, Rudolf Borchardt, schrieb kürzlieh: ״Es ist ganz gleichgültig, aus welcher! Buchstaben sich die Namen der Symbole zusammensetzen, vor deren Aussprache der Widerspruch lautlos verstummt und in den Herzen die plötzliche Gewalt dunkler Gefühle sich entbindet.“ Es kommt also gar nicht auf einen begreifbaren Sinn an, sondern auf die Magie des Symbols. Diese Abwendung von der Ratio ist ein Phänomen der Zeit, das wir auf allen Gebieten des Lebens finden. Dieser Geisteshaltung gegenüber ist das kritische Argument machtlos. Aber es wäre falsch, zu verkennen, daß diese Wendung aus tiefer Enttäuschung über die äußeren und inneren Ergebnisse des liberalen Zeitalters entstanden ist. Am deutlichsten zeigen sich diese Früchte in Politik und Wirtschaft, wo die liberalen Einrichtungen sich selbst ad absurdum geführt, haben. Wir Zionisten, deren Bewegung als Protest gegen den jüdischen Individualismus und aus der Sehnsucht nach schöpferischer Gemeinschaft entstanden ist, sehen bei einem Teil der deutschen Jugend Gefühlsreaktionen, für die gerade wir Verständnis haben müssen. Es ist die Anwendung vop den Epttlgen Systems“, der Abscheu vor einer geistigen Haiturig, der im Grunde nichts heilig ist, die in aufgeblasener Selbstgerechtigkeit alles mit technischen Mitteln zu beherrschen glaubt und dann in entscheidenden Momenten kläglich versagt. Wir brauchen nur an die Korruptions-Skandale der letzten Jahre zu denken, an denen leider mehrmals auch Juden beteiligt waren. Wer etwa den Sklarek-Prozeß verfolgt, dessen Berichte taglieh die Zeitungen füllen, wird begreifen, daß sich gerade der bessere, der idealistische Teil der deutschen Jugend angewidert von dieser versumpften Welt abwendet. Lind nun sagt man den jungen Menschen, hieran seien ״die Juden“ schuld. Alle die Anomalien der modernen Ge- Seilschaft mit ihren Börsenjobbern und Generaldirektoren, die in der Zeit der Prosperity׳ hinter einem Schleier verdeckt waren und sich jetzt enthüllen, dieser ganze Rattenkönig von Gemeinheiten, dies alles weckt die Sehnsucht nach etwas Neuem, nach Abbruch und Neubeginn, Aufbau von Grund auf, Sehnsucht nach Adel, Heldentum, Größe. Nur Banausentum kann die großen Erfolge des Nationalismus nur aus ״wirtschaftlichen“ Gründen erklären wollen. Ein solches Wachstum, besonders unter der Jugend, wäre unmöglich ohne sittliehe Triebkräfte. Ist nicht der Zionismus aus ähnlichen Wurzeln entstanden? Am Anfang des Zionismus steht Herzls ״Mauschel“, steht die Ablehnung des schauspielernden, kriecherischen, geschäftemachenden Judentu ms der assimilatorischen Aera. Der Zionismus vor dem Kriege hat viel von deutschen Denkern gelernt, etwa von Fichte und Lagarde. Auch wir wußten, daß es auf neue Lebensgrundlagen, auf Rückkehr zu den Müttern ankommt, nicht auf geschickte Dialektik. ״Instinkt- Bewegung“ nennen sie sich 1 Schrieb nicht Martin Bub-er vor etwa 25 Jahren: ״Das ist das rechte Judentum, in dem der Geist Wille und die Erkenntnis Instinkt geworden ist“! Dieser Tage hat Dr. Gustav Krojanker, der sich bereits seit Jahren um ein tieferes Verständnis des deutschen Nationalismus und unserer Beziehungen zu ihm bemüht, in einem Vortrag im K. j. V. (über den noch zu reden sein wird) u. a. darauf bingewiesen, daß der Zionismus, der als Abkehr vom jüdischen Liberalismus ins Leben trat, doch von der liberalen Anschauungswelt so durchsetzt war, daß er eine restlose Auseinandersetzung nicht bewerkstelligen konnte. Krojanker weist auf die Notwendigkeit hin, zu der Ur- Sprungssituation des Zionismus zurückzukehren; das zionistische Denken muß sich innerhalb der heutigen Welt und heutigen Problematik neu orientieren, um den echten Kern des zionistischen Königsgedankens von den Schlacken einer Epoche zu befreien, die mit Recht als überwunden gilt. Zugleich aber zeigt er die Notwendigkeit, unseren Nationalismus in einem neuen und reineren Sinn unter die Idee der Humanität zu stellen. Für jeden Nationalismus ist es u. E. die Schicksalsfrage, ob er den Weg zur Idee der Humanität findet; dann erst entscheidet sich, ob er eine schöpferische, geistige oder eine zerstörende, dämonische Macht ist. ♦ Für uns Juden ist geboten, uns nicht nur um oberflächliches, sondern um tieferes Verständnis des deutsehen Nationalismus zu bemühen, denn nur dann können ■wir auch unsere jüdische Haltung dieser Welt gegenüber bestimmen. Es ist keine Kunst, gegen diesen Nationalismus Argumente zu finden, ihn zu verspotten oder in seiner Rückständigkeit bloßzustellen. Man wird damit auch bei sich selbst und bei seinesgleichen Beifall finden können, und dies ist es offenbar, was eine bestimmte Kategorie jüdischer und auch nichtjüdischer Schriftsteller und Publizisten erstreben. Es kommt aber darauf an, sich klarzumachen, daß diese Art der Bekämpfung wirkungslos an den Mauern einer Bewegung abprallen muß, die prinzipiell eine Diskussion verwirft und für die es ein dogmatisches A priori gibt, das jenseits aller Vernunfterwäguugen steht. Dazu gehört auch das Rassen- Vorurteil. Darum ist heute besonders offenkundig, was der Zionismus seit Beginn seines Bestehens immer "Wteder־׳־'mtgllabfgen 'Öhren geprfäfgt "hat':' Daß'"**!Ine ’ verstandesmäßige ״Widerlegung“ des Antisemitismus, eine Erschütterung des antisemitischen Dogmas durch die Mittel der Polemik und der Ueberredung, unmöglieh ist. Gegenüber dieser nationalen Strömung, die sich auf völkischer Basis zusammenschließt und die Juden als Fremdkörper ausstößt, gibt es nur eine würdige Haltung: keine Anbiederung, keine Gleichheits- Beteuerung, sondern die Sammlung des Judentums, Sammlung im äußeren und im inneren Sinne, d. h. organisatorischen Zusammenschluß und zugleich Selbstbesinnung, Bereicherung des eigenen jüdischen Ich, Treue zu den eigenen Symbolen. Wenn wir in diesem Zusammenhang das Wort ״Kultur“ gebrauchen, so sollten wir es tief ernst nehmen, etwas ganz Großes und Starkes meinen, das Ringen unserer inneren jüdischen Kräfte nach einer neuen Gestalt, das Einreihen in die Kontinuität des jüdischen Geisteszusammenhangs, an dessen Anfang große Wunder und große Verheißungen stehen. Es muß wahrlich enttäuschen, wenn eine große jüdische Organisation, der ״Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, unter dem Schlagwort ״Kulturtag“ eine Reihe von Veranstaltungen durchführt, die nur einer Wiederholung der alten Geste gleichkommen. Nicht daß diese Tagung nicht vieles Interessante und auch Richtige gebracht hätte; was uns aber verfehlt erscheint, ist die Aufrechterlialtung der Fiktion, als ob man durch solche Veranstaltungen vor atisschließlieh jüdischem Publikum, das sich selbst mit dem Prädikat ״wir Deutsche“ belegt, irgendwie auf die Außenweit oder auf die wahre Lage der Dinge wirken könnte. Wir verstehen sehr gut die Situation dieses Judentums, das in tiefster Seele verwundet, die Gefahr empfindet, daß die Welt, in die es sich eingewurzelt wähnte, ihm unter der! Füßen wegschwimmt. Man versucht, die Zusammengehörigkeit, die einem streitig gemacht wird, durch ״Kulturtage“ zu retten, aber das Fundament, auf dem diese Versuche errichtet werden könnten, existiert nicht mehr, daher ist das Ganze ein Schlag ins Wasser und eine Illusion, die nur von den bitteren Notwendigkeiten, die ־vor dem Judentum stehen, ablenkt. Ist so den Identitäts-Wünschen des Juden durch die völkische Bewegung der Boden entzogen, so versucht er es an dem anderen Pol der Entwicklung, in einer Welt, die mit den geistigen Bindungen der Vergangenheit brechen und nur rationalistische Maßstäbe anerkennen will. In diesem Bereich, das heute durch den Kommunismus repräsentiert wird, glauben manche Juden eine neue Heimat finden zu können, genau wie sie es vor 150 Jahren in der Welt der Aufklärung, die nur den ״Menschen“ schlechthin kannte, hofften. Auch dort wird der Grundsatz proklamiert, daß Blutunterschiede zwischen Menschen nicht gelten, daß alle — in diesem Falle alle Proletarier — gleich sind. Wenn auch der empirische Kommunismus viel von seiner