Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 55 (17.7.1931)
- Date
- 1931-07-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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VII. 1931 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ג׳ אב תרצ״א I xxxvi. jtüu-g. Plr Zionismus ■r«lnbt IQr da■ jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Pallstlna. ״Baseler Programm.*' Sokolow Präsident Eine Koalitions-Exekutive ohne Revisionisten Die schwierige Exekutivbildung und Verzögerung des Kongreß-Schlusses Der Abschluß einer Aera Basel, 16. Juli. (Telephonisch.) Der Kongreß ist zu Ende. Aber es ist unmöglich, über die Ereignisse der letzten Tage klar Rechenschaft zu geben. Der Kongreß hat in den letzten 48 Stunden fast ununterbrochen gearbeitet. Man suchte einen Ausweg, der sich nicht zu zeigen schien, es waren zertnürbende Stunden. Die Nerven sämtlicher Teilnehmer sind völlig erschöpft; zu der unerhörten physischen Anstrengütig und Anspannung kommt noch die seelische Depression, die durch die allgemeine Weltlage hervorgerufen wird. Die Entwicklung der Dinge in Europa und in Deutschland hat natürlich die schwere Sorge, die Nervosität jedes Einzelnen vergrößert, das Gefühl der Un- Sicherheit verstärkt. Man verläßt Basel mit der bangen Frage, was nun geschehen soll. Und wenn die Menschen aus dem Fieberzustand des Kongreßspiels erwachen werden, wird so manches, was die Gemüter heftig erregt hat, in ein eigentümliches Licht zuriieksinken gegenüber dem wirklichen schweren Schicksal. ln einem solchen Moment soll man sich nicht zu endgültigen Urteilen hinreißeti lassen. Auch dem Kongreß gegenüber ist eine zurückhaltende Bewertung am Platze. Man muß erst zu den Ereipissen Distanz gewinnen, Dag, eine einschneidende Aenderung erfolgt ist, daß der RÜcfc־ tritt Weizmanns, der die Bewegung 14 Jahre lang geleitet, ihr die politische Position und Physiognomie geschaffen hat und der Träger der Verwirklichung gewesen war, nicht spurlos vorübergehen kann, liegt auf der Hand. Aber es ist schwer, über die Vorgänge des Kongresses, die dieses Resultat herbeigeführt haben, offen zu sprechen. Es waren leidvolle Tage, und man kann nur hoffen, daß aus dem, was der Kongreß tagelang getan hat, kein Schaden für den Zionismus entsteht. Die Idee, Weizmann durch eine maximalistische Endziel-Formel, die er als mit den Realitäten vertrauter Politiker nicht annehmen konnte, zu stürzen, war keine glückliehe. Zuviel ist damit über den eigentlichen Zweck hinaus riskiert worden. Die Mehrheit, die gegen Weizmann gestimmt hat, bestand aus Revisionisten, Radikalen, Misrachi und Allgemeinen Zionisten Gruppe B. Ausschlaggebend war die Gruppe B, denn bei den anderen drei war die Haltung ohnedies vorauszusehen. Durch diese Abstimmung war eine Majorität des Kongresses in der wichtigsten Frage geschaffen, in der Frage des Führers und auch des Endziels, die nach dem Willen der Revisionisten zur Kernfrage des Kongresses gemacht worden war. Dieselbe Kongreß-Mehrheit ging auch in den meisten anderen Fragen zusammen. Nichts wäre natürlicher gewesen, als wenn diese Mehrheit auch auf Grund ihres Programms die Verantwortung übernommen hätte. Davor aber schreckte die Gruppe B zurück, damit enthüllte sie, daß für sie die Endziel-Forderung weniger um ihrer selbst willen aufgestellt worden war, als vielmehr als taktische Waffe zum Sturze Weizmanns. So zeigte sich bald, daß es überhaupt keine regierungsfähige Mehrheit auf dem Kongreß gibt. Die Gruppe B hat aber aus dieser Erkenntnis nicht etwa die Folgerung gezogen, ihre Haltung zu ändern, sondern sie hat ihre Bundesgenossenschaft mit den Revisionisten weiter aufrechterhalten, während sie gleichzeitig hinter den Kulissen bereits über eine Exekutivbildung mit der Arbeiterpartei verhandelte. Auf diese Weise wurde natürlich der Arbeiterpartei außerordentlich erschwert, sich an einer Leitung zu beteiligen. Denn keine Partei kann auf Grund von Kongreß-Be- Schlüssen, die ihren Anschauungen strikt widersprechen, kandidieren. Dies hätte die Gruppe B rechtzeitig berücksichtigen müssen. Es ist eben Sache der Politiker, die einen Kongreß dirigieren wollen, die Entwicklung vorauszusehen und nicht den Weg, den sie selbst gehen müssen, vorher mit Steinen zu blockieren. Die Linke war gezwungen, Bedingungen für den Eintritt in die Exekutive zu stellen. Auch Weizmanns Freunde lehnten natürlich nach Ablehnung seiner Politik die Wahl ab. Darauf war man nicht gefaßt gewesen. Es wurde nun tage- und nächtelang verhandelt, und dieVer- Handlungen zerschlugen sich immer wieder. Schließlich verlangte die Arbeiterpartei drei Dinge; 1. Abgabe einer programmatischen Deklaration der neuen Exekutive» die den Eindruck beseitigt, als ob diese Exekutive auf Grund der reaktionären Beschlüsse dieses Kongresses ins Amt trete, 2. die Beteiligung von Brodetsky, der sich mit Weizmann solidarisch erklärt hatte und 3. die Aenderung einiger Beschlüsse des Kongresses. Erst im letzten Moment, nachdem man immer wieder das wartende Plenum vertagt hatte, gelang es, diese drei Punkte befriedigend zu lösen. Die beiden anderen Koalitionsparteien, Misrachi und Gruppe B, mußten in dieser Beziehung weitgehende Konzessionen machen. Der neue High Commissioner Zum Nachfolger des gegenwärtigen britischen High Commissioners von Palästina, Sir John Chancellor, wurde General Grenfell Wauchope bestimmt. General Wauchope, der sein neues Amt als palästinensischer Oberkommissar am 1. November antreten soll, ist eine prominente Persönlichkeit der englischen Generalität. Während des Weltkrieges befehligte er eine englische Heeresgruppe an der französischen Front und wurde mehrere Male verwundet. Später war er Militärkommandant von Nord-lrfandln den Jahren 1924 bis. 192? war er Chef der brittsehen Sektion der Internationalen Abröstungskommisslon in Berlin. Die eigenartigste Episode dieses verschlungenen Spiels war die Wahl des neuen Präsidenten. Sie wurde ganz unmotivierterweise von der übrigen Wahl abgetrennt, und die Revisionisten haben sich dabei ein Manöver geleistet, das einer Verspottung des Kongresses und des neuen Präsidenten sehr ähnlich sah. Sie haben mit ihren Stimmen Sokolow zur Wahl verholten, der sonst vielleicht in diesem Zeitpunkt nicht gewählt worden wäre. Unverständlich bleibt nur, wie Sokolow sich zu diesem Manöver hergeben konnte. Der Respekt vor der Person des nun gewählten neuen Präsidenten verhindert es, über dieses Verhalten hier zu sprechen. So hat also der Rechtsblock auch den Präsidenten gegen die Linke gewählt, dann aber trat er außer Aktion, und die Exekutive war nun das Werk neuer Kombinationen, die alle Parteien, mit Ausnahme der Revisionisten und Radikalen, umfaßte. Wir begrüßen hier nur kurz die neue Exekutive im Amte. Sie wird einen schweren Stand haben und wird der aktiven Hilfe aller Zionisten bedürfen. Es ist eine Exekutive, in der auch jüngere Kräfte vertreten sind, die ein reiches Feld für neue Initiative und persönliche Führang vorfindet. Sie wird wohl die alte Politik der Kontinuität fortsetzen, aber sie wird auch auf vielen wichtigen Gebieten Neues zu leisten haben. Viele haben gesagt, es sei zwar gelungen, Weizmann aus persönlichen Gründen zu stürzen (wobei die Rache der Brandeis- Gruppe die Hauptrolle spielte), aber Weizmanns politisches System habe triumphiert. Das ist wahrscheinlich, weil es nämlich eine andere Politik gar nicht geben kann. Dennoch hat der XVII. Kongreß eine Aera zionistischer Geschichte zum Abschluß gebracht, und nachdem seine schweren Stunden vergessen sein werden, wird man erst die Tragweite dieser Wendung, ihre objektive Bedeutung würdigen können. Die Wahlen Die Wahlen der obersten zionistischen Organe gingen in folgender Weise vor sich: Dienstag Abend 7 Uhr wurde nach einer kurzen Beratung des Präsidiums die Plenarsitzung eröffnet und das Wort erhält der Vorsitzende des Permanenzausschusses, Dr. Halpern, Berichterstatter Dr. Halpern: Der Permanenzausschuß hat sich mit drei Aufgaben beschäftigt, mit den Vorschlägen für die Wahl des Präsidenten der Zionistischen Organisation, mit dem Vorschlag für die Wahl der übrigen Mitglieder der Exekutive und mit den Vorschlägen für die Wahl der Mitglieder des A.-C. und der Mitglieder des Council der J«wi$h Agency., Bis auf eine Aufgabe haben wir alle anderen gelöst und Dririgea Ihnen min unseren Bericht. Die eine Frage, die ihre Erledigung im Permanenzausschuß noch nicht gefunden hat und über die Ihnen der Bericht heute in der Nachtsitzung vorgelegt werden wird, betrifft die Frage der übrigen Mitglieder der Exekutive der Zionistischen Organisation. An der Zusammenstellung dieser Liste wird vom Permanenzausschuß noch gearbeitet und ich kann zunächst einmal die Hoffnung aussprechen und die erfreuliche Mitteilimg machen, daß alle Aussicht besteht, daß wir ihnen heute abend eine Liste für die Exekutive voriegen werden, die eine Koalition aller Parteien dars teilt mit Ausnähme einer Partei, die grundsätzlich an der Wahl der Exekutive nicht t c i I z u nehmen wünscht, der Revisionisten. Nun erlaube ich mir, Ihnen die Personalvorschläge des Permanenzausschusses für die Abstimmung zu unterbreiten: Der Permanenzausschuß schlägt Ihnen vor, zum Präsidenten der Zionistischen Organisation zu wählen Herrn Nahuin Sokolow. (Beifall bei einem Teil des Kongresses.) Del. B. Locker: Im Namen der Arbeiterfraktion habe ich folgende Erklärung abzugeben: Wir stehen inmitten von Verhandlungen wegen der Bildung der neuen Exekutive. Die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen, obwohl gewisse Aussichten dafür vorhanden sind, daß sie zu einem positiven Resultate führen werden. Der Präsident der Zionistischen Organisation ist jedoch für uns nicht zu trennen von der ganzen Exekutive und wir können nicht für die Wahl irgendeines Präsidenten der Zionistischen Organisation stimmen, ohne vorher zu wissen, wie die neue Exekutive aussehen wird, an deren Spitze der Präsident der Organisation steht. In der Permanenzkommission haben wir uns mit allen Kräften dagegen׳-׳gewährt, ׳~daB die׳ Wahl de* Präsidenten von der Wahl der Exekutive getrennt werde, da wir hierfür weder einen sachlichen, noch einen technischen Grund sehen. Der Kongreß wird heute eine Nächtsitzung haben, in welcher er eine neue Exekutive wird wählen können, und es war möglich, die Wahl des Präsidenten der Organisation bis dahin zu verschieben. Aus mir unbekannten Gründen hat die Mehrheit des Permanenzausschusses mit den Stimmen der Revisionisten, die erklärt hatten, sich grundsätzlich an der Wahl der Exekutive nicht zu beteiligen, beschlossen, die Wahl des Präsidenten der Organisation und die Wahl der Exekutive getrennt durchzuführen. Wir haben schon itn Permanenzausschuß dagegen gestimmt, wobei wir erklärten, daß dies nicht ein Mißtrauensvotum gegen den neuen Präsidenten bedeutet, sondern daß wir unser Votum von dem Programm und der Zusammenstell ung der neuen Exekutive abhängig machen. Es ist charakteristisch, daß die Wahl des Herrn Sokolow im Permanenzausschuß mit allen Stimmen gegen die Stimmen der Arbeiterfraktion und der Gruppe A der Allgemeinen Zionisten erfolgte. An der Wahl haben sich auch die Revisionisten beteiligt. (Zwischenruf Lichtheim: Das ist unser Recht!) Ich protestiere nicht dagegen, daß die Revisionisten gestimmt haben. Ich stelle das nur als psychologische Tatsache fest, das ist mein Recht. Wir protestieren gegen den Versuch, uns unsere Entscheidung bei der Abstimmung dadurch unmöglich zu machen, daß man beide Abstimmungen trennt. Wir sind nicht prinzipiell und auch nicht persönlich gegen die Person des Herrn Sokolow. Unsere Stellung zum neuen Präsidenten der Organisation wird abhängig sein vom Programm und von der Zusammenstellung der neuen Exekutive. In dieser Trennung der Wahl sehen wir den Versuch, die vorkommenden Verhandlungen zu durchkreuzen, und werden daher gegen den Vorschlag stimmen. De!. K. Blumenfeld gibt namens der Gruppe A der Allgem. Zionisten folgende Erklärung ab: Wir halten die vom Permanenzausschuß gewählte Methode für unrichtig und unzulässig. Da der Kongreß gezwungen ist, heute noch eine Exekutive zu wählen, können wir nicht einsehen, aus welchen unverständlichen Gründen eine Trennung der Wahl des Präsidenten und der übrigen Exekutivmitglieder vorgenommen wird. Der Präsident erhält seinen Charakter und seine Färbung als Politiker auch durch die Exekutive. Und da wir nicht wollen, daß auch hier wieder eine neue Unklarheit geschaffen wird und daß vielleicht damit gespielt wird, nur den Präsidenten zu wählen und keine Exekutive, so wollen wir mit aller Entschiedenheit gegen diese Methode einer überflüssigen, durch nichts zu rechtfertigenden Trennung der Wahl des Präsidenten und der Exekutive protestieren und sind zu unserem lebhaften Bedauern gezwungen, gegen den Beschluß des Permanenzausschusses zu stimmen. Wir bedauern dies um so mehr, als hier ohne Not die Person des Herrn Sokolow in diese Kontroverse hitieingezogen wird, die unter anderen Umständen sicherlich die Zustimmung aller Gruppen gefunden hätte. De!. Grünbaum beantragt, die Abstimmung zu verschieben. Der Antrag wird mit <»:75 Stimmen abgelehnt. Hierauf wird Nahum Sokolo w mit 118 gegen 48 Stimmen zum Präsidenten der Organisation gewählt. Del. Stricker: Ich habe im Namen der Zionisten-Revisionisten folgende Erklärung abzugeben: Wir haben uns entschlossen, für die Wahl des Herrn Nahum Sokolow zum Präsi- . denten der Zionistischen Organisation zu stimmen,;weil wir der Ansicht sind, daß der von uns gewünschte Wechsel