Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 59 (31.7.1931)
- Date
- 1931-07-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sehe J&56 JODISC|fE RUNDSCHAU Nr. 50, 31. m 1031 Fugball und anderes Werk am Schabbath Zmn AvftaU unter obigem Titel in Nr. 57 der Jüdischen Hund- Behau“ erhalten wir nachstehenden DUkmtionsbeitrag: Als gesetzestreuer Nichtzionist, der an den Vorgängen in Erez-Israel nicht minder als an denen im Golus interessiert ist, drangt es mich, einiges Grundsätzliche zu dem objektiv gehaltenen, recht wertvollen Aufsatze Helene Hanna Thons ״Fußball und anderes Werk am Schabbath“ zu bemerken. Die Verfasserin führt Klage darüber, daß ״moderne jüdische Theologen sich ״so wenig um die Lösung des Schabbath• Problems kümmern“. Sie denkt dabei nicht an den Aufgaben- *??'8י der e*wa dem mehr gepriesenen als tatkräftig unterstutzten Weltverband Schomre Schabbos zufällt, dem ja viele Rabbiner zugetan sind. Sie kann, so glaube ich, wenn es sich um Erez-Israel handelt, das entweder areligiöse oder traditionellreligiöse Menschen umfaßt, auch nicht an liberale Rabbiner denken. Wie wenig die zweifellos wissensreichen und religiös gesonnenen besten Köpfe unter ihnen geeignet sind, einer Refeneration des jüdisch-religiösen Geistes die Wege zu ebnen, as hat nicht nur die Richtlinien-Affäre und manche liberale Weltkonferenz gezeigt. Prof. Elbogen hat neulich in der ״Rundschau“ auf eine misrachistische Kritik an seinem Gebetbuche eine Antwort gegeben, die leider unbeantwortet blieb, die aber wieder einmal zeigte, von wieviel Zufälligkeit das sicherlich reine Reformstreben der liberalen Führer abhängt. Der Judenstämmling Max Scheler hat in seinem Buche ״Vom Ewigen im Menschen“ so Schönes über die Notwendigkeit der Häufung von Synonymen im Gebet gesagt, daß ich statt aller Antwort auf das ganz rationale Verfahren, mit dem Gebete ״gemacht“ werden sollen (ein Rationalismus, der einzelnen Menschen zu eigen sein mag, zweifellos aber nicht einer Gesamtheit der Gegenwart), darauf verweisen kann. Und ebenso ist der Pazifismus bei aller Vielfältigkeit der Wurzeln, die er im Judentum hat, noch lange nicht als solcher eine beherrschende jüdische Idee, so daß man einfach dem Zeitgeiste eines modernen Jahrhunderts zuliebe das ״Ausrotten des Bösen״, von dem die Thora — diese Grundlage dürften doch selbst Liberale nicht ganz verleugnen! — zu berichten weiß, als nicht vorhanden ansieht-. Man verzeihe diese Abschweifung. Sie ist aber vielleicht nützlich, um an einem Beispiele zu zeigen, wie abwegig es ist, den Boden jüdischer Tradition zu verlassen, aus dem das jüdisch-religiöse Geistes- und Seelengut erwächst, aber nicht eigenmächtig gehoben wird. Bleiben nur die orthodoxen Rabbiner. Es bedarf nicht vieler Worte, um zu sagen, daß sie die Berufenen sind, über die Vorschriften traditioneller Art zu wachen, führenu darin zu sein, das traditionelle Religionsgut zu wahren, dem sie sich ja durch theoretische und praktische Uebung, durch Ergebenheit und Anerkennung bis ins Letzte verbunden wissen. Was sie aber in ihrer weit überwiegenden Mehrheit in der religiösen Notzeit der Gegenwart vermissen lassen, das ist der Blick in die Weite, das ist die Fragestellung für das jüdische Volk und seine Zukunft als Ganzes: ״Thora! Was soll aus ihr werden?!“ Gerade einem, der ihre Bedeutung voll und ganz erkennt, der sich ihnen unterwirft, kommt es immer stärker zum Bewußtsein: Unsere Zeit, in der die Religion so verlassen ist, hat die Führer, die sie verdient! Da nicht ein einzelner Rabbiner wichtige Entschlüsse fassen darf, da es eines Sanh edrin bedarf, um dem Religiösen aufzuhelfen, hat es schon lange eines festen, aktionsfähigen und — in der Hauptsache: mutigen Zusammenschlusses der anerkanntesten Thoraführer bedurft! Wo ist er? Soll der Rabbinische Rat der Agudah das bedeuten? tffetsder Miarachi ein Gremium dieser Art aufgestellt? Haben beide etwa zum Heile der Thora den Weg zueinander gefunden? Haben sie auch nur gemeinsam die Frage gestellt: Was soll aus der Thora werden?! Wo ist der ״Waad Arba Haara- *Oth“, von dem uns die Geschichte so Gutes berichtet, in der Gegenwart? Ist es nicht vielmehr so, daß die meisten Rabbiner an ihren eigenen Wirkungskreis denken, in Erez-Israel ebenso wie anderwärts, und das Heil des Ganzen aus dem Auge verlieren?! Und es finden sich sogar welche, die einfach erklären: Wenn nur meine Gemeinde, ja, wenn nur meine Familie der Thora treu bleibt, bin ich’s zufrieden! Anderes ist nicht meine Aufgabe. Verantwortung wie ״religiöse Regeneration“ kann ich nicht übernehmen. So sonnt man sich denn im Bewußtsein religiöser Pflichterfüllung und läßt Zukunft Zukunft sein. Gerade die Tatsache, daß nur traditionell-religiöse Führer der Thora das Wort reden dürfen, legt ihnen die Pflicht des Handelns auf. Rabbiner Kuk hat einen flammenden Protest gegen die zweifellos rücksichtslosen Makkabianer losgelassen, die frommen Juden der heiligen Stadt entschieden sich im Eifer des Gefechtes dafür, am heiligen Festtage den Nichtjuden ein schmachvolles Schauspiel jüdischer Zwietracht zu geben und nicht daran zu denken, daß diese Tatsache doch wohi schwerer uriegt als die evtl. Unterbindung des Makkabi-Kampfes. Aber da liegt ja die Kernfrage: Hat man denn halachisch diese Frage in Angriff genommen? Hat man denn Tragweite und Bedeutung des Fußballspielens am Sabbath nach dem ״Din ״ festgelegt? Freilich, das Gefühl empört sich dagegen, daß man die althergebrachte Sabbathruhe in der heiligen Stadt aufgegeben sehen soll. Aeußerlich wenigstens soll die Sabbathruhe allenthalben herrschen. Aber — die Thora ist der Führer jüdischer Religion und nicht das Gefühl! ״Nachteil und Vorteil einer Mizwoh“ aufs Genaueste abzuwägen nach dem Din, das ist, nichts anderes ist entscheidend. Es unterliegt für mich keinem Zweifel: Wenn das Führertum mutig erklärt, wir wollen alle Fragen klären im Sinne des Satzes: ,Die Kraft zu erlauben ist größer“, und dennoch in voller ,Ehrerbietung jüdischer Tradition, wenn das Führertum gleichzeitig jeder Entladung religiöser Gefühle, der so oft unlautere Motive beigemischt sind, den Riege! vorschiebt, dann gibt es Wege, die Tradition zu festigen und gleichzeitig gewissenlosen Gegnern erfolgreich entgegenzutreten. Dann kommt man in allem anderen weiter, was Helene Hanna Thon angeregt hat. Ein Sanhedrin tut not! Ich bin mir wohl bewußt, daß gesetzestreue Leser obiger Zeilen den Schreiber als Verräter der Gesetzestreue bezeichnen werden, weil er gegen rabbinische Autoritäten geredet hat. Ihnen sei gesagt, daß ich mit Gottes Hilfe ihnen nach wie vor treu ergeben bin — weil die jüdische Tradition es verlangt. Aber ich halte es für eine religiöse Pflicht, im Sinne des תובח וענייי auch ihnen gegenüber einmal zu sagen: was ist! Mehr als national gesinnte Juden beseelt den gesetzestreuen das Bewußtsein, dem die Hatikwah Ausdruck verleiht: Nur mit dem letzten Juden ist auch das Letzte unserer Hoffnung! Aber ich möchte nicht mit der Verantwortung belastet sein, die die noch so verehrungswürdigen Führer zu tragen haben werden vor Gott und der Geschiente, jener die die pflic ht haben, die uralte, jüdische Religion vor ihrem qualitativen und quantitativen Niedergang zu bewahren. Unter den Vereinigungen, die Stipendien für Hörer der Universität in Jerusalem gestiftet haben, befinden sich u. a. der Verband amerikanischer Studenten (Stipendium von 100 Dollar) 9 Religionsschulen haben gemeinsam ein Stipern dium von 160 Dollar gestiftet. Andere Religionsschulen haben jährUch« Bücherpreise ausgesetzt. Abkehr? Von Elf rid e Bergel-Gronemann. Die folgenden Ausführungen sollen Probleme darzustellen versuchen, die viele jüdische Menschen heute erfüllen. Und gerade deshalb muß das oft Verschwiegene — oder nicht iewußte — einmal ausgesprochen werden, und sei es auch nur, um andere Antworten oder Widerlegungen hervorzulocken. Wenn man der stetig zunehmenden Abbröckelung des religiösen Judentums gewahr wird, sucht man die Ursache dafür meist dort, wo sie am augenfälligsten in Erscheinung tritt: ln der Abkehr von den religiösen Formen und Gebrauchen, und man sucht dieser Tatsache entgegenzuwirken, indem man immer wieder den Sinn und V' ert des Zeremonialgesetzes zu deuten und zu vertiefen, darüber hinaus die ethischen Gedanken des Judentums zu betonen und ihre Kenntnis zu verbreiten unternimmt. Mit all diesem Bemühen aber wird im Grunde nur einer kleinen Minderheit (und auch der nur für kurz״ Zeit) eine Antwort auf ihre Einwände gegeben, denn die Ursache für die wachsende Entfremdung liegt anderswo, liegt tiefer. Die Abkehr gilt der überlieferten religiösen A -hauung selbst. Um Mißverstehen zu vermeiden, sei es unterstrichen: Nicht etwa ihr ethischer, sondern ihr religiöser Inhalt wird abgelehnt. In folgendem soll versucht weiden, die Gründe hierfür darzulegen. Für Religion und Wissenschaft ist die Frage nach den letzten Dingen der Ausgangspunkt allen Bemühens. Aber beide suchen etwas Verschiedenes, und das unterscheidet sie unverwechselbar voneinander: Der Forscher sucht hinter den Dingen ihr Gesetz, der Religiöse ihren Sinn. Dies, das Erkennen eines metaphysischen Sinns, ist das Kennzeichen religiöser Anschauung. Wenn der Mensch diese Anschauung rein bewahren könnte, würde er sagen: ״Ich weiß, daß es einen immanenten Sinn der Welt gibt. Ich kenne ihn ,nicht und werde ihn nie kennen. Es genügt, daß ich ihn weiß, von dem Dasein des Göttlichen weiß, daß ich ihn immer und überall spüre.“ Das ist seine reine, sein ganzes Dasein durchdringende, von jeder Bezogenheit auf den Menschen freie religiöse Er- Kenntnis. Aber es liegt in der menschlichen Natur, daß sie diesem metaphysischen Sinne nachspüren, daß sie ihn definieren, interpretieren, aus dem Geschehen der Welt deuten muß — daß sie aus dem Wissen um einen Sinn den Glauben an einen bestimmten Sinn macht. Dies, diese Sinndeutung, ist der eigentliche Gegenstand der Religionen. Das Unerforschliche, Ewig-Geheime erhält eine vom Menschen gesetzte Deutung, und damit wird die reine unbegrenzte religiöse Anschauung zu der׳ menschlichen Sphäre niedergezogen. Denn die Auslegung des Sinns wird notwendigerweise bestimmt werden durch die Bedürfnisse des menschlichen Herzens, durch das Verlangen nach Trost, nach Hoffnung, Reinheit, Schönheit, Macht, nach Güte, nach Unsterblichkeit. Alle Gottesvorstellungen der Welt sind nichts anderes als immer neue Versuche, den unbekannten Sinn in einen jenem Bedürfnissen entsprechenden Sinn umzudeuten. Und so wird aus der tiefen demütigen Bewußtheit, dem Ewig-Unbegreiflichen gegenüberzustenen, ein anthropozentrisches Gottvertrauen, das in seiner verbreitetsten Form nicht mehr ist als quietistischer Optimismus. Es besteht gewöhnlich in dem Vertrauen darauf, daß Gott schon alles zum Guten — nach menschlichen Maßstäben — lenken wird. So wird Religion mit Optimismus verschmolzen. (Dem widerspricht keineswegs die Tatsache, daß es scheinbar pessimistische Religionen, wie z. B. das Christentum, gibt. Hier wird nur die. optimistische Lösung dem Jenseits überlassen, ein Ausweg aus dem Dilemma zwisehen den bitteren Erfahrungen des Daseins und dem Bedürfnis nach Trost.) In den verschiedenen Gottesbegriffen tönt die ganze Skala dieser menschlichen Sehnsucht. Demgegenüber ist die Stellung vieler, und gerade religiöser Menschen, die folgende: Wenn sie auch wissen, daß es nun einmal Menschenschicksal ist, die reine abstrakte Anschauuiig in eine Form bringen zu müssen, so entsprechen doch gerade diese optimistischen Vorstellungen ihrem Lebensgefühl in keiner Weise, das im Gegensatz dazu angesichts der mit ihnen unvereinbaren Erfahrungen des Lebens in einer tiefen Skepsis wurzelt. Dieses ihr Lebensgefühl findet keinen Platz In der überlieferten Religion, die mit anthropozentrisehen Vorstellungen verknüpft ist. Dabei nun kann es sich um tiefreligiöse Menschen handeln, d. h. um solche, die einen unverlierbaren Glauben an den metaphysischen Sinn des Weltgeschehens haben. Hier liegt also ein mit unserem üblichen religiösen Maßstab nicht erfaßbarer seelischer Tatbestand vor. Es ist die Frage zu stellen: Wie ist eine Religiosität geartet, die, statt mit anthropozentrischem Glauben, mit tiefer Skepsis verknüpft ist? Und zweitens: Hat eine solche Religiosität Raum im Judentum? Man wird auf den ersten Blick erkennen, daß alles das, was man ״Segnungen der Religion“ zu nennen pflegt, bei ihr fehlen wird, eben all das, was wir Trost und Hoffnung in jenem vorher gekennzeichneten Sinne nennen. Theologische Vorstellungen wie der Jenseitsglaube, pädagogische Gesichtspunkte wie Lohn für gute Werke usw. werden ihr versagt sein. AH das gehört in das Gebiet der ״Vermenschlichungen“, denen das reine religiöse Gefühl entsagen muß, um seiner Erkenntnis gewiß sein zu können. Eine andere, aber nicht geringere Gläubigkeit erwächst aus dieser Gesinnung: War es dort der Glaube, daß alles dem Menschen zum Besten gefügt werde, daß alles Weltgeschehen zu seinem Wohle sei, so ist der Blick dieser religiösen Einstellung über den Menschen und sein Schicksal hinausgerichtet. Es ist nicht mehr der Glaube an einen von Menschen geformten Gottes begriff, sondern an das göttliche Sein selbst. Nicht, daß das Dasein von einem dem Menschen gnädigen Wesen gelenkt wird, ist die Wurzel der religiösen Ergriffenheit, sondern: daß das Dasein einen immanenten metaphysischen Sinn hat. Daß dieser Sinn ehrfürchtig bejaht wird, auch wenn er uns verhüllt, auch wenn er uns feindlich ist, ja, auch wenn er uns zermalmt, — das ist der Inhalt dieses in zahlreichen unserer Menschen bestehenden religiösen Empfindens. Es strebt fort von anthropozentrischer Gebundenheit. Ihm erscheint jenes Gottvertrauen, das mit Optimismus einhergeht, als Blasphemie, denn es setzt eine Parteinahme des Göttlichen, sozusagen eine Beschlagnahme Gottes für den Menschen, voraus. Hier, in diesem religiösen Gefühl, sagen wir es schlagwortartig, wird Gott frei. Eine tiefe und grenzenlose Demut geht aus dieser Gesinnung hervor, gerade weil der Sinn des Daseins als unparteiisch erkannt wird. Es ist diesem religiösen Gefühl weder entscheidend noch selbst von irgendeiner Bedeutung, wie es dem Menschen ergeht, ja nicht einmal, ob seine Wertung von Gut und Böse irgendeine Geltung im Weltgeschehen hat, denn die religiöse Er- Iebnissphäre wird allem menschlichen Bereiche, auch seiner Ethik, entzogen. Jeder Maßstab ist ihm eine Verkleinerung des Unfaßbaren. Diese Gläubigkeit ruht in einer Tiefe, in der keinerlei Einwand sie erreichen kamt. Das Göttliche ist allem menschlich Erlebbaren entrückt. In Voltaires ״Candide“ wird das Menschenschicksal In einem Bilde gegeben: ״Wenn der König ein Schiff nach Aegypten sendet — kümmert er sich darum, ob die Mäuse im Kielraum sich Wohlbefinden oder nicht?“ Dort ist dieses Gleichnis der Ausdruck eines abgrundtiefen areligiösen Pessimisinus, Abbild der greaRBLose® VeilQreahieit aes Menschen! im All. Die hier gekennzeichnete, mit Skepsis zu vereinbarende religiöse Gesinnung kann dieses Bild in einem ganz anderen Sinne akzeptieren: wohl sind wir wie die Mäuse im Kielraum und unser Schicksal ist gleichgültig für den Herrn, der das Schiff über das Meer sendet. Wir wissen nicht einmal, warum er sie aussendet. Aber: E r sendet sie. Von den Fragen und Bedenken, die sich dieser Dar- Stellung gegenüber in Unzahl erheben werden, seien nur einige, die wichtigsten, herausgesucht. Zunächst: Werden mit dem Verlust der traditionellen religiösen Vorstellungen nicht ethische Erziehungswerte verloren gehen? Unzweifelhaft ist Religiosität untrennbar mit Ethik verbunden, nicht etwa, wie oft angenommen wird, wie Mittel mit Zweck — das hieße das Wesen des Religiösen verkennen und verkleinern — sondern sie sind verbunden, wie etwa die elektrische Kraft mit dem Wasserfall: Die Dynamik der religiösen Bewegung erzeugt ungewollt, allein als Folge Ihres Wesens, den ethischen Willen. Die Stärke der religiösen Erschütterung bestimmt die des ethischen Willens, der ihr entströmt. Brod gibt in seinem Buche ״Heidentum, Christentum, Judentum“ ein wundervolles Beispiel für das psychologische Gesetz, daß das religiöse Erleben den ethischen Tatwillen erzeugt, in der Geschichte des R. Simon b. Jochai, der, als er nach langer Gefangenschaft das Sonnenlicht wiedersah, zu seinem Sohne sprach: ״Uns ist ein Wunder geschehn, darum müssen wir Gutes tun.“ Darin liegt das ganze Geheimnis, das ganze Wesen des Religiösen. — Eine religiöse Erfahrung nun, wie die hier gekennzeichnete, eine Hingabe, die um die reine, uneigennützige Anschauung des Göttlichen ringt, wird eine seelische Bereitschaft für das Gute, für den Kampf um Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit im Gefolge haben müssen: Bewegung, die sich in Kraft umsetzt. Wer den Ewigkeitsaspekt hat, der kann nicht niedrig und gemein sein. Der wird sich aufgerufen fühlen, das Böse und Niedrige zu bekämpfen, wo er es findet, einfach darum, weil er es iti seiner Weit nicht dulden kann, weil er keinen Raum dafür hat. Schwieriger noch ist die zweite Frage zu beantworten: Hat eine solche religiöse Gesinnung Raum im Judentum? Ohne Zweifel scheint das Eine: Der Grundgedanke des Judentums, der Monotheismus, wird in dieser religiösen Gesinnung, die einen einheitlichen immanenten Sinn im Weltganzen sieht, Tein und ganz bewahrt. Wohl aber kann man daran zweifeln, ob der Glaube an einen persönlichen Gott mit dieser Anschauung vereinbar sei. Zunächst ist darauf zu antworten, daß, da für sie keine Möglichkeit der Vorstellung dem Unendlichen gegenüber hinreichend ist, sie auch prinzipiell keine Möglichkeit ausschalten kann. Da aber der Kern ihrer relilösen Ueberzeugung das Bewußtsein einer nie zu schließenen Kluft zwischen Wesen und Begriff ist, wird sie den traditionellen Gottesbegriff auch nur als solchen, als Sinnbild, als Gleichnis für ihre monotheistische Ueberzeugung, nicht aber als Grundlage ihres Glaubens akzeptieren können. Denn ihr Ziel ist: Den reinen Sinn immer mehr von Vor- Stellungen und Begriffen zu reinigen. Und damit gerade wird, so scheint es, der urjüdische Gottesgedanke von neuem gedacht. Vergegenwärtigen wir uns den Entwicklungsweg des Judentums: In all seinen Stadien galt er der Befreiung der religiösen Anschauung von der Entstellung durch menschliehe Vorstellungen. Das ist der Sinn des unerbittlichen und unermüdlichen Kampfes gegen den Götzendienst, gegen den Zauber, gegen den Aberglauben. Und gerade in der so oft verkannten Form, gerade im Zeremonialgesetz kommt diese Gesinnung zum deutlichsten Ausdruck. Das menschliche Bedürfnis nach Versinnbildlichung wird befriedigt und gefesselt überall da, wo die Formen und Symbole als solche unverkennbar sind, damit jene. Sphäre vo# ihnen freigehalten wird, wa die Gefahr einer Identifizierung von Wesen und Begriff gegeben ist. Das ist der Sinn des Verbotes; Gott in Bild oder Gestalt darzustellen, der Scheu, seinen Namen auszusprechen. Immer weiter zur Befreiung von menschlicher Begrenzung führt der Weg. Alle bitteren Erfahrungen des Lebens werden hingenommen als Schickungen des unbegreiflichen Wesens. Wenn der Jude beim Empfang einer Trauernachricht sagt: ״Gelobt sei der gerechte Richter“ — was heißt das anderes als ungeachtet des eigenen Schicksals den metaphysischen Sinn zu bejahen? Der Glaube an einen Sinn des Geschehens bestimmt das ganze jüdische Lebensgefühl, läßt es über das Schicksal des Einzelnen zur Gemeinschaft gelangen. Gewiß liegt auch in diesem Glauben noch ein anthropomorpher Kern, es ist erst der Anfang einer immer mehr zur Uneigennützigkeit sich entwickelnden religiösen Gesinnung, es sind nur erst Ansätze zu der Religiosität, die hier darzustellen versucht wurde. Der Weg, dieser jüdische Weg, führt zu einer immer völligeren Ueberwindung menschlicher Gebundenheiten, menschlicher Verdunkelungen des über alle Maßstäbe hinauslangenden metaphysischen Sinnes. Was Schopenhauer eis das höchste Glück preist, das nur dem reinen Natur- und Kunstgenuß vergönnt ist — hier, im Erleben des Religiösen erst kann es Ereignis werden: Der reinen Anschauung, abgelöst vom egoistischen Willen, teilhaftig zu werden. Das ist das Wegziel des Judentums. Es ist nötig zu, wissen, was in unseren religiösen jungen Menschen vor sich geht und in immer steigendem Maße vor sich gehen wird. Die Gemeinschaft hat die Pflicht, die in dieser Entwicklung liegenden Möglichkeiten zu sehen und einzuordnen. Gibt es noch lebendiges Judentum, muß es an eine Entwicklung glauben; darf es auch diese nicht verleugnen, die so deutlich den Stempel ihrer Abstammung von ihm an der Stirn trägt. Professor Aron Freimann 60 Jahn Am 5. August 1931 vollendet Professor Dr. Aron Freimann, stellvertretender Direktor der Frankfurter Stadtbibliotbek und Leiter der von ihm selbst eingerichteten hebräischen Abteilung dieser Bibliothek, sein 60. Lebensjahr. Professor Freimann gab in den Jahren 1900 bis 1921 gemeinsam mit Oberrabbiner Prof. Heinrich Brodij (Prag) die ״Zeitschrift für hebräische Bibliographie“ heraus, ist gegenwärtig Mitredakteur der ״Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland“. Zusammmen mit Brann redigierte er das historisch-lexikographische Werk ״Germania Judaica“. Er ist Vizepräsident 3er Publikationsgesellschaft ״Mekize Nirdanim“. Professor Freimann hat auch die hebräische Abteilung der Vatikan- Bibliothek in Rom eingerichtet, der von ihm verfaßte Katalog wird demnächst erscheinen. Er ist auch Vorsitzender der ״Soncino-Gesellschaft“. Vor Jahren gehörte er auch dem Vorstand der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt an. Eingesandt Sehr geehrte Redaktion! In Nr. 5 der Kongreß zeitung wird an der Spitze der Nuinmer die Rede des Herrn Farbstein wiedergegeben. An der Stelle, wo Herr Farbstein erklärt, in der Berliner A.-C.-Sitzung vom August 1930 habe Dr. Weizmann seine früheren Hoffnungen auf eine Mehrheit In Palästina verneint und begonnen, von einem binationalen Staat in Erez-Israel zu sprechen, heißt es: ״Zwischenruf Dr. M. Rosenblüth: Er hat das nicht gesagt!“ Ich stelle fest, daß ich diesen Zwischenruf nicht gemacht habe, zumal ich während der Rede des Herrn Farbstein überhaupt nicht im Kongreßsaal war. Mil Ziqnsgtuß _ Dr, Martin Rosenblüth.