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Jüdische Rundschau · 1931-07-24 · Heft 57 (24.7.1931) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 57 (24.7.1931)
Date
1931-07-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Acftad Haam - Nachlese Einzelnummer 0,2ü Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Et scheint jeden Dienstag «.Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,•— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Atislaudsabonnetnents werden in der Wahrung der einzelnen Länder berechnet. Anzeigenpreis: 8 gesp. NonpareillezeÜe 0,50 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.-M. Wammer 57 | Berlin, 24, VII. 193t Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b• H., Berlin W15, Meinekestr.10. Telephon: J 1 Bismarck 7165-70. Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag nachmittag« 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Poitichack -Kootan : Berlin 17392, B»«*l V 9355. Belerad 68032, Brüssel 394 33. Budane« 596 93, Dauul« 1973, Haag!40470, Prag 59410, Riga 4155. Str«$bhurg 16430, Warschau 190708, Wien 156030. Bank - Konten: Darmstädter־ und Naticinalhank, Depositen - Kasse Berlin, Kurfürsten dämm 52; Rumänische Kreditbank, Cemauti (Rumänien); Anglo PaSeitine Co. in Haifa, Jerusalem, Tel •Aviv. י' אב חרצ״א | xxxvi. Jahrg. Per lio«l»mui trifrtlt für da» Jlidluht Voll« di• Schaggung einer öffentlich - rechtlich gtiieilirim Hfmitätt• iti Pal&stlna« ״Baseler Programm.1‘ Neue Nfinner - neuer Kurs? RW, Unterwegs, 22. Juli. Die Jewish Agency hat eine neue Leitung, und cs beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Errichtung des Jüdischen Nationalheims. Von besonderer Bedeutung ist dabei die zionistische Hälfte — das darf man wohl, ohne den nichtziomstischen Partnern zu nahe zu treten, sagen —, denn die Zionisten stellen nicht nur den Präsidenten, sind nicht nur der aktivere Teil der Palästina-Bewegung, sondern ihre Exekutive ist nach tagelangen schweren Kämpfen zustandegekommen und repräsentiert gewissermaßen die politisch belangvollere und charakteristischere Note. Viele haben gefragt, wozu man in dieser Zeit eine 10 Köpfe starke Exekutive braucht, was alle Mitglieder tun werden. Die Frage ist vielleicht berechtigt, wenn man die spezifischen Begabungen der Gewählten nachprüft; aber Arbeit gibt es genug, und wir fürchten, die neue Exekutive wird sich nach den Störmen von Basel keine lange Ruhepause gönnen können. Was zunächst die Zionistische Organisation betrifft, wird ihre Leitung ihr Augenmerk schnell und energisch der organisatorischen Konsolidierung widmen müssen, nach der Desintegration und Desorientierung, die dieser Kongreß im Gefolge haben muß. Die jungen Kräfte, über die diese Leitung verfügt, werden sich hoffentlich dieser Aufgäbe mit allem ihnen eigenen Elan widmen. Aber aus der akuten Notlage ergeben sich darüber hinaus besonders drängende Geschäfte, die keinen Aufschub dulden, und zwar auf dem Gebiet der Finanzen und dann der Politik, und hierbei wieder besonders der a r a b i - sehen Politik (dies bedarf eigentlich kaum der Hervorhebung, denn alle politischen Handlungen und die ganze politische Stellung der Jewish Agency hängt ab von ihrer Haltung zum arabischen Problem). Was die Finanz« n betrifft, so weiß jeder nach diesem Kongreß und nach 4icscr Agency-Tagung, Mm -Bis״ steht ein unvermeidlicher, sehr schmerzvoller Prozeß der Reduktion. Eine weitere Verkleinerung des Apparates, weiterer Abbau von Tätigkeiten wird nötig sein; das Pro- Wem der schwebenden Schulden der Jewish Agency hedarf einer schleunigen Lösung, und die Frage, wie weit neue Verpflichtungen übernommen werden dürfen, z. B. auch durch Abschluß von Kontrakten und Anstellungsvertragen, verdient ernste Prüfung; dies gilt z. B. für die aktuellste Frage, die Anstellung der Lehrer für das im Oktober beginnende neue Schuljahr. Es muß heute durchaus noch als ungewiß gelten, ob die Schulen rechtzeitig׳ werden eröffnet werden können. Aehnliches gilt für die neue Einwanderung und für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Die Exekutive hat also Sorgen genug. ln der Politik aber erwartet man ein aufklärendes Wort der Exekutive, und es ist dabei kein Tag zu verlieren. Niemand, und am allerwenigsten die Exekutive, darf sich einer Täuschung darüber hingeben, daß der Kongreß schweren Schaden gebracht und eine, sehr delikate Situation geschaffen hat. Der Rücktritt Weizmamis unter anderen Begleitumständen hätte ein politisch räsonabler Akt sein können. Seine Demission erfolgte, zuerst als Protest gegen die Palästina-Politik Englands, und der Wechsel der Führung, wenn begleitet von entsprechend ernsten Kundgebungen, hätte auf die Außenweit Eindruck machen können. Daß aber der Sturz des Führers gerade über die Frage des ״Endziels“ erfolgte, verändert die ganze Situation. Kraft des ״argumentum a contrario“ muß man jetzt annehmen, daß die neue Füllrung in dieser Frage eine andere Grundhaltung hat. Diese Tatsache des derart inszenierten Leitungswechsels, verbunden mit all der wortreichen und inhaltsarmen Großsprecherei des Kongresses, verbunden ferner mit der durch Kongreßbeschlnß ausgesprochenen Ablehnung der Weizmannschen Deklaration, die in sehr gemäßigter Form das Minimum dessen enthielt, was als Voraussetzung jeder künftigen politischen Politik unerläßlich ist, — hat natürlich eine Lage erzeugt, die der künftigen Exekutive noch viel zu schaffen machen dürfte. Dazu kommt noch, daß manche zionistische Zeitungen all diese Ereignisse besonders unterstreichen und die neue Leitung auf einen ״neuen“ Kurs festlegen wollen. Dabei werden Aeirßerungen des neuen Präsidenten mitgeteilt, die er angeblich (oder wirklich) im Permanenz-Ausschuß gemacht haben soll, des Inhalts, daß er sich nicht an Weizmanns Politik gebunden fühle, sondern seine eigenen Wege gehe, und zwar als ״alter Herzlianer“, ein Wort, das gewiß zionistisch keinen Makel bedeutet, aber im Zusammenhang dieser Kongreßdebatten, bei denen der Name Herzls von der Opposition (irrtümlich) im Sinne einer ״kompromißlosen“ Politik (im Gegensatz zu Weizmanns Methode) mißbraucht wurde, zu Mißverständnissen Anlaß geben kann, zumal da es dabei um ״Endziel“ und ״Judenstaat“ ging. Herr Sokolow hat gewiß, wenn er sich von .Weiz- Uniuersitäts - Sitzungen RW. Zürich, 21. Juli. Heute beginnen in Zürich im Gebäude der Universität die Sitzungen des Kuratoriums und des Akademischen Rates der Hebräischen Universität Jerusalem, die vermutlich bis Freitag dauern werden (Donnerstag ist wegen Tischa be’av׳ sitzungsfrei). Daran schließt sich dann nächste Woche die Sitzung des Kuratoriums des Judaistischen Institutes an. Bis zur Stunde sind eine ganze Reihe von Persönlichkeiten bereits eingetroffen, doch scheint es, daß die Sitzung schwächer besucht sein wird als sonst. Von Amerikanern nehmen Dr. Cyrus Adler, Prof. Libman, Dr. Löwenstein, Stephen W i s e teil, ferner Frau Rosenbloom, die Stifterin des auf den Namen ihres Gatten zu errichtenden Universitätsgebäudes. Prof. Martin B u b e r kam am 20. d. M. hier an, Brodctsky und Schmarja L. e v i n sind auch anwesend, ferner kommen der Physiker Prof. O r!1 s t e i n , gegenwärtig Rektor der Universität Utrecht, auch der Mediziner Prof. E 11 1־ m a n n (Berlin) hat zugesagt. Von Professoren sind der Philosoph Roth und der Mathematiker F r ä 11 k e 1 da. Dr. M a g n e s , der gerade aus Amerika zurückkam, ist ganz bestürzt über die Veränderungen der wirtschaftlichen Lage in Amerika, von deren man sich, so betont er, in Europa keine rechte Vorstellung machen kann. Die völlige Verarmung von Familien, die noch vor 20 Jahren reich waren, ist eine tagtägliehe Erscheinung. Alle Institutionen, die auf Spenden aus Amerika aufgebaut waren, müssen damit rechnen, daß diese Spenden nun spärlicher fließen werden. Das gilt auch für die Universität. Sparen — das ist das Merkwort der nächsten Zeit, und dieses Problem wird auch im Mittelpunkt der gegenwärtigen Sitzungen stehen. So z. B. müssen alle Neuberufungen von Lehrkräften, aber auch Ernennungen und Beförderungen der bereits jetzt tätigen Dozenten bis auf weiteres verschoben werden, da derartige Rangerhöhungen auch mit Vergrößerung der Gehälter verbunden sind. Darüber hinaus wird *««#e:<Frage-a1istelw1r, ob nickt £wtsfii»lnl«!»ge» erforderlich sind; darüber wird die Sitzung zu entscheiden haben. Was abgebaut werden soll, hängt zum Teil davon ab, ob man mehr den Gesichtspunkt der Forschung oder den des Unterrichtes anwendet. Es ist etwas sehr Großes, betont Dr. Magnes mit Recht, wenn wir in dieser Zeit das Bestehende wenigstens in den wichtigsten Teilen aufrecht erhalten. Das Budget, das Dr. Magnes der Sitzung vorschlägt, beträgt £ 35 000, gegenüber £ 51 000 vor zwei Jahren und £ 43 000 vor einem Jahr. Von Besetzungen steht vor allem eine auf der Tagesordnung, die das Budget der Universität nicht belastet. Vor mehreren Jahren hat bekanntlich der englische Zionist Sir M. Burton £ 15 000 für einen ״C h a i m - W e i 1 זוו a 11 n - L e h r s t u h 1 für internationales Recht und Frieden“ gestiftet: Dieser Lehrstuhl soll jetzt besetzt werden, es liegen einige Kail• didafuren vor, über die zu reden jedoch in diesem Moment nicht am Platze wäre, da wohl die Besetzung bereits erfolgt ist, wenn diese Zeilen in Druck gehen. Weiter wird sich die Sitzung mit verschiedenen Fragen der technischen Uni versitäts - Administration und des Lehrbetriebes zu beschäftigen haben. Eine wichtige Frage ist die Zusammensetzung der Universitätsleitung in Palästina und ihre Funktionen, ln der letzten Zeit wurde in der akademisehen Verwaltung bereits eine gewisse Dezentralisation herbeigeführt. Während bisher der Kanzler das Oberhaupt der ganzen Universität war, haben jetzt die Fakultäten ihre eigenen Vorsitzenden. Der Anfang wurde bei der geisteswissenschaftlichen Fakultät gemacht, wo Prof. Frankel, der jetzt leider die Universität verläßt, Vorsitzender war. Dr. Magnes, der auf seiner Reise viele Hochschulen in Amerika und England besucht hat, stellt mit Genugtuung fest, daß die Leistungen der Jerusalemer Universität überall Anerkennung finden und daß sie sich in der kurzen Zeit ihres Bc- Standes bereits ein wissenschaftliches Ansehen geschaffen hat. Es gibt bereits einige Arbeiten, die sich durchaus messen können mit denen anderer Universitäten. Auch über die formelle Anerkennung der in Jerusalem zu erteilenden Diplome hat Dr. Magnes bereits an verschiedenen Stellen mit Erfolg verhandelt. Die Frage der Diplomverteilung wird gleichfalls in Zürich beraten werden. Zu dem Kongreßbeschluß, der die Umwandlung der Universität in ein Institut mit vollem Lehrbetrieb fordert, erklärt Dr. Magnes, daß dieser Beschluß offene Türen einrennt, da dies bereits vor zwei Jahren vom Kuratorium beschlossen wurde. Die Ausführung ist natürlich eine Geldfrage und kann nur allmählich vor sich gehen. Aber die geisteswissenschaUUche Fakultät ist bereits so weit, Graduierungen voroeh« men zu können. Insbesondere gilt dies für die judaistische und oricntalistische Abteilung. Es gibt heute schon keine Universität, die sich in Judaistik mit Jerusalem messen kann. Was den anderen Kongreßbeschluß betrifft, der von der ״Wacht der nationalen Ideale“ spricht, so wird wohl die Sitzung davon keine Notiz nehmen. Wie sollte sie auch? Jeder einzelne kann sich über diese Dinge seine Gedanken machen, und wenn Dr. Magnes sich dazu heute nicht öffentlich äußern will, so ist das richtig. Vielleicht wird aber Zeit und Gelegenheit kommen, über diese Angelegenheit noch ein Wort zu sagen. mann distanzierte, keine utopistischen Husarenstückchen versprechen wollen, davor behütet uns die abgeklärte Klugheit und der Realitätssinn dieses welterfahrenen Mannes. Aber Herr Sokolow hat häufig in seinen zionistischen Aeußerungen sich mehr von innerpolitischen Erwägungen leiten lassen, und er weiß sicherlich selbst, daß dies anders werden muß, seitdem e'r auf den exponierten Posten des Präsidenten der Jewish Agency gestellt wurde. Schon erinnert, ״jewish Chronicle“ daran, daß Sokolow 1922 das Weißbuch als eine Eintagserscheinung ohne prinzipielle Bedeutung bezeichnet hat. All das wird die Stellung der neuen Leitung nicht erleichtern, aber es kommt wohl heute nicht so sehr auf Aeußerungen der Vergangenheit an, unter die ein Strich gezogen werden muß, sondern auf die künftigen Kundgebungen des neuen Präsidenten, und er muß wissen, daß die Welt beunruhigt ist und darauf wartet, was die neue Leitung der Jewish Agency zu den Fragen, die die Welt interessieren (und das sind nicht die innerzionistischen Partei- Angelegenheiten) zu sagen hat. Die neue Exekutive hat bisher kein klares politisches Profil. In ihr sitzen die Delegierten der Arbeiter, die auf diesem Kongreß —• bis auf einige kleine Entgleisungen — eine gemäßigte und practicabie Politik befürwortet haben und sich wohl auch der Schwere des arabisch-jüdischen Problems, seiner Bedeutung als Schlüssel der ganzen Palästina-Frage, bewußt sind. Aber dieselbe Exekutive umfaßt auch Emanuel Newman, den man als Repräsentanten der politisch intransigenten Gruppe um Stephen Wise betrachtet, und Farbstein, der für die Judenstaats-Resolution der Revisionisten gestimmt hat und dessen ״politische“ Reden seit zehn Jahren genugsam bekannt sind. Auch seine Rede auf diesem Kongreß war kein besonderer Befähigungsnachweis für das Amt der obersten Leitung, und daß der Misrachi, trotz der in seinen eigenen Reihen bestehenden scharfen Opposition gegen Farbstein, gerade diesen Mann präsentiert hat, wäre unter anderen Umständen fraglos als Provokation empfunden worden. All diese Tatsachen und Aeußerungen sind der Weit bekannt, sie sind in englischer Sprache veröffent* licht, werden von Engländern und Arabern gelesen. Darum muß die neue Exekutive so schnell als möglich, es ist keine Zeit zu verlieren, die trübe Luft reinigen, und eine Erklärung ihrer politischen Richtung geben. In der Deklaration, die Sokolow׳ in der Schluß-Sitzung des Kongresses verlesen hat, wurde dies bereits versucht, aber schließlich war dies ja doch nur für interne Zwecke bestimmt. Jetzt weiß die Welt nur, daß Weizmann gestürzt wurde, und warum er gestürzt wurde, und sie will hören, was nun beabsichtigt ist. * Wenn die neue Exekutive an die Arbeit geht, wird erst fühlbar werden, daß ihr Kräfte verloren gegangen sind, die nicht so leicht zu ersetzen sein werden. Wir wollen jetzt nicht von .Weizmann sprechen, das ist ein Kapitel für sich. Aber es ist erstaunlich, mit welcher Seelenruhe der Kongreß darüber hinweggegangen ist, daß eine Reihe von Mitarbeitern, die jahrelang führende Stellen bekleidet und ein großes Maß von Erfahrungen aufgestapelt haben, von der Bildfläche verschwunden sind, ja, der Kongreß, der doch sonst nicht gerade resolutionsmüde ist, hat es nicht einmal für nötig gehalten, auch nur mit einem bescheidenen Wort, der Dienste dieser Manner zu gedenken. Da ist vor allem Col. Kisch, der neun Jahre unsere politische Vertretung in Palästina geführt hat. Als er vor neun Jahren auftauchte, ohne die ״zionistische Kinderstube“ des osteuropäischen Juden, war man etwas mißtrauisch. Der Fall war neu. Ein englischer Jude (wenn er auch in früheren Generationen mit der berühmten Prager Familie Kisch zusammenhängt), der im indischen Zivildienst und bei der Friedenskonferenz tätig gewesen ist, stellt sich in den Dienst des jüdischen Volkes. Er hat sich schnell das Vertrauen erworben, nicht nur in seine Tüchtigkeit, sondern auch in seine nationale Gesinnung, und er konnte durch seine große Personenkenntnis und seine vielen Beziehungen auch propagandistisch viel für den Zionismus tun. Kisch hatte die Erfahrurigen eines englischen Offiziers und .Beamten, er brachte etwas mit, was der (meist aus russischen Juden bestehenden) Zionistischen Organisation vielfach abging;

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