Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 80 (16.10.1931)
- Date
- 1931-10-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 484 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 80. 16. X. 1631 Der jüdische Schäfte Wir haben in der vorigen Nummer kurz berichtet, daß die Berliner Strafkammer des Landgerichts IJI dem Einspruch der nationalsozialistischen Verteidiger in der Strafsache HeUdorf, Ernst und Genossen stattgegeben hat und daß Landgerichtsdirekter Schmitz und sein Beisitzer nicht mehr die Verhandlung gegen die Angeklagten fuhren weiden. Dr. Schmitz und der zweite Berufsnchter erklärten sich zwar ausdrücklich für nicht befangen, aber die Strafkammer stellte sich auf den Standpunkt, daß schon die B cs o r g 11 i s der Angeklagten, die Richter seien befangen, ein zureichender Grund ist, um in diesem Falle dem Einsprüche stattzugeben. Denn Dr. Schmitz und sein Gefährte haben im ersten Prozeß gegen die KurfiirPtcndamm-Exzedenten den Chauffeur des Hcildorfschen Autos wegen Beihilfe zum Landfriedensbruch verurteilt, somit seien sie von der Annahme ausgegangen, daß Helldorf und Ernst eine״ Landfriedensbruch Begangen haben. Diese Begründung mag formaljuristisch stichhaltig sein, wenn man nämlich unterstellt, daß cs sich im Prozeß gegen Heildorf und Genossen materiell um einen gesonderten Straf fall handelt, der nun zur Beurteilung steht. In Wirklichkeit aber ist der Prozeß gegen Heüdorf und Genossen nur ein Annex des ersten Prozesses gegen die Kurfürsten dam ra- E x zed c 111 en, und er findet nur darum statt, weil Heudorf und Ernst nach München durchgebrannt waren und sich zu einem so späten Zeitpunkte dem Gerichte zur Verfügung gestellt hatten, daß man gegen sie nicht gemeinsam mit den anderen Angeklagten verhandeln konnte. Formal stehen wir jedoch vor einem zweiten Verfahren, und die Begründung der Strafkammer des Landgerichtes 111 könnte" man ohne weiteres gelten lassen und sich mit ihr abfinde!!, wenn es sich nicht, was allcemdn zugegeben wird, um einen politischen Prozeß handeJte. Die Entscheidung ist überdies durch einen Zufall, für den mau gerechterweise dem Gerichte keinen Vorwurf machen kann, einen Tag nach der nationalistischen Heerschau in Harzburg getroffen worden, hat darum Aufsehen erregt und zu Miß־- deutungen Anlaß gegeben, für die keine beweisbare Grundlage vorhanden ist. Uns interessiert in dieser Affäre in weit höherem Maße der Lall des jüdischen Schöffen Stark, gegen welche״ die natiorialsozialisrischen Verteidiger gleichfalls Einspruch erhoben haben. Sie taten das unter Berufung auf den ״Augenschein“, w?nach Stark als ״Angehöriger der jüdischen Nation“ erkennbar sei. Daher, so soll wohl gefolgert werden, müsse er sich mit den auf dem Kurfürstendamm verprügelten Juden solidarisch fühlen, somit wäre er Partei und ״Richter in eigener Sach t“. Damit machten sich die Nazi-Verteidiger konsequent ■ף,nschauung zu eigen, die die Exzedenten am 12. September betätigt hatten. Auch die S. A.-Mitgliqjler urteilten nach dem ״Augenschein“, d. h. nach Haarfarbe und Nasengröße, wer zu verprügeln sei. Wäre Stark am Abend des 12. September auf dem Kurfurstendamm gewesen, so hätte ihn das gleiche Schicksal ereilt, wie so manchen schwarzhaarigen und großrasigen Passanten, einerlei, ob er Jude oder Nichtjude war. Stark ist somit — und das wollten wohl die Verteidiger von Helldorf und Konsorten sagen — einem in seiner Abwesenheit Verprügelten gleichzusetzen, und darum könne er nicht genügend Objektivität aufbringen, über die Ereignisse vom 12. September und über die Schuld der einzelnen Angeklagten ein gerechtes Urteil zu fällen. Und Stark hat sich, weil er Jude ist, selbst für befangen erklärt und sich damit aus dem Gerichtshöfe ausgeschaltet. Wir haben es hier also mit einem typischen Beispiel zu tun, wie ein Jude gegenwärtig in Deutschland in eine Zwickmühle geraten kann, wenn er im Begriffe ist, einer selbstverständlichen Staatsbürgerliehen Pflicht zu genügen. Als Schöffe ist man dazu ausersefien, einen Straffall zu beurteilen und über Schuld oder Unschuld eines Angeklagten sich eine Meinung zu bilden. Selbstverständ- Jich gibt es iimner zwischen Richtern und Angeklagten U*te1> sdiiede. Der Richtet־ kann einem änderen Milieu zügeboren, einen höheren oder niedrigeren Bildungsgrad haben, ein besserer oder schlechterer Charakter sein, eine differente Korperkonstitution aufweisen, sich zu einer anderen sozialen1 Klasse zählen, andere politische und weltanschauliche Ueber- Zeugungen haben als der Angeklagte — kurz er unterscheidet sich vom Angeklagten. Daraus aber folgt nicht, daß der Richter, der sich nicht in jeder Hinsicht im Seelenleben des Angeklagten zurechtzufinden und sich auf dessen Niveau als Mensch und Titer irgendeiner Handlung zu stellen vermag, nicht imstande sein sollte, über den in Frage kommenden Rechtsfall zu urteilen. Würde man sich auf einen derartigen Standpunkt stellen, so wäre praktisch überhaupt keine!Rechtsprechung möglich. Es ist also unumgänglich, daß in einem Staate Staatsbörger verschiedener Religion, verschiedener Anschauungen übereinander zu Gericht sitzen und ungeachtet der Verschiedenheit dennoch, soweit menschliche Einsicht reicht, zu einer objektiven Beurteilung ihres angeklagten Mitmenschen gelangen. Man kann sich also ganz gut vorstdien, — und es ist keineswegs absurd —, daß ein Jude über eineu Antisemiten als Schöffe zu Gericht sitzt oder auch ein Judengegner in einer Strafsache gegen einen jüdischen Angeklagten als Richter fungiert. Es ist in beiden Fällen durchaus denkbar, daß unbeschadet der politischen Gegnerschaft und des gefühlsmäßigen Gegensatzes ein Jude über einen Straffall zu urteilen vermag, in welchem ein Antisemit der Angeklagte ist. So weit steht die Sache theoretisch. Praktisch aber sehen die Dinge anders aus, wenn es um die Aburteilung einer antisemitischen Handlung durch einen Juden geht. — Mag der Jude noch so gerecht sein und seine Meinung auf die Goldwaage gewissenhaftester Ueberlegung legen, so wird jeder Schuldig-Spruch, den er fällen wird, mißdeutet und parteiisch betrachtet werden. Und tatsächlich besteht für den jüdischen Schöffenrichter in einem derartigen Prozeß eine große innere Gefahr. Eine andere, als die Antisemiten gewohnlich meinen. Unserer Erfahrung nach ist es so, daß man als jüdischer Richter oder jüdischer Schöffe in Fällen der Beurteilung strafwürdiger judenfeindlichen Taten aus innerer Angst, man könnte gegen den antisemitischen Angeklagten zu hart sein, in das genaue Gegenteil verfällt und so zugunsten des Angeklagten ungerecht wird. Der jüdische Schöffe Stark hat sich für befangen erklärt. Die Vermutung ist nicht von der Hand zu weisen, daß er das nicht aus dem Grunde getan hat, weil er sich als Partei fühlte, sondern deswegen, weil er verhüten wollte, daß ein verurteilender Urteilsspruch als ״Rache“ des Gekränkten hingestellt wird oder gar daß er selbst zwecksUebertönung der eigenen inneren Unsicherheit vor einer Verurteilung auch dann zurückschrecken könnte, wenn die erwiesene Sachlage sie zur Schöffenpflicht macht. Werner Sombart hat den Satz geprägt, daß den Juden im Staate alle Rechte zu gewähren seien, daß die Juden jedoch genügend Takt aufbringen müßten, um diese Rechte nicht voll zu beanspruchen. Das ist eine Maxime, die von jedem Standpunkte aus, vom staatlichen und jüdischen, abzulehnen ist. Im Falle des Schöffen Stark aber ist dieser Sombartsche Grundsatz verwirklicht worden, und was zurückbleibt, ist ein Gefühl der Beschämung für alle Juden, eine peinliche Empfindung, daß man sich als Jude in sehr vielen Fällen in einer Zwickmühle befindet, daß die Judenfrage stets und allerorts für die Juden wirksam werden kann und daß es, um einen Terminus von Freud zu gebrauchen, ein Unbehagen ist, Jude zu sein. Man kann die Haltung des Schöffen Stark so oder so beurteilen. Man kann sie billigen oder ablehnen. Begreiflich ist sie jedoch auf jeden Fall, begreiflich angesichts der Situation, in der wir uns gegenwärtig als Juden in der deutschen Gesellschaft befinden. In dieser ״Befangenheit“, in dem Nicht-Unbefangen-Sein- Können, liegt im Grunde die ganze Judenfrage beschlossen. Dies zu Ende denken heißt: sich zionistisch entscheiden, s. n. Die Konferenz des deutschen Hechaluz Wir erhalten nachstehenden Bericht: Der Weg zur Produktivierung, der Umschichtung von Händler- und intellektuellen Berufen zur physischen Arbeit, — in den Anfängen der Chaluzbewegung ein weg von Vereinzelten und Unverstandenen —, Ist heute zum bestimmenden Faktor im Leben von Zehntausenden jüdischer Jugendlicher geworden. Die Wirtschaftskrise und ihre besonders grausamen Auswirkungen für die jüdischen Berufstätigen aller sozialen Schichten rufen nicht nur Skepsis und Unsicherheit hervor, welcher berufliche Weg für den Jugendlichen einzuschlagen sinnvoll ist. Sie bedingen auch eine Resignation an der Möglichkeit eines jüdischen Weges für diese Jugend und wirft diese, der allgemeinen — da diese mit weitgehenden Schwierigkeiten verbunden ist, — vor allem aber der roten Assimilation in die Arme. In dieser Situation wollte der deutsche Hechaluz die Arbeit des nächsten Jahres beraten und die Grundlagen seiner Tätigkeit auf den verschiedenen Gebieten festlegen. Den Auftakt der Konferenz bildete die große Weizmann-Kundgcbung, die in ihren Reden und stärker noch in ihrem zionistischen Erlebnis gleichsam Symbolhaft die unlösliche Verknüpfung des Hechaluz und der zionistisehen Bewegung bestätigte. Unter Beteiligung von 27 Delegierten (17 Brith Haolim, 3 Haschomer Hazair, 2 Noar Owed, 1 Kadimah und 4 Delegierte von Hach scharah-Kibbuzim) und zahlreichen weiteren Teilnehmern wurde die Konferenz am Sonntag Vormittag eröffnet. Die Konferenz wurde nach der Eröffnungsrede von Moscheh Schapiro durch Chawer Sprinzak im Namen der Histadruth Haowdim, Dr. Landauer namens der Z. V. f. D., Dr. Rawidowicz für den Brith Iwrith Oiamith und Dr. H. Berger für die Poale-Zion begrüßt. Der erste Teil der Beratung war den FragenderHachscharah gewidmet. Die Folgeerscheinungen der Wirtschafts־ krise, wie die Massenarbeitslosigkeit, haben auch ihre unmittelbare Wirkung auf die Arbeit des Hechaluz gehabt. Mit dem Beginn der Wintersaison wurde vor allem in der Landwirtschaft und Gärtnerei eine größere Anzahl von Chawerim arbeitslos. Das Anwachsen des Nationalismus und seiner antijüdischen Wirkung in der Bauernschaft läßt die Zusammensetzung neuer Gruppen für das Frühjahr zweifelhaft erscheinen. Neben diesen ernstem Sorgen, die die Beschaffung von Arbeitsmöglichkeiten betreffen, standen andere nicht minder wichtige, die die Gestaltung der Hachscharah und das innere Leben in den Hachsdiarahgruppen berührten. Man bezeichn etc mit Bedauern, daß die Hinführung der Chawerim zur einfachen körperlichen Arbeit nicht immer befriedigend gelungen sei. in verschiedenen Diskussionsreden wurde es als eine primäre Aufgabe des Hechaluz dargelegt, seine Menschen zu einer echten psychologischen Ein- Stellung zu ihrem Arbeitersein zu bringen. Die sich hieraus ergebende Forderung, vom Beginn der körperlichen Arbeit an diese nicht wieder für kürzere oder längere Zeit zu verlassen, wurde auch in einem Beschluß niedergelegt. Die Beratungen über die Probleme der Hachscharah, die sich notwendigerweise an den harten objektiven Tatsachen stoßen mußten, wurden am Nachmittag durch ein Ereignis unterbrochen, das bei allen Teilnehmern der Konferenz einen tiefen Eindruck liervorrief. Gemeinsam mit Schmarja Lev in und Sprinzak erschien Dr. Wcizmann, um persönlich der Konferenz seine Wünsche zu überbringen. Er sprach wenige und einfache Worte über die Schwierigkeit unserer Situation, über die historische Bedeutung des Chaluz im Aufbaunrozeß des Landes und über die gerade heute so notwendige Hartnäckigkeit, die die Ersten der Chaluzbewegung auszeichnete. Schmarja Levin fand gute Worte, um den letzten menschlichen Gehalt unserer Idee den Hörenden nahezubringen. Gleichsam im Namen der Konferenz sprach dann Sprinzak von der Verbundenheit zwischen der Arbeiter- Schaft und Weizmann, die in der tiefen Erkenntnis der hlstoriächte •Sendung *les Zionismus und im unmittelbaren Verwirklichuneswillen liegt. Mit dein gemeinsamen Gesang der ״Techesaknah“ fand die Begegnung ihren Abschluß. Als einer von uns, den unsere Wünsche bei seiner Arbeit für das gemeinsame " Werk begleiten, verließ Weizmann die Konferenz. Am Abend des Sonntag fand dann in dein dichtbesetzten Versammlungsraum der Svnagoge in der Fasanenstraße das Referat von El Liebenstein über ״Die jüdische Gegenwart und der Hechaluz“ statt. In ausgezeichneter Klarheit der Dar- Stellung und in tiefer Analyse der Kräfte, die heute unser Sein bestimmen, wußte Liebenstein das Bild unserer Umwelt und die für uns daraus erwachsenden Aufgaben darzustellen, in der Diskussion wurden die Wege untersucht, auf denen der Hechaluz zu der unerfaßten jüdischen Jugend gelangen kann. Es wurde von der Notwendigkeit einer ch aluzisch-zionistischen Offensive gegen den Kommunismus und die rote Assimilation gesprochen und betont, daß wir die Kraft haben, der bürgerlichen jüdischen Jugend, die im Zerfall alles Seienden für sich selber keinen Weg mehr findet, einen neuen Sinn für ihr Leben zu zeigen, fn einer tiefen und grundlegenden indischen Erziehung müsse das Fundament der chaluzischen Erziehung gesehen werden, im Verlauf der Konferenz wurde beschlossen, das Referat und die Aussprache dieses Abends als eine Werbebroschüre des Hechaluz zu veröffentlichen. Am Montag Vormittag sprach dann Enzo Sereni über die Tarbutharbeit des Hechaluz. Er versuchte, den eigenen —• vom bürgerlichen Kulturbegriff weit unterschiedenen — Kulturbegriff des Hechaluz, der mit dem Moment der körperlichen Selbstarbeit verbunden ist, herauszuarbeiten und ließ in aller Klarheit deutlich werden, wie entscheidend wichtig eine Kenntnis jüdischer Geschichte und Duellen, wie der hebräischen Sprache und ihrer Schöpfungen für den Chaluz und seine Weltanschauung sind. Die sich anschließende Debatte zeugte von dem hohen Interesse, das die Fragen der Kulturarbeit in den Reihen des Hechaluz gefunden haben. Unter den Rednern war auch der hebräische Dichter Lamdan, der von Beginn an den Beratungen der Konferenz beiwohnte. Die Diskussion gestaltete sich zu einer grundlegenden und tiefen Auseinandersetzung mit den Chawerim des Haschomer Hazair, der neuerdings in Deutschland zu arbeiten begonnen hat. Es wurde in der Diskussion gefordert, daß die Menschen des Haschomer Hazair mit allen im deutschen Hechaluz vertretenen Riehtungen Zusammenarbeiten und nicht den Weg der Isolierung gehen sollen, um so gemäß der Tradition des deutschen Hechaluz in ihm jene schädliche Erscheinung der gegenseitigen Isolierung zu verhüten, die in den Ländern des Ostens eingetreten ist, und alle vorhandenen Kräfte für die gemeinsamen Aufgaben des. Hechaluz einzusetzen. Sereni vermochte in seinem Schlußwort mit überzeugender Kraft noch einmal den Gedanken der Einheit als Gebot der Chaluzbewegung in dieser Stunde vor die Anwesenden zu stellen. Es folgte dann die Schlußsitzung der Konferenz, in der die Beschlüsse der Permanenzkommission beraten und in ihrer Mehrheit einstimmig angenommen wurden. Es wurde weiter die Wahl des neuen Merkas Hechaluz vargenommen, dem die Chawerim Lilly Reinberg, Moscheh Schapiro, Enzo Sereni (engerer Merkas), Jaakow Oppenheim und Heini Charras (Brith-Haölim), Arthur israelowitz (Haschomer-Hazair), Ruth Redlich (Kadimah) und Zwi Heilbrunn (Noar Owed) angehören. Eine neue Moazah wurde gewählt, der 8 Chawerim des Brith- Haolim, 3 des Haschomer-Hazair und je 2 des Kadimah und des Noar Owed angehören. Diese Konferenz war die letzte, der Elieser Liebenstein, der mehrere Jahre in der deutschen Chaluzbewegung tätig war, vor seiner Rückkehr ins Land beiwohnte. Es wurden ihm Worte des Abschiedes gewidmet, in denen von seiner fruchtbaren Tätigkeit für den deutschen Hechaluz die Rede war, von seinem Einstehen für die Interessen des Arbeiterzionismus in der zweifelerfüllten Zeit nach den Unruhen und der Schaffung einer unmittelbaren Verbindung der deutschen Bewegung mit dem arbeitenden Palästina in allen seinen Ausdrucksformen. Liebenstein verabschiedete sich in einer kurzen Rede, in der er von dem, was ihm Deutschland gab, sprach und von der letzten inneren Grundhaltung, die im Leben jedes Einzelnen zur Idee und Verwirklichung bestehen soll. In der letzten Stunde der Konferenz ergriff dann Chawer Sprinzak, der als aufmerksamer Zuhörer der Konferenz beigewohnt hatte, das Wort zur Schlußrede. Aus seinen hebräischen Worten wurde allen Beteiligten noch einmal die schwere Stunde des Zionismus klar und die Notwendigkeit des Einsatzes aller vorhandenen Kräfte des Einzelnen und der Gesamtheit, um unserem Werk in seiner bedrohten Situation zu Hilfe zu kommen. Zionismus und Palästina als letzte Rettung des jüdischen Volkes in seiner Versprengtheit und seiner Verarmung und Einsatz aller chaluzischen Kräfte zur Verwirklichung dieses Zionismus auf den Grundlagen einer neuen Gesellschaft — war der Ausklang von Sprinzaks Rede. Die ״Techesaknao“ schloß diese Konferenz, deren wahre Bedeutung sich in den kommenden Monaten und in der weiteren Entwicklung der Chaluzbewegung in Deutschland erweisen wird. Dr. jf. Kastan Im fast vollendeten Ql. Lebensjahre Ist der Nestor der berlinischen Tagesschrifisteller Dr. J. Kastaa gestorben. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat dieser von einem übergroßen Temperament getragene Mann, der ursprünglich Arzt war, als Beobachter und Kämpfer 1m berlinischen Zeitungswesen gewirkt. Aus der Und seine Kerne— ,- -v _ Wurzeln seiner Kraft. Mit einer großen Liebe hat er, der im Gegensätze zu vielen anderen doch in einem jüdischen Milieu wurzelte, an der Heimat gehangen, und obwohl er typischer Berliner geworden war, niemals vergessen, daß er seine Kr#ft dem jüdischen Leben der posensenen Kleinstadt verdanke. Köstlich sind seine Kempener jüdischen Jugenderinnenmgen, die er vor einer Reihe von Jahren veröffentlicht hat. Es ist natürlich, daß Dr. Kastan auch dem_ Zionismus begegnet ist, und daß er in den langen Jahren seines Lebens nicht immer gleichmäßig auf ihn reagiert hat, weil er, der doch ein dogmatischer Liberaler war, nicht stiltgestanden hat und als älterer und alter Mann hinter der allgemeinen Ent* Wicklung einhergegangen ist. Das erstemaf, wo uns Kastan ira Zionismus entgegentrat, war in der vorherzl’schen Zeit, Wir waren noch ganz junge Leute. Es war in der Generalversammlung des von uns ge־ gründeten Vereins ״Jüdische Lesehalle“, in dessen Vorstand Dr. Kastan von einer anderen Institution delegiert war. Es war selbstverständlich, daß wir keinen Hehl aus unserer nationalen Auffassung vom Judentum« machten. Feuerrot im Gesicht, in grenzenloser Wut, sprang der damals etwa 45 Jahre alte Herr auf, um seiner Entrüstung Ausdruck zu verleihen, daß man solchen Wahnwitz auszusprechen wage, daß die Juden noch heute eine Nation seien und ihr nationales Geschick in die eigene Hand nehmen sollten. Keinen nationaljüdischen Redner wollte er aussprechen lassen. Immer wieder fuhr er mit zorniger Gebärde und lautem Schreien dazwischen, so daß eine sachliche Diskussion ganz unmöglich wurde. Etas war unsere erste Begegnung, mit Dr. Kastan, seine erste Begegnung mit dem Zionismus. Andere folgten, die immer von den gleichen heftigen Ausbrüchen begleitet waren. Jahre sind vergangen. Erez Israel fing an, eine Realität .zu werden. . , , . ' ' Vor wenigen Jahren hatten wir wieder einmal eine Be* spreehung über palästinensische Dinge, an der Dr, Kastan teil hatte. Der berlinische Freund der jüdischen National־ und hebräischen Universitäts-Bibliothek in Berlin hatte in der Bibliothekskommission der Jüdischen Gemeinde zu Berlin den Antrag gestellt, in ganz bestimmter Weise ideell und materiell die Hebräische Universität und ihre Bestrebungen durch die Förderung der Bibliothek zu unterstützen. Bei der Diskussion darüber mußten wir von dem liberalen Vertreter Dr. Kastan die schroffste Ablehnung erwarten. Das Gegenteil war der Fall. Dr. Kastan und mit ihm sein gleichaltriger Gesinnungsfreund Direktor Dr. Holtzmann, der in der vorherzFschen Zeit uns ebenfalls unzweideutigen Ausdruck seiner Ablehnung unserer Ideale gegeben hatte, erklärte, die Unterstützung der Jerusalemer Universität und Bibliothek sei ein nobile officium, dem sich die Jüdische Gemeinde zu Berlin unter keinen Umständen entziehen dürfte. Wenige Wochen darauf bot er uns aus seiner Privatbibliothek Bücher zum Geschenk für die Jerusalemer Bibliothek an. Ich hielt mich für verpflichtet, gerade im Hinblick auf andere, die seine Gesinnungsgenossen zu sein glauben, und die sich vor keinem Treubruch scheuten, wenn man auf die Universität Jerusalem losschlagen zu können meint, zu erinnern, was der Dr. Kastan, dessen jüdisch-liberale Gesinnung außer Zweifel steht, und mit ihm Direktor Dr. Michael Holzmann, als ein ״nobileofficium derJüdischenGemeinde Berlin“ bezeichnet haben. Ehre dem Andenken des temperamentvoilen Kämpfers und Gegners! Heinrich Loewe, General Monash. Am 11. Oktober wurde in Melbourne General Sir John Monash, dessen Ableben wir bereits meldeten, zu Grabe getragen. Die Regierung und die Spitzen der Behörden nahmen an der Trauerfeier teil, aus allen Gegenden Australiens trafen .Sonderzüge mit Trauergästen ein. Die Beisetzung erfolgte auf dem jüdischen Friedhof zu Brighton neben der vor einigen Jahren verstorbenen Gattin des Generals. Rev. Jacob Dangtow, der jüdische Feldkaplan der australischen Armee im Kriege, und Rabbi Israel Brodle, Prediger der St. KiHa Road Synagogue, deren Vorstand General Monash angehörte, leiteten die Begräbniszeremonie. Während die sterblichen Reste des Generals in das Grab gesenkt wurden, donnerten die Kanonen Salut und alle Kirchglocken läuteten. — Auf Einladung des englischen Kriegsministeriums fand am 13. Oktober in der Hampstead Synagogue zu London ein Gedenkgottesdienst statt, dem die in London lebenden Australier mit dem High Cömmissioner für Australien an der Spitze, hohe Vertreter der Regierung und des Heeres beiwohnten. Die Londoner Presse veröffentlichte lange Nachrufe. Gmiain B. Liddeil Hart schreibt im ״Daily Telegraph״ zum Oberstkommandierenden der britischen Armee herauff" ... _ verdanken, die Eroberung von St. Quentin einige Wochen später war ausschließlich Monashs Werk. — ״Times״ rühmt in einem langen Nachruf Monashs militärisches Genie und weist darauf hin, daß er ״ein Jude der Rasse und der Religion nach“ war. — Die rechtsstehende ״Morning Post״ schreibt: ״General Monash war nicht nur ein militärisches Genie, er war auch hervorragend als Ingenieur, Schriftsteller, Redner, Musiker und Kunstkenner. Mit ihm geht ein großer Australier von uns, der, hätte er sich entschlossen, die jpolitische Laufbahn zu ergreifen, britischer Premierminister hätte werden können.“