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Jüdische Rundschau · 1931-06-26 · Heft 49-50 (26.6.1931) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 49-50 (26.6.1931)
Date
1931-06-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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David Wolffsohn über den fndensiaai Doppcttmmmcr 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u-Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. AusUndsabomements werden in der Wahrung dar einzelnen Länder berechnet. Anzeigenpreis: 8 gesp. NonpareillezeÜ# 0*50 G-M. Stellengesuche 0,25 G-M. Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr.10. Telephon: J 1 Bismarck 716570־. Anzeigenschi oft: Dienstag und Freitag nachmittag• 4Uhr Postscheck Konten : Berlin 17392, Basel V 9355. Belgrad 68032, Brussel 39433. Budapest 59693, Danzig 1973, Haag 140 470, Frag 59410, Riga 4155s Strassburg 16430״ Warschau 190708, Wien 156030. Bank ״Konten: Durrostidter- und Narionalbank, Depositen - Kasse Berlin, Kurfüratendamm 52; Rumänische Kreditbank, Cernsuti (Rumtmien); Anglo Palestine Co. in Haifa, ■Jerusalem, Tel -Aviv. Nummer 49/50 | Berlin, 26. VI. 1931 | Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״א תמוז תרצ״א | xxxvi. jahrg. Dar Zionismus •rstrabl für das ftidlsctic Volk die Schaffung einer öffentlich ■ rechtlich easlchartan Maimsf tta In Palästina. ״Baseler Programm.“ Ein sorgenvoller Kongreß Im Zeichen der Weltkrise — Nach politischen Rückschlägen — Gefahren des Parlamentarismus — Das ״Endziel" und die Realpolitik — Weizmanns Stellung — Die Finanzmis&re Es bedarf nicht vieler Worte Die Delegierten, die sich in diesen Tagen zum XVIi. Zionistenkongreß in Basel versammeln, wissen, was auf dem Spiele stellt. Die finanzielle Lage der Jewish Agency ist bekannt. Die politischen Schwierigkeiten sind noch ungelöst, ihre Tragweite wird heute von den meisten begriffen. Die inneren Verhältnisse der Organisation sind verworren, Parteihader zerreißt die einst geschlossenen Reihen und lähmt die Arbeitskraft. Man spricht von Spaltung, man rechnet mit äußersten Möglichkeiten. Alte treue Zionisten sehen diesem Kongreß mit banger Sorge entgegen. Wird sich in diesem schwersten Moment die Bewegung der Lage gewachsen zeigen? Wird sie der Verlockung, die jede öffentliche Tribüne bietet, alle destruktiven, nur auf momentane Außenwirkung abzielenden Talente spielen zu lassen, widerstehen? Wird dieser Kongreß, die als Grundpfeiler des Zionismus geschaffene Institution, vermeiden, der Sache unheilbaren Schaden zu bringen? Der Worte sind genug gewechselt Die Programme sind bekannt. Auch unsere Anschauungen sind bekannt. Wir — d. h. die die an dieser Stelle häufig dargelegten Anschauungen teilenden Delegierten — werden auf dem Kongreß ihren Standpunkt mit aller Klarheit vertreten. Aber wir können es nicht für unsere Aufgäbe halten, Prognosen zu stellen. Diejenigen, die sich das Privileg der ״radikalen“ Rhetorik sichern wollen, in der Hoffnung, daß andere die Suppe auslöffeln werden, täuschen sich diesmal. Jeder muß wissen, daß dieser Kongreß unterschieden sein wird von allen anderen Kongressen, und welche Verantwortung er jedem Redner und Teilnehmer auferlegt. Es ist ein seltsames Paradox: Der Zionismus veranstaitet das Schauspiel eines Kongresses, während wir in der übrigen Welt — wenigstens soweit der Kontinent in Betracht kommt — heute sehen, daß in kritischen Situationen die Parlamente überall ausgeschaltet werden. Man weiß, daß die unkontrollierbare hemmungslose Diskussion heikler staatspolitischer Fragen und die Nötigung, abstrakte programmatische Prinzipien auf Situationen, die aus den gegebenen Realitäten heraus beurteilt sein wollen, zu übertragen, die Probleme nicht lösen, sondern nur Verwirrung anrichten können. Wir in Deutschland haben eben erst miterlebt, daß gerade die auf parlamentarische Doktrinen festgelegten Gruppen aus höherem Patriotismus für die Ausschaltung des Parlaments eintraten. Im Zionismus aber wird in einer überaus verwickelten und heiklen Lage, wo wir von einer feindlichen Front umstellt und belauert sind, und eine Einigung im Innern aussichtslos scheint, unser ״Parlament“ nicht für mehrere Jahre vertagt, sondern weite Kreise der zionistischen Oeffentlichkeit betrachten es geradezu als Rettungsbringer. Diesen mystischen Glanz hat sich der Kongreß noch bewahrt; man erwartet von ihm eine rettende Tat, ein befreiendes Wort. Die letzten Kongresse ermutigen nicht zu dieser Hoffnung. Der Kongreß ist ja seit langer Zeit nicht mehr das, als was sein Schöpfer Theodor Herzl ihn ge״ dacht hat. Auch auf den Vorkriegs-Kongressen gab es scharfe Auseinandersetzungen und stürmische Szenen, aber stets hatte der Kongreß etwas von erhabener Feierlichkeit, er war die Demonstration des Lebenswillens eines Volkes, das sich nach jahrhundertelanger Apathie anschickte, wieder mündig zu werden. In der Nachkriegszeit trat diese repräsentative Funktion des Kongresses stark zurück hinter konkretem, sachlichem Arbeits- Stoff. Und die Teilnehmer der Nachkriegs-Kongresse, so sehr sie auch in ihren Ansichten auseinandergehen mögen, stimmen wohl in dem Gefühle überein, daß diese Kongresse den starken Eindruck der Unzulänglichkeit hinterließen. Unmittelbar nach dem Kongreß kamen aus allen Lagern Wünsche nach weitgehenden Reformen, aber in der kongreßfreien Zeit traten diese Anregungen wieder in den Hintergrund, es geschah nichts, und jeder nächste Kongreß mußte dieselben Leidenswege durchmachen. Das Grundübel kann in einem Satz zusammengefaßt werden: Der Kongreß zeigte sich unfähig zu einer weisen Selbstbeschränkung. Es fehlte ihm das Gefühl dafür, was sich und was sich nicht für parlamentarische Behandlung und Erledigung eignet. Aus ähnlichen Gründen hat der Parlamentarismus beinahe auf dem ganzen europäischen Kontinent Schiffbruch erlitten. Man hatte verkannt, daß er nur gestehen kann, wenn im Volksbewußtsein klar und deutlich das höhere Interesse lebendig ist, dem sich alle konstitutionellen Formen unterzuordnen haben. Wo dieses Bewußtsein fehlt, dort kann das Parlament gerade in schwierigen Situationen, für die es doch recht eigentlich da sein sollte, mehr schaden als nützen. Aus diesen Erwägungen ist der Kongreß diesmal in einer delikaten Lage. Er steht unter einem Kreuzfeuer von Scheinwerfern. Die englische Zeitschrift ״The Near East and India“ hat kürzlich geschrieben, dieser Kongreß werde von der Welt, insbesondere von den Arabern und Engländern, so scharf beobachtet werden, wie kein früherer. In der Tat ist seit den unmittelbar an den XVI. Kongreß anschließenden August-Unruhen des Jahres 1929 die Palästinafrage in einer Weise in das öffentliche Interesse gerückt, wie noch nie zuvor. Und es liegt ja im Wesen einer solchen aus ״Reden“ bestehenden Veranstaltung, daß die Verführung, durch radikale patriotische Wahrung der nationalen Interessen zu glänzen, sehr groß ist In diesem internen Kreise ist es ja so leicht, sich vöm Herzen zu reden, und 111«■ wenige vermögen die Wirkungen abzuschätzen, die ihre Worte in ganz anderen Kreisen, al§ dem der unmittelbaren Zuhörer, hervorrufen. Und doch ist diese Fern- Wirkung oft bei weitem wichtiger und folgenschwerer als der Eindruck in der Versammlung selbst, die ja schon recht ״abgebrüht“ ist, alle Nuancen und auch ihre Hintergründe kennt. Aber Selbstbeherrschung ist eine schwere Kunst. Man verzichtet nicht gern auf Effekte, man betrachtet ja jeden ״Verzicht“ als Schwäche, man betrachtet unbekümmertes Austoben als Beweis von Kraft und innerer Freiheit. Nur selbstsichere Nationen wie England denken anders, und die Engländer brauchen daher in kritischen Situationen ihr Parlament nicht nach Hause zu schicken. Wir sind aber keine Engländer (das ist keine Schande, auch andere, größere Völker sind nicht so weit), und darum sind wir in Gefahr, daß die parlamentarische Maschine Gewalt über uns gewinnt statt wir über sie, und daß die einmal entfesselten Räder ihren Lauf nehmen wie ein alles zermalmender Golem. Es ist ohne weiteres klar, daß der Kongreß unsere außenpolitische Situation außerordentlich verschärfen kann. Material für Klagen und Anklagen gibt es genug. Die Unzufriedenheit mit der Haltung Englands ist allgemein. Jeder von uns kann eine große Liste von Beschwerden liefern, und die Führer der Opposition, die diese Liste wohl effektvoll zum Besten geben werden, brauchen nicht zu meinen, daß diese Wissenschaft ihr Monopol ist. Die Zionistische Exekutive hat seit August 1929 der jüdischen Unzufriedenheit mit großer Schärfe Ausdruck gegeben, sie stand au der Spitze der großen Protestaktionen, die durch gewisse englische Maßnahmen wie die Einwanderungssperre im Mai 1930 und das Weißbuch im Oktober 1930 notwendig geworden waren. Sie war freilich nicht immer Herrin der Uebertreibungen, die daraus in manchen Ländern, vor allem Amerika, entstanden sind. Die anti-englische Stimmung hat sich um so mehr eingewurzelt, als keine zionistischen Fortschritte auf anderen Gebieten dem verletzten Selbstbewußtsein ein Gegengewicht geboten haben. Nach dem MacDonald-Brief hat die Exekutive versucht, das Steuer wieder herumzuwerfen, aber viele Aeußerungen lassen erkennen, daß die Bewegung nicht ganz gefolgt ist, zumal da konkrete Auswirkungen des MacDonald-Briefes zugunsten der Juden noch nicht zu bemerken sind. Die jetzige Exekutive ist sich bewußt, daß unsere Politik auch in Zukunft nur in Zusammenarbeit mit der Mandatarmaeht bestehen kann, wenn auch die Politik der Mandatarmacht nicht immer so ist, wie wir es wünschen. Die Bewegung aber gibt ihrem Mißtrauen und heftigen Vorwürfen gegen die Mandatarmacht scharfen Ausdrack. Man hört den Ruf, man müsse England das Mandat wegnehmen. An Aeußerungen dieser Art wird es auf dem Kongreß gewiß nicht fehlen. Dazu kommt aber, daß die Neigung besteht, die ganze Basis der Zusammenarbeit mit England anzu« tasten, die heute geltenden Grundsätze der internationalen Palästina-Politik von uns aus anzufechten und eine Politik zu proklamieren, die in offenem Widersprach mit den Anschauungen Englands und des Völkerbundes steht. Dies ist das Merkmal der seit Jahren betriebenen Kampagne für den Judenstaats-Gedanken. Nun ist diese Haltung nicht nur darum bedenklich, weil sie ein vor neun Jahren von der Zionistischen Organisation feierlich gegebenes Versprechen als Fetzen Papier behandelt und dadurch England eine antizionistische Stellungnahme sehr erleichtert, sondern vor allem, weil sie das jüdische Nationalheim einem Gegendruck aus setzt, dem England kaum Widerstand zu leisten gewillt sein wird. Denn es ist klar, daß die Reden dieses Kongresses reiches Material für die arabische Argumentation liefern werden. Und man kann mit einer heroischen Geste sich über diese Reaktion de% ״Erbfeindes“ hinwegsetzen, es wäre aber höchst unklug, zu verkennen, daß die Folge dieser Konstellation eine weitere Hinüberdrängung Englands auf die arabische Seite sein muß. Denn: England verteidigt seit zehn Jahren seine Politik des' jüdischen Nationalheims gegen die' 'Araber, die behaupten, England habt: über etwas verfügt, was ihm nicht gehörte, mit dem Hinweis, es sei nicht der Sinn des Nationalheims, den Arabern eine jüdische Herrschaft oder gar einen Judenstaat aufzuzwingen. Eine Proklamation des Judenstaates seitens des Kongresses würde Englands bisherige Haltung desavouieren, England vor den Arabern bloßstellen, und es ist nicht schwer vorauszusehen, in welcher Weise England auf solche zionistische Erklärungen antworten wijrde. Genau vor einem Jahre ist die Bedeutung des Begriffs ״Jüdisches Nationalheim“ von englischen Staatsmännern in London und Genf erörtert worden, ihre Politik schien ganz darauf abgestellt, sich vor dem Vor- Wurf, einen Judenstaat zu fördern, zu schützen. Kurz darauf hat Dr. Weizmann in seiner Berliner Rede versucht, vom zionistischen Standpunkt eine den Realitäten entsprechende Erklärung zu geben und dadurch dieser verhängnisvollen Polemik ein Ende zu machen. Weizmanns Darlegung wurde jedoch vom Aktions- Comite zurückgewiesen, und nun soll der Kongreß das entscheidende Votum darüber abgeben. Auch die Frage Transjordaniens, das heute eine anerkannte selbständige staatsrechtliche Einheit darstellt, wird mit diesen Diskussionen verquickt. Will der Kongreß England jede Unterstützung des Zionismus maßlos erschweren, dann kann er keinen besseren Weg gehen als die Proklamierung des Judenstaates in Cis- und Transjordanien als Ziel des Zionismus. Das alles ist sonnenklar für jeden, der die englischen Aeußerungen in Politik, Parlament und Presse in den letzten zwei Jahren verfolgt hat. Will die zionistische Bewegung davor die Augen verschließen? Haben wir den Kongreß zum Abreagieren von Ressentiments oder zu aufbauender, den Zionismus weiterbringender Arbeit? * Im Lichte dieser Frage muß auch das Problem betrachtet werden, unter dem die ganze zionistische Bewegung seit Jahren laboriert: das Verhältnis zum Führer. Ein Wust von Affekten hat sich auf beiden Seiten angesammelt, aber der sachliche Kern des Uebels ist klar. Es besteht ein tiefer Unterschied der Anschauungen; und so sehr fraglos Weizmann bis heute von den jüdischen Massen als der einzige, der überragende Führer, als pater patriae, geliebt und verehrt wird, so wird seine politische Haltung doch von einem großen Teil der zionistischen ״Unterführer“, die nicht selbst mit den politischen Machtfaktoren zu tun haben, mißbilligt. Das Schlimmste ist nun nicht diese Meinungsverschiedenheit, sondern das Schlimme ist, daß diese Unterführer, die zum großen Teil den Kongreß ausmachen, Weizmanns Politik ablehnten und ihn dennoch wählten, ja zur Uebernahine des Amtes zwangen. Weizmann hat auf allen Kongressen offen erklärt, er könne nur die von ihm für richtig erkannte Politik machen und der

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