Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 58 (28.7.1931)
- Date
- 1931-07-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 58, 28. VH 1931 JÜDISCH! RUNDSCHAU Seite 359 ״Erfolg Besprochen von Dr. Gustav Krojanker. Lion Feuchtwangers Roman ״Erfolg“ gibt viel־ leicht mehr das Material zu einem großen epischen Werk als schon dies Werk selber. Es ist mehr die Vorarbeit des scharf sehenden und in treffendem Formulierungen notierenden Schriftstellers als die letzte dichterische Bewältigung aus der Fülle eines großen Herzens. Gleichviel: es ist ein sehr beachtliches Buch, das in diesem Rahmen nicht als Kunstwerk, sondern wegen der geistigen Haltung eines Autors von Namen zur Debatte stehen soll. I. Man braucht in diesem Falle keine besonders diffizilen Untersuchungen anzustellen, um den Verfasser als Juden zu erkennen. Er schildert das Bayern der Inflationszeit; um den erdachten Einzelfall eines Justizmordes gruppiert er das ganze wirkliche Bayern jener Zeit: als ein wildes Land, in dem sich Roheit, Unduldsamkeit und Ungerechtigkeit als der prächtige Eigenwuchs eines alteingesessenen Bauernvolks maskiert. Es ist also eine einzige große Ablehnung, die mit dem Worte Haß nur unzureichend charakterisiert wird. Denn bei Haß denkt man leicht auch an Liebe, an jenen Liebeshaß etwa, mit dem Heine und Boerne Deutschland gegeißelt haben. Die nämlich haben der traurigen Wirklichkeit ihres Landes jenes bessere Deutschland gegenübergestellt, das im Liebesgrunde ihres Herzens ruhte, ln Feuchtwangers Herzen aber ruht nicht das Bild eines besseren Bayern, sondern ein abstrakter Gerechtigkeitsbegriff. Er hat mit diesem Lande gar nichts zu tun; er und offenbar auch die vor ihm sind nur zufällig darin geboren worden. Das entscheidende Merkmal also ist nicht Haß, sondern Fremdheit, eine geradezu aufs äußerste erstaunte Fremdheit, die gleichsam nicht fertig damit wird, daß so etwas wie das bayerische Volk tatsächlich auf Gottes Erdboden herumläuft. Und doch ist es eben die Fremdheit eines im Lande Geborenen, eines Menschen also, der sich auskennt, wie kein wirklich Fremder das so leicht könnte. Mit anderen Worten: ein bayerischer Jude sieht Bayern. Damit ist nicht behauptet, daß Feuchtwangers Blickpunkt für jüdisches Sehen etwa typisch sei, wohl aber behauptet, daß so nur ein Jude sehen kann. Feuchtwanger macht zum Räsoneur seines Buches einen Schriftsteller, namens Jaques Tüverlin, den er als einen Westschweizer ausgibt. Das ist sein gutes Recht, aber es ist kein Westschweizer. Der Schweizer ist hier eine jener vielen europäischen Masken, die Juden sich jedesmal vorbinden, wenn ihr Gerechtigkeitsfanatismus — Blutssache sowohl wie Produkt einer bestimmten historischen Situation — sie den Völkern predigen heißt. Feuchtwanger also predigt Gerechtigkeit. Und es entsteht in diesem Buch die große Frage, was Gerechtigkeit eigentlich ist: ob nämlich etwas, das außerhalb jedes Verhältnisses steht, oder ob es nicht doch tatsächlich das gibt, was ein bayerischer Minister in diesem Buch die gewachsene, die ״organisch bayerische“ Gerechtigkeit nennt. Feuchtwanger . seinerseits, entscheidet, schon mit dieser bissigen Formulerung die Frage; er läßt sie dazu noch zur Verteidigung krassesten Unrechts vortragen. Aber hier — und das ist entscheidend — ist der Autor genau so ungerecht wie jener Vertreter der bayerischen Spezialgerechtigkeit. Denn so gewiß das menschliche Gerechtigkeitsempfinden außerhalb jedes Verhältnisses steht, so gewiß wird es nach Ländern und Zeiten verschiedenen Inhalt haben. Der radikale Jude aber steht außerhalb der Zeiten und Länder; gerade in diesem Außerhalbsein (nicht Darübersein) besteht jener jüdische Radikalismus, in dem man beides, einen Wert und eine Gefahr, sehen kann. Einen Wert: weil er immer wieder aus dem gewordenen Verhältnis das abstrakte Recht reißt und damit ein neues besseres Verhältnis schaffen hilft; eine Gefahr: weil seine abstrakte Schärfe das legitim Gewordene vom Stumpfgewordenen nicht zu scheiden vermag. Feuchtwanger sieht nur das Stumpfe; er ist in einem so verblüffenden Maß Rationalist, daß er nicht auch nur für einen der zahlreichen positiven Wesenszüge dieses etwa künstlerisch sehr begabten Bauernvolks Verstandnis zeigt. Er weiß ihm bezeichnenderweise nichts Schlimmeres vorzuwerfen als ״Unlogik“ und ״quallige Verworrenheit“. Erkenntnis, meint sein Räsoneur Tüverlin, müsse mit liebe oder Haß zusammenschmelzen, um zu einem Kunstwerk werden zu können. Falsch: nicht mit Liebe oder Haß, sondern mit Liebe und Haß. Dem ״Manne“ Feuchtwanger aber fehlt die Liebe. Zugegeben: er liebt die Gerechtigkeit, aber in diesem Buche fehlt es durchaus an dem Liebesobjekt, an dem sich diese Liebe verwirklichen ließe. Er glaubt nicht an ein besseres Bayern, sondern an Begriffe. Deshalb ist er von einer empörenden Ungerechtigkeit, und deshalb leidet sein Roman auch als Kunstwerk. Es weht wie Eis aus diesen Blättern. Das Buch ist ein guter Anlaß, wieder einmal mit aller Deutlichkeit zu sagen, von wie geringem Wert dieser abstrakte Gerechtigkeitsbegriff ist, mit dem so manche jüdische Literaten sich hochethisch zu drapieren pflegen. Und nur von diesem einzigen Gesichtspunkt aus — ohne sonst das Ungleichartige vergleichen zu wollen — sei hier an Tucholskys ״Deutschland, Deutschland über alles“ erinnert. Das darf schlechtweg als ein widerliches Machwerk bezeichnet werden, in dem viel hundeschnäuriger Witz, eine unausstehlich leichte Hand und die peinlichste Geschicklichkeit darauf verwandt werden, Haß und Fremdheit gegen Deutschland abzureagieren. Und legitim soll dies Produkt wildesten Ressentiments durch das werden, was angeblich positiv dahinter steht: nämlich die Liebe zum Recht der Unterdrückten, die Liebe zum leidenden Proletariat. Aber gar nichts steht dahinter als der Begriff vom Recht und der Begriff vom Proletariat. Es gibt nämlich nicht nur einen deutschen Bürger, sondern auch einen deutschen Proletarier; will sagen, wer am deutschen Bürger ganz offensichtlich mindestens so wie das Bürgerliche die deutsche Form haßt, in der es erscheint, der soll nicht sich und uns einreden wollen, daß er über den Begriff Proletariat hinaus diesen lebendigen Proletariern, die auch ihrerseits in einer sehr deutschen Form in Erscheinung treten, so liebevoll verbunden gegenüberstünde. Die Herren machen es sich zu leicht. Denn ob sich nun ihre Gerechtigkeitsliebe in das Gewand einer allgemeinen Humanitas hüllt wie bei Feuchtwanger, oder ob sie, wie bei Tucholsky und auch sonst meistens eine kommunistische Färbung annimmt — meist bleibt es eine entsetzlich kaltschnäuzige, lebensferne, vorwiegend aus Negation geborene, im Grande zu nichts verpflichtende wunderschöne Gesinnung. Man sehe demgegenüber, wie dasselbe Gerechtigkeitsproblem — wieder ohne sonst etwa vergleichen zu wollen — von Arnold Zweig im Sergeanten Grischa behandelt wird. Hier ist die Wärme, die den konkreten Menschen von innen her erfaßt, und damit jene höhere Gerechtigkeit, die aus dem Gefühl eigener Bindung dem rationalen Begriff seine menschliche Sonderform gibt, die das Gewachsene als gewachsen begreift und deshalb beim Zusammenstoß von Recht und Sein das Tragische des Vorgangs empfindet, statt es mit billiger Satire zu Behandeln. Und schließlich ist es auch sehr ungerecht von Feuchtwanger, in seinem Buch mit keiner Silbe anzudeuten, daß die Zeit, die er schildert, eine Zeit der schlimmsten Reaktion auf das groteske Experiment war, gerade Bayern den Beglückungstheorien des Industrie-Proletariats zu Unterstellen. Daß es vielleicht doch etwas wie eine organisch bayerische Gerechtigkeit gibt, könnte aus der Negation gefolgert werden, daß die Juden Eisuer, Toller, Landauer, Mühsam, Levine an der Spitze dieses Staates eine Gerechtigkeit repräsentiert haben, die für Bayern in der Tat durch und durch unorganisch war. H. Gibt es für Feuchtwanger ein jüdisches Problem? Und wie will er es lösen? ,Es ist eine erschütternde jüdische Gestalt in seinem Buch: der Anwalt Geyer, der die Sache des unschuldig Verurteilten führt und der darüber hinaus an einem großen Werk, an einer Geschichte des Unrechts im Lande Bayern, schreibt. Auch sein Grundzug: die Fremdheit. Ich sah auf ukrainischem Boden das bunte Bild des ukrainischen Bauern, Ich sah ihn in seiner täglichen Verrichtung und neben ihm den schwarz und streng umschlossenen Juden, der nicht lebt, nicht wirtschaftet, nicht denkt wie er. Und der sinn- Hche Eindruck dieser beiden so ganz konträren Weiten auf einem Raum war von aufwühlender Gewalt. Nun, der Anwalt Geyer lebt und wirtschaftet wie die anderen auch, aber sein Denken ist seiner Umwelt so fern wie der dunkle Kaftan dem farbigen Bauerngewand. Es ist da eine Scheidewand, die durch ihre Unsichtbarkeit nur noch unheimlicher, noch unüberschreitbarer wird. Dabei ist der Mann seiner Umgebung schon blutstnäßig verbunden. ״Es war «io schieres Wunder gewesen damals an dem österreichischen See. So ein großes blondes Mädchen.“ Sein Sohn aber ist National- Sozialist und haßt den Vater. Und als der Anwalt schließlieh, erdrückt von dieser feindlichen Welt, zusam menbricht, da hört die Haushälterin den ״Dr. Geyer sprechen, allein, in einer fremden Sprache. Es war hebräisch. Der Reichstagsabgeordnete Geyer sprach Gebete, hebräische, Sterbegebete, auch Segenssprüche . . Man könnte also denken, daß Feuchtwanger, selbst bedrückt von dieser Welt, die er in seinem Buch abreagiert, den Weg zurück nimmt; daß hinter seinem Gerechtigkeitsbegriff doch eine positive Liebe steht, die Liebe zum Judentum, die nach den Verirrungen eines Lebens erschütternd wieder aufbricht. Nichts davon; es bleibt Literatur, und in diesem Fall sogar schlechte. Denn die Stelle von dem Anwalt Geyer, den es quälte, ״daß. er nicht am liturgischen Neujahrstag an ein fließendes Wasser gegangen war, wie das Gesetz es vorschrieb, und seine Sünden hineingeworfen hatte, auf daß der Fluß sie weitertreibe ..." — diese Steile ist ohne Echtheit; sie schmeckt leicht nach Schmalz. Weniger wäre hier mehr gewesen. Wohin aber nun flieht bei Feuchtwanger der Gerechtigkeit Suchende, dem Bayern unerträglich wird? Er flieht — nach Berlin. Wie hier Berlin oder das Reich als Hort des sittlichen Fortschritts, als Quell der Humanitas gegenüber Bayern erscheint — das hat schon etwas Groteskes und bliebe überhaupt unverständlich, hätte nicht Feuchtwanger in einem Aufsatz über das Judentum, der nach dem Roman erschien, etwas Licht in dies Dunkel gebracht. In diesem Aufsatz kontrastiert er den Bauern als den am meisten mit der Scholle Verbundenen, dem ״leichtfertigen“, traditions!os«n Nomaden, wobei der Bauer schlecht wegkommt: als ein Rückwärtser, der im Zeitalter der Maschine immer unnötiger werde, im Gegensatz zum Nomaden, dem leicht beweglichen Menschen der großen Städte, der der lebensfähigere und deshalb wichtigere Typ geworden sei. Dem Juden aber als dem Prototyp solchen Nomadentums weist er eine große Mission in jenem Maschinenzeitalter zu, das sich endgültig von dem Vorstellungskreis der bäuerlichen Schollenwelt freigemacht habe. Jetzt wird man begreifen, warum Feuchtwanger, wirklieh ein leichtfertiger Nomade, mit großer Verachtung gegen die bayerische Scholle jubelnd auf Berlin sieht als auf die Heimat der Heimatlosen. Hier scheint ihm der Boden bereit für jene Missionsidee, die sich von der liberalen unvorteilhaft dadurch unterscheidet, daß sie vom Ethisch-Religiösen ins Technisch-Sozioiogische projiziert ist. Er soll sich nur nicht verrechnen. Auch der Maschinenbauer und noch der Großstädter bleibt trotz Feuchtwanger ein Schollenmensch, d. h. ein Mensch mit Heimat und Tradition; es ist bestenfalls ein Unterschied des Grades, keiner des Wesens; ganz abgesehen davon, daß es nichts als der rationalistische Unfug eines jüdischen Radikalismus ist, von dem leichtfertigen Nomaden eine höhere Gesittung als von der Traditionsgebundenheit verwurzelter Menschen zu erwarten. Wenn also der Anwalt Geyer hebräische Sterbegebete murmelt, so mag das der Sentimentalität jüdischer Leser schmeicheln. Feuchtwanger mißbilligt aber im Grunde diesen atavistischen Rückfall seiner Gestalt. Der Anwalt weiß eben gar nicht, daß er «in traditionsloser Nomade zu sein hat, beheimatet bestenfalls in einer Weltstadt, von wo die Weit rationalistisch «1s den Angeln zu heben seine Aufgabe ist. III. Wenn das Buch ״Erfolg“ heißt, so ist damit nicht der äußere Erfolg des Augenblicks gemeint, sondern der stille Sieg der fortwirkenden Vernunft, die schließlich doch durch Erkenntnis und Einsicht dem Recht der guten Sache den Erfolg verleiht. Das ist ein Glaubensartikel; es ist die Metaphysik Jedes Liberalismus; es ist der irrationale Zug im Rationalismus. Leider können wir uns auch mit ihm nicht befreunden. In der Fabel dieses Buches wettet der Schriftsteller Tüverlin mit dem bayerischen Minister um zwei Knöpfe seiner Jacke, er werde nur durch das Mittel des Geistes das begangene Unrecht sühnen; er werde bewirken, daß der Tote den Mund aufmacht. Und dann erscheint ein Film ״Ich hab’s gesehen“ und ein Buch ״Das Land Bayern oder Jahrmarkt der Gerechtigkeit“. Beides ist natürlich eia großer Erfolg; und der Minister schickt dem Schriftsteller zwei Knöpfe seiner Jacke. Damit endet das Buch. Aber das ist ein sehr primitiver Optimismus. Kein Minister gibt für eine Darstellung seines eigenen Unrechts — und spräche sie mit Engelszungen — auch mir zwei Knöpfe von Horn. Es ist nicht wahr, daß man, wie Tüverlin meint, die Welt ändert, indem man sie plausibel erklärt. Und es ist nur halbrichtig, wenn man — wieder wie Tüverlin — mehr an ״gutbeschriebenes Papier als an Maschinengewehre“ glaubt. Das ist eine Verzerrung des wirklichen Vorgangs; die Wahrheit liegt, wie Moritz Heimann sagte, nicht in der Mitte, aber zwischen den Extremen. Es ist zwar nicht 80, daß Macht auf die Dauer vor Recht geht, aber so, daß auch das Recht der Macht bedarf, um in dieser Welt von Erfolg zu sein. Kein Minister trennt in dieser Welt auch nur zwei Knöpfe von seiner Joppe, um einer ihm nicht genehmen Wahrheit willen. Wohl aber kann es sein, daß sein Enkel ein Denkmal enthüllt, das eben dieser seinem Großvater so feindliehen Wahrheit gesetzt wurde. Inzwischen haben nämlich die Maschinengewehre gesprochen; oder anders: der Enkel steht vor dem Denkmal als Repräsentant jener Generation, die durch Mittel der Macht verwirklicht hat, was vorher nichts als gutbeschriebenes Papier war. Will sagen: es gibt einen Fortschritt, aber er muß Macht gewinnen, sich verwirkliehen zu können. Das aber geht nicht ganz ohne Unrecht, meistens nicht einmal ohne Blut. Das Wort vom gutbeschriebenen Papier ist ein Ghetto- Wort. Die Juden haben zwei Jahrtausende lang ihr Papier ausgezeichnet beschrieben; es ist nichts davon bekannt, daß die nichtjüdische Welt ihnen dafür einen Knopf gegeben hätte. Dann sind sie hingegangen und haben sich mit der Machtwelt um sich herum verbunden; dabei haben sie sich selbst verloren. Die Wahrheit liegt zwischen den Extremen: um das Recht wissen, aber auch wissen, daß dies Wissen an sich bedeutungslos ist, daß man verpflichtet ist, auch selbst die Machtmittel zur Verwirklichung anzustreben. Das ist ein sehr gefährlicher Weg, weil die Mittel, die durch den Zweck geheiligt werden sollen, sich leicht selbständig machen und dann im Gegenteil ihrerseits dett Zweck entheiligen. Es ist ein ganz schmaler Weg zwischen den Extremen, aber es ist der einzige Weg, der Weg des Lebens in seiner Tat- Sachlichkeit, in der es nie ganz ohne Unrecht abgeht. Dies alles aber kann wahrscheinlich ein Mensch, der dem Leben im ganzen gegenüberstellt wie ein Westschweizer den Vorgängen in Bayern, nie voll begreifen. Ein Vorschlag: jener Tüverlin begebe sich nach der Westschweiz; das sei die Probe aufs Exempel. Begnügt er sich auch dort noch mit plausibeln, gut formulierten Erklärungen, dann ist er entweder kein Westschweizer oder der liebe Gott kann ihn so nicht gewollt haben. Entbrennt er aber und verstrickt sich — dann hat er seinen Paß legitim erworben. Das Mlooritatenproblen Im Orient London, 24. Juli. (J. T. A.) Im Verlauf einer Debatte über die Frage der Souveränität des Irak wurde im englischen Unterhaus auch die Stellung der jüdischen Minder heit im Irak und in den anderen Ländern de# Naüfea Ostens erörtert. Sir Samuel H oa re (kons.) erklärte in längeren Ausführungen, das Minoriiätsproblem stelle, besonders im Orient, eine der wichtigsten Fragen dar. Dies habe sich sowohl aut der indischen Round Table Konferenz gezeigt, auf der die Minoritätenfrage im Vordergründe der Beratungen gestanden habe, wie auch in Palästina anläßlich der Ausschreitungen infolge des Gegensatzes zwischen arabischer Mehrheit und jüdischer Minderheit. Es müsse auch daran erinnert werden, daß in die anläßlich von Gebietsübertragungen rach dem Kriege eschlossenen Verträge besondere Bestimmungen zum Schutze er Minderheiten aufgenommen wurden. Es sei daher w&nsehenswert, daß sowohl die englische Regierung wie auch die Regierung von Irak anläßlich der im September stattfindenden Beratung des Völkerbundsrates über die Aufnahme Iraks in den Völkerbund die kategorische Erklärung abgeben, daß unter der künftigen Regierungsform keine ungerechte Zurücksetzung von Angehörigen der drei Minoritäten im Irak — Kurden, Assyrier und Jesiden — erfolgen werde. Solche Erklärungen würden die Aufnahme Iraks in den Völkerbund erleichtern. Abg. G. Mander (lib.) wies darauf hin, daß es selbst Staaten von weit höherer politischer Entwicklung und bedetttend längerer Erfahrung als der des Staates Irak nicht gelungen sei, das Minoritätenproblem in einer die Minoritäten selbst und die öffentliche Meinung der Welt befriedigenden Weise zu lösen. Nach dem, was in Palästina geschehen sei, müsse man sich fragen, ob man die Minoritäten im Irak der Obhut der Araber anvertrauen könne. Abg. Ann esley Somerville (kons.) erklärte, die Minoritäten im Irak seien wegen der bevorstehenden Zurück- Ziehung Englands aus diesem Lande schwer besorgt Auch den kleineren Minoritäten, unter ihnen den® 000 Juden, müßten dieselben Minderheitsrechte wie den größeren Minoritäten zugebiUigt werden. — Abg. Dr. E. Lesiie Bürgin (lib.) wünschte, daß anläßlich der Besprechung des Minoritätenproblems im Irak vor dem Völkerbund auch die Minoritätenfragen von Transjordanien, Libanon, Palästina, Syrien und Arabien, wo es überall eine außerordentlich große Zahl verschiedener Rassen mit verschiedenen Sprachen und Gewohnheiten gebe, zur Beratung gelangen. Namens der Regierung antwortete Unterstaatssekretär für die Kolonien, Dr. Drummond Shieis. Er stellte u. a. fest, daß cs im Irak neben den großen Minoritäten auch 88000 über das ganze Land verstreute Juden gebe, die dort anscheinend glücklich und zufrieden leben. Ihre Rechte seien von den Arabern und der allgemeinen Bevölkerung, unter der sie leben, in vollem Maße anerkannt. Es sei ein Beweis für die Toleranz der Bevölkerung vom Irak, daß sich unter den Juden vom Irak nicht das Bedürfnis gezeigt habe, von dort nach Palästina auszuwandern, während in Ländern, wo die Juden schlecht behandelt werden, dieses Bedürfnis in hohem Grade bestehe. In der Verfassung des Staates Irak, fuhr Dr. Shiels fort, seien Bestimmungen zur Sicherung der vollkornmenen Gewissensfreiheit, ferner solche über die Errichtung von Minderheitsschulen und zur Sicherung des gleichen persönlichen Status aller Bürger in jeder Beziehung enthalten. Der Irak zeige eine Vielheit der Rassen und Bekenntnisse wie kein anderes Land im Orient. Mohammedaner, Christen und Juden hätten dort Jahrhunderte hindurch friedlich zusammengelebt. Die Debatte wurde durch den ehemaligen Minister für die Kolonien, Am ery, abgeschlossen. Er erklärte, es sei nicht zu erwarten, daß der Volkerbund Irak zur Annahme von Bedingungen zwingen werde, durch die dieses Land als weniger befähigt gekennzeichnet werden würde, seine Minoritäten gerecht zu behandeln, als andere Länder. Die beste Sicherung der Minoritäten liege in der richtigen Einschätzung der eigenen Verantwortlichkeit durch die Regierung vom Irak und in eingehenden und aufrichtigen Beratungen zwischen den britischen Vertretern und der Irak-Regierung, #