Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 84 (30.10.1931)
- Date
- 1931-10-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653252-2653331--22648-2680897- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Einzelnummer 0,25 Qoldmttrk Balfour~7ag und Mac Donalds Sieg JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag 11-Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. AuaUndmbcumemants u/erd«n io der Währung der einaJjM® Länder berechnet. Anzeigenpreis־ ßesp. Nonparoilloz'tüle 0,50 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.-M. 1 Postscheck - Konten: Berlin 173 92, Basel V 9355, Belgrad 68032» Redaktion, Verlag und Aazetgem-Verwaltung! 1 *"״5 '״••־' Jüdische Rundschau Berlin MeinekestJ". 10. 1 Pank . Konten: Oartnstächsr ־ lind Naticmalbank, Depositen - Kas»f* Berlin, 1 1 '1׳ _. t 71־־׳ .1״ ן Ac ד־ f\ 1 Kurfi1rstend1»ra1n 5-' Rumänische Kreditbank, Cernauti (Rumänien); Anglo leiepnon. J 1 tfismara J /U. 1 Co. m Haifa,?erusalem, Tel-Aviv. Nummer 84 | Berlin, 30. X. 1931 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. 1 2"ר!רצ pö/H ti""1 I XXXVI. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das »iidische Volk die Schaftuna einer dffentlicti rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.“ Die Wahlen in Anhalt — Der Helldorf-Prozeß — ״Juda verrecke“ Die Wahlen in Anhalt haben ebenso wie kurz zuvor die Wahlen in Hamburg aufs neue einen Beweis für das Anwachsen der nationalsozialistischen Bewegung in Deutschland geliefert. Während auf der einen Seite die deutsche Regierung die größten Anstrengungen macht, um Deutschlands internationale Position zu festigen und auf diese Weise die Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Wiederaufstieg zu schaffen, sammeln sich auf der anderen Seite im nationalistischen Lager die Ungeduldigen und Unzufriedenen nnd ganze Scharen der jüngeren Generation, die nur von Selbsthilfe und neuem nationalen Idealismus, unbekümmert um die durch die objektive Lage gegebenen Bedingungen, die Rettung des deutschen Volkes erwarten- Die nationalsozialistische Bewegung ist längst kein einheitliches Ganzes mehr; verschiedenartige Strömungen insbesondere der deutschen Jugend mischen sich hier, und wer die ernstere nationalistische Publizistik in Deutschland verfolgt, weiß wohl zu würdigen, daß hier neue Wege gesucht werden, und daß es falsch wäre, die nationale Bewegung in Deutschland mit Unbildung oder gar mit Radau-Heldentum zu identifizieren, wie es in manchen Teilen der liberalen Presse — die daun leider auf jüdisches Konto geschrieben wird — oft geschieht. Je stärker der Nationalismus wird und je näher die Möglichkeit rückt, daß er in irgendeiner Form verantwortlich an den Staatsgeschäften teilnimmt, um so größer wird das Bestreben der im nationalen Lager zur Führung strebenden Kreise sein müssen, auch auf die gegebenen Realitäten eine Antwort zu finden und mit der politischen Konstellation zu rechnen. Es wäre daher verfehlt, die politischen und geistigen Entwicklungen lediglich unter dem Gesichtspunkt des Antisemitismus zu betrachten; je ernster der deutsche Nationalismus seine Aufgabe wird nehmen müssen, umso geringer wird die Rolle sein, die dar Judenpunkt in seinem Programm spielen wird. Aber selbst wenn man dies annimmt, so wird es doch besonders zu denken geben, daß die Partei zu ihrem Aufstieg sich vor allem der antisemitischen Agitation bediente, in der instinkthaften Erkenntnis, auf diese Weise die Herzen der Massen zu erobern. Und es wäre auch unrichtig zu glauben, daß der durch eine jahrelange systetaktische Verhetzung, durch die Ausstreuung der phantastisebsten und unsinnigsten Legenden, die von naiven Menschen gutgläubig aufgenommen werden, gezüchtete Antisemitismus so leicht in den Hintergrund gedrängt werden könnte, zumal da ja leider nennenswerte Erfolge auf anderen Gebieten — beispielsweise auf außenpolitischem oder wirtschaftspolitischero — kaum zu erwarten sind. Die antisemitische Betätigung wird noch lange das Feld bleiben, wo die Nationalsozialisten die billigsten Lorbeeren pflücken können. Der Prozeß wegen der nationalsozialistischen Ausschreitungen auf dem Kurfürstendamm am Vorabend des Rosch Haschanah-Festes, der sieb gegenwärtig vor dem Schöffengericht Charlottenburg abspielt, hat bisher kaum irgendwelche neue Tatsachen erbracht, die nicht schon auf Grund des ersten Prozesses offenbar gewesen wären. Kein normaler Beobachter hat wohl daran gezweifelt, daß die Ueberfälle auf Juden, denen interessanterweise viele jüdisch-aussehende Nichtjuden zum Opfer gefallen sind, planmäßig organisiert, und beabsichti gt waren. Die jetzt vor Gericht stehenden Führer leugnen freilich zum Teil diese Planmäßigkeit, aber das Eigentumliehe dieses Prozesses besteht ja darin, daß man nie genau weiß, wie weit die. Angeklagten ernst sprechen und wie weit sie sich über das Gericht lustig machen; wird doch häufig genug angedeutet, man sei sieb bewußt, vor einem Organ der ״noch herrschenden“ Staatsmacht zu stehen. Seitdem Ludendorff beim Kapp-Putsch 1920 zufällig um 6 Uhr früh beim Brandenburger Tor spazieren gegangen ist, wurde es zur klassischen Verteidigungsmethode, von nichts zu wissen und nur zufällig an dem Ort der Tat angetroffen worden zu sein. Kaum verwunderlich, daß auch Graf Helldorf iri ■־111111־1 ^ו^^■ו^ווווו וrTTm1nnTTT»111arr11l~׳.־■-! ״■•rmriinirrw-nirMiirn Beginn des Wintersemesters in Jerusalem Dr. Magnes über Palästina« Rolle ln der Geschichte Jerusalem, 27. Oktober. (J. T. A.) Der Beginn des Wintersemesters an der Hebräischen Universität zu Jerusalem wurde durch eine Feier eingeweiht, der die Professoren- und Dozentenschaft, sowie fast die gesamte Studentenschaft der Universität beiwohnten. Der Kanzler der Universität, Dr. J. L. Magnes, hielt eine sehr ausführliche Ansprache über Wesen und Bedeutung, Gegenwart und Zukunft der Universität, sowie den Radius ihrer Lehr- und Forscliertätigkeit Dr. Magnes machte Mitteilung von der Begründung des Biologischen Instit'jis au der Universität, das unter der Leitung■ von Professor Fodor steht, sowie davon, daß Assistent Dr. Bodenheim er zum Professor der Zoologie ernannt worden ist Dr. Magnes vermied es, auf aktuelle politische Fragen Palästinas einzugehen, er sprach nur in bewegten Worten über den tieferen Sinn der ״Rückkehr nach Zion“ und die, 1m geistigen Sinne, strategische Position der Universität an diesem Bankt der Erde, wo Menschen aus dem Orient und aus den westlichen Mittelmeerländern hin- und herkreuzten und einen Niederschlag ihres Geistes zurückließen. Freilich hat dieses Zusammenstößen der Körper und der Geister zu Wirrnissen geführt Palästina ist ein heiliges und auch ein. tragisches Land. Wieder und wieder wurde es im Verlauf der Geschichte Lurch Kämpfe entweiht, es kannte wenig Frieden. Hier aber, schloß Dr. Magnes, erklangen die Stimmen der höchsten m.:aiischen Persönlichkeiten in der Geschichte. sich in dieser Weise verteidigt hat. Graf Helldorf versuchte übrigens, die Taten seiner Gefolgschaft zu bagatellisieren; die Verletzungen seien nicht so schwer gewesen, ״wir messen da mit anderem Maßstab“. Zum Schluß wird also noch der wehleidige Jude verspottet, der die heldischen Maßstäbe der National- Sozialisten nicht hat. Eine Polemik gegen diese Methode erübrigt sich, denn es ist ja klar, daß friedliche Bürger, die am Feiertag aus dem Gotteshause gehen, nicht in eine Parallele zu stellen sind mit ״Sturm-Abteilungen", die zum Kampf trainiert werden nnd zum Kampf ausziehen. Wenn in Raufereien, wie sie leider heute in Deutschland als Folge politischer Konflikte üblich sind, National- Sozialisten oder Kommunisten oder andere Menschen getötet oder schwer verletzt werden, so ist dies entschieden zu verdammen; aber diese ,.Maßstäbe“ sind eben auf so ganz verschiedene Fälle, wie die Kurfürstendamm ■Unruhen waren, wo niemand provoziert oder gestritten hat, nicht anwendbar. Freilich, Herr Wilhelm Stapel, der einen metaphysisch verbrämten Nationalismus vertritt und mit dem wir uns in diesen Spalten öfter auseinandergesetzt haben — unsere Gesinnungsgenossen taten es bei der Studentenkonferenz in Nyon — rechtfertigt in seiner Zeitschrift .,Deutsches Volkstum" in einer verblüffenden Weise auch die Roheiten der Kurfürstendamm- Unruhen gegen völlig harmlose Passanten mit dem Hinweis, die Juden seien die ״wahren Schuldigen“, weil verschiedene liberale Zeitungen bei dieser oder jener Gelegenheit politische Anschauungen vertreten haben, die Herr Stapel für falsch hält. Auch der Ruf ״Juda verrecke", um dessen ״abgrundtiefer Gemeinheit“ willen wir an dieser Stelle, am 15. September an die Adresse der Intellektuellen in der nationalen Bewegung appelliert haben, wird von ihm verteidigt. Hier scheint wirklich die Grenze der Diskussionsmöglichkeit erreicht zu sein und wir bedauern dies insbesondere Herrn Stapel gegenüber, da es eine Zeitlang den Anschein batte, daß gerade mit ihm eine Aussprache nicht fruchtlos sein müßte. Merkwürdigerweise scheint sogar im nationalsozialistischen Lager die Einsicht zu dämmern, daß man mit ״Juda verrecke" nur sich selbst schändet In diesem Sinne war die Aussage des Angeklagten Schulz äußerst charakteristisch, der erklärte, die auf dem Kurfürstendamm erklungenen Ruf« ,.Deutschland erwache, Juda verrecke“ seien ein Beweis für die Unschuld der nationalsozialistischen Partei. Diese Rufe könnten nur von Provokateuren ausgestossen sein, denn National- Sozialisten tun das nicht. Es bestehe sogar eine stillschweigende Vereinbarung, daß jeder aus der Partei entfernt werde, der das rufe. Es würde sich vielleicht verlohnen, dem Wahrheitsgehalt dieser Aussage nachzugehen. Wenn Herr Schulz nicht einen der üblichen Witze gemacht hat, sondern hier wirklich der Beginn einer Einkehr vorliegt, so wäre dies gewiß eine Entwicklung, die nicht übersehen werden dürfte. Ueber die Rufe ״Juda verrecke“ hat Dr. Apfel als Zeuge interessante Beobachtungen gemacht. Hervorzubeben ist auch die Aussage des angeklagten Stahlhelmführers Brandt, der erklärte, er könne Über die Nachrichten, die ihm über die beabsichtigten Ausschreitungen zugekommen sind, nicht aussagen, da er hierdurch ganze Organisationen belasten würde. Die evidente Tatsache, daß die Unruhen von irgend einer Zentrale bewußt arrangiert und auch auf dem Kurfürstendamm strategisch geleitet wurden, wird hierdurch bestätigt. Wir haben als Juden ein Interesse an restloser Aufhellung der Zusammenhänge- Wie der oder jener Einzelne bestraft wird, das ist für uns eine Frage zweiten Ranges. Es handelt sich um die Stimmung in weiten Kreisen der Bevölkerung, um die Früchte einer vergifteten Propaganda, die immer weiter wuchert Daher ist dieser Prozeß für uns von großer Bedeutung und wir werden, nachdem das Urteil gesprochen ist noch ein Wort dazu zu sagen haben. Gefährliche Pogromhetze In Rumänien Bukarest, 27. Oktober. (J. T. A.) Seit, einiger Zeit entfalten die Cuzisten in dem einige Kilometer von B o r s c h a entfernten Städtchen Pcljen Risciva eine gefährliche Pogrotnpropaganda. Jeden Montag und Donnerstag werae!1 Massenversammlungen von Bauern auf freien! Felde abgehalten. Cuzistische Agitatoren, unter denen sich insbesondere zwei bessarabische Lehrer hervortun, fordern die Versammlungsteilnehnier zu Gewalttaten gegen die jüdische Bevölkerung auf. Offen wird erklärt, der ״Gerichtstag“ für die Juden von Poljen Risciva nahe heran. Fine Delegation der jüdischen Bevölkerung des Städtchens hat sich "unter Führung des Ortsrabbiners an den Präfekt«! mit der Bitte um Schutz gewandt. Der Präfekt entsandte fünf Detektive in das Städtchen und erteilte ihnen den Auftrag, erforderliehen falls telephonisch Gendarmerie- und Miiitä'rhilfe anzufordern. Der Präfekt von Großwardein hat den für den 12. und 13. November nach Großwardein einberufenen Kongreß der antisemitischen ״Eisernen Hand" verboten. Der Innenminister aber hat die Abhaltung des Kongresses erlaubt. Wie der JTA.-Vertreter erfährt, hat Dr. Chain! Weizmann zugesagt, im Verlauf des Monats November nach Amsterdam zu kommen und hier einen Vortrag über ״Die Zukunft des jüdischen Volkes“ zu halten. Die holländischen Zionisten bereiten große öffentliche Kundgebungen in Amsterdam und in anderen holländischen Städten vor, Koalition oder Opposition? Zu den Vorg&ngen ln der Berliner Jüdischen Gemeinde Von Mas Kollenscher. Der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde besteht am 11 ordentlichen Mitgliedern. Von ihnen gehören gegenwärtig 7 der Liberalen Partei an, 3 der Volkspartei und 1 der Konservativen Partei. Die Mitglieder der Liberalen Partei und der Volkspartei können auf eine Vertretung ihrer Richtungen in der Repräsentanten- Versammlung hinweiseu, während das konservative Mitglied des Gemeindevorstandes sich auf eine parlamentarische Vertretung seiner Richtung nicht berufen kann. Die Konservative Partei hat ihren Sitz im Vorstande lediglich der Tatsache zu verdanken, daß die Liberalen der Volkspartei nicht die 4 Sitze bei der Konstituierung des Vorstandes hat einräumen wollen, auf die die Volkspartei nach der sonst anerkannten Regel Anspruch erheben durfte, daß dis Stärke im Vorstande der Stärke der Partei in der Repräsentanten- Versammlung entsprechen soll. Andererseits sind zwei Richtungen, die in der Repräsentanten- Versammlung durch je einen Repräsentanten vertreten sind, nämlich die religiöse Mittelpartei und die Ueberpartei, im Vorstande überhaupt nicht vertreten. Außerdem ist in der Repraseatantenver- Sammlung die sozialistisch-zionistische Gruppe Poale Zion durch einen Repräsentanten vertreten, der Hospitant der Volkspartei ist. Wenn man diese Tatsachen sprechen läßt, sieht es so aus, als wäre der Vorstand der Jüdischen Gemeinde durch eine Koalition gebildet. In dieser ״Koalition“ wären drei Parteien vertreten, während die übrigen Gruppen an der Exekutive keinen Anteil nehmen. In Wahrheit aber sind wir in der Jüdischen Gemeinde von nichts weiter entfernt, als von einer Koalitionsregierung. Eine Koalition hat immer zur Voraussetzung, daß die koalierten Parteien — unter Fortbestand ihrer sonstigen grundsätzlichen und praktischen Gegensätze — sich auf ein bestimmtes Arbeitsprogramm geeinigt haben, und daß sie mit vereinten Kräften und unter gesamter Verantwortung dieses Arbeitsprogramm mit Unterstützung ihrer Parteien in der parlamentarischen Vertretung durchzusetzen sich bemühen. Von einer solchen Koalition ist jedoch in der J8dischen Gemeinde keine Rede. Es hat nicht eine ״Kabinettsbildung“ auf der Grundlage stattgefunden, daß sich die beiden stärksten Parteien der Gemeinde etwa über die Persönlichkeiten, die sie mit der Exekutive der Gemeindege*häft;e beauftragen wollten, verständigt hätten, liödi weniger haben die 1B* den Vorstand gewählten Persönlichkeiten sich auf ein bestimmtes Arbeit®- programm oder auch nur über die Verteilung der Geschäfte geeinigt. Die Wahl ist vielmehr nur von dem einen Grundsatz, der auch nicht einmal streng durchgeführt worden ist, beherrscht gewesen, daß die Parteien nach Maßgabe der Stärke, die sie bei den Wahlen vom 30. November 1930 aufgewiesen hatten, in der Verwaltung der Gemeinde vertreten sein sollten. Wenn diese Verständigung nicht — mit der bereits angeführten Einschränkung — bestanden hätte, so wäre es der Liberalen Partei, die in der Repräsentantenversammlung über eine absolute Mehrheit verfügt, möglich gewesen, sämtliche Vorstandsposten zu besetzen, ohne auf das Vorhandensein von anderen Parteien irgend welche Rücksicht zu nehmen. Wäre dies geschehen, so hätte diese Lösung jedenfalls den Vorzug gehabt, eindeutige und klare Verhältnisse zu schaffen. Die Liberale Partei, die die gesamte Geschäftsführung übernommen hätte, und der eine Mehrheit in der Repräsentanten- Versammlung auch die Mittel zur Durchführung ihres Programms ermöglichen könnte, hätte die gesamte Verantwortung zu tragen. Alle anderen Parteien wären in der Opposition und van der Verantwortung für die Geschäftsführung des Vorstandes vollkommen ausgeschlossen. Wie sieht es nun bei der gegenwärtigen Bildung des Gemeinde- Vorstandes mit dieser Verantwortung aus? Die liberalen Vorstandsmitglieder bilden im Vorstand eine Mehrheit. Wenn sie einig sind» können sie beschließen, vtm sie wollen. Diese Einigkeit haben sie bisher immer gezeigt; Besprechungen, die sie regelmäßig zu Beginn der Vorstandssitzung abhalten, führen zur Erzielung der Einmütigkeit in allen Fragen bedeutsamer Art. In den Sitzungen des Gemeind evorstandes werden die sieben liberalen Stimmen einmütig abgegeben und erschlagen mit ihrer Macht alles, was an Tatsachen und Ausführungen von der Minorität vorgebracht wird. Daß damit die Liberalen in ihren Personen und in ihrer Partei die volle. Verantwortlichkeit für alles tragen, was in der Gemeinde geschieht und unterlassen wird, kann nicht dem geringsten Zweifel unterliegen. Nehmen aber auch die übrigen Vorstandsmitglieder an dieser Verantwortung teil? Sie handeln in jedem Falle im Bewußtsein einer Verantwortung. Ihre Pflicht gebietet ihnen, sich mit allen Angelegenheiten der Gemeinde zu befassen, zu allen Fragen, die auf der Tagesordnung stehen, Stellung zu nehmen und diese Stellung grundsätzlich und praktisch zu begründen, darüber hinaus selbständige Anträge zu stellen, um so auch positiv den Versuch zu unternehmen, den Gang der Gemeindegeschäfte zu beeinflussen. Dies alles müssen sie tun, nachdem sie sich einmal entschlossen haben, in die Körperschaft des Gemeindevorstandes einzutreten, sowohl um sich selbst gegenüber den kategorischen Imperativ der Pflicht zu erfüllen, als auch um ihren Wählern und ihrer Partei die Gewähr dafür zu bieten, daß die Weltanschauung und die gemeindepolilischan Grundsätze, von denen sie ausgeben, in der Gemeindestube und auch in der Kammer, die sich Vorstand nennt, ordnungsgemäß vorgetragen und gehört werden. Die oppositionellen Vorstandsmitglieder würden verantwortungslos handeln, wenn sie nicht immer in diesem Sinne mitarbeiten wollten. Aber ihre Verantwortung muß auch hiermit begrenzt sein. Da sie mit der Mehrheitspartei keine Koalition bilden, da sie auf das Ergebnis der Abstimmung ohne Einfluß sind, kann die jüdische Oeffentlichkeit von ihnen mir verlangen, daß sie durch kiare Auseinandersetzung, durch grundsätzliche Stellungnahme einen Einfluß auf die Mehrheit auszuüben versuchen. Für den Erfolg ihrer Bemühungen können