Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1931-11-13 · Heft 88 (13.11.1931) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 88 (13.11.1931)
Date
1931-11-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653252-2653335--22672-2680925
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Einzelnummer 0,25 Goldmark ״Die Nacht der tanken Messer " . JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u •Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Auslandsabonn*m«׳*ntK werden!ת der Währung der einzelnen Linder berechnet. Anzeigenpreis■ 8 ge»p, NonparPtUezeile 0.50 G--M- SteUengesucle 0,25 G--M. ^Nummer 88 | Berlin, 13. XL i931 Redaktion, Verlag und Anzeigen *Verwaltung: Jüdische RundschauG.tn.b.H., BerlinW15, Meinekestr.10. Telephon: J I Bismarck 716570־. Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag aachnitrags 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Poatstheck - Konter»: fterlin 17392, Basel V 9355, Belgrad 68032, Brüssel 39433. Budapest 59693, Danzig 1973, Haag 140 470, Prag 59410, Riga 4155, Strasshurg 16430, Warschau 190708. Wien 1560m Bank Konten: Darmstädter- und Nadonalhank, Depositen - Kasse Berlin, KuHürstendanam 52; Rumänische Kreditbank, Cemauti (Rumänien); Anglo Paleatine Co. in Haifa, Jerusalem, Tel-Aviv. ג, כסלו תרצ״ב | xxxvi. Jahrg. Dar Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.“ Genfer Eindrücke Weltkrise und zionistische Chance Von einer zionistischen Persönlichkeit, die der letzten Völkerbunds- Versammlung in Genf beiwohnte, erhalten wir nachstehende Darlegungen. Red. ׳ Genf ist trotz allen Mängeln eine ״höhere Schule der praktischen Politik“. Man lernt dort vor allem eine Sache ganz genau zu schätzen, zu würdigen und zum Ausgangspunkt aller politischen Ueberlegung und Berechnung zu "setzen, nämlich das ״Gesetz der gegenseitigen Verknüpfung“ alles politischen Geschehens, aller politischen Entwickhmg. Das ist der richtige Briandsche ״esprit de Geneve“, der über den Gewässern des Genfer Sees schwebt! Das Gesetz, der ״interdepcndance“, die alles regiert, alles zu* Rammen verkettet und verbindet.... Man sage nicht, daß es eine uralte Weisheit ist, und da fl wahrscheinlich schon Politiker bei den Hittiten und bestimmt bei Aegyptern und Babvloniern, diese Maxime predigten, und die Propheten, die größten jüdischen Politiker, um die Weisheit wußten, und sie der Welt verkündeten: ,,tout s’enchaine, tout se 1« dans ce monde“. Natürlich wußte man es, und doch lebten die großen Herrscher ihr Leben, als ob eben sie allein ״lebten“, oder besser zu sagen, als ob sie allein berufen waren ״zu leben“, indem alle anderen nur ein kurzes vergängliches Dasein, wie Eintagsfliegen, zu fristen berufen waren, um ihnen, den ״ewigen“ Eroberern, als Beute zu dienen. Und das merkwürdigste ״geistige Geschäft“ in Genf besteht eben darin, zu beobachten, wie dieser uralte Nabuchodonosersche Geist*) noch lebt und strebt und sich sträubt, vor dem Genfer Geist zu weichen. Der wirkliche Pathos der Genfer Wirklichkeit liegt ja im Kampfe zwischen dem starren, herrischen, uralten Nabuchodonosorschen Geist mit seiner Lehre vom Primat der lokalen, exklusiv nationalen Interessen, mit seiner Anbetung der ״raison d'Etat" und der Staatssouveränität, auf der einen Seite, und der neuen Genier Forderung nach Ausgleichen, nach Harmonisierung, der Notwendigkeit, die Lösung der Probleme in deren Einordnung in das System der übernationalen, der Weltpolitik zu suchen. Das ist der Kampf zwischen dem exklusivistischen Lokalnationalismus und dem verbindenden über* lplt«läj, Internationalismus!, Stark. ist־׳ die.Vergangenheit, stark sfncl noch die alten Geister, die nicht zugeben wollen, daß wir am Abgrund sind. Die am Rande des Abgrundes stehende Menschheit merkt es kaum. Die schön in den Abgrund schauenden, den Abgrund ■— vor sich — erkennenden ״Führer“ haben nicht den Mut, mit dem Alten, in sich selber und um sich, zu brechen oder fühlen nicht in sich die Kraft, ihre Erkenntnis den anderen, überzeugend und mitreißend, zu vermitteln.... ln dem Zeichen dieser Stimmung ist die letzte Tagung der Völkerbund-Versammlung verlaufen. Man hatte das Gefühl, einer alt-griechischen Tragödie beizuwohnen.... Das Fatum, denken die in Genf versammelten Politiker, hat sein Urteil gefällt. Unerreichbar, unabänderlich hat die gewaltige Macht das Verhängnisvolle beschlossen- Wir wissen nicht, wann, wo, wie die Katastrophe hereinbrechen wird. Aber wir wissen: sie wird hereinbrechen, alles vernichtend, alles zerstörend“. und in qualvoller Angst und Verzweiflung sucht man dem Verhängnis zu entgehen, und in diesem Prozeß des Suchens, blind und durch die oberste Gewalt getrieben, — nähert man sich dem Verhängnis, hilft durch die vergebliche Bemühung, ihm zu entgehen, seiner Erfüllung. Neben dem Angstgefühl steigt die du tnpfe R e - s i g n a ti o n empor, das qualvollste Gefühl, das schrecklichste, das qualvollste von allen, — das Gefühl der Machtlosigkeit, der Ohnmacht, der Nutzlosigkeit eines aussichtslosen Kampfes, einer vergeblichen Anstrengung. Was wird kommen? Irgendein bewaffneter Konflikt, der zu einer ״Conflagration generale“ — schon in ein paar Jahren — führen wird, wie ein älterer, kluger, erfahrener westeuropäischer Diplomat versichert? Ein allgemeiner ,,Kladderadatsch“, eine allgemeinere Revolution mit letzilicher Vernichtung des ״überwundenen“ Kapitalismus, dessen Faillite ein überlegen lächelnder Litvinoff vor den verängstigten Vertreten! der Mächte konstatiert, denen keine rednerischen Künste eines süffisanten und glatten Monsieur Flandin Beruhigung und Gelassenheit zu Gemüte bringen können? Wie kann auch eine Beruhigung kommen, da ein Bericht der von dem V. B. aus den besten Wirtschaftsexperten zusam mengesetzten Kommission feierlich erklärt, daß die Rettung nur dadurch erzielt werden kann, daß ein Ende der Willkür der einzelnen Appetite gesetzt wird, daß mit dem Individualismus aufgeräumt wird und die Erkenntnis der ״interdependarice“ und darauf entsprechenden Handlungen der heutigen Zerrüttung und dem drohenden Verfall ein Ziel setzen soll? Wie konnte da die Beruhigung kommen, da zugleich die absolute Machtlosigkeit diesen einzelnen Interessen und Appetiten gegenüber konstatiert werden muß? Der Spruch des Fatums wird erfüllt, und der grinsende, ziemlich ״jeschivebocherisch‘׳ aussehende Rabbi Litvinoff wird über den glatten und süffisanten Monsieur Flandin siegen! . . . Natürlich —- falls nicht im allerletzten Moment— denn es ist eben der allerletzte Moment — neue Kräfte erscheinen, neue Männer auftreten werden, um neue Wege zu weisen, und mit neuer Kraft die Menschheit auf diese neuen Wege mitzureißen, zu führen. Man sucht fieberhaft nach Rettung. Hinter den glatten Phrasen fühlt man die Unruhe, die sich nur in kurzen Momenten spontaner Aufwallung, in Anfällen der aufrichtigen und offener *) Ueber Nabuchodonosor und seinen Geist ist vor kurzem ein sehr schönes Buch erschienen (G. R. Tabouis, Nabuchodonosor et |e Triomphe de Babylone, chez Payot 1931), von einer der getreuesten Beobachterinnen des Welttreibens, das sich in Genf so lehrreich widerspiegelt, einer begabten französischen Journalistin; ein Buch, das die Verfasserin als die Schilderung ״du Triomphe de la spiritualite (des Judentums) sur la matiere“ bezeichnet Herzensergüsse offenbart. ״Wir können nicht unsere Angst und Aufregung eingestehen“, sagt ein junger französischer Diplomat. ״Wir müssen ja das Gesicht wahren.“ Und doch sind sie, auch die, - heute - sichersten von ihnen, innerlich unsicher und aufgeregt. Ja, wer ist sicher? Wie lange wird das ״heute“ der vermeintlichen Sicherheit dauern? Es wiederholt sich anscheinend die Psychologie des Krieges, mit der Stimmung der Angst und der ständigen Aufregung, mit dem Spähen nach einer neuen ״Wendung“, die Erlösung bringen oder Hoffnung auf Erlösung stärken, und dadurch das ״Durclihalten“ ermöglichen oder erleichtern könnte. Es wiederholt sich die Konjunktur des Krieges, da eine jede, von tiefem Ernst, von glühender Ueberzeugung getragene ״gute Sache“ die Chance hatte, sich Gehör und Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die nach außen hin das ״Gesicht wahrenden“ Politiker leihen jetzt gerne ihr Ohr jedem Angebot einer Mitarbeit, auch des klein und unscheinbar Erscheinenden. Man sagt sich: das Alte geht und ist nicht mehr zu halten. Was jetzt geschieht, sind Rückzugsgefechte. Und so arbeitet der Gedanke dahin, den Uebergang milder und leichter zu gestalten; nicht zu teure Preise für die Errichtung des Neuen zahlen zu müssen, das ist der Zweck der heutigen diplomatisehen Tätigkeit, dem eine jede Hilfe in dieser Richtung willkommen erscheinen muß. In dieser Atmosphäre eröffnet man sich leichter den ״Imponderabilien“ und merkt wieder ihren Wert auch für den realsten Politiker. Nur müssen sie sich nicht im Nebel der vagen Ideologien verlieren. Sie müssen vielmehr wie Jaurcs es so schön, als seine Devise, formulierte: ״aller ä!,ideal, et comprendre le reel". Vor allem müssen die Vorschläge und Argumente mit dem wichtigsten politischen Faktor, mit dem Tempo der allgemeinen Entwicklung, rechnen. Wer kann heute, in der Tat, über Dezennien sprechen, da jeder neue Tag Ueberraschungen zeitigt? Darin, in diesem Erkennen der tragischen, katastrophalen Eile der Entwicklung, der stürmischen Beschleußgung der sich vollziehenden Evolution, die eben durch diese Eile und Beschleunigung sich in die Revolution zu verwandeln droht, liegt der stärkste Stimulus, auf alles reagiere^, alles Sich merken .zu wollen, was auf der Stirn den Stempel einer Anpassung an das rasende Tempo der Ereignisse trägt. Aber nur das, und nichts anderes. Eine ihnen vorgetragene Auffassung des Zionismus, sowie die Endziele desselben, deren Ausführung׳ —- als Voraussetzung — eine Entwicklung von 50׳.öO Jahren verlangt, werden sie daher nicht beachten, — denn ״in 50 -60 Jahren“ bedeutet heute für sie — ״n i e m a 1 s“. Wie gesagt, nicht in dem offiziellen Auftreten, nur selten in offen gesprochenen Reden, kommen diese Stimmungen zutage. Zwischen den Zeilen muß man sie herausfühlen, in privaten Gesprächen kann man sie zu hören bekommen. Aber das sind die Stimmungen, das ist die Konjunktur, die, wie es im Kriege war, solchen Problemen, wie dem zionistisehen, Chancen eröffnen, geprüft, gewürdigt, ״geglaubt“ und in das System der praktischen, aktuellen Politik aufgenommen zu werden! Das Unglück der zionistischen Politik bestand eben darin, daß sie nach dem Kriege aus diesem ״System“ herausgedrängt worden ist. Infolge der praktischen Arbeit, die naturgemäß nach dem Kriege im Vordergrund stehen mußte, hat der Zionismus heute in der politischen Weltmeinung, die sich in Genf spiegelt, eine sehr würdige und achtbare Stellung auf dem Gebiete der höheren ״sozialen Philanthropie“, aber ein p o I i t i c u in , im Sinne der .praktischen Politik, ist er heute, wenn überhaupt, nur in einem sehr geringen Maße. Man merkt an ihm nur seine Forderungen nach Schutz und Llnterstützung, seine Appelle an früher — im Kriege — eingegangene Verpflichtungen, ohne sich die Gegenseite — die Möglichkeit seiner politischen Gegenleistung zu vergegenwärtigen. Und man entläßt ihn mit Wohlwollen — und in Gnaden. Und dies ist verhängnisvoll. ״Votre plus grand malheur,“ sagte den Zionisten schon vor Jahren ein bedeutender Vertreter einer europäischen Macht, ״en que l’Europe se desinteresse de vous,“ Jetzt scheint wieder die Möglichkeit da zu sein, aus dem Zionismus ein Politikum zu machen! Jetzt scheint es, daß der Zionismus wiederum zu einem Faktor werden kann, Gegenleistung zu bieten vermag, der nicht nur um Schutz und Unterstützung zu bitten gezwungen ist, sondern imstande ist, sich an der allgemeinen ״Rettungsaktion“ zu beteiligen. Jetzt kann die zionistische Politik mit Recht darauf hinweisen, was der Zionismus im Orient, im Osten Europas und im Nahen Orient zu leisten, berufen ist! Mit noch mehr Berechtigung und noch größeren Chancen verstanden und gewiirdigt zu werden, kann die zionistische Politik auf die negat i v e n Seiten des Problems hinweisen, auf die Gefahren, die aus Nichterfüllung der dem Zionismus gegenüber übernommenen Verpflichtungen und der dem jüdischen Volke gegebenen Versprechungen entstehen würden! Nicht etwa auf die Gefahren eines Boykotts der englischen Waren oder ״nicht-CoOperation“ im jüdischen Aufbau Palästinas, — diese Drohungen würden die Welt ziemlich kalt lassen, sondern auf die Gefahren der spontanen Volksbewegung, die sehr weite Kreise erschüttern würde, indem sie die Tatsache der Enttäuschung, der Täuschung und des Betruges mit großer Wucht und Macht in die Welt schleudern würde, in die aufgewühlte We't, die gerade an dem Schwinden des Vertrauens in erster Linie laboriert! Wie paradox es auch klingen mag, auf dem von Weizmann vorbereiteten palästinensischen Unterbau könnte man gerade letzt in dieser katastrophalen Zeit, neue, kühnere und großzügigere Schritte zu weiterem Ausbau, zur weiteren Gestaltung der politischen Unterlagen des jüdischen Nationalen Heimes unternehmen. Ch. Neisal. Schülergeläufe 1931 Zu den Vorgängen an den polnischen Hochschulen Die antisemitische Studentenbewcgung in Polen erreichte in den letzten Tagen ihren Höhepunkt. In Warschau arteten die Exzesse an der Universität allmählich zu r e g e 1 r c c 111 e 11 Pogromen aus, die von «len nationaldemokratischen Studeuten gegen Juden außerhalb der Universität veranstaltet wurden. Die Exzedenten unternahmen besonders am 7. und 8. November Expeditionen in das Judenvicrtcl, sie überfielen mehrmals das jüdische Studentenheim, in welchem gegenwärtig ungefähr 70 verletzte jüdische Studenten darniederliegen. Die Bewegung ergriff nacheinander alle höheren Schulen, darunter auch das zahnärztliche Institut und die journalistische Hochschule, sowie das von der jüdischen Familie Wagenberg' gestiftete und unterhaltene Technikum. Die nationaldemokratischc Presse Polens sekundierte den antisemitischen Studenten, veröffentlichte Hetzartikel schlimmsten Stils und berief sich in diesen Aufsätzen auf die antisemitischen Studenienexzesse .־ui deutschen, ungarischen und österreichischen Hochschulen• Es kam sogar soweit, daß in einer polnischen nationaldemokratischen Zeitung zwischen den Zeilen den Hitler-Studeuten in D e u t s c h 1 a n d Anerkennung für das Beispiel gezollt wurde, das sie ihren polnischen Kommilitonen gegeben haben. In den Kämpfen gab es auf beiden Seiten viele Schwerverletzte und man kann feststellen, daß sich insbesondere die überfallene jüdische Zivilbevölkerung energisch zur Wehr setzte. Erinnerungen an die Pogrome in der Zarenzeit wurden wach, und es formierten sich jüdische Selbstschutz-Trupps. Im Sejm interpellierte der zionistische Abgeordnete Dr. R o 11 e n s t r e i c h die Regierung und schilderte an Hand zahlreicher Details die Organisation und die Durchführung׳ der antisemitischen Ueberfiille, deren Ziel einerseits die Entfernung aller jüdischen Akademiker von den polnischen Hochschulen, andererseits die Entfesselung eines hemmungslosen Boykotts gegen die Juden im Staate ist. Der Innenminister bestätigte in seiner Antwort die Behauptungen Dr. Rottenstreichs und versprach, daß die Regierung alle Schritte unternehmen werde, um die iildisehen Studenten und die jüdische Bevölkerung zu schützen und die Ordnung wieder herzustellen. Allerdings meint der Minister, sfllnde 'den'Bemühungen der Regierung die Tatsache der Autonomie auf akademischem Boden hindernd entgegen. Außerhalb des akademischen Bodens sei cs der Polizei möglich, die Ordnung zu schützen, aber in den Hochschulen selbst haben die betreffenden Rektoren und die akadänischen Senate das Hausrecht. Im übrigen kennzeichnete der Minister den Kampf der antisemitischen Studenten als ein Mittel der Rechtsopposition, den gegenwärtig in Polen herrschenden Pilsudski-Kurs zu stürzen. Für den Anfang der Woche wurden nach Warschau die Rektoren der polnischen H ochse 11 ulen zu eine!׳ Konferenz eingeladen, um die Mitte! zur Eindämmung der wüsten Ausschreitungen an den Hochschulen zu besprechen. Angeblich soll die Regierung den Rektoren die Einsetzung von Regierungskommissaren in den einzelnen Hochschulen angedroht haben. Während in Warschau die Rektoren-Konfeien/ stattfand, spielten sich in Wilna, wohin nach den blutigen Tagen von Warschau der Schwerpunkt der antisemitischen Studentenexzesse verlegt wurde, wüste IJeberfällc auf jüdische Studenten ab. Geschult in den vorhergegangenen Universitätsschlachten in Krakau und in Warschau, waren die nationaldemokratischen Studenten in Wilna mit schweren Steinen bcwaffnet, mit denen sie ihre jüdischen Kommilitonen bewarfen. Im Verlaufe dieser Exzesse gab es in Wilna nach Mitteilungen der großen Presse zwei Tote, ein nationaldemokratischer Student wurde durch einen Steinwurf getötet und. ein jüdischer Student erlag einer schweren Verletzung, die ihm von den Antisemiten beigebracht wurde. Eine Deputation, die sich in Wilna zum Wojvoden begeben wollte, um einen wirksamen Schutz für die angegriffenen Juden zu fordern, wurde über fallen, und der in weiten jüdischen Kreisen bekannte Sekretär des Jiddischwissenschaftlichen Instituts, Dr. Max Wein reich, so schwer verletzt, daß man den Verlust eines Auges des Uehcrfallcnen befürchtet. Die verletzten jüdischen Studenten, sowie die in den Kämpfen gleichfalls zu Schaden gekommenen nationaldemokratischen Studenten wurden ins Krankenhaus eingcliefert. Der Wilnaer Wojwode versprach, gegen die Exzedenten euergisch vorzugehen. Im Verlaufe all dieser traurigen Vorkommnisse konnte man feststellen, daß die Regierung, in erster Linie w ohl zum Schutze ihrer eigenen Position, den ernsten Willen hatte, Ruhe zu schaffen und für die Sicherheit der jüdischen Bevölkerung und der jüdischen Studenten zu sorgen. Dieser Bemühung der Regierung aber steht das Verhalten der polnischen Oeffentlichkeit, der subalternen Beamten, der Exekutivorgane, vor allem aber der akademischen Lehrkörper hindernd im Wege. Die Polizei schritt in sehr vielen Fällen verspätet ein, ließ gegenüber den Exzedenten Milde walten, betätigte ihre Energie gleicherweise gegen Juden und Antisemiten, als ob die Juden die Angreifer gewesen wären und die akademisehen Behörden ließen in vielen Fällen klar erkennen, daß ihre Sympathien auf seiten der nationaklemokratisclieu Studenten sind. Das trat kraß bei den Disziplinaruntersuchungen zutage, die von der Warschauer Universität gegen die Studenten eingeleitet wurden. Als die ersten Beschuldigten wurden nicht etwa die Nationaldemokraten, sondern die jüdisehen Studenten vorgeladen, welche sich zur Wehr gesetzt hatten. Die Regierungspresse verurteilt auf höhere Anordnung die Ausschreitungen der Nationaldeinokraten, aber die übrige Presse, welche nicht direkt von der Regierung׳ abhängig ist, macht sich die Version zu eigen, daß die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.