Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 80 (16.10.1931)
- Date
- 1931-10-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653252-2653327--22624-2680869- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Einzelnummer 0,25 Goldmark Der fädisdie Schäfte im Hcttdorf•Prozeß JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jedenDiens tag uiTeitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmarfc. Atislandbabaniuem«!^ w«rd«a io d«r Währung der Lander berechnet, Ajoreigeapreis; 8 g«8p, NoapajraiUeMdle 050 G-M. Stellengesuche 0,25 G.-M. Redaktion, Varlag und Anwigen-Verwnltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr.lO. Telephon: J1 Bismarck 7165-70. Pont« c 11« e k ־ Kooiid: Berlin 17392, Basel V 9355. Belgrad 68032, Briima! 39433. Budapest 59693. Danarig 1973, Haag 140470, Prag 59410, Riga 4155, Strassburg 16430, Warschau 190708, Wien 156030. Bank - Konten: Darmstädter־ und National bank, Depositen - Kasse Berlin, KuHürstendamm 52; Rumänische Kreditbank, Cemauti (Rumänien); Angk» t Paleatine Co. ln Haila, |eru salem, Tel -Aviv. Nummer 80 | Berlin, 16. X. 193t Redaktionsschlufi Sonntag und Mittwoch nachmittag. 1 ה׳ חשוו תרצ״ב xxxvi. Jahrg. Bar Zionismus orstrsbt für das lüdlsch« Volk die Schaffung einer fiffentllch rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm." Uleizmann in Hamburg Nach seinem Besuche in Berlin hat sich Dr. Weizmarm nach Hamburg begeben, wo am Montag, dem 12. d. M., von der Hamburger Zionistischen Vereinigung gemeinsam mit dem deutschen Initiativ-Komitee für die Jewish Agency ein Empfangsabend für ihn veranstaltet wurde. Auch in Hamburg war der große Saal überfüllt, und die Ausführungen Dr. Weizmanns wurden mit außerordentlicher Aufmerksamkeit und großem Enthusiasmus aufgenommen. Die Veranstaltung wurde mit einer Anzahl von Begrüßungsreden eröffnet Namens der lokalen Zionistischen Organisation begrüßte Dr. Marx, für den Council der Jewish Ageney dessen Mitglied Jakob H e k - scher, für die Hamburger Jüdische Gemeinde einer ihr« Vorsteher, Rechtsanwalt Dr. David, den Gast. Für das Pro Palästina-Komitee waren zu diesem Begrüßungsabend Prof. Baumgarten •Kiel und der Oberbürgermeister von Altona, Brauer, erschienen, Dr. Weidmann, der vor Beginn der Versammlung die Vertreter der Hamburger Presse empfangen und ihnen Informationen über das Palästinawerk gegeben hatte, legte in seiner Rede die gegenwärtigen Probleme der Palästina-Bewegung dar. Das ״Hamburger Fremdenblatt“ faßt seine Ausführungen, die ungefähr den in Berlin gehaltenen, von uns bereits veröffentlichten Reden inhaltlich entsprechen, in folgendem Bericht zusammen: ״In sachlicher und von UeberschStzung sich freihaltender Einstellung zu dem Umfang dieses Siedlungswerkes und zu seinen Entwicklungsmöglichkeiten, die man verschieden einschätzen könne, legte er das Hauptgewicht auf die moralische und politische Bedeutung für das nationalbewußte Judentum, das in Palästina sich mit zäher Arbeit und mit allen Opfern an Gut and Blut eine nationale Heimstätte schaffen wolle. Dort wolle es sich nicht in einen von fremden Kräften vorher gezogenen Rahmen einpassen, sondern hach seinen Bedürfnissen das Gemeinwesen schöpferisch neu gestalten. Heute gebe es etwa 170000 Juden im Palästina, etwa 18 «/# der Gesamtbevölkerung. Die Auffassungen dart(y Aasifeifl«‘ «agüuu&t werden können, gehen auseinander; aber nicht die absolute Zahl der Juden, die dort eine Heimstätte finden können, sei enteeheidend für die wirtschaftliche Bedeutung des Palästina-Werkes, sondern die Schlüsselstellung, die Palästina für den ganzen Nahen Orient zukommt, und die mit dem Ausbau der Verkehrsverbindungen sich von Jahr zu Jahr verstärke.“ Dr. Weizmann betonte vor allem die moralische Verantwortung, die das gesamte Judentum der Welt durch das begonnene Palästinawerk auf sich genommen hat und die es weiter behalten wird. Der neue jüdische Typus, der in Palästina heute bereits geschaffen worden ist, wird für Wir erhalten vom deutschen Misrachi-Büro die nachfolgende Kundgebung zur Veröffentlichung: Die deutsche Landesorganisation des Misrachi hat ihren Austritt aus der Misrachi-Weltorganisation vollzogen. Das Verhältnls zur Zionistischen Organisation bleibt hierdurch unberöhrt. Seit vielen Jahren kämpft der deutsche Misrachi für eine Aenderung der Arbeitsmethoden des Weitmisrachl. Die Konferenzen in Antwerpen (1926), Danzig (1928), Wien (1930), die Tagungen anläßlich der Kongresse sind Etappen dieses Kampfes. Er Ist ohne Erfolg geblieben. Die Mehrheit im Weltmisrachi verschloß sich unseren Forderungen. Das fast völlige Versagen in der organisatorischen Arbeit und der Erfassung weiterer Kreise, die Führung der Finanzen, die Zusammensetzung der Leitung und die Ihr in der jüdischen Welt fehlende Autorität, die Ueberbewertung der Politik gegenüber den primären kulturellen Aufgaben, das Unverständnis für die in der Brith Olamith organisierte Jugend, die Hindernisse, die häufig der Arbeit des ,Poel Hamlsrachi“ in den Weg gelegt wurden, — all dieses erforderte eine radikale Umgestaltung, wenn die Misrachi-Weltorganisation die ihr gesteckten Ziele erreichen sollte. Auf dem Delegiertentage des deutschen Misrachi im September 1930 wurden die sich aus obiger Kritik ergebenden grundsätzlichen Forderungen zum Teil ultimativ festgelegt. Der Delegiertentag vom Mai dieses Jahres bestätigte diese Grundsätze und beauftragte die Delegation zur Misrachi-Weltkonferenz, den Austritt aus dem Weltmisrachi zu vollziehen, wenn die von der deutschen Landsmannschaft für notwendig erkannten und exakt formulierten Prinzipien und Methoden der Arbeit nicht akzeptiert werden sollten. Die Basier Weltkonferenz des Misrachi im Juni-Juli 1931 gelangte zu einer fast völligen Ablehnung unserer Forderungen. Wahl einer fast unveränderten Leitung, die bn Verein mit den die Entwicklung und Weltstellung des Judentums von ent sch cidender Bedeutung sein, eine Tatsache, die in ihren Anfängen bereit» heute feststellbar ist, obwohl die Zahl der Juden in Palästina noch klein ist. Im Anschluß an Dr. Weizmanns Rede sprach dann der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Kurt Blumenfeld, Uber die Funktionen des Zionismus innerhalb der heutigen Weltlage. Er richtete an die Versammlung einen entschiedenen Appell, das Palästina werk nicht im Stich zu lassen und insbesondere durch eine tatkräftige Unterstützung des Ke reu Hajessod die unerschütterte Verbundenheit mit dieser Sache zu manifestieren. Das Emek für den Keren Hajessod Am 5. Oktober veranstaltete das Direktorium des Keren Hajessod eine Zusammenkunft von Kolonisten des Emek Jesreel und Emek hajarden mit den verantwortlichen Leitern der Keren Hajessod-Arbeit. Den Vorsitz führte der Direktor des Keren Hajessod, Leib J a f f e. Außer ihm waren auch Dr. Rupp in und J. Chankin anwesend. Eine Reihe von Vertretern der Arbeiterschaft aus Nahalal, Kfar Jecheskiel, Dagania, Ejn Charod und anderen Orten hielten Ansprachen, in denen sie sich warm für den Keren Hajessod einsetzten und die Notwendigkeit betonten, die Arbeit auf volkstümlicherer Basis alsbisher fortzusetzen. Man müsse der Anschauung entgegenwirken, daß der Keren Hajessod seine Aufgäbe bereits erfüllt hat. Auch wurde betont, daß bei äußerster Oekonomie alle verfügbaren Mittel für die Vergrößerung der kolonisatorischen Basis verwendet werden müssen. —■ Im Anschluß an diese Veranstaltung fand eine Konferenz jüdischer Journalisten statt, die das Direktorium des Keren Hajessod nach Nahalal eingeladen hatte. Der Vorsitzende, Leib Jaffe, begrüßte den Dichter Schaul Tschernichowsky, ferner Ruppin und Chankin. Außer Leib Jaffe sprachen eine Reihe von führenden Arbeitern, die an die Presse den Appell richteten, die Botschaft des Keren Hajessod in alle Teile der Galtjth zu tragen. D>en Vertrag,. den..Herr,Jaffe ja. dl««*־ Vtettairhriilung hielt, geben wir in seinen Htuptltilen an anderer Stelle des Blattes weder. Anläßlich der Anwesenheit von König Feisal in Jerusalem hat der ihn begleitende Finanzminister des Irak, Rustom Bey H a y d a r, aufsehenerregende Bemerkungen über die Zukunft der arabischen Länder gemacht, die auch in die Presse drangen. Der Minister sagte, daß nach seiner persönlichen Meinung der Vereinigung von Syrien und Irak zu einer Personalunion unter dem König Feisal keine Hindernisse im Wege stünden. Sowohl die Syrer, als auch die Iraker würden eine solche Entwicklung begrüßen, und auch Frankreich und England wären wahrscheinlich damit einverstanden. Der Minister Betonte aber ausdrücklich, daß er nur seine persönliche Meinung ausspreche. außerhalb des Merkas wichtigste finanzielle und kulturelle Institutionen leitenden Männern durchaus das bisherige Regime fortsetzt, Weiterführung der finanziellen Mißwirtschaft, Uebergewicht der Politik über die spezifisch misrachistischen Aufgaben Ist ihr Ergebnis. Die Delegation des deutschen Misrachi erklärte auf der Weltkonferenz, daß der Ausgang der Verhandlungen sie verpflichte, den Austritt zu vollziehen. Angesichts der Tragweite dieses Schrittes und der plötzlichen Verschlechterung der Weltläge wollte die Delegation jedpeh diesen Beschluß nicht ohne erneute Beratung mit der Landeszentrale zur Durchführung bringen. Naclj eingehenden und ernsten Verhandlungen kam die Landeszentrale zu dem Ergebnis, daß keine Möglichkeit für ein weiteres Verbleiben vorhanden sei. Der deutsche Misrachi ist sich der Verantwortung bewußt, in dieser Zelt an den Neuaufbau einer Organisation zu gehen. Er unternimmt diesen schweren und schmerzlichen Schrift in der Hoffnung, daß alle Kreise, die den Aufbau Erez-lsraels im gesetzestreuen Sinne erstreben, sich um ihn scharen und mit Ihm eine echte Bewegung thoratreuen Zionismus’ schaffen werden Im Geiste der Vorläufer und Gründer des Misrachi. Mitte November wird eine Konferenz des deutschen Misrachi zusammentreten. Auf ihr wird das endgültige Programm der neuen Bewegung fixiert werden. Der deutsche Misrachi richtet an alle Freunde den Appell, auf dieser Tagung zu erscheinen oder sich vertreten zu lassen und durch ihren An- Schluß an die Bewegung für die Realisierung der Idee des Misrachi zu wirken. Undeizenirale des Misrachi für Deutschland (Ein Artikel von Dr. Wolfsberg über diese Vorgänge befindet sich im Innern des Blattes.) Boykott In der jüdischen Presse Amerikas wird in diesen Tagen mit stärkstem Nachdruck darauf hingewiesen, daß eine Erscheinung des amerikanischen Wirtschaftslebens, die auch früher zu beobachten war, sich in den letzten Monaten immer stärker in den Vordergrund schiebt, nämlich der verschärfte Boykott gegen Beschältigung jüdischer Angestellter und Arbeiter. Amerika ist das Land der fortgeschrittensten Mechanisierung im Produktionsprozeß, das Land des Taylor-Systems, in welchem auf die Herkunft und die Individualität des Arbeiters am allerwenigsten Rücksicht genommen wurde. Wenn irgendwo in der Welt der Mensch zur Sache geworden ist, so ist dies in Amerika in allerstärkstem Maße geschehen. Nur in einer Hinsicht scheint die ame*- rikanische Wirtschaftspsychologie — abgesehen von der landesüblichen Abneigung gegen alle Farbigen — von dieser Methode abzugehen, und zwar wenn es sich um jüdische Stellungsuchende und Beschäftigungsbewerber handelt. Da entdeckt man plötzlich im Arbeiter und im Angestellten das Individuum mit einer bestimmten Physiognomie und von einer sonst beim Arbeiter völlig irrelevanten Herkunft. Eine Statistik, die durch alle Blätter ging, belehrte, daß von 100 jüdischen Stellungsuchenden 01 zurückgewiesen wurden, weil sie Juden sind. Zu gleicher Zeit aber erfuhr man aus dem Munde repräsentabler amerikanischer Politiker, daß der amerikanische Staat keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden mache, daß er das jüdische Element wegen seines Fleißes, seiner Loyalität und wegen seiner humanitären Tugenden besonders schätze. Selbst der Präsident der Vereinigten Staaten, Hoover, lieft es sich nicht nehmen, den Juden anläßlich des Rosch Hascha!- nah die lobenswerten Eigenschaften zu attestieren, die von weniger bedeutenden Repräsentanten im öffentlichen Leben Amerikas gerühmt werden. Das Phänomen des antijüdischen Boykotts ist dem Juden in Europa nicht unbekannt Nicht nur in Osteuropa, sondern auch in Mitteleuropa — überaus kraß in Deutschland — wie auch in Belgien, in der Schweiz und in anderen Ländern höchster politischer Freiheit und vornehmster Kultur werden die Juden im Wirtschaftsleben zurückgesetzt. Wo sie selbständige Unternehmer sind oder in der Industrie und im Handel sich führend betätigen, wo sie anonym unter der Fassade von Aktiengesellschaften und Verwaltungsgremien wirken, ist die Ablehnung jüdischer Betätigung nicht so evident, wiewohl sie auch dort vorhanden ist. Konnte man doch vor einigen Wochen erleben, daß der Judenstämmling Josef Redlich, eine Leuchte der Wissenschaft, letzter Finanzminister des österreichischen Kaisers Karl im Jahre 1918, als Mitglied des gegenwärtigen österreichischen Kabinetts demissionieren mußte, njeht etwa darum allein, weil er von antisemitischen Abgeordneten oder in der Oeffentlichkeit angegriffen wurde, sondern weil er von seinen eigenen Ministerkollegen dauernd als Judenstätmnüng gekränkt und beleidigt wurde. Wenn schon ein Judenstämmling in einen! Ministergremium eines Staates so malträtiert wird, daß er allein geht, dann kann man sich ungefähr vorstellen, wie es jüdisehen Angestellten zumute ist, wofern sie überhaupt Zutritt zu Beschäftigungen bei nichtjüdischen Firmen erlangt haben, wenn sie als Einzelne innerhalb einer erdrückenden Mehrheit von nichtjüdischen Angestellten oder Arbeitsgenossen beschäftigt sind. Dieses Verhalten jüdischen Angestellten und jüdischen Arbeitskollegen gegenüber ist sogar in der Sowjetunion eine regelmäßige Erscheinung und sehr oft waren jüdische Nachrichtenagenturen in der Lage, von antisemitischen Ausschreitungen in Sowjet-Betrieben Mitteilung zu machen. Es ist nachgerade eine Selbstverständlichkeit geworden, in Deutschland regt man sich darüber gar nicht mehr auf, daß jüdische Angestellte nicht einmal mehr den Versuch unternehmen, sich um eine freie Stelle bei einem nichtjüdischen Arbeitgeber zu bewerben. Dies ist, der Fall in Zeiten besserer Konjunktur gewesen. Man kann sich nun vorstellen, wie es in dieser Hinsicht gegenwärtig bestellt ist, da der Konkurrenzkampf und der Wettbewerb der Stellungsuchende» infolge der schweren Arbeitslosigkeit auf den höchsten Grad gestiegen ist. ln Deutschland sind Gesellschaften vorhanden, die, von Juden ins Leben gerufen und organisiert, noch aus früheren Zeiten jüdische Angestellte haben, obwohl mittlerweile Kapital und Leitung dieser Gesellschaften in nichtjüdische Hände übergegangen sind. Diese von früher verbliebenen jüdischen An gestellten haben es nicht leicht. Daß sie noch überhaupt beschäftigt werden, kommt daher, weil sie entweder nur schwer kündbare Verträge besitzen, oder auf ihrem Gebiete einfach unersetzlich sind. Aber auch in diesen Spaltung des Misrachi Austritt des deutsdien Landesverbandes aus dem Weltmisrachi