Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 90 (20.11.1931)
- Date
- 1931-11-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Um unser politisches System Einzelnummer 0£S Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erschein t jeden Dienstag u.Freil ag. Bezugspreis bei der Expedition. monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5.75 Goldmark. AufllandsabortneraentB ward***) m de» Währung der «nmln**® LÄndm berechnet- Anreiterenpreis8 •׳ *r*»p. Nonp&reill^zmle 0,50 G- M. 0,25 G-M. Redaktion, Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G.tn-b.H., Berlin W15, Meinekeatr.lO. Telephon: J 1 Bismarck 716570־. PoiiBtheck ״ K. o n 1 0 : Berty* 173 92, Baw.1 V 9355, Belgrad <58032, Brüssel 39433, Bt1d*p«*t 596 93. Danzig 1973, Hase 140470, Prag 59410, Rim 4155, StrMfcbtirs 16430, Warschau 190708, Wien 156030 Batik KoBtftfl; Daitnstadiar־ und Natjpnnihank, Depositen - Kakr* Berlin. KtirlürRimdanun 52; Rumänisch» Krcdirhank, Oaroaun (Rumänien); Angle Palestme Co. in Haifa, Tenisaincn. Tel-Aviv. Nummer 90 | Berlin, 20, XI. 1931 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. י׳ כסלו חרצ״ב | xxxvi. Jahrg. Der Zionismus erstreb« Mir «fas Ifldlscbe Volk die Schaffung! einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.“ Die Unruhe-WellemPolen Anhaltende Exzesse — Panikstimmung der iüdischtn *ijr *F Bevölkerung — ,Juden Überfällen ein Kloster** Die Berichte aus Polen lassen erkennen, daß di« durch die Exzesse der nationaldemokratischen Studenten eingeleitete Welle der Ausschreitungen noch keineswegs ihr Ende gefunden hat An verschiedenen Orten flackern die Unruhen immer wieder auf. Eine!1 ervöse Stimmung hat sich des ganzen Landes bemächtigt, die Juden sind in größter Erregung und die immer erneuerte Hetze der antisemitischen Agitatoren führt zu Zusammenstößen, Plünderungen, Mißhandlungen von Juden, denen zwar die Polizei in der Regel energisch entgegentritt, ohne jedoch verlanden! zu können, daß wesentlicher Schaden angestiftet und vor allem die Stimmung der Bevölkerung immer mehr erhitzt wird. Den nationaldemokratischen Studenten ist es gelungen, durch ihren Terror das ganze Land in Unruhe zu versetzen. Schon hat sich die Aufmerksamk e i t d e s Auslandes auf die Vorgänge in Polen gerichtet Die großen Tageszeitungen, auch in Deutschland, bringen mehr oder weniger ausführliche Berichte, wobei in der Regel hervorgehoben wird, daß es sich um eine Akt der Rechtsopposition gegen das Pilsudski-Regime handelt Der Jewish Board of. Deputies in London hat sich am letzten Sonntag rnit den Vorgängen in Polen beschäftigt und das lebhafte Bedauern der englischen Juden zum Ausdruck gebracht In New York fand eine von der Union polnischer Juden in Amerika einberufene Massenversammlung statt, in der neben Dr. Stephen Wise auch eine Reihe nichtjüdischer Redner zu Worte kamen. Die Versammlung beschloß eine Protestresolution gegen die antisemitische Barbara in Polen; diese Resolution wurde auch dem polnischen Gesandten in Washington übermittelt. Auch die Internationale Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus in Paris hat eine Kundgebung, die die antisemitische Hetze in Polen brandmarkt, veröffentlicht Aus den letzten Tagen liegen eine ganze Anzahl neuer Einzelheiten vor. Me ganze Woche über kam es zu Zusammenstoßen, ln Warschau bilden die nationaldemokratischen Studenten kleine Banden, die sich über die Straßen veftrfl«! und einzelne jüdische Passanten Überfällen, ln den jüdischen Vierteln besteht eine richtige Panikstimmung, di« jüdischen Läden , schließen sofort, wenn ein nationaldemokratischer Sturmtrupp gesichtet wird. Die Polizei hat immer wieder Gelegenheit, einzelne Demonstranten zu verhaften. Da־ Verhandder jüdischen Studentenvereine Polens veröffentlicht einen Aufruf, in welchem mitgeteiit wird, daß bis zum Sonnabend weit mehr als 103 jüdische Studenten, unter ihnen 12 sehr schwer, bei den Uebertällen verletzt worden sind. Alle jüdischen Studierenden werden aufgefordert, ihr Recht auf menschliche und bürgerliche Freiheit mit Würde zu vertreten. Die Naticmaldetriokraten veranstalten in fast allen größeren Städten Trauerfeiern für den in Wilna getöteten Studenten Wazlawski; diese Feiern werden zu rücksichtsloser antisemitischer Hetze ausgenutzt 111 Wilna wurden nach der Trauerteicr für Wazlawski in vielen jüdisehen Läden und Wohnungen in der Mickiewicz-Oasse die Scheiben eingeschlagen. Passanten wurden mißhandelt. Polizei drängte die Demonstranten zurück, wobei auch Feuerwehr mit Wasserspritzen in Aktion trat In Posen haben, wie die offizielle polnische Telegraphen- Agentur mittdlt, am Freitag abend antisemitische Ausschreitungen stattgefunden. In Sosnovi ce kam es zu schweren Ausschreitungen, ebenso in Lomza und mehreren kleinen Städtchen. Einen besonders gefährlichen Charakter hat die Lage in Krakau angenommen. Die Krakauer Universität, die wieder geöffnet worden war, mußte abermals aut unbestimmte Zeit geschlossen werden. Während des antisemitischen Sturms au! die. jüdischen Geschäfte und Cafe-Häuser am 13. November abends, wobei u. a. auch die Fensterscheiben im Hotel Royal angeschlagen wurden, fiele!׳ ein paar Steine auch in das dem Hotel Royal benachbarte ״Bernhardiner- K1 o s t c r׳\ wobei einige Klosterfenster eingeschlagen und eine In aller Kürze Am 17. November wurden Präsident Sololow und Prof. S. Brodetsky vom neuen Kolonialminister C u n - 1 i f f e - L i s t e r empfangen. Die Jewish Agency in London hat für dem 10. Dezemher d. J. zu einem Ehren empfang für Dr. Weizmann eingeladen. Marquis ot R c a d i n g, der frühere Außenminister, wird der Veranstaltung präsidieren. Der frühere Kolonialminister L. S. Amery wird der Hauptredner sein. Dr. Weizmann Welt am 18. November im Haag einen Vortrag über das Palästina-Mandat und das jüdische Nationalheim. Der Vortrag wurde von der nichtjüdischen Vereinigung ״Völkerbund und Frieden“ veranstaltet. Dr. Weizmann wird außerdem noch in Veranstaltungen der holländischen Juden sprechen. Justicc B r a n d e i s hat zu seinem 75. Geburtstag viele Hunderte von Gratulationen aus der ganzen Welt erhalten. Brandeis lehnte jede äußere Feier ab und verbrachte seinen Geburtstag in seinem Arbeitszimmer im Obersten Gerichtshof. Delegationen wurden nicht empfangen. Die Zionistische Exekutive in London hat Brandeis eine Begrüßungsdepesche gesandt, worin seine Verdienste um die zionistische Sache gewürdigt werden. Auch Präsident Hoover sandte einen herzliehen Glückwunsch an Brandeis. wertvolle aus dem XVII. Jahrhundert stammende Glasmalerei beschädigt wurde. Sofort verbreitete sich das Gerücht, daß Juden die Klosferfenster eingeschlagen haben. Auf die Aussage eines Droschkenchauffeurs hin, daß Juden die Täter waren, drang Polizei in das benachbarte Lokal eines jüdischen Jugendvereins ein und verhaftete die dort anwesenden Vereinsmitglieder Windisch und Johannes. Obwohl in der Gegend, von wo die Steine gegen das Kloster geschlendert wurden, tiefe Dunkelheit herrschte und Hunderte antisemitische Demonstranten sich dort hin- und herbewegten, will der Chauffeur in den beiden verhafteten jungen Juden diejenigen erkennen, die die Steine gegen das Kloster geschleudert haben. Die Aufregung unter der christlichen Bevölkerung ist groß. Es kam am Sonnabend und am Sonntag in verschiedenen Stadtteilen zu Angriffen auf Juden. Polnische Schüler der Bergbauschule postierten sich vor den Eingängen zu jüdischen Geschäftslokalen und hinderten Käufer, die Lokale zu betreten. Der Erzbischof Fürst Sapieha veröffentlichte einen Aufruf, in welchem er davon spricht, daß die Steinwürfe gegen das Kloster von einer feindlichen Gcsinn u ng gegen die katholische Religion (!) zeugen. Er verstehe — so führt er in dem Aufruf weiter aus — die gerechte Aufregung, die diese Vorfälle bei allen Katholiken hervorgerufen haben, und fordere die Regierung auf, die Schuldigen zu bestrafen; die Bevölkerung aber möge sich ruhig verhalten. In WUna erklärte der Wojwode Bozskiewicz einer jüdischen Abordnung, er habe alle Anstalten zur Verhinderung von Unruhen getroffen; alle Schuldigen werden zur Verantwortung gezogen werden. Die Regierung hat den Wilnaer Bezirkshauptmann Ischora und den Polizeicbef Dombrowski Ihrer Posten enthoben. Am Sonnabend haben nationaldemokratische. Exzedenten an verschiedenen Stellen der Stadt Wilna jüdische Passanten überfallen. Die Polizei schritt überall energisch ein. Am Montag herrschte in Wilna Ruhe. Nach den bisherigen Schätzungen haben etwa 250 jüdische Kaufleute und andere Einwohner durch die Exzesse einen Schaden von insgesamt 200000 Sloty erlitten. Die Zahl der registrierten jüdischen Verwundeten beträgt 136. Man nimmt aber an, daß die Zahl der Verwundeten weit größer ist, da sich mehrere in Privatbehandlung bdrtc'xhe Verletzte nicht registrieren ließen. In Lublin fanden am Sonntag abena wiederum Angriffe auf jüdische Passanten statt. Die Polizei stellte die Ruhe wieder her. Unter der Judenschaft von Lotnice herrscht seit den letzten großen Lieberfällen, die von den Juden selbst abgewehrt wurden, Panik. Me Straßen sind fast tnenschenleer. Man zählt 16 jüdische Verwundete•״ auf der Seite der Angreifer sind 12 Verletzte. Aus den Lomice benachbarten Städten Stzutzcin, Ostrowa und O s t r o - 1 e n k a wird gemeldet, daß dort eine bedrohliche Hetze gegen die jüdische Einwohnerschaft geführt wird und Boykott-ParoIen ausgegeben werden. Ueber fälle werden befürchtet. Auch in der Gegend von Plozk wird eine scharte antisemitische Agitation geiührt, die bereits Ueberfälle auf Juden in den Straßen zur Folge hatte. Zu sehr ernsten antijüdischen Ausschreitungen kam es am Sonntag abend in Lowicz. Ueber tausend Schüler, von denen etwa 500 Zöglinge des Lowiczer Lehrerseminars sind, zogen, geführt von einigen Geistlichen und einem Seminarlehrer, durch die von Juden bewohnten Straßen. In vielen jüdischen Gesenältsläden und Wohnungen wurden die Fensterscheiben eingeschlagen. Aus mehreren Schaufenstern wurde die ausgestellte Ware geraubt Zahlreiche Juden wurden schwer verprügelt und zum Teil erheblieh verletzt. Am 18. November, mitternachts, begann die Volks- Zahlung in Palästina. Der Waad Leunii und das palästinensische Oberrabbinat haben Aufrufe an die jüdische Bevölkerung erlassen, an der Volkszählung teilzunehtnen. Die Palästina-Regierung hat den am 15. November abgelaufenen Termin für die Registrierung bzw. Legalisierung der auf illegalem Wege nach Palästina gekommenen Ein- Wanderer bis zum 15. Dezember d. J. verlängert. Am vergangenen Sonnabend revoltierten die k o m m u - uistisch en Gefangenen im Zentralgefängnis in Je.rusalem. Sie schlugen an die Türen, lärmten und sangen. Der Aufforderung, die Zellen m verlassen, leisteten sie nicht Folge, so daß sie gewaltsam aus den Zellen entfernt werden mußten. Bei diesem Kampf wurden 12 Gefangene und 13 Wächter verletzt. Im Verlaufe eines dem Vertreter der ״Selbstwehr“ gewährten Interview äußerte sich der tschech oslowak i s c h e IJ nterrichtsminister Dr. Derer äußerst lobend über das hebräische und jüdische Sehulwerk in der Tschechoslowakei. Er betonte, daß das hebräische Gymnasium in Munkaczewo den staatlichen Anstalten an Bildurigswerten durchaus gleichzustellen sei. Im weiteren Verlauf der Unterredung äußerte sich der Minister auch mit Sympathie über die zionistische Bewegung. Wirtschaftskrise und deutsche Juden Von J. Lcstschinsk v , Berlin. H ir veröffentlichen nachstehend!׳ini'it tufsat: des bekeumten U' 11 lechnfts-S'.nlisUkcn, der da''■ allgemein als hrnnrumd. empfundene Problem des Einflusses der heute imr sieh gehenden Struklurwand- Jung der Wu t Schaft auf die, Juden behandelt. Obwohl die Vorgänge, die tnr heule miterlehcn. der :innist!selten These von der InbÖikH der Oahith-Erisfen: der Juden eine uncnrai tele und in ihren Aas- Wirkungen erschreckende Beehi.fertujung gehen, ist dock die Fragt der Selbstbehauptung der Juden durch vurausschauende Wirtschaft*- und Berufspol'dik innerhalb der sich neu bildenden Wirtschaft keine irtnerjüdische Furirifrcujc, und tnr, brauchen die Diskussion darüber nicht auf fnrjehiiriqc der Zionistischen Organisation :11 beschränken. Als ein. Beitrag :u einer sohdicn rrftslcw, Diskussion ist. auch der nachstehende .Aufsatt: :11 werten, wobei, wir zunächst kein Urteil Ober die Durchführbarkeit, der Varschläge, des sozialistisch eingestellten Verfassers ahge.be■». Auch möchten wir nicht den Hinweis darauf unterhissen, daß auch hei den Fragen einer hernfliehen Umschichtung des!deutschen Judentums die Frat]e der Erhaltung des jüdischen Zusainnirnhaiiijes and der Lebensformen der jüdischen tirmcinschafl eine. 1rescnt.lk.ke Holle, spielen maß, eine Frage., die. freilich im Böhmen eines solchen Aufsatzes nicht, mehr erörtert werden kann, an deren l inhandensein edier nicht iicrqrssen werden darf. Bed. Um der Wirtschaftskrise zu begegnen, wird den deutschen Juden vielfach der Rat erteilt, sich in die Lücken der kapitalistischen Gesellschaft einzunisten, in der Hoffnung, daß diese Lücken für das Häuflein deutscher Juden ausreichen werden. So schrieb Dr. Felix Goldmann (Leipzig) in der ״C.-V.-Zeitung“ vom 11. 9. 1931: ,,Es gibt Gebiete des Wirtschaftslebens, die aus ihrer individuellen Gestaltung heraus sich der Kollektivierung überhaupt widersetzen oder bei denen sie sich rein rechnerisch nicht verlohnt. Es gibt ferner neu auftauchende Betätigungen, bei denen es noch lange dauern kann, bis sie in den Strudel der Kollektivierung hineingezogen werden. Und diese Lücken sind gerade heute für den Juden von größter Wichtigkeit.“ Ein zweiter Ratgeber schlägt vor: die Juden sollen aufs flache Land zurückkehrea; die Junggesellen der Großstadt sollen die noch vorhandenen jüdischen Dorftöchter heiraten und sich auf dem Lande niederlassen; es müsse darauf hingcarbeitet werden, ״Mittel und Wege zu finden, die heiratsfähigen jüdischeu Madcjien auf dem Lande der Großstadt fernzuhaltai, di?" heiratsfähige jüdische Großstadljugend mehr und mehr sich unter ,den Töchtern des Landes‘ in der wörtlichen Bedeutung — die Lebenskanieradin suchen zu lassen und sich in deren Wohnsitzen anzusiedeln“ (״Israelitisches Familienblatt'‘ vom 13. 10 1931). Und dieser Verfasser träumt von einem Zukunftsbild, wenn die absterbenden jüdischen Kleingemeiaden frischen Blutzufiuß durch die großstädtischen Junggesellen erhalten und zu neuem Leben auferstehen werden. Dort auf dem flachen Lande, meint der Ratgeber, kann noch ein Laden geöffnet und Erfolg erzielt werden; gewiß ist es gerade im Dorfe und in der Kleinstadt dem Antisemitismus am leichtesten, den Juden zu erfassen und den Versuch zu machen, ihn aus seiner Position zu verdrängen. Der Artikelschreiber weiß das ganz gut, meint aber, daß durch die nahe tagtägliche Berührung der Deutsche den Juden besser kennen lernen und die Uebcrzeugimg gewinnen wird, der Jude sei gar nicht ein so schrecklicher Teufel, wie ihn die Antisemiten schildern, und letzten Endes werde sich der Jude dort besser durchsetzen können als in der Großstadt. Und auch Dr. Alfred Marcus, der das Problem von der richtigen Seite anpackt und mit Recht einsieht, daß wir hier mit einer tiefgehenden Strukturkrise zu tun haben, die durch den einseitigen beruflichen und sozialen Aufbau der jüdischen Bevölkerung bedingt ist, beginnt sein praktisches Programm damit, daß er vorschlägt, zunächst jüdische Handeltreibende aus einem Handelszweig in einen anderen überzuführen, z. B. aus der von Juden überfüllten Manufakturbranehc in den Lebensmittelhandel, der verhältnismäßig wenig von Juden besetzt sei (״C.-V.-Zeitung“ vom 9. 10. 1931). Ist es wirklich notwendig־. Beweise zu bringen, wie l’ruchtlos solche Pläne sind, die auf die Abwendung der Juden von den Hauptentwicklungslinien der modernen Wirtschaft hinzielen, um nur einige Tausend problematischer jüdischer Existenzen durch Ausfüllung mancher noch vorhandener Lücken, die von der Kollektivierung nicht so schnell erfaßt werden können, am Leben zu erhalte«? Auch der Vorschlag einer Dezentralisation der jüdischen Handelsklasse trifft nicht den Kern der Dinge. Der Ueberfluß von Mittel- und Kleinhandlungen ist schon jetzt keine spezifisch jüdische Erscheinung, ist er doch bereits eine gesamtdeutsche Kalamität. Auch ohne Heranziehung statistischer Angaben läßt sich feststelleu, daß Deutschland mehr und mehr von Vermittlereleinenten übersättigt wird. Wachset! doch in Berlin z. B. täglich neue Läden und Verkaufsstellen wie. Pilze aus dem Boden. 111 einer Straße z. B., die ich jeden Tag entlanggehe, sind vier Blumengeschäfte vorhanden, wo schon eines vollständig ausreichen würde, und Lebensmittelgeschäfte gibt es zehn, zu denen noch immer neue hinzukommen; ist doch 'in Berlin schon das typische. Bild der osteuropäischen i... ... .י' ־״ der letzten Betriebszählung vom Jahre 1925. Die Zahl der Waren- und Produkten-Handlungen ist in Deutschland von 1907 bis 1925 um 408 000, um 55 0;״, gestiegen, während die Zahl der Industriebetriebe in derselben Zeit um 163 000, 11m etwa 8 "A, zurückgegangen ist; die Zahl der int Handel Beschäftigten hat sich in demselben Zeitraum um 62 «in vermehrt, die der in Industrie und im Handwerk Beschä fügten um nur 45 ״/״. In der Industrie ist also ein Konzentrationsprozeß festzustelleu: die Zahl der Beschäftigten ist gewachsen bei gleichzeitigem Sinken der Zahl der Betriebe; im Handel ist die Zahl der Beschäftigten und der Betriebe gewachsen. Nehmen wir nun die erwerbstätigen Selbständigen, so ist deren Zahl von 1907 bis 1925 im Handel um 61 .«/<> gestiegen, dagegen in der Industrie