Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 73 (18.9.1931)
- Date
- 1931-09-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 446 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 73, f«. DL 1831 ne«, zu den höchsten Aemtein aufsteigen, wirkt die Lage in Deutschland besonders peinlich- * Am wesentlichsten bei der Beurteilung des ganzen Koniplexes ist die Haltung der Jfidfsehen Oeffentllchkeit und vor allem der jüdischen Körperschaften. Vor einigen Wochen gab es in der Rcpräseiifanten-V er- Sammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde auf Grund einer Anfrage der Jüdischen Volkspartei eine ausführliche Debatte, ob der Vorstand die Entwicklung der politisehen Vorgänge in Deutschland, soweit sich diese auf Juden beziehen, verfolge, und welche Maßnahmen er zu ergreifen gedenke. Jene Anfrage ist mit Bedacht gestellt worden. Der Vorstand und die Repräsentanten-Versammlung in ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung, d. h. die liberale Majorität in beiden Gremien, lehnten es entschieden ab, in eine Behändlung dieser Materie einzugehen. Höhnisch fragten die Wortführer der Liberalen, ob es in den Umkreis der ״rein religiösen Aufgaben“ der Jüdischen Gemeinde falle, sich mit ״politischen Belangen“ zu beschäftigen. Die Vorgänge am ersten Rosch Haschanah-Tage zeigten, wie berechtigt die Aktion der Jüdischen Volkspartei war. Oder soll es wirklich die einzige Maßnahme der zentralen jüdischen Körperschaft in Berlin sein, am zweiten Rosch Haschanah-Tage, wie es in einigen Betstatten geschah, die Besucher auffordern zu lassen, sie mögen aus den Bethäusern unauffällig nach Hause gehen und sich nicht in Gruppen auf der Straße aufhalten? Dieses ist im Berliner Westen geschehen. Die betreffenden Rabbiner brachten diese Wünsche namens des ״Vorstandes" zum Ausdruck. Es ist nicht klar, ob es sich um die Synagogenvorstände oder um den Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde handelt. Jedenfalls hat man diese Ermahnungen einen Tag nach den Vorkommnissen auf dem Kurfürstendamm in Berliner Betstatten zu hören bekommen. Mit Genugtuung stellen wir fest, daß die Mehrzahl der so ״belehrten“ Synagogenbesucher, die ja ihrer religiösen Richtung nach liberal sind, darüber empört war. Besonders in den Kreisen der jüdischen Jugend ist die Entrüstung über die Haltung des Gemeinde- Vorstandes außerordentlich groß. Es wird von der jüdischen Oeffentlichkeit mit Befriedigung zur Kenntnis genommen werden, daß die JüdischeVolkspartei gemeinsam mit dem Vertreter der Paale Zion, Dr. Oscar Cohn, die Einberufung der GemeindereprSsentanz beantragt hat. Die Sitzung soll am 19. September, 8V4 Ulir, stattfinden und als einzigen Punkt eine Anfrage behandeln, welche Maßnahmen der Gemeindevorstand aus Anlaß der Ausschreitungen auf dem Kurfürstendamm getroffen hat, um eine Wiederholung zu vermeiden und die jüdischen Bewohner Berlins zu schützen. Wie der J.T.A. seitens der liberalen Fraktion der Berliner Gemeinde bekanntgegeben wird, hat sich diese in einer Fraktionssitzung, wohl im Zusammenhang mit dem bekannt gewordenen Schritte der Jüdischen Volkspartei, gleichfalls mit den Vorgängen am ersten Rosch Haschanah-Tage beschäftigt. Die liberale Fraktion kündigt eine Anfrage an den Gemeindevorstand an, was dieser in der Angelegenheit unternommen hat. Es ist erfreulich, daß unter dem Eindruck des die jüdische Oeffentlichkeit aufwühlenden Geschehens die Liberalen entgegen ihren früheren Erklärungen in der Repräsentanz sich nunmehr entschlossen haben, eine ״politische"“ Aktion zu unternehmen. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß die liberale Fraktion sich auch aus dem Grunde zur Einbringung ihrer Anfrage entschlossen hat, weil mittlerweile zur Besprechung der C.-V,- Leitung im Preußischen Innenministerium auch der Gemeinde- Vorsitzende Dr. Kleemann herangezogen wurde. Diese Besprechung fand — einem Communique des C.-V. zufolge — am 15. d. M. mit den Vertretern des beurlaubten Minister Severing, Staatssekretär Dr. Abegg und Ministerialdirektor Dr. Klausner, statt. Die Syndici des Centralvereins, Dr. Wiener und flr. Reichmann, waren schon tags vorher, am 14. September, im Berliner Polizeipräsidium erschienen und hatten eine Besprechung mit Grzesinski und Polizeivizepräsident Dr. Weiß abgehalten• Das Polizeipräsidium nahm die von de!־ Presse wegen verspäteten und unzureüdttaden Eingreifens angegriffene Polizeimannschaft in Schutz, beHJte daß die Aktion der Nationalsozialisten überraschend gekommen sei und versprach Maßnahmen zur Verhütung der Wiederholung derartiger Ausschreitungen. Der Streit, ob es sich um einen von langer oder kurzer Hand vorbereiteten U eberfall gehandelt hat, ist müßig. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Aktion der Hakenkreuzler alle Merkmale planmäßiger Organisierung trug. Die ״Aktion“ der Nazis spielte sich in militärischen Formen ab. Kommandanten erteilten Befehle, nahmen Meldungen entgegen, feuerten die Mannen an und spendeten Lob, Es scheint uns, daß es zumindest voreilig war, wenn der C.-V. im Wege der J. T. A. sich die Auffassung der Polizei zu eigen macht, es hätte sich um eine spontane Aktion gehandelt und die Haltung der Polizei sei nach keiner Richtung hin angreifbar. Wir haben auf Grund eigener Wahrnehmung festgestellt, daß di« Polizei nach ihrem Erscheinen energisch durchzugreifen versuchte, daß sie aber zu spät und zunächst mit zu schwachen Kräften auf dem Plane erschienen ist. Die Beunruhigung in alten jüdischen Kr eis e n ist begreiflicherweise außerordentlich groß. Man betrachtet mit Recht diesen Zwischenfall als ein sehr ernstes Symptom für die heutige Lage der Juden in Deutschland, ln einer solchen Situation müßten jüdische Organisationen sich hüten, aus einem gewiß begreiflichen Bedürfnis, ihren Mitgliedern den Beweis für ihre Rührigkeit zu erbringen, Mitteilungen auszugeben, die wie eine Beschwichtigung wirken könnten. Die Ergebnisse der Bemühungen des C.-V. scheinen sehr dürftig gewesen zu sein, verbindliche Erklärungen sind von keiner maßgebenden Seite erzielt worden. Dagegen hat eine amtliche Stelle den Vertretern des C.-V. Ratschläge über die Art und Weise gegeben, wie Juden sich an ihren Feiertagen kleiden und benehmen sollen. Wir glauben nicht, daß die zustimmende Entgegennahme solcher Ratschläge eine sehr wirksame Art der Vertretung jüdischer Interessen ist. Alle Erfahrungen weisen darauf hin, daß in einer solchen Sache die Möglichkeit eines Erfolges größer gewesen wäre, wenn eine legitimierte Gesamtvertretung des deutsehen Judentums in Aktion hätte treten können. Wir haben —■ auch aus zahlreichen Zuschriften an unsere Zeitung —feststellen können, daß die Erregung und das Gefühl der Unsicherheit in zahlreichen jüdischen Kreisen den Gedanken geweckt hat, daß etwas Durchgreifendes geschehen müsse und daR einzelne Gruppen auch auf eigene Initiative handeln wollen. Dadurch wird aber die Schlagkraft der jüdischen Selbstverteidigung«- Maßnahmen zersplittert. Dies kann nur vermieden werden, wenn die zentralen jüdischen Körperschaften ihre Pflicht erfüllen und als Wortführer und Sachwalter der in ihr organisierten jüdischen Gesamtheit auftreten. * Die Anfrage der Jüdischen Volkspartei an den Gemeinde- Vorstand lautet: ״Am Rosch-Haschanah-Tage ist es im Berliner Westen zu pogromartigen Ausschreitungen gegen jüdische Straßen- Passanten gekommen. Nationalsozialistischer Mob riegelte ganze Straßenzüge ab, hieb auf die jüdischen oder jüdischaussehenden Spaziergänger, die zum Teil aus dem Gotteshause kamen, in rohester Weise ein, schlug sie zu Boden, trat sie mit Füßen und beschimpfte sie und die jüdische Allgemeinheit in unflätigster Weise. Das ganze erwies sich deutlich als eine von langer Hand vorbereitete Aktion. Wir fragen den Gemeindevorstand, was hat er selbst und in Gemeinschaft mit den in Betracht kommenden Stellen getan, um der jüdischen Bevölkerung Berlins die Freiheit der Religionsilbung und den Schutz von Leben und Gesundheit zu sichern?“ Berlin, den 14. September 1931. Zum Wechsel im Oberkommissariat Von unserem palästinensischen Korrespondenten. AG. Tel-Awiw, 8. September 1931. Der High Commissioner Sir John Chancellor hat diese Woche das Land verlassen. Eine diesmal recht pompös aufgemachte Abschiedszeremonie auf dem Jerusalemer Bahnhof — Blumen, Teppiche, Dekorationen, ein Musikkorps, eine berittene Ehrengarde, die Spitzen der Beamtenschaft und eine Anzahl der führenden Landespolitiker — bildete den Abschluß seiner dreijährigen Regierungsperiode. Die Zeit des Amtsantritts des dritten palästinensischen Oberkommissars vor nunmehr drei Jahren scheint heute weit entfernt. Damals erwartete man eine neue Periode, die anders sein sollte als die der zwei früheren Kommissäre. Es schien alles recht klar: Herbert Sam u e 1 hatte die Grundlagen einer Zivilverwaltung im Mandatsland eingeführt, er hatte das Land zu einem guten Teile pazifiziert und die Grundlagen einer Verständigungspolitik für die im Lande lebenden Völker vorgezeichnet; Lord Plumer, der alte Soldat, das Symbol der strategischen Periode, hatte — so nahm man wenigstens an — Palästina seinen Platz als Wächter am linken Ufer des Suezkanals und als Brückenkopf des Luft- und Landweges nach Indien ausgebaut. Jetzt schien mit der Ernennung des typischen Kolomaladministrat o r s Chancellor die dritte Periode einzusetzen. Man hoffte auf einen Ausbau der Verwaltung, auf Maßnahmen zur Entwicklung des Landes, auf eine Zeit stiller, wenig sensationeller, aber um so fruchtbarerer Administration. Wer hätte damals daran gedacht, daß die kommenden drei Jahre die schwersten, kompliziertesten, sensationellsten sein würden, die Palästina in der Nachkriegszeit zu überstehen hatte! Wenn je, so haben sich alle Kombinationen und Voraussagen, die damals über den neuen Mann und die neue Zeit geäußert wurden, als völlig falsch erwiesen. Es kam die Zeit schwerer Gefahren, politischer Hoch- Spannung, national-religiöser Kämpfe, in der wir heute noch stehen und unter der wir heute noch leiden. Palästina ist niemals dazu gekommen, die administrativen Fähigkeiten des Oberkommissars, die ihn für den Posten so empfehlenswert machten, zu erproben. Das erste Jahr seiner Verwaltung verging mit dem Sich-Einarbeiten in die neuen Verhältnisse, mit verschiedenen Vorarbeiten und Projekten, ln diese Zeit fallen die wichtigen Propositionen Sir Johns, die Vorbereitung des Gesetzgebenden Rates, eines neuen Munizipalitätengesetzes, verschiedener verwaltungstechnischer Verbesserungen. Aber man kam nicht mehr dazu, diese Projekte dem Prüfstein der Praxis zu unterwerfen. Die Wellen der Augustunruhen 1929 schwemmten alle diese Pläne wie auch irgendwelche sonstige administrativen Maßnahmen, die man im Oberkomniissariat geplant haben mag, mit einem Schlage hinweg. Rassenkampf und Politik drängten alles andere in den Hintergrund und der Administrator Chancellor hat bis zu seiner Abreise seine Spezialeignung in Jerusalem nie mehr gezeigt. Er mußte durch den Politiker ersetzt werden. Und hier hat Sir John keine Erfolge verzeichnen können. Selbstverständlich darf niemals vergessen werden, daß die Verwaltung des Landes in den drei letzten Jahren zu den schwersten Aufgaben gehörte, die die Leitung des englischen Imperiums in seinen Grenzen zu vergeben hatte. Zur Entwirrung des politischen Knäuels gehörten feinstes Verständnis der involvierten Fragen, eine sehr geschickte, vorsichtige und dabei doch sichere Hand, ein BHck für das Wesentliche, eine bestimmte und doch unoffensive Art des Auftretens, eine klare politische Linie und enger Kontakt mit allen Kreisen der Bevölkerung. Vielleicht ist diese Kombination von Eigenschaften überhaupt nicht anzutreffen. Sir John Chancellor jedenfalls ließ sie durchaus vermissen. Seine Amtszeit wurde charakterisiert durch dauernde Schwankungen, die nicht wenig dazu beitrugen, die ohnehin nicht einfache Lage noch bedeutend zu verwirren. Der Kontakt mit der Bevölkerung war außerordentlich schwach. Es ist ja ohnedies charakteristisch für die Verhältnisse im Lande, daß sich die einzelnen Gruppen so scharf, man möchte fast sagen, kastenmäßig, gegeneinander abgrenzen. Man nimmt diesen Zustand in Palästina schon fast als selbstverständlich hin; Juden, Araber, Engländer bleiben unter sich und beobachten sich gegenseitig• von ihren abgeschlossenen, begrenzten Lagern aus. Daß diese Verhältnisse ein gegenseitiges Sich-Kennenlernen und damit auch eine Verständigung erschweren, leuchtet ein. Die Persönlichkeit des High Commissioners kann hier jedoch einen gewissen Wandel schaffen. Gruppieren sich um ihn Persönlichkeiten aller Rassen und Gruppen, treffen sie sich bei ihm zu den verschiedensten Gelegenheiten, so werden sich trotz aller Widerstände hier und da Beziehungen anknüpfen und wenn die führenden Kreise erst einmal das.Beispiel mischten Verkehrs" gegeben haben, so werden andere folgen, wie das immer in solchen Umständen der Fall ist. Derartige Versuche, die einzelnen Gruppen miteinander in Kontakt zu bringen, sind bei Sir John sehr spärlich gewesen, ebenso wie es an anderen Aktionen zur Annäherung der ihm anvertrauten Völker gemangelt hat. So sah Palästina bei der Abreise des Oberkommissars das seltsame Schauspiel, daß die Araber sich von der Abschieds- Zeremonie fernhielten — ein Zeichen der neuen a 111 i e n g - lischen Wendung in der arabischen Politik. Und das zur selben Zeit, wo der jüdische Jischuw erst ganz langsam, beginnt, sich von seinem Mißtrauen gegen jeden Schritt der Engländer etwas zu befreien, ein Prozeß, für den es heute die ersten schwachen Anzeichen gibt. Der Wechsel im Oberkommissariat fällt zusammen mit einer Reihe von kleineren und größeren Aenderungen im Verwaltungsapparat des Landes. In nächster Zeit werden vermutfich noch weitere Verschiebungen stattfinden und diese zusammen mit den großen Umwälzungen in London, in der Regierung und im Kolonialamt liefern für die Palästinapolitik so etwas wie einen frischen Start. Künstl eii Von Mayer ÜÜ a r t i n e r Die Vorsichtsmaßregeln, die Reh Seinwel Chasen (Kantor) vorgenommen hatte, um in der tückischen Elulzeit einer Heiserkeit vorzubeugen, hatten nicht viel geholfen. Er hat sich dennoch erkältet. Es war die soundsovielte ״Generalprobe“ vor Rosch Hasclianah. Und da hieß es eben viel schwitzen. Denn keiner von den ״Singem“ eines Chores kann Noten lesen, nicht einmal Reb Seinwel selbst. Seine wunderbaren Kompositionen jedoch kann er diesen ״tauben Holzklötzen“ — wie er so seine Chorsänger oft nennt — nur durch mühseliges Eindrillen beibringen. Man probte einen ״Un’ssane tokef“. Es war eine kühle Elulnacht. Die geschlossenen Fenster in Reb Seinwels Stube waren von Neugierigen umlagert. Zwölf Sänger! Der greise Reb Seinwel an der Spitze, einen dicken grünen Shawl um den Hals gewickelt — das berühmte Schutzmittel gegen Heiserkeit . die Samtkappe im Kacken, mit beiden Händen seine Armee dirigierend — ein General! Er war in seinem Element. Mit Recht belohnte auch das Beifallsklatschen vor den Fenstern die heimischen Künstler. Zwischen Blumen lauert jedoch die Schlange. In der Menge befinden sich auch Anhänger von Jossel Quietscher, dem Chasen von der ״kleinen Schul“. Dieser war der ewige Konkurrent von Reb Seinwel, dem Chasen von der ״großen 5011111". Jossel behauptete, in seiner Jugend einmal beim weitberühmten Seidel Rowner ״gesungen“ zu haben. Er konnte ein klein wenig Noten lesen und er versäumte es nie, bei Hochzeiten und Beschneidungsfeiem im Kreise seiner gaffenden Anhänger einen Vortrag über die Musikkunst zu halten, der immer in eine korrekt auf- und absteigende Skala ausklang: Do, re, mi, fa, sol, la, si, dooo! — Do, si, la, sol, fa, ini, re, dooo!... Das pflegten die Anhänger Reb Seinwels, die ״Seinwellisten“, spottend zu erzählen. Bei den Anhängern Jossels jedoch, den ״Josselisten“, galt Reb Seinwel als ״der alte Baden“, der Weltfremde, und seine ״Sachen“, über die man in der alten Schul in Entzücken geriet, galten jenen nur mehr als altes, unmodernes Zeug. Und so kam cs, daß nach jener glänzenden Probe des ״Un’ssame tokef" aus dem dichten Menschenknäuel vor den Fenstern einige Sdtmährufe gegen Reb Seinwel fielen. Reb Seinwel ist ein heißblütiger Künstler und dazu ein aufgeregter Jude. Alle Vorsichtsmaßregeln gegen Heiserkeit vergessend, riß er, von Gesang und Zorn erhitzt, das Fenster auf und schrillte — es waren falsche, übermäßige Intervalle! — in die sternhelle, recht kühle Elulnacht hinaus: — Still, du Scheigez (Halunke)! Am Morgen war er stockheiser..., Und in zwei Tagen ist Rosch Haschanah, morgen der Vorabend! Näche, die Chasente, des Kantors Frau, geht herum und ringt die Hände. Alle Häuser der Schulgasse ist sie bereits abgelaufen, ein richtiges Mittel gegen Heiserkeit zu erfragen. Reb Seinwel ist vor Aerger und Selbstvorwürfen fast gebrachen. Warum hat er sich hinreißen lassen? Jetzt steht er als Jammerbild da! Heißt es doch im Volksmund, ein Chasen gleiche einem Truthahn; beide füttere man das ganze Jahr. Vor Peßach aber krepiert der Truthahn und vor Rosch Haschanah wird der Chasen heiser. . . . Traurig sitzt Seinwel im Zimmer und ärgert sich. Seitdem Reb Selmele, der ״Magnat“ im Städtchen, Gemeinde- Vorsteher wurde und auch ״erster Schulvater“ in der großen Schul, sucht Jossel Quieftcher, der mit Reb Selmele verwandt ist, den ״alten Chasen“ zu stürzen. Reb Selmele und seine Tellerlecker sind mit einem Male große Sachverständige geworden, ״in Musik“ und in dergleichen modernen Dingen. Und Reb Seinwel weiß: man will ihn ״pensionieren“, ihm das Brot wegnehmen. Das Brot? Das Leben wird man ihm rauben: das Singen, das Sich-aussingen. Wie kann man nur leben, wenn man nicht singt? Ein Chasen lebt vom Singen, nicht so wie ein Schneider von seiner Schere, sondern so wie ein Mensch vom Brot, sondem wie ein lebendes Wesen von Luft. Ja, das Singen ist dem richtigen Chasen wirklich Brot und Luft. Und wie kann man dann noch ״dawenen“, wahrhaftig zu Gott beten? Ohne Gesang! Es gibt kein Beten ohne Gesang! Nur wenn man so dasteht, rechts und links von Sängern umgeben, dann wird es recht fühlbar, wie Gott überall ist, auch hier, ihm ganz nah.... Und da spricht man mit Ihm, gelobt sei Sein Name!.... So ein ״Un'ssane tokef“ etwa, am Rosch Haschanah! Da steigt man auf.... Nicht umsonst sind die großen Zaddikim, die Gerechten, auch große Sänger gewesen und haben auch, besonders für Rosch Haschanah und Jom Kippur, den Versöhnungstag komponiert.... Und sollen nun gerade Rosch Haschanah und Jom Kippur, die göttlichen Gesangstage, einem singenden Menschen zum Verhängnis werden?.... Ein Freund erteilte ihm guten Rat. Er solle morgen, am Vorabend des Rosch Haschanah, vor Tag die übliche ״Sechorb’riss-Hora allein und ohne Chor singen, dabei aber seine Stimme ganz hoch, und zwar ״über die Heiserkeit nehmen". Das sei ein erprobtes Mittel und stamme von einem großen Chasen. Man kann nämlich nur Gleiches mit Gleichem heilen. Eine abgefrorene Zehe reibt man mit Schnee ein, eine verbrüllte Hand hält man in heißen Dampf, und eine heisere Stimme heilt man durch Ueberschreien.... Reb Seinwel folgte dem Rat. Aber schon nach einer halben Stunde konnte er kein lautes Wort mehr hervorbringen. Und er erlebte noch die Schmach, daß Jossel Quietscher, den Reb Selmele heimlich rufen ließ, vor das Gebetpult trat und in modern ausgesuchten Melodien, wie um den alten Chasen zu verhöhnen, das ״Sechor-b’riss“ zu Ende führte. Jammer und Tränen im Hause des alten Chasen. Und das soll ein Rüsttag sein zum Neujahrstag! Näche steht mit dem Holzlöffel am Herd, an den zischenden Töpfen, und weint still. Zwei Söhne, die Tenöre, Stützen des Vaters, sitzen traurig im Winkel und hören, wie der Baß, ei« kräftiger Flachskämmer von Beruf, ihrem Vater, der kraftlos auf dem altertümlichen Sofa liegt, gütlich zuredet. Vor dem offenen Fenster treiben Soprane und Altisttti, jugendliche Knaben, ihr Wesen. Wie die Spatzen sind sie. — Und ich sage Euch, Chasen, wenn wir wenigstens noch zum Mussafgebet am zweiten Rosch Haschanah-Tag kommen können, so ist die Lage gerettet. — In zwei Tagen? preßt Reb Seinwel flüsternd heraus. — Ich denke, vielleicht Blutegel? , . . leb hole Kalmen de» Feldscher. Nach einer Viertelstunde war er wieder da, und hell ward es im Zimmer, denn der lustige alte Kalmen, der Feldscher, ein begeisterter Anhänger des alte« Chasen, war auch da. Näche bricht in Tränen aus: — Was sagt Ihr zu meinem Unglück, Reh Kalmen? Kalmen fühlt den Puls des Alten. Lachend klopft er ihm auf die Schulter.