Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 38-39 (20.5.1931)
- Date
- 1931-05-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653252-2653288--22337-2680543- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
Dm Welttntcrcasc mm deutschen Judentum -־ LUeraturblatt Doppelrtvmmer 0,40 Goldmexi JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag uTreitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. AuskBdsafeo1xB«HEB«mt» werden m dar Wahrung der einzelnen Linder berechnet. Anzeigenpreis; 8 gesp. Nonpamilezefle 030 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.-M. Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische RundschauG.m.b.H,,BerlinW15, Meinekestr.lO. Telephon: J 1 Bismarck 7165-70. AnzaigenseblnS: Dienstag and Freitag nachmittag! 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Pot •check - Routen : Berito TO 92, Beed V 9355■ Belgrad 68032, BHiwel 39433, Budepe* 59693» Demi» 1973, Heeg 140470, Pie* 59410, Rlg» 4155. Stnetburg 16430, W.reehea 190708» Wien 156030. Bank-Konten; Darmstad 1er- und National bank» DepoeiUm Kasse Berlin, KurfürsteocUrois 52; Rtrastmsche Kreditbank, CeroaaH (Kumsnien); Angl«» Pateatine Co. in Haifa» |«ra*ate1n, T«51-Aviv. Nummer 38/39 | Berlin, 20. V. 1931 ד׳ סיון תרצ״א | xxxvi. Jahrg. Der Zionismus erstrebt ffOr das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich ■ rechtlich gesicherten Heimstatt• In Palästina. ״Baseler Programm.** Schawuoth und Kongreß Geschichte und Politik — Zionismus und Mensdiheit — Die politischen Tagesprobleme — Landentwicklungsplan, Budget - Sorgen, Amerika — Unsere Feiertage, die 90 eng mit dem Schicksal der jüdischen Nation verknüpft sind und die entscheidenden Marksteine ihrer Entwicklung in der Zeit ihres Werdens bezeichnen, geben auch uns heute noch Gelegenheit, über die historfsche Erinnerung und über die religiöse Erhe* bung dieser Tage hinaus unser eigenes Schicksal, das Schicksal der gegenwärtigen jüdischen Generation in größeren Zusammenhängen und unter weiteren Aspekten zu sehen als sie der Alltag mit sich bringt. Die zionistische Bewegung hat das Judentum unserer Epoche überhaupt erst aus einem Zustand des resignierten Hindämmems zu bewußter Bejahung und Aktivität erweckt und uns so die Möglichkeit gegeben, wieder hoffnungsvoll an alte Erinnerungen anzuknüpfen; nur die Empfindung der Bedeutung für das eigene Leben vermag ja Erinnerungen schöpferisch zu machen, sie aus der Enge einer erstarrten Gewohnheitsübung herauszuheben. Und nichts ist so geeignet, die Tatkraft und den Glauben zu stärken, wie die wunderbare Geschichte von Israels erster Befreiung und Volkwerdung. Diese Geschichte ist fern von jenseitiger religiöser Beschaulichkeit; alle Menschlichkeiten, alle die Schwächen der menschlichen Natur und die daraus immer wieder entstehenden großen und kleinen Hindernisse und Schwierigkeiten sind in jenen Berichten rückhaltlos aufgedeckt, und es gibt wenige literarische Dokumente der Vergangenheit, bei denen man so4ebe«f!^g empfinden lernt, wie wenig sich trotz allem Fortschritt der Technik und Zivilisation an den entscheidenden Problemen des Menschentums seit Jahrtausenden geändert hat. Unter Blitz und Donner von oben, aber auch unter schwerem Ringen, Feigheit, Abfall und Flucht von unten, kam jener für das jüdische Volk konstitutive ״Bund" zustände, der seine Krönung fand in dem Wort: Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk. Damit war dem jüdischen Volk eine Last aufgebürdet, eine unendliche Aufgabe gesetzt, deren Erfüllung erst am Ende der Tage eintreten kann. Denn das Sträuben gegen diese Aufgabe ist Menschenlos; und solange die Juden Mensehen sind, ist diese Judenfrage ungelöst. Das Leben des jüdischen Volkes steht im Zeichen einer Geduld, die den langen Atem der Menschheitsgeschichte hat. Hat der Zionismus unserer jüdischen Generation die Wiedereinstellung in die unterbrochene historische Kontinuität unseres Volkstums ermöglicht und uns den Sinn unserer Geschichte wieder verstehen gelehrt, so hat er auf der anderen Seite durch das verstärkte Tempo unserer für den Alltag bestimmten Arbeit uns in eine Fülle aktueller Tagesangelegenheiten verstrickt, die unser Denken so sehr in Anspruch nehmen, daß wir nicht immer zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem, zwischen den vorübergehenden Erscheinungen und dem bleibenden Kern zu unterscheiden vermögen. Daß auch das schönste ausgedachte Programm sich in der Wirklichkeit nicht so abzuwickeln pflegt wie man möchte, daß im praktischen Leben Tendenzen und Interessen Zusammenstößen und in Konflikt geraten, daß man oft, gemessen an den eigenen Hoffnungen, das Gefühl hat, von Niederlage zu Niederläge zu schreiten, während in Wahrheit ein geschichtlicher Prozeß sich erfüllt — das alles können wir bereits aus unserer Urgeschichte lernen. Aeußere Rückschläge könneu den Zionismus nicht entscheidend schädigen; verhängnisvoll wäre es nur, wenn das Gefühl der jiidisehen Sendung, aus dem er hervorbrach, verflachen und verflüchtigen würde. Ein Volk, das in Jahrtausenden denken gelernt hat, läßt sich nicht durch kleine Mißerfolge von seinem Weg abbringen. Aber wesentlich ist, daß das Volk selbst sich der sittlichen Grundlage dieses Weges bewußt bleibt und immer wieder seine eigenen Kräfte sammelt. * Der Aufbau des Jüdischen Nationalheims >n Palästina ist in den letzten zehn Jahren in den Mittel- Punkt der jüdischen Tätigkeit und des jüdischen Lebens gerückt. Ob sie es wollten oder nicht wollten, alle Teile des Weltjudentums mußten sich dieser Kraft beugen, ^eben dem Strom des politischen Lebens und der Diskussionen vollzieht sich in langsamer und organischer Arheit vieler stummer einzelner Juden eine fortschreitende Festigung des Werkes in Palästina; die ]Eigentümlichkeit Vor dem Wahlkampf des öffentlichen Lebens bringt es mit sich, daß man von Schwierigkeiten und Mißerfolgen viel mehr redet und hört als von dieser Tatsache des stetigen Fortschritts. Aber wenn man nach einigen Jahren Abwesenheit das Land wiedersieht, ist man überrascht von der großen Leistung, die hier vollbracht wurde, während man nur von ״Krisen“ sprach. Erst dieser Tage haben wir aus dem Munde eines unbefangenen Beobachters, des Generals von Schoenaich, Worte solcher anerkennenden Ueberraschung vernommen. Natürlich sind wir weit entfernt davon, uns einem blinden Optimismus zu überlassen. Aber da von den schweren Sorgen, die uns erfüllen, oft genug die Rede ist, muß die Tatsache des stetig sich entfaltenden Keims des Jüdischen Nationalhcims mit seiner von Jahr zu Jahr heranwachsenden neuen Jugend einmal in Erinnerung gebracht werden. Das Jüdische Nationalheim ist da, sein Aufbau geht weiter, es ist aus dem jüdischen Leben unserer Tage nicht mehr wegzudenken. Dies sind die beherrschenden Tatsachen unserer jüdischen Situation. Es ist für uns Zionisten manchmal lehneich, zu hören, was nichtjüdische Freunde über unsere Bewegung denken. Mit etwas mehr Distanz vermag man wohl Licht und Schatten besser abzuschätzen. In dieser Hinsicht waren die schönen Worte seh;s charakteristisch, die ein alter und ergebener Freund des Zionismus, Major Ormsby Gore, der Unterstaatssekretär für die Kolonien im Kabinett Baldwin, der also schon von Amts wegen auch die Tagesprobleme Palästinas genau kennt, vor kurzem bei einer Veranstaltung in London sprach. Der Zionismus, so sagte er, muß natürlich seine politische Seite haben, aber wie Ich es sehe, ist die zionistische Bewegung wesentlich etwas, was über den Rahmen der bloßen Politik hinausgeht und nicht in rein politischen Be* griffen auszudrücken ist. Der Zionismus muß einen Körper in Palästina haben, das ist seine Grundlage; aber das Wesentliche daran ist der Glaube, daß das jüdische Volk als Volk noch etwas zu den Ideen, der Kultur und der Wissenschaft der Welt beizutragen hat, und zwar nicht als englische Juden oder deutsche Juden oder polnische iuden, sondern als Juden schlechthin. Das Nationaleim ist verbunden mit dem Gedanken, daß die ganze Welt wieder einmal den Beistand des jüdischen Idealismus braucht, nicht nur in der Lösung poHtischer und ökonomischer Probleme, sondern in den größeren Problemen des Lebens, unter denen Politik und Wirtschaft nur einen schmalen Raum einnehmen. Dies war die Hoffnung und die Rechtfertigung des schwierigen Experiments, dessen Verwirklichung keine leichte Sache sein kann. Wir alle und auch die gegenwärtigen Kolonisten, die in diesen idealen Hoffnungen nach Palästina gegangen sind, werden dahinsterben. Von der ersten und sogar von der zweiten Generation ist nicht viel zu erwarten. Die Hoffnung der Zukunft liegt in der dritten und vierten Generation des jüdischen Volkes, die in Palästina geboren ist, in einer üdischen Umgebung so jüdisch, wie England engisch oder Schottland schottisch, — auf einem Territorium, welches auch andere Volksstämme in demselben Raum umfaßt, die aber das selbständige Heranwachsen einer wahren jüdischen Kultur und einer wahren jüdischen Heimstätte nicht stören. Wir legen heute nur den Grundstein. Wir können noch nicht die Resultate erwarten, um derentwillen das Nationalheim gegründet wird. Wir müssen mit einem . ständigen Auf und Nieder rechnen... Das Jüdische Nationalheim, so schloß der Redner, um oft begangene Miß- Verständnisse auszuschließen, kann natürlich seine wahren Ziele nur auf der Basis einer vollen und breiten physischen Existenz erreichen. Worte dieser Art beweisen die Zuversicht in das Gelingen des zionistischen Experimentes. Seine Früchte müssen reifen, denn es ist eine geschichtliche Notwendigkeit. Mit großem Feinsinn hat hier ein englischer Redner den wahren Sinn der berühmten Formel Weizmanns vor der Friedenskommission, Palästina müsse ״so jüdisch werden wie England englisch“, enthüllt. Nicht an eine Judaisierung der nichtjüdischen. Bevölkerung Palästinas ist ge■ dacht, sondern an eine Charakteristik des palästinensischen Judentums, das als einziges Judentum der Welt ein bindestrichloses Judentum ist. Wenn der Nichtjude von der erwarteten Leistung der Juden für die Menschheit spricht, so können wir Juden bescheidener von der Bedeutung dieses jüdische« Judenzentrums für das Judentum der ganzen Welt sprechen. Man braucht nicht an eine schnelle Lösung der Judenfrage in einem banalen mechanischen Sinn zu denken, um doch ohne jwdteres zu verstehen, daß die Existenz da jüdischen Nationalheims schon in der nächsten Generation das gesamte jüdische Leben der Welt von Grund auf umgestalten wird. Dieser Glaube ist es, der uns darin bestärkt, daß die besten jüdischen Kräfte unserer Generation nicht verloren sind, wenn sie für dieses Werk aufgewandt werden. Unter all den vielen Palliativmitteln gegen die jüdische Not unserer Tage, unter all der wechselnden Geschäftigkeit jüdischer Betätigung, ist dies das einzige Bleibende. Auch dies sind vielleicht Schawuoth-Gedanken. * Die Zeit zwischen Peßach und Schawuoth bildet meist die etwas kurze politische Sommersaison im jüdischen Leben. In diesem Jahre ist für den Zionismus die Zeit um Schawuoth bereits die einer lebhaften Vorberei« tung auf die bevorstehenden Tagungen, die sonst erst am Ende des Sommers, diesmal bereits vier oder fünf Wochen nach Schawuoth beginnen. Als unmittelbar nach Peßach Dr. Weizmann aus Palästina nach London zurückkehrte, erwartete man, daß die noch schwebenden Fragen der Palästina-Politik einer befriedigenden Lösung nähergebracht werden. Die Verhandlungen haben jedoch, wie es häufig bei politischen Verhandlungen zwischen verschf’-rfKfj eingestellten Faktoren der Fall ist, einen etwas schleppenden Verlauf genommen. Es ist heute fraglich, ob Ws zum Kongreß bereits das konkrete Kolonisatipna- und Bodenverteilungs-Programm der englischen Regierung bekannt sein wird. Noch ringen im Schoße der Regierung die verschiedenen Tendenzen miteinander. Die Ankunft des High Commissioners, Sir John Chane eilor, der zwar nur zur Hochzeit seiner Tochter nach London fuhr, aber wahrscheinlich auch an zuständiger Stelle seine Meinung über die Probleme des ihm anvertrauten Verwaltungsgebietes sagen wird, dürfte sich gleichfalls als ein retardierendes Moment erweisen. Es ist also nicht ausgeschlossen, wenn auch bisher keine konkreten Anhaltspunkte für eine solche Vermutung vorliegen, daß die Frage der Landentwicklung erst im Herbst zur Entscheidung kommen wird. Die bevorstehenden Entscheidungen der englischen Regierung werden tiefer in das praktische Leben des Laudes eingreifen als dies bei anderen Gelegenheiten der Fall war. Denn während bisher der Regierung höchstens ihr Nichtstun vorgeworfen wurde, wobei sich die Verhältnisse im Lande auf Grund des»ökonomischen Kräftespiels gestaiten konnten, steht die Regierung jetzt zum ersten Male vor dem Entschluß, aktiv die Entwicklung des Landes zu beeinflussen. Sie ist sich dessen bewußt, daß es hierzu zweierlei Mittel bedarf, erstens einer entsprechenden Gesetzgebung und Verwaltung, und zweitens größerer unmittelbar disponibler Geldmittel. Die geplante Gesetzgebung bezieht sich auf den Grundstücksverkehr, sieht eine Erweiterung der Rechte der Regierung bei der Rege- Iung der Verwendung des landwirtschaftlichen Bodens Palästinas vor; die Geldmittel sollen dazu dienen, durch wissenschaftliche Bodenerforschung und durch bedeutende Kapitalien erfordernde Intensivierung der Wirtschaft die Vorbedingung für eine dichteSiedlung zu schaffen und gleichzeitig Beihilfen und Anleihen an geeignete Siedler zu geben. Die Verwaltung dieses Geldes und der in Betracht kommenden Böden wird dann den Schlüssel zur künftigen Gestaltung zwar nicht der gesamten landwirtschaftlichen Produktion, aber doch eines betrachtliehen Teiles in der Hand haben. Es ist ohne weiteres verstündlich, daß die Durchführung dieses Planes tiefeinschneidende Folgen haben ward. Wurde England seit zehn Jahren der schwere Vorwurf gemacht, daß es nichts zur Verwirklichung des Art. 6 des Mandates getan hat, so ist die Arbeiter-Regierung, wie es in dem Briefe MacDonalds an Dr. Weizmann heißt, die erste der das Mandat verwaltenden englischen Regierungen, die an die Verwirklichung dieses schwierigen Paragraphen herangehen will. Art. 6 des Mandates jedoch lautet: Die Verwaltung Palästinas soll, indem sie sicherstellt, daß die Rechte und die Lage der anderen Teile der Be- Völkernng nicht beeinträchtigt werden, die jüdische Ein- Wanderung unter geeigneten Bedingungen erleichtern und in Zusammenhang mit der in Art. 4 erwähnten jüdischen Vertretung (Jewish Agency) die geschlossene Ansiedlung